Was von mir übrig bleibt

Was von mir übrig bleibt

Ich habe kein Kind, ich bin keine Mutter. In einer besseren Welt wäre damit alles gesagt, Ihr wärt fertig mit dem Lesen dieses Artikels und wir könnten alle nach Hause gehen und uns mit etwas Schönerem beschäftigen. Wir leben aber nicht in einer besseren Welt und deshalb ist eine Frau ohne Kind immer auch ein Politikum, zu dem jeder Mensch eine Meinung abgibt. In den Jahren, die es dauerte, bis sich die Kinderlosigkeit als Tatsache, als Endzustand meines Daseins manifestierte, habe ich selbst viele Konflikte gespürt – innere, aber auch äußere. Und deshalb ist der Blogartikel an dieser Stelle nicht zuende.

Wenn Du erst den Richtigen triffst

Die längste Zeit meines Erwachsenenlebens hatte ich keinen Kinderwunsch. Da ein Kind in meiner patriarchal geprägten Vorstellung zwingend an eine harmonische Beziehung gebunden war, die ich über Jahre nicht hatte, war es für mich müßig, über ein Kind nachzudenken. Außerdem hatte ich bereits alle Hände voll damit zu tun, ich zu sein. Ich war oft gestresst, belastet, Lärm halte ich bis heute nicht gut aus. Die Idee eines Kindes bedeutete in diesem Stresszustand nur eine weitere Belastung – eine, die ich im Gegensatz zu vielen anderen niemals würde abstellen können. Auch deshalb war mir eine Beziehung, bei der ich sicher war, dass sie für immer halten würde, wichtig. Ein Partner bedeutet natürlich auch geteilte Arbeit. Als alleinerziehende Mutter zu enden, war für mich mit weitem Abstand das erschreckendste Albtraumszenario für mein Leben. Entsprechend rigide bestand ich bei Affären auf Kondomen. So geil hätte ich gar nicht sein können, dass ich im Eifer des erotischen Nahkampfs eine ungewollte Schwangerschaft ausgeblendet hätte.

Aber dann, nun ja, dann kam der Richtige, der Mann, bei dem ich absolut sicher war, mit ihm alt zu werden. Und mit ihm kam der Kinderwunsch. Ich war 37, als wir anfingen „zu üben“, wie es in Elternforen so schön heißt. Nur fünf Wochen nach der Entfernung meiner Spirale wurde ich schwanger und weitere vier Tage später war ich nicht mehr schwanger. Frühabgang nennt sich das im Fachjargon. Keine Seltenheit und kein Grund zur Besorgnis, nur rund 25% der Befruchtungen führen tatsächlich zu einer stabilen Schwangerschaft. Der Rest verlässt die Party vorzeitig.

Ich war traurig, beschloss aber, die rasche Befruchtung als gutes Zeichen zu sehen. Dass ich gesund und fruchtbar war und mein Körper bereit, Mutter zu werden. Jeden Monat wartete ich auf eine Wiederholung des wunderschönen Moments, als ich meine erste Schwangerschaft entdeckte. Doch er wiederholte sich nicht.

Eine alte Schachtel ist nicht krank

Ein Jahr und zehn Monate passierte nichts. Wir galten längst als steril, denn die Frist dafür liegt bei einem Jahr vergeblicher Versuche. Körperlich war alles in Ordnung mit mir, ich bekam jeden Monat pünktlich meine Periode, meine Gebärmutter war eine Gebärmutter, wie sie sein soll. Der einzige Faktor war mein Progesteron. Progesteron ist dafür verantwortlich, dass sich eine befruchtete Eizelle einnisten kann, und ich hatte zu wenig davon. Progesteronmangel nannte die Ärztin das. „Mangel“, das klingt nach Anomalie, nach Krankheit, nach Leiden, als ob etwas mit mir nicht stimmt. Doch sinkende Progesteronproduktion ist nichts weiter als ein ganz natürlicher Alterungsprozess.

