Female Choice: Häufige Anmerkungen

In den letzten drei Wochen bin ich fast ertrunken in einer Flut von Nachrichten zu meinem Buch, die mir via Twitter, Email, Instagram und Brieftauben angetragen wurden. Ich habe jede einzelne aufmerksam gelesen, bitte aber um Verständnis, dass ich bisher nicht geantwortet habe, um den Schreibenden mein Buch nochmal privat nachzuerzählen. Da manche Anmerkungen, Rückfragen und auch Kritikpunkte mehrfach auftauchten, habe ich mich entschlossen, die Nachrichten hier in einer Art „Female Choice: FAQ“ gesammelt zu beantworten. Und für all die Menschen, die mir in ihren Nachrichten einfach nur Zuspruch, Respekt oder Dank gezollt haben: ich danke, das bedeutet mir sehr viel.

Frauen werden auch keine Partner mehr finden/kriegen auch Körbe.
Das ist absolut richtig. Gäbe es eine Großkaiserin der Körbe, ich wäre sie selbst. Aber wir müssen hier unterscheiden zwischen Partnern für Sex und Partnern für eine Beziehung. Die sexuelle Begegnung ist in unserer Kultur sehr eng mit einer Beziehungserwartung verknüpft – einer Erwartung, die meiner Erfahrung nach vor allem Männer abschreckt (zumindest die Männer, die mich in der Vergangenheit interessiert haben). Vor allem Frauen haben stark verinnerlicht, dass Sex mit jemandem nur mit Gefühl unschmutzig ist. Und mit Gefühl ist dann leider immer auch die nervige Frage verbunden „Was ist das denn jetzt mit uns?“ Spätestens bei dieser Frage gehen auch viele Frauen leer aus. Würden wir aber Sex und Beziehung voneinander trennen und auch Frauen erlauben, dass sie einfach ein bisschen herumficken, sähe es anders aus. Ich bleibe dabei: eine Frau, die nur Sex will, ohne den Rattenschwanz einer herbeifantasierten gemeinsamen Zukunft, findet immer einen Partner.

Männer, die dauerhaft ohne Sex leben, werden sich nicht mehr an der Gesellschaft beteiligen.
Mehrere Menschen schrieben mir, sie glaubten, Männer hätten ohne Partnerin/Sex/Nachwuchs keinen Grund mehr, in einer Gemeinschaft zu leben und sich konstruktiv einzubringen. Von „Die leben dann untereinander vor den Toren der Stadt“ bis zu „Die werden von der Obrigkeit umgebracht“ waren diverse Schreckensszenarien dabei. In der Tat habe ich während des Schreibens lange über die Möglichkeit von nach Geschlechtern getrennten Siedlungen nachgedacht, diese Idee aber verworfen, weil es mir a) zu unrealistisch erschien, b) damit nicht-binäre Menschen wieder keinen Platz in der Welt finden, und c) es nur damit enden würde, dass die Männerstädte regelmäßig die Frauenstädte überfallen würden.

Davon aber abgesehen ist der Einwurf gleich mehrfach bemerkenswert. Zum Einen unterstreicht er die Aussicht auf Sexverfügbarkeit als Hauptgrund für Männer, sich solidarisch, konstruktiv, kurz: zivilisiert zu verhalten. Zum Anderen ist er aus der männlichen Zivilisation heraus gedacht und zeigt damit, wie schwer es uns fällt, aus diesem einzigen Zivilisationskonstrukt, das wir kennen, herauszudenken. Die äußere Sphäre der männlichen Zivilisation ist in hohem Maße von dem Hierarchiestreben, der Arbeits- und Kampfkraft von Männern abhängig. Und diese wiederum werden durch das unbewusste Streben nach Sex befeuert. Also – ja, es kann sein, dass sich die uns so wohl vertraute Zivilisation mit Geld, Lohnarbeit, Wirtschaft, Handel, ihren ganzen steilen Hierarchien nicht wird halten lassen, weil Männer in ihrer Bedeutung und/oder ihrer Leistungsbereitschaft zurücktreten. Aber das ist für mich kein Grund gegen eine Befreiung der weiblichen Sexualität, sondern nur eine Ermutigung, die neue Zivilisation danach gemeinsam neu zu denken.

