Was von mir übrig bleibt

Ich habe kein Kind, ich bin keine Mutter. In einer besseren Welt wäre damit alles gesagt, Ihr wärt fertig mit dem Lesen dieses Artikels und wir könnten alle nach Hause gehen und uns mit etwas Schönerem beschäftigen. Wir leben aber nicht in einer besseren Welt und deshalb ist eine Frau ohne Kind immer auch ein Politikum, zu dem jeder Mensch eine Meinung abgibt. In den Jahren, die es dauerte, bis sich die Kinderlosigkeit als Tatsache, als Endzustand meines Daseins manifestierte, habe ich selbst viele Konflikte gespürt – innere, aber auch äußere. Und deshalb ist der Blogartikel an dieser Stelle nicht zuende.

Wenn Du erst den Richtigen triffst

Die längste Zeit meines Erwachsenenlebens hatte ich keinen Kinderwunsch. Da ein Kind in meiner patriarchal geprägten Vorstellung zwingend an eine harmonische Beziehung gebunden war, die ich über Jahre nicht hatte, war es für mich müßig, über ein Kind nachzudenken. Außerdem hatte ich bereits alle Hände voll damit zu tun, ich zu sein. Ich war oft gestresst, belastet, Lärm halte ich bis heute nicht gut aus. Die Idee eines Kindes bedeutete in diesem Stresszustand nur eine weitere Belastung – eine, die ich im Gegensatz zu vielen anderen niemals würde abstellen können. Auch deshalb war mir eine Beziehung, bei der ich sicher war, dass sie für immer halten würde, wichtig. Ein Partner bedeutet natürlich auch geteilte Arbeit. Als alleinerziehende Mutter zu enden, war für mich mit weitem Abstand das erschreckendste Albtraumszenario für mein Leben. Entsprechend rigide bestand ich bei Affären auf Kondomen. So geil hätte ich gar nicht sein können, dass ich im Eifer des erotischen Nahkampfs eine ungewollte Schwangerschaft ausgeblendet hätte.

Aber dann, nun ja, dann kam der Richtige, der Mann, bei dem ich absolut sicher war, mit ihm alt zu werden. Und mit ihm kam der Kinderwunsch. Ich war 37, als wir anfingen „zu üben“, wie es in Elternforen so schön heißt. Nur fünf Wochen nach der Entfernung meiner Spirale wurde ich schwanger und weitere vier Tage später war ich nicht mehr schwanger. Frühabgang nennt sich das im Fachjargon. Keine Seltenheit und kein Grund zur Besorgnis, nur rund 25% der Befruchtungen führen tatsächlich zu einer stabilen Schwangerschaft. Der Rest verlässt die Party vorzeitig.

Ich war traurig, beschloss aber, die rasche Befruchtung als gutes Zeichen zu sehen. Dass ich gesund und fruchtbar war und mein Körper bereit, Mutter zu werden. Jeden Monat wartete ich auf eine Wiederholung des wunderschönen Moments, als ich meine erste Schwangerschaft entdeckte. Doch er wiederholte sich nicht.

Eine alte Schachtel ist nicht krank

Ein Jahr und zehn Monate passierte nichts. Wir galten längst als steril, denn die Frist dafür liegt bei einem Jahr vergeblicher Versuche. Körperlich war alles in Ordnung mit mir, ich bekam jeden Monat pünktlich meine Periode, meine Gebärmutter war eine Gebärmutter, wie sie sein soll. Der einzige Faktor war mein Progesteron. Progesteron ist dafür verantwortlich, dass sich eine befruchtete Eizelle einnisten kann, und ich hatte zu wenig davon. Progesteronmangel nannte die Ärztin das. „Mangel“, das klingt nach Anomalie, nach Krankheit, nach Leiden, als ob etwas mit mir nicht stimmt. Doch sinkende Progesteronproduktion ist nichts weiter als ein ganz natürlicher Alterungsprozess.