Aus dem Grund lehnte ich auch Kinderwunschbehandlung für mich ab. Bei einer tatsächlichen Krankheit hätte ich mich behandeln lassen, aber ich war nicht krank, ich war nur alt. Ich hatte einen prima Körper, der alles genau so machte wie er es meinen 39 Jahren entsprechend sollte. Warum sollte ich das pathologisieren? Warum sollte ich einen gesunden Prozess als „Mangel“, als ein Defizit bezeichnen? Die abnehmende Fruchtbarkeit alternder Frauen ist ja kein Funktionsfehler, sondern eine sinnvolle Einrichtung der Natur. Wenn der Körper nicht mehr von selbst schwanger werden kann, dann hat das aus meiner Sicht einen Sinn. Das wollte ich nicht pathologisieren.

Heute ist Kinderwunschbehandlung für viele Paare etwas ganz Selbstverständliches, das sie gerne in Anspruch nehmen, aber ich wollte das nicht. Das Risiko, ein nicht-gesundes Kind oder Zwillinge zur Welt zu bringen, ist dabei höher als bei natürlichen Schwangerschaften – und Zwillinge? Nur über meine vermodernde Leiche.

Falsch abgebogen

Dann wurde ich wieder schwanger, auf natürlichem Weg. Aber etwas fühlte sich anders an. Den ersten Schwangerschaftstest fast zwei Jahre zuvor hatte ich in den Tagen danach mit unzähligen weiteren abgesichert und mit jedem wurde der Strich deutlicher, weil das Schwangerschaftshormon HCG, mit dem der Test reagiert, so rasend schnell steigt. Diesmal nicht. Über drei Tage zeigten verschiedene Tests mal ein positives, mal ein negatives Ergebnis an – weit entfernt von der Eindeutigkeit des ersten Mals.

Als ich diffuse Unterleibsschmerzen bekam, ging ich zur Ärztin, die mich ultraschallte. In der Gebärmutter: gähnende Leere. Ab in den Nebenraum, besseres US-Gerät, nochmal. Meine Gebärmutter blieb leer, aber im Bauchraum schwappte etwas Blut herum. Die Frauenärztin nannte es nicht innere Blutungen, sie sprach von Flüssigkeit im Bauchraum und verzichtete auch sonst darauf, mir klarzumachen, dass der Befund bedeutete, dass mein Leben in Gefahr war und ich auch dieses Kind nicht bekommen würde. Ich kam mit Verdacht auf „Extrauteringravidität“ ins Krankenhaus. Eileiterschwangerschaft. Noch in der gleichen Nacht wurde ich via Bauchspiegelung operiert und das „Schwangerschaftsmaterial“ aus meinem Eileiter entfernt. Drei Narben erinnern mich bis heute daran, dass mein Kind es geschafft hat, in einem Tunnel mit nur einem Ausgang falsch abzubiegen.

Die Eileiterschwangerschaft ist eine lebensbedrohliche Komplikation, bei der sich die befruchtete Eizelle nicht in der Gebärmutterschleimhaut einnistet, sondern im Eileiter. Da dieser natürlich nicht für einen heranwachsenden Fötus gedacht ist, platzt er, wenn die ELS nicht frühzeitig entdeckt wird, die Frau verliert in kürzester Zeit sehr viel Blut und ihr Leben kann dann nur noch durch eine sofortige Notoperation gerettet werden. Ist der Eileiter geplatzt, wird er in der Regel komplett entfernt. Liegen wie bei mir nur leichte Risse vor, kann er erhalten bleiben.

ELS sind nicht spezifisch für Spätgebärende und die genaue Ursache ist noch nicht geklärt. Offenbar scheint es jedoch eine gewisse Veranlagung zu geben, da viele ELS-Frauen mehr als einmal von der Komplikation betroffen sind. Als ich mich nach meiner OP über die Extrauteringravidität informierte, stieß ich auf Berichte von Frauen, die das Trauma einer Not-OP zwei, drei Mal durchgemacht hatten. Beim ersten Mal hatte ich Glück, meine feine Selbstwahrnehmung und der schnelle Arztbesuch hatten mir eine Notoperation erspart, aber darauf verlassen, dass es auch in Zukunft gutgehen würde, konnte ich mich nicht.