Ist Female Choice Matriarchat/Geht es dabei darum, dass Frauen Macht über Männer bekommen sollen?
Ganz klare Antwort: nein. Das Hauptübel der männlichen Zivilisation besteht in dem Machtmonopol, das (weiße) Männer über nahezu alle anderen Menschen ausüben. Eine Gruppe entscheidet nach ihren Prioritäten und Bedürfnissen über alle anderen. Dabei muss Ungerechtigkeit herauskommen. Kein Geschlecht sollte über das andere herrschen, keine Menschengruppe über alle anderen bestimmen – das Ziel ist eine Herrschaftsform, in der alle Gruppen gemäß ihrem Anteil in der Bevölkerung an Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen beteiligt werden.

Female Choice unterscheidet sich aber grundlegend von der Machtverteilung des Patriarchats. Bei seiner Entstehung hatte das Patriarchat männliche Sexualinteressen ziemlich weit oben auf der Prioritätenliste und die frühen sesshaften Männer waren bereit, zu ihrer Befriedigung die weibliche Sexualität künstlich und fast vollständig zu unterdrücken. Female Choice ist anders, weil sie auf der Freiwilligkeit aller Beteiligten beruht und kein künstliches Konzept ist. Dass Männer dabei nicht erwählt werden, ist kein künstlicher Akt der Unterdrückung durch Frauen, sondern die natürliche Ausprägung weiblicher Sexualität. Das kann man gemein finden, ungerecht, aber es ist keine Ausübung von Macht.

Ist die männliche Zivilisation eine böse Männerverschwörung?
Nein. Ich glaube, die Prozesse und Impulse, die zur Unterdrückung der weiblichen Sexualität und der Frau als geschätztes Mitglied der Gemeinschaft geführt haben, trugen sich über viele Generationen zu. Wie bei evolutionären (also genetischen) Anpassungen ist jede Generation ein kleines Stückchen weitergegangen, immer nur so weit, bis sie auf weiblichen Widerstand stieß. Ich vermute eine Art männliches Drängeln von Generation zu Generation. Und in jeder Generation verschob sich das, was Frauen hinzunehmen bereit waren, weiter. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert gesellschaftlicher Wandel noch heute. Zerteile eine radikale Zukunftsvision in viele kleine, leichter verdauliche Häppchen, und Du wirst sicherer zum Ziel kommen als mit einer singulären, blutigen Revolution.

Negierst Du LGBTQ-Menschen und -Sexualität?
Wieder nein. Der einzige Grund, weshalb ich nicht-binäre Menschen aus meinem Buch herausgelassen habe, liegt darin, dass die menschliche Sexualität evolutionär auf die sexuelle Fortpflanzung zurückgeht, also die Vereinigung durch zwei komplementäre Geschlechter, die miteinander fruchtbaren Nachwuchs zeugen können. Es ging mir um die Instinkte und unbewussten Impulse hinter dieser Sexualität. Dass LGBTQ-Menschen in der zukünftigen Zivilisation nicht nur einen Platz, sondern Rechte als vollwertige Menschen und sexuelle Individuen bekommen – eben genauso wie cis-Menschen -, steht für mich keine Sekunde zur Debatte.

Ich kenne niemanden, der/die …
Das große Problem unserer Zeit. Wir leben – vor allem in den sozialen Medien – in relativ isolierten sozialen Gruppen aus Menschen, die ähnliche Bildung, Erfahrungen und Weltanschauungen haben. Mich haben viele Zuschriften erreicht, die nicht bestätigen konnten, dass Frauen immer die Wahl haben, nur Premiummänner Sexpartnerinnen finden oder Männer ohne Sex immer aggressiv werden. Ich bestreite diese Beobachtungen nicht, aber sie sind vor dem Hintergrund statistischer Häufungen bei Weitem nicht der Dolchstoß gegen meine These, als den sie die Vortragenden sehen möchten. In meinem Buch habe ich ausführlicher erläutert, warum Aussagen über Menschengruppen nicht durch Einzelbeobachtungen entkräftet werden. Individuelles Erleben kann stark von Gruppenaussagen abweichen, aber das heißt nicht, dass die Gruppenaussage weniger wahr ist. Ich bin noch nie Opfer von sexueller und/oder partnerschaftlicher Gewalt geworden – entkräftet das die Aussage, dass sexuelle/partnerschaftliche Gewalt gegen Frauen eine Epidemie ist? Nein, denn zwischen 25 und 45 Prozent aller Frauen weltweit erleben eben diese Gewalt und diese Zahlen rechtfertigen aus meiner Sicht das Wort „Epidemie“. Lösen Sie Ihre individuellen Betrachtungen von den Statistiken, ist es viel leichter, Thesen in ihrer Plausibilität zu bewerten – und zugrundeliegende Probleme zu erkennen.

