Was ist Liebe?

Was ist Liebe?

Natürlich ist dies im Grunde die erste und vielleicht einzige Gelegenheit, einen Blogartikel mit einem Haddaway-Gag beginnen zu lassen, aber weil ich Haddaway immer scheiße fand, lasse ich sie ungenutzt verstreichen. Statt dessen schreibe ich über Liebe und wie sich dieses Gefühl durch die Ereignisse der letzten zwei Jahre geändert hat.

Zu sagen „Ich weiß nicht mehr, was Liebe ist“, klingt ja oft nach Enttäuschung, nach Verbitterung und dem Selbstmitleid, das die Behauptung begleitet, man habe bisher nur die Falschen kennengelernt. Mich erfüllt der Satz mit einer tiefen inneren Ruhe. Weil ich – zumindest im Moment – frei bin von dem ganzen gesellschaftlichen Zinnober, den wir um die romantische Liebe zwischen zwei Erwachsenen aufbauen. Doch von Anfang.

Alles begann mit meinem Buch, für das ich die Ursprünge der Eheinstitution recherchieren musste. Die Erkenntnis, dass die Ehe als patriarchales Kontrollsystem entstanden ist, in dem die Frauen ihre Partner nicht frei wählen konnten, sondern durch Väter/Eltern zum Zweck der Sicherung männlicher Macht und Besitzes zwangsverheiratet wurden, ließ mich sehr zurückschrecken. Auch wenn ich meinen damaligen Mann aus nichts als Liebe geheiratet habe, war mir sofort klar, dass ich durch meine Einwilligung in einen institutionalisierten Beziehungsrahmen auch dessen Vergangenheit und Zweck mittrage. Ich habe nicht direkt bereut, verheiratet zu sein und den Namen meines Mannes zu tragen, aber ich wünschte mir, ich hätte in der Vergangenheit gewusst, was ich heute weiß, und eine entsprechend kritischere Haltung zum Heiraten entwickelt.

Meine Beziehung hielt das aus, weil wir seelenverwandt waren. Ich konnte die Diskrepanz zwischen meinen Bucherkenntnissen und meiner Lebensweise als sexuell treue Ehefrau damit erklären, dass das alles nicht für mich gilt, weil Seelenpartnerschaft eben ein Sonderfall der Liebe ist, für den andere Regeln gelten. Eine andere Innigkeit und Harmonie. Seelenverwandtschaft war mein einziger Wegweiser beim Navigieren durch die Menschen, unter denen ich mich so fremd fühlte. Wo ich dieses Gefühl fand, war ich richtig, andere Indikatoren gab es nicht. Seelenverwandtschaft war eine absolute Gewissheit. Alternativlos waren die wenigen Seelenverwandtschaften meines Lebens zu ihrem jeweiligen Zeitpunkt. Zwangsläufigkeit als Kernmerkmal. Solange ich also das Konzept der Seelenverwandtschaft als Gewissheit bewahren konnte, konnte ich auch all die hässlichen Erkenntnisse von meiner Liebe fernhalten.

Das änderte sich, als das Konzept zu bröckeln begann. Wie das geschah, tut hier nichts zur Sache, aber ich verstand plötzlich, dass Seelenverwandtschaft nichts weiter ist als eine Mischung aus ähnlichen Familienerfahrungen im Kindesalter und Geburtszufall. Meinen Wegweiser, meinen einzigen Leuchtturm im Leben psychologisch aufschlüsseln zu können, war wie eine Entzauberung. Als hätte man einen Zaubertrick durchschaut und könnte nun nie mehr mit kindlichem Staunen zuschauen, wie der Magier ein Kaninchen nach dem anderen aus dem Hut zieht. Das Verstehen war – man möge mir die biblische Metapher nachsehen – die Frucht vom Baum der Erkenntnis, ich konnte nicht mehr dahinter zurück. You can’t unsee it. Wer mir schon länger im Netz folgt, weiß, was danach passierte. Meine Welt brach zusammen. Freier Fall. Eine anderthalbjährige Großkrise mit Panikattacken, Depression und Angstörung ergriff mich. Mein damaliger Mann und ich versuchten verzweifelt, zusammenzuhalten, was nach der Erkenntnis nicht mehr zusammenzuhalten war. Er stand zu mir, wir wollten nicht aufgeben, aber es war umsonst.