Aus dem Grund lehnte ich auch Kinderwunschbehandlung für mich ab. Bei einer tatsächlichen Krankheit hätte ich mich behandeln lassen, aber ich war nicht krank, ich war nur alt. Ich hatte einen prima Körper, der alles genau so machte wie er es meinen 39 Jahren entsprechend sollte. Warum sollte ich das pathologisieren? Warum sollte ich einen gesunden Prozess als „Mangel“, als ein Defizit bezeichnen? Die abnehmende Fruchtbarkeit alternder Frauen ist ja kein Funktionsfehler, sondern eine sinnvolle Einrichtung der Natur. Wenn der Körper nicht mehr von selbst schwanger werden kann, dann hat das aus meiner Sicht einen Sinn. Das wollte ich nicht pathologisieren.

Heute ist Kinderwunschbehandlung für viele Paare etwas ganz Selbstverständliches, das sie gerne in Anspruch nehmen, aber ich wollte das nicht. Das Risiko, ein nicht-gesundes Kind oder Zwillinge zur Welt zu bringen, ist dabei höher als bei natürlichen Schwangerschaften – und Zwillinge? Nur über meine vermodernde Leiche.

Falsch abgebogen

Dann wurde ich wieder schwanger, auf natürlichem Weg. Aber etwas fühlte sich anders an. Den ersten Schwangerschaftstest fast zwei Jahre zuvor hatte ich in den Tagen danach mit unzähligen weiteren abgesichert und mit jedem wurde der Strich deutlicher, weil das Schwangerschaftshormon HCG, mit dem der Test reagiert, so rasend schnell steigt. Diesmal nicht. Über drei Tage zeigten verschiedene Tests mal ein positives, mal ein negatives Ergebnis an – weit entfernt von der Eindeutigkeit des ersten Mals.

Als ich diffuse Unterleibsschmerzen bekam, ging ich zur Ärztin, die mich ultraschallte. In der Gebärmutter: gähnende Leere. Ab in den Nebenraum, besseres US-Gerät, nochmal. Meine Gebärmutter blieb leer, aber im Bauchraum schwappte etwas Blut herum. Die Frauenärztin nannte es nicht innere Blutungen, sie sprach von Flüssigkeit im Bauchraum und verzichtete auch sonst darauf, mir klarzumachen, dass der Befund bedeutete, dass mein Leben in Gefahr war und ich auch dieses Kind nicht bekommen würde. Ich kam mit Verdacht auf „Extrauteringravidität“ ins Krankenhaus. Eileiterschwangerschaft. Noch in der gleichen Nacht wurde ich via Bauchspiegelung operiert und das „Schwangerschaftsmaterial“ aus meinem Eileiter entfernt. Drei Narben erinnern mich bis heute daran, dass mein Kind es geschafft hat, in einem Tunnel mit nur einem Ausgang falsch abzubiegen.

Die Eileiterschwangerschaft ist eine lebensbedrohliche Komplikation, bei der sich die befruchtete Eizelle nicht in der Gebärmutterschleimhaut einnistet, sondern im Eileiter. Da dieser natürlich nicht für einen heranwachsenden Fötus gedacht ist, platzt er, wenn die ELS nicht frühzeitig entdeckt wird, die Frau verliert in kürzester Zeit sehr viel Blut und ihr Leben kann dann nur noch durch eine sofortige Notoperation gerettet werden. Ist der Eileiter geplatzt, wird er in der Regel komplett entfernt. Liegen wie bei mir nur leichte Risse vor, kann er erhalten bleiben.

ELS sind nicht spezifisch für Spätgebärende und die genaue Ursache ist noch nicht geklärt. Offenbar scheint es jedoch eine gewisse Veranlagung zu geben, da viele ELS-Frauen mehr als einmal von der Komplikation betroffen sind. Als ich mich nach meiner OP über die Extrauteringravidität informierte, stieß ich auf Berichte von Frauen, die das Trauma einer Not-OP zwei, drei Mal durchgemacht hatten. Beim ersten Mal hatte ich Glück, meine feine Selbstwahrnehmung und der schnelle Arztbesuch hatten mir eine Notoperation erspart, aber darauf verlassen, dass es auch in Zukunft gutgehen würde, konnte ich mich nicht.