Was ist mit sexueller Gewalt durch hochstehende Männer ohne „Triebstau“?
In einer Hierarchie ist der Druck an zwei Stellen besonders hoch: ganz oben und ganz unten. Der Mann ganz oben hat alles zu verlieren, der Mann ganz unten nichts. Erfolg bei Frauen spielt dabei eine zentrale Rolle, denn er ist sowohl Folge des hohen Status als auch seine Ursache. Männer definieren sich in der hypermaskulinen Welt sehr stark über Sexualerfolg, neben dem physischen Wohlgefühl, wertet er sie auf, wirkt auf ihr Selbstbewusstsein und ihren Selbstwert zurück und stärkt so ihren Platz in der männlichen Hierarchie.

Hier zeigt sich auch, dass ganz oben in der männlichen Zivilisation mit überwiegend väterlicher Vererbung keineswegs immer echte Alphamänner stehen, also Männer, die qua Geburt mit körperlichen und geistigen Merkmalen ausgestattet sind, die Frauen anziehend finden. Vor allem Geld ersetzt diese angeborenen Vorzüge, das via Vererbung an Kinder weitergereicht werden, die dann quasi schon ganz oben sitzen, ohne sich in der Partnerwahl neu beweisen zu müssen. Also landen oben auch Männer ohne besondere Qualitäten, die sich über Sex, den sie mit Machtmissbrauch erreichen, immer wieder neu ihres Status und ihrer Männlichkeit rückversichern.

1000 Jahre soll der Zivilisationswandel dauern, willst Du mich verarschen?
Leider nein. Wir reden hier ja nicht von Reformen oder einer neuen 68er-Revolution, sondern von einem ganz neuen Zivilisationsfundament. Eine Generationsdauer beträgt 25 bis 30 Jahre und nun schauen Sie, wie sehr sich das Fundament unserer Zivilisation in den letzten gut 100 Jahren, also vier Generationen, verändert hat. Praktisch gar nicht. An der Oberfläche sieht es so aus, als würden wir heute vollkommen anders leben als die Menschen an der Schwelle zum letzten Jahrhundert, doch an den Grundstrukturen hat sich noch nicht viel geändert. Ich rechne daher tatsächlich mit einer Zeitdauer im mindestens dreistelligen Bereich.

Zivilisation bedeutet immer „weg von der Natur“, warum propagierst Du einen evolutionären Zustand?
Zivilisation bedeutet im Fall der Sexualität (v.a. der weiblichen) nicht nur „weg von der Natur“, sondern Unterdrückung, eine Geiselhaft basierend auf der wirtschaftlichen Abhängigkeit, in die die Frau durch Verbot von Besitzrechten gezwungen wurde. Ein System, das auf so etwas basiert, ist kein gutes System, das muss verändert werden. Wenn Männer mehr Sex wollen, ja, ich würde sogar soweit gehen zu sagen: brauchen als Frauen, und Frauen nur einen kleinen Teil der Männer sexuell anziehend finden, dann kann die Lösung nicht sein, ein Geschlecht dazu zu bringen, sich sexuell zu verbiegen. Das ist keine fortschrittliche Kultur, das ist barbarisch.

Dass aber auch in einer Zivilisation, in der Frauen sexuell frei sind, durch Gesetze u.ä. gewährleistet wird, dass aus der freien Partnerwahl keine zusätzlichen Ungerechtigkeiten entstehen, dass Moral und Ethik auch weiter die Grundlage der Zivilisation sein müssen, ist davon unbenommen.