Gamechanger ELS

Die ELS änderte alles. Plötzlich war das, was ich mir wünschte, auch das, was mich gefährdete. Statt reiner Freude auf eine Schwangerschaft spürte ich jetzt 50% Angst und 50% Freude. Wegen der Veranlagungssache würde jeder Versuch von nun an wie russisches Roulette sein – nur eben nicht mit einer Chance von 1:6, die Patrone zu erwischen, sondern von 1:2. Mein Kinderwunsch wurde also schwächer und schwächer und irgendwann beschloss ich, das Kinderthema für mich abzuschließen und wieder zu verhüten. Ich wollte nicht mehr länger das Gefühl habe, meine Gebärmutter sei wie ein offenes Scheunentor, ich wollte wieder die Kontrolle über meinen Körper, meine Lebensziele und meine reproduktiven Organe haben. Ich fand, vier Jahre vergeblicher Schwangerschaftsbemühungen mussten reichen.

Ich konnte meine Kinderlosigkeit gut verarbeiten. Da ich ein Kind nie zwingend als den einen großen Lebenstraum betrachtet hatte, war die Erkenntnis, kinderlos zu bleiben, kein Trauma für mich. Ich kehrte schlicht wieder zurück in den Zustand, den ich früher immer hatte: ich bin mir selbst genug. Mein Leben und mein Erleben sind auch ohne Kind reich und vielseitig. Ich kann selbstbestimmt leben und muss mich nicht den Zwängen der Kinderversorgung beugen – Fremdbestimmung war mir schon immer zuwider und ich fühlte mich gut damit, jetzt wieder selbst das Heft in der Hand zu haben. Ich habe also nicht nur „das Beste aus meiner Kinderlosigkeit gemacht“ oder mich „damit arrangiert“ oder welche traurigen Formulierungen einem sonst so helfen, über Schicksalsschläge hinwegzukommen. Ich bin froh, kein Kind zu haben. Ich fühle mich gut damit.

Ich bin nie jemand gewesen, der sich den Erwartungen und Zwängen der Gesellschaft angepasst hat, aber als kinderlose Frau hatte ich immer wieder das Gefühl, ich müsste doch darunter leiden. Ich müsste das irgendwie als traumatisch empfinden. Ich dürfe nicht frei und gut gelaunt sagen „Fuck yeah, ich habe kein Kind, wie geil!“ Oder es wäre für andere zumindest nicht glaubwürdig, das zu tun, weil eine Frau ohne Kind gefälligst ein schweres Los tragen soll. Für mich ist dieser Blogartikel also eigentlich nicht nötig. Ich muss nichts verarbeiten, ich muss nicht trauern und ich hadere auch nicht mit meinem Leben. Für mich fühlt sich alles richtig an.

Was bleibt denn jetzt?

Was von mir bleibt, ist etwas, das mir viel wichtiger ist als ein Kind: mein Buch „Female Choice“. Ich habe nie groß davon geträumt, ein Kind zu haben, aber der Wunsch, irgendwann ein Buch, ein sinnvolles Buch zu schreiben, der begleitet mich seit Kindesbeinen. Nichts habe ich mir so sehr gewünscht wie das. Ein Buch kann Welten einreißen. Oder aufbauen. Ob mein Buch objektiv wichtig oder weitsichtig oder klug genug ist, um Generationen zu überdauern, weiß ich nicht, aber grundsätzlich habe ich das Gefühl, mit ihm mehr zu einer Veränderung beizutragen als mit einem Kind. Ein Kind hat eine begrenzte Lebensspanne und noch begrenztere Einflussmöglichkeiten in dieser Gesellschaft. Wie jedes Individuum kaum Möglichkeiten zur Revolution hat.

Mein Buch gibt mir das Gefühl, in Frieden sterben zu können. Etwas hinterlassen zu haben, was mir wichtig war. Mehr brauche ich nicht. Und deshalb werden mir am Ende dieses Artikels die Augen nicht feucht, weil ich zwei Kinder verabschieden musste, die ich sehr geliebt hätte, sondern weil ich ohne sie etwas geschafft habe, das mir mit ihnen wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre. Etwas, worauf ich unglaublich stolz bin.

Ich bin keine Mutter. Fuck yeah, wie geil!