Gamechanger ELS

Die ELS änderte alles. Plötzlich war das, was ich mir wünschte, auch das, was mich gefährdete. Statt reiner Freude auf eine Schwangerschaft spürte ich jetzt 50% Angst und 50% Freude. Wegen der Veranlagungssache würde jeder Versuch von nun an wie russisches Roulette sein – nur eben nicht mit einer Chance von 1:6, die Patrone zu erwischen, sondern von 1:2. Mein Kinderwunsch wurde also schwächer und schwächer und irgendwann beschloss ich, das Kinderthema für mich abzuschließen und wieder zu verhüten. Ich wollte nicht mehr länger das Gefühl habe, meine Gebärmutter sei wie ein offenes Scheunentor, ich wollte wieder die Kontrolle über meinen Körper, meine Lebensziele und meine reproduktiven Organe haben. Ich fand, vier Jahre vergeblicher Schwangerschaftsbemühungen mussten reichen.

Ich konnte meine Kinderlosigkeit gut verarbeiten. Da ich ein Kind nie zwingend als den einen großen Lebenstraum betrachtet hatte, war die Erkenntnis, kinderlos zu bleiben, kein Trauma für mich. Ich kehrte schlicht wieder zurück in den Zustand, den ich früher immer hatte: ich bin mir selbst genug. Mein Leben und mein Erleben sind auch ohne Kind reich und vielseitig. Ich kann selbstbestimmt leben und muss mich nicht den Zwängen der Kinderversorgung beugen – Fremdbestimmung war mir schon immer zuwider und ich fühlte mich gut damit, jetzt wieder selbst das Heft in der Hand zu haben. Ich habe also nicht nur „das Beste aus meiner Kinderlosigkeit gemacht“ oder mich „damit arrangiert“ oder welche traurigen Formulierungen einem sonst so helfen, über Schicksalsschläge hinwegzukommen. Ich bin froh, kein Kind zu haben. Ich fühle mich gut damit.

Ich bin nie jemand gewesen, der sich den Erwartungen und Zwängen der Gesellschaft angepasst hat, aber als kinderlose Frau hatte ich immer wieder das Gefühl, ich müsste doch darunter leiden. Ich müsste das irgendwie als traumatisch empfinden. Ich dürfe nicht frei und gut gelaunt sagen „Fuck yeah, ich habe kein Kind, wie geil!“ Oder es wäre für andere zumindest nicht glaubwürdig, das zu tun, weil eine Frau ohne Kind gefälligst ein schweres Los tragen soll. Für mich ist dieser Blogartikel also eigentlich nicht nötig. Ich muss nichts verarbeiten, ich muss nicht trauern und ich hadere auch nicht mit meinem Leben. Für mich fühlt sich alles richtig an.

Was bleibt denn jetzt?

Was von mir bleibt, ist etwas, das mir viel wichtiger ist als ein Kind: mein Buch „Female Choice“. Ich habe nie groß davon geträumt, ein Kind zu haben, aber der Wunsch, irgendwann ein Buch, ein sinnvolles Buch zu schreiben, der begleitet mich seit Kindesbeinen. Nichts habe ich mir so sehr gewünscht wie das. Ein Buch kann Welten einreißen. Oder aufbauen. Ob mein Buch objektiv wichtig oder weitsichtig oder klug genug ist, um Generationen zu überdauern, weiß ich nicht, aber grundsätzlich habe ich das Gefühl, mit ihm mehr zu einer Veränderung beizutragen als mit einem Kind. Ein Kind hat eine begrenzte Lebensspanne und noch begrenztere Einflussmöglichkeiten in dieser Gesellschaft. Wie jedes Individuum kaum Möglichkeiten zur Revolution hat.

Mein Buch gibt mir das Gefühl, in Frieden sterben zu können. Etwas hinterlassen zu haben, was mir wichtig war. Mehr brauche ich nicht. Und deshalb werden mir am Ende dieses Artikels die Augen nicht feucht, weil ich zwei Kinder verabschieden musste, die ich sehr geliebt hätte, sondern weil ich ohne sie etwas geschafft habe, das mir mit ihnen wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre. Etwas, worauf ich unglaublich stolz bin.

Ich bin keine Mutter. Fuck yeah, wie geil!