Ich verlor also die Liebe meines Lebens und nach einer angemessenen Trauerphase ließ ich los. Nicht nur den Mann und unsere gemeinsame Vergangenheit, sondern alles, was meine Definition von Liebe war. Ich war nicht gebrochen, es war keineswegs ein aus dem Selbstschutz geborenes Insichzurückziehen, eher eine Befreiung. Meine Therapie half mir zu verstehen, welcher Teil von mir nach der idealisierten Paarbeziehung strebte und warum. Ich ließ mein Inneres Kind los, das sich in extremer Form nach einer Geborgenheit sehnte, die ich mir als erwachsene Frau nicht selbst geben konnte. Ich lernte, mir selbst Sicherheit zu geben. Nicht mehr emotional abhängig zu sein von der Liebe und Fürsorge eines Partners. Nicht mehr eine Erfüllung herbeizusehnen, die das grässliche, aus meiner Kindheit stammende Gefühl der Verlorenheit zum Schweigen bringen würde. Die Teile des Mosaiks meiner Persönlichkeit, die nach dem Verlust des Konzepts der Seelenverwandtschaft auseinandergeborsten orientierungslos im luftleeren Raum schwebten, fügten sich ganz langsam wieder zusammen. Ich wurde wieder Ich. Ich wurde erwachsen.

Mein Bedürfnis nach Zwischenmenschlichkeit war bis auf seinen Kern entblättert. Stripped, wie man so schön sagt. Befreit von Romantik, von Erwartungen und der Hoffnung auf den einen Partner, der die emotionalen Lücken in mir endlich schließt. Anziehung ist für mich heute etwas sehr Pures und Reines, das fast ganz ohne Gefühle von Verletzung oder Enttäuschung auskommt. Wenn ich Männern begegne, ist da kein Taktgeber in mir außer der nackten, beinahe biologischen Anziehung. Ich höre auf nichts als meinen Körper, der mir sagt, ob ich ihn berühren will, küssen, ficken. Und wenn ich das will (und er auch natürlich), empfinde ich Freude und Begeisterung über diesen Mann, aber ich trage nicht mehr die Last einer unnötig aufgeladenen Zukunftsvision mit mir herum. Ich sehe jede Begegnung nur noch in ihrem Wesen. Ich sehe nur noch das, was tatsächlich da ist, nicht mehr das, was mein sehnendes Herz mir vorgaukelt. Ich bin offen, ich habe kein festes Drehbuch im Kopf, das ich mit dem jeweiligen Mann zu leben hoffe, und muss folglich nicht irgendwelche kindlichen Sehnsüchte auf ihn projizieren. Wenn ich merke, dass die Begegnung mehr Tiefe hergibt, lasse ich mich ohne Angst in diese Tiefe fallen. Und wenn sie es nicht tut, kann ich das ohne Bitterkeit annehmen und mich über eine aufregende Nacht freuen.

Ich kann mich noch verlieben. Tatsächlich gab es in diesem seltsam verzerrten Jahr 2020 einen anderen als meinen ehemaligen Mann, dem ich „Ich liebe Dich“ gesagt habe. Aber es fühlte sich völlig anders an als das, was ich früher mit diesen Worten ausgedrückt habe. Und diese sprachliche Ungenauigkeit ist vielleicht auch das einzige Problem an meinem neuen inneren Zen. Ich kann nur sehr schwer in Worte fassen, was ich fühle und will, weil die alte Sprache für die neuen Empfindungen unzulänglich und unpräzise ist. Die meisten Männer leben in den gesellschaftlichen Konstrukten, sie gleichen Begegnungen mit den gängigen Narrativen, Idealen und Konsequenzen ab. Sie setzen Anziehung mit Beziehung gleich, trennen Körperliches und Emotionales. Das, was bei mir im Kopf ein Kontinuum ohne harte Grenzen ist, ist bei ihnen wie ein Tortendiagramm aufgeteilt. Ich habe ein Anziehungskontinuum im Bauch mit weichen Übergängen in alle Richtungen. Die Frage, ob ich Sex und Gefühl trennen kann, erscheint mir absurd, weil ich nicht mehr länger in diesen kulturellen Grenzen denke. Eine klassische Zweierbeziehung mit Zusammenleben und jeden Tag sehen kann ich mir bis auf Weiteres nicht vorstellen, eine sexuell treue erst recht nicht, aber das heißt nicht, dass ich mich nicht in emotionaler Weise für jemanden begeistern kann oder will. An dieser emotionalen Begeisterung hängt nur nicht mehr der ganze kulturell eingepflanzte Rattenschwanz aus Idealen und Normen dran. Und es ist für mich schwierig, das in meinem Onlinedatingprofil zu beschreiben oder den jeweiligen Männern zu erklären.

Als die Liebesaffäre endete, war ich im Frieden damit. Kein wochenlanger Liebeskummer, keine schmollenden Rachegelüste, kein Selbstmitleid. Einfach weitergehen.
Weil ich keine Partnerschaft mehr brauche, um ich zu sein, um ganz zu sein. Ich weiß nicht mehr, was Liebe ist, und habe mich noch nie in meinem Leben so frei gefühlt.