25 Kommentare

  1. Ich bin 36 und erlebe mit jedem Monat mehr wie sehr andere Menschen meine Kinderlosigkeit kritisch beäugen. Ich will kein Kind. Ich wollte nie eines. Aus Sicht anderer Menschen -vor allem Frauen- ist man damit ein defizitäres Wesen. Ein Egoist, der sich seiner Freiheit nicht berauben will, weil sie so wichtig wie Luft zum Atmen für mich ist. Wem gegenüber ist es denn eigentlich egoistisch? Fiktiven Leben gegenüber wohl kaum. Diese Woche noch sagte eine Kollegin, dass meine biologische Uhr ticke. Als sei ich darüber nicht informiert. Es fuckt mich so dermaßen ab.

    • Kinder zu haben und aufzuziehen ist eine individuelle Entscheidung, aber auf keinen Fall Gegenstand von Vorhaltungen/Eingriffen eines fürsorglich-bevormundenden Umfeldes. Angesichts heutzutage vieler unterschiedlicher Geschlechter, Lebensentwürfe und Lebensmöglichkeiten verbietet sich eine Beurteilung und Einmischung Dritter.

      Für mich, vor drei Generationen aufgewachsen und sozialisiert, war eine Familie zu gründen und Kinder zu haben der Normalfall. Damals unterlag man/frau noch sehr starken äußeren Zwängen, eigene Wege zu gehen wurde argwöhnisch beäugt und mündete leicht in gesellschaftliche Ächtung. Rückblickend beurteile ich Familie und Kinder höchstens als ein „nice to have“, wer’s mag, eher als sehr belastend – somit auf keinen Fall als zwingend oder lebensnotwendig. Im Gegenteil: Ich finde es sehr gut, dass Frauen heute selbst bestimmt leben wollen und es bei entsprechender Ausbildung und Einkommen auch können. In einer Beziehung/Ehe finanzielle abhängig und deshalb „verfügbarer Sexualproviant“ zu sein, ist m. E. der Horror und verhindert jegliche Gleichberechtigung.

      Unser immer noch sehr patriachalisch bestimmtes Gemeinwesen tut sich ungemein schwer, aus den tradierten Normen und Verhaltensweisen herauszutreten. Warum? Weil die Männer nicht verlieren und ihr tradiertes Weltbild aufgeben wollen. Leider scheint die Corona-Pandemie viele Errungenschaften der gesellschaftlichen Emanzipation und des Feminismus in Frage zu stellen. Überwiegend Männer (Politiker, Virologen, Ärzte) bestimmen derzeit den Gang der Dinge, die klugen Frauen dürfen in den Talkshows auftreten, sitzen aber kaum in den Entscheidungsrunden und werden deshalb wenig gehört – ein sehr großes Ärgernis. Frauen tragen die Hauptlast bei Homeoffice und Homeschooling – die Männer sind offenbar damit rettungslos überfordert!

      Die Debatte um Meikes aufschlussreiches und wunderbares Buch sollte viel weiter um sich greifen. Sie darf ruhig sehr kontrovers sein, so lange sie nicht militant wird. Es wird höchste Zeit, jede Art menschlicher Beziehung neu zu denken und Alternativen zu akzeptieren. Doch so lange nicht nur in bestimmten Regionen/Ländern unseres Planeten, sondern auch bei uns Armut und Unbildung herrscht, weiterhin Männer über Frauen bestimmen und unkontrolliert Kinder in die Welt gesetzt werden – weil das „gottgewollt“ sei, wie Religionen es behaupten – werden die Probleme andauern. Da nutzt eine (weiße) Debatte auf hohem Niveau herzlich wenig …

  2. Keine Ahnung, warum Jeder und Jede meinen, zur Kinderlosigkeit einer Frau ihren ungebetenen Senf abgeben zu müssen. Wer sagt denn, dass Mütter nicht die egoistischeren Frauen sind? Wir Kinderlosen bezahlen ja mit, für Kitas, Schulen und Unis. Ja, Mütter schauen seit ein paar Jahren von ganz weit oben auf kinderlose Frauen herab. Verachtung. Was geht in denen eigentlich vor? Wir Frauen waren auch schon mal weiter. Heute wird Kinderlosigkeit wie ein Makel angeschaut. Als gäbe es nicht schon zu viele Kinder auf dieser Welt, mit kaum einer Chance auf Liebe, intaktem Elternhaus oder einer Arbeitsstelle später. Einfach Kinder sorglos in die Welt zu setzen, finde ich sehr egoistisch. Sehr. Aber darüber wird komischerweise nicht gelästert. Was ist eigentlich mit all diesen Läster-Frauen-Mütter los? Und ja, komischerweise sind es meistens Frauen und nicht Männer, welche sich ungefragt in die eigene Entscheidung und Biographie von Kinderlosen einmischen.

  3. Kinderlosigkeit und Egoismus ist so ein Vorwurf, den ich auch kenne. Nein, ich möchte nicht mein defizitäres Herz an eine weitere Generation weitergeben. Auch meine Depressionen nicht. Auch möchte ich bitte erst mal mit meinem Trauma klarkommen lernen und nicht den ganzen Scheiß unbedacht weitergeben, weil man ja schließlich Kinder zu haben hat. Ich finde das sehr unegoistisch von mir, dass ich das keiner weiteren Person zumute.
    Und wenn mich jemand beneidet, weil ich keine Kinder habe, dann würde ich doch am liebsten deren Kinder bedauern, wenn ich nicht so ein Egoist wäre

  4. Was für ein erfrischender Artikel – dieser Hype um die unbedingte Fortpflanzung befremdet und nervt mich schon lange. Der Nachwuchs wird präsentiert wie ein ultimatives Ziel, die Krönung der Beziehung und überhaupt des ganzen eigenen Lebens und ist letztlich doch eigentlich hauptsächlich Ausdruck von Egoismus. Die Welt braucht nicht so viele neue Menschen, im Gegenteil. Kurioserweise ist Adoption offenbar auch lange nicht so cool wie das Weitergeben des eigenen Genmaterials. Ich reagiere auf alle an mich gesendeten Kinderfotos übrigens mit Fotos meiner Katzen.

  5. Ich bin 34, meine Frau ist 31.
    Ich will nicht unbedingt Kinder, sie will keine.
    Ich verstehe nicht wo das Problem ist oder gar, warum sich Neunmalkluge in die Privatangelegenheiten anderer einmischen…

    Noch funktioniert bei uns die „noch nicht“ Masche, aber nach fast 9 gemeinsamen Jahren werden die Eltern langsam skeptisch ;)

  6. Wunderbar klar dargelegt und für mich absolut glaubhaft. Ich gratuliere Dir zum Buch, es steht auf meiner Liste.
    Ob man Kinder hat, haben möchte, und wenn nein/ja, aus welchen Gründen ist letztlich doch Privatsache, in die sich von außen niemand einzumischen hat. Egal welche Entscheidung man als Frau trifft, Mutter zu werden oder nicht, es sollte von anderen nicht bewertet werden.

    Das gilt, aus meiner Sicht, im Übrigen auch für einige Kommentare, die hier abgegeben wurden. Wer ist egoistischer, Mütter oder Kinderlose … ich halte diese Beiträge inhaltlich für genauso überflüssig und haltlos pauschalisierend, wie die Anmerkungen, über die sich viele hier, berechtigter Weise, aufregen.

  7. Ist die irdische Existenz denn überhaupt so supergeil, dass man sie auf keinen Fall etwaigen Ungeborenen vorenthalten sollte?
    Und wäre es für die Erde nicht viel gesünder, es gäbe statt fast 8 nur 1 Milliarde Menschen?
    Sehr komisch, dass solche Fragen hier noch nicht mal erwogen wurden. Stattdessen – einfach nur der Trieb zur Reproduktion..? Oder irgendein gesellschaftlicher Zwang? Wo bleibt die Reflexion?

    • Als Antinatalistin spielen für mich natürlich auch globale Zusammenhänge eine Rolle, aber es ging in dem Artikel um meine persönlichen Empfindungen.
      Im Übrigen weiß ich nicht, warum Sie einen so zackigen Ton an den Tag legen, dafür gibt es aus meiner Sicht keinen Grund.

  8. Der Kinderwunsch eines Menschen ist reiner Egoismus. Er ist Ausdruck des unbedingt Überlebensinstinkts und des Wunsches nach Unsterblichkeit. Der Mensch will sich reproduzieren und somit sich durch die Weitergabe seiner Gene selbst erhalten. Dieser Selbsterhalt ist doch einziger biologischer Zweck eines Menschen.

    Wer es schafft sich gegen diesen Instinkt zu wehren verdient Respekt und keine Verachtung, ist es doch eher ein Zeichen von Stärke sich nicht dem inneren Zwang nach Selbsterhalt zu unterwerfen.

    Was ich trotzdem interessant finde, ist die Rolle die Ihr Buch im Umgang mit der Kinderlosigkeit für Sie spielt. Ich glaube die Sehnsucht nach Selbsterhalt kann auch durch andere „Medien“ als durch ein Kind gestillt werden. Wichtig ist nur dass wir etwas von uns weitergeben und so ein Teil unsrer Selbst fortbesteht. Ob dies durch ein Kind, ein Buch das Einfluss auf die Welt haben soll oder beispielsweise eine wissenschaftliche Arbeit zu einem Thema ist, ist egal.

  9. Danke für diesen Blogbeitrag, den du ihn eigentlich nicht nötig findest. Ich bewundere alle Frauen, die bewusst keine Kinder haben und dazu stehen. Ebenso bewundere ich alle Frauen, die ungewollt kinderlos geblieben sind, und trotzdem stark sind und damit leben. Dann bewundere ich noch alle Frauen, die ihr Leben mit Kindern meistern, ob sie diese nun durch Wunsch oder Versehen bekommen haben. Offensichtlich bewundere ich einfach alle Frauen. Weil jede ihre eigene Geschichte hat. Und weil es für Frauen auf die eine oder andere Weise einfach lebensverändernd ist, ob sie nun Kinder bekommen oder nicht. Sicher, auch das Leben der Männer verändert sich, wenn sie Vater werden. Aber in meinen Augen spielt es in der Biografie von Frauen eine viel größere Rolle, und viele haben das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Ich zum Beispiel sage immer dazu, dass meine Kinder Wunschkinder waren, weil ich sie recht früh bekommen habe und nicht möchte, dass jemand mich für zu doof zum Verhüten hält.
    Ich bin sehr gespannt auf den Buch! Freue mich über Austausch (gern per Mail)

  10. Danke für diesen Artikel!
    Ich schließe mich meiner Vorkommentatorin „Christin“ gerne an: Jede Frau hat ihre eigene Geschichte – ob mit oder ohne, ob mit gewollten oder ungewollten Kindern, und jede Entscheidung oder auch Nicht-Entscheidung prägt die Biographie in entscheidender Weise. Und genau da liegt der wunde Punkt in unserer Gesellschaft: statt diese so wunderbar unterschiedlichen Lebenswege abzuurteilen und gar auf Rechtfertigung zu pochen, sollte sich ganz generell in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs sehr viel mehr Bewunderung und empathische Akzeptanz mischen.
    Und von der Akzeptanz des Anderen, auch wenn man dessen Lebensweg nicht versteht, wäre es dann nur noch ein kleiner Schritt zur so dringend benötigten Solidarität, die nicht an einzelne Lebensmodelle gekoppelt sein darf, sondern einem jeden gebühren sollte – den Müttern oder Eltern, die in unserer vereinzelten Gesellschaft jede Hilfe benötigen (ich habe 3 Kinder, die ich sehr wunderbar, aber eben auch sehr anstrengend finde, wenn ich ganz alleine für sie zuständig sein muss), aber eben auch den kranken, den alten, den bewusst anders leben wollenden Menschen….

    So, und nun lese ich mich erst mal durch die anderen Artikel auf diesem Blog, den ich eben erst entdeckt habe :-)

    Viele Grüße
    Stefanie

    P.S.: Herzlichen Glückwunsch zum Buch – das ist wirklich eine feine und überdauernde Sache!

  11. Full disclaimer: Papa von dreien, alle mit ICSI und ja, die ersten beiden waren Zwillinge.

    Ich empfinde das Leben mit Kindern als bis an den Rand gequetscht voll. Mehr Stress, mehr Aufregung, Konflikte, Liebe, Lärm, Sinn, Leben. Als persönliches Lebensinhaltskonzept empfinde ich weder die Notwendigkeit das zu verteidigen, noch missionarisch davon zu überzeugen. Es ist nicht per se ‚besser‘ oder ’schlechter‘, es ist vor allem (und davon viel).

    Als Mensch und Teil eines Paares, das von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen war (allerdings bereits in unserem 20ern), habe ich sehr bewusst wahrgenommen wie individuell verschieden das persönliche Verhältnis von Lebensfreude und -leid zur Frage nach eigenen Kindern ist. Wir waren eher pragmatisch unterwegs, haben nach dem berühmten ‚Jahr‘ und Diagnose beschlossen, es auf einen Versuch mit Petrischale ankommen zu lassen. Gleichzeitig geschworen uns andere Formen von Gemeinschaft und Lebensinhalt zu suchen, wenn’s nicht klappt. Unser Albtraum war an der Frage ‚kleben‘ zu bleiben und in Trauer um einen Konjunktiv zu leben. Ob wir geschafft hätten, uns davon frei zu machen? Keine Ahnung. Wenn das anderen gelingt, wie bescheuert müsste ich sein, mich nicht für sie zu freuen? Wenn wieder andere gar nicht erst den Wunsch verspüren, was sollte daran problematisch sein?

    Aber relevant scheint mir auch, dass Kinder kein reines Privatvergnügen sind. Aus Speziesperspektive bin ich froh, dass der Durchschnittsmensch sich nicht so vermehrt wie wir. Das wäre nicht nachhaltig.

    Hereingezoomt auf die Ebene einer Gesellschaft, sehe ich die Aufgabe, die nächste Generation an der Hand zum nehmen, ‚gut‘ heranwachsen zu lassen und ihnen vernünftige Wege aufzeigen. Das können Eltern gar nicht ohne die Mithilfe der anderen Erwachsenen stemmen. Und auf den Erfolg dieses Projekts sind am Ende alle angewiesen.

    Was meine ich damit? Zum Teil ganz banale Verteilungswahrheiten: Wer selbst nicht Grundschullehrer ist, bezahlt die trotzdem mit seinen Steuern (danke dafür!). Aber auch: Wer erwachsen ist, setzt mit seinem Verhalten, seinem Ton, seiner Art mit anderen umzugehen Maßstäbe. Natürlich sind Eltern hier in einer besonderen Verantwortung, aber Kinder werden auch davon geprägt wie jede andere sich im Bus, an der Supermarktkasse oder online ‚benimmt‘ (erschreckender Gedanke, ich weiß).

    Und je älter wir werden (bin ein paar Jahre jünger als Meike), umso mehr werden wir das ‚Echo‘ spüren. Das beinhaltet wieder banale Verteilungsfragen (Rente), aber auch entscheidende nach dem Zusammenleben. Wenn die Hüfte zwickt, das Virus tobt, oder der Partner einen Schlaganfall hatte, kann generationenübergreifend gute Nachbarschaft entscheidend werden. Und dank beruflicher Mobilität gilt das auch für die meisten Menschen mit Enkeln. Einsamkeit ist ein persönliches Risiko, aber spätestens dann auch ein gesellschaftliches, wenn sie das Kreuzchen Richtung AfD drückt. Auch deswegen stellt sich die Frage uns allen gemeinsam, wie wir Gesellschaft leben wollen, wenn Kernfamilie anders oder seltener wird. Wir können schonmal üben mit den Boomern, die wohl die erste Generation wird, die mit unter zwei Durchschnittskindern altert. Das lässt sich sicher gut machen, aber wir müssen gemeinsam raus finden wie.

    Das Plädoyer ist keines für oder gegen Elternschaft. Sondern: ‚be more kind, my friends‘

    • „Das Plädoyer ist keines für oder gegen Elternschaft. Sondern: ‚be more kind, my friends'“

      Und das finde ich aber ein ganz und gar unterstützendes Plädoyer. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag.

  12. Woher haben Sie die Wahrnehmung, daß eine Frau ohne Kind ein Politikum sei? Kinderlose Frauen und Paare sind schon seit Jahrzehnten völlig normal

    Das gilt nur nicht für CSU-Politikerinnen, wobei das sich wohl auch ändern wird.

  13. Guten Abend, Frau Meike.
    Danke für den offenen Bericht. Ich frage mich, warum Mutterschaft in unserer Zeit als etwas so Individuelles und Privates betrachtet wird. Ich bin Mutter zweier Kinder, von denen eins mit einer Behinderung geboren wurde, also für drei zählt. Ich bin so gesehen, allein erziehende Mutter von vier Kindern, Schriftstellerin, und meistens ein glücklicher Mensch. Viele Frauen um mich herum, Familie, Freundinnen, Bekannte, haben keine Kinder. Aus ähnlichen Gründen wie Sie, Frau Meike, oder aus anderen Gründen, das ist nicht wichtig. Wichtig war für mich das Buch von Sarah Blauer Hrdy mit dem Titel „Mutter Natur“, in dem sie das Konzept der Allomütter vorstellt, das sie bei Affen beobachtet und erforscht hat. Und weil in mir, ziemlich weit unten, noch eine Äffin steckt, war ich so dankbar, dass wir diese vier seltsamen Kinder, die ich habe, gemeinsam großgekriegt haben, dass all meine kinderlosen Freundinnen, jede auf ihre Art, und wie sie es konnte, eingestiegen ist, und meinen Kindern auch ein bisschen Mutter war. Und dass ich sie abgeben konnte, was ich gern tat, weil ich nie die Idee hatte, dass nur ich allein weiß, was gut für die Kinder ist, sondern dass es hilfreich im Sinne der „nurture“ ist, dass sie viele Frauen und ihren Umgang mit Kindern und die Unterschiede dabei kennenlernen können: kinderlose Frauen, Großmütter, Businessfrauen, Künstlerinnen, andere Frauen mit Kindern, Erzieherinnen mit einem professionellen pädagogischen Hintergrund und so fort.

    Danke für Ihr Buch „Female Choice“ und was ich Ihnen wünsche ist, dass Sie, wenn Sie Lust darauf haben, eine Allomutter sein können. Und wenn nicht, dann eben nicht. Wir haben auch hier die Wahl.
    Sehr herzlich
    Beate

  14. Danke für Deine Offenheit. Meine eigene Kindgeschichte ist eine andere (wen sie interessiert, der*/die* kann nachfragen) aber der Wunsch etwas dauerhaftes zu hinterlassen war keine Facette davon. Ich hab das immer als etwa seltsam empfunden: Denn nichts in dieser Welt wird jemandem garantieren, das es einem gefällt was Mensch da hinterläßt, ein Buch ist da definitiv die kontrollierbarere Version von Erbe.
    Und so kann ich unserem Sohn die Freiheit lassen ihm zwar Ideen und Werte zu zeigen und vorzuleben, ihn aber sein Leben leben zu lassen wie er es (dann eines Tages auch selbständig) leben will. Es ist seins.

  15. Mensch könnte ja auch einfach mal „The Selfish Gene“ lesen/studieren und dann mal nachsinnen, ob und wie man sich von so einem Fitzelchen Biochemie bestimmen lässt, nachdem in 250000 Jahren Evolution und 3000 Jahren „Kultur“ der Geist zu sich selbst gekommen ist. Oder so!?

  16. Nach den ersten zwei Dritteln des Blog-Artikels dachte ich: „Na ja, Kinder können ja in unterschiedlichster Form zu einem kommen. Auch ein Buch ist eine Art Kind, meist mit länglicher mühsamer Schwangerschaft, und zuweilen auch einer schweren Geburt“. Schön, dass Sie ein solch großartiges Kind auf die Welt gebracht haben! Ich hoffe, dass es viele Seelen berühren wird, so wie es meine Seele berührt hat.
    Vielleicht folgen ja sogar noch einige mehr. Oder auch nicht.

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