9 Kommentare

  1. Ich persönlich finde nur den zweiten Punkt gefährlich. Wenn aus unfreiwilligem Sexverzicht dann Aggression durch zu viel Testosteron entsteht, dann wird die Gruppe der Incels nicht mehr wenige ausmachen, sondern vielleicht 20 % der Männer. Ist natürlich eine Schätzung. Aber mit den heutigen Mitteln (Waffen, Sprengstoff etc.) wird das Gewaltpotenzial anwachsen. Vielleicht haben wir dann im Jahr nicht mehr ein paar Amokläufe, sondern Tausende. Im schlimmsten Fall kommt es zum offenen Konflikt bzw. Bürgerkrieg. Es könnte also sein, dass vor allem Alpha Männer und Frauen zu den Gejagten werden.
    Ob das so kommt oder nicht, dass kann heute keiner sagen. Aber sicher ist, dass man dieses Scenario verhindern muss. Die Frage ist nur wie?

  2. Hoffentlich bleibst du uns noch lange erhalten. Es braucht mehr Menschen, die Präsenz zeigen und auch bei etwas Gegenwind gesellschaftlich brisante Themen im offenen Diskurs verhandeln. Liebe <3

  3. Ich bin noch nicht durch mit dem Buch, das vorweg. Und schon der Beginn ist so toll, das ich gern Passagen vor jede Diskussion die ich online wie offline führe gern.vorweg setzen würde, weil sie den notwendigen Grundkonsens ernsthaften Austausches so perfekt formulieren. Ich bin hin und weg. (Deswegen nur eine Frage die sich mir aufdrängt: könntest du die Daten-Quellen die Du genutzt hast irgendwo Mal gesammelt veröffentlichen, auch um der Debatte zu begegnen ob sie global gesehen
    repräsentativ genug sind (anstelle v.a. europäisch/nordamerikanisch biased und auf zu kleinen Datensätze beruhend)? Und wie hast du den Check Kausalitäten vs. Korrelationen (die für mich bei den meisten Texten zu menschlichem Verhalten wesentlichste Frage) abgefrühstückt?

  4. Seit etwa 1,5 Jahren reflektiere ich – allmählich befreit von der Vergangenheit – mein ziemlich langes Ehe-Leben und bin erfreut, immer weiter in eine spannende Welt vorzudringen, die mich zu völlig neuen Horizonten führt.
    Female Choice bringt die Fragen zum Geschlechterverhältnis auf den Punkt, dafür ist FrauMike von Herzen zu danken. Bleibt zu wünschen, dass die Evolution hin/zurück zum Ursprung schneller geht als derzeit angenommen, weil dann hoffentlich Beschneidungen, Misshandlungen, Vergewaltigungen, Unterdrückung, weibliches Sklaventum und Prostitution endlich aus der Welt kommt … Was gibt es Schöneres als weibliche Wesen, die selbstbestimmt frei auf Augenhöhe leben und wählen können, weil auch equal pay realisiert ist …

    • Wenn ich die Ansätze im Buch richtig gelesen und verstanden habe, dann wäre es bei Female Choice gerade notwendig Prostitution oder eine Möglichkeit für Sex für die nicht Alpha Männer zu schaffen. Ansonsten würde durch den Aufbau von zu viel Testosteron Gewalt und Vergewaltigung wohl deutlich zunehmen und nicht abnehmen. Und durch die Entwicklung von fortschrittlichen Waffen ist das noch gefährlicher geworden. Wie das alles aussehen soll, dazu wird leider weniger im Buch geschrieben.

  5. Das was Sie schreiben, ist naturwissenschaftlich fundiert, jedoch haben das Leute, die geblackpilled wurden (allen voran Incels) bereits lange vorher erkannt und es gibt massenweise Texte, Experimente etc. hierüber:

    Siehe bspw:

    [Edit: einige Links, die mir zu tief in die frauenfeindliche Inceldenke führen, entfernt.]

    Female Choice gibt es nicht erst in ein paar Jahrhunden, da irren sie sich. Sie existiert bereits in der häufigsten Form des modernen Dating Market’s: Im Online-Bereich (Tinder, Lovoo etc.)

    Wenn es sich noch weiter ausbreitet, werden wir allerdings massive Probleme auf dem Erdball bekommen und da helfen weder Prostituierte noch Pornos. Btw. gibt es Pornos schon massenweise und an Prostituierten mangelt es auch nicht.

    Es geht um Liebe, die fehlen wird, dass Sex gesucht wird ist bei weitem zu kurz gegriffen.

    • Liebe vermehrt sich, wenn sie geteilt wird.

      Echte Monogamie ist eine seltene Erscheinung in der Natur, bei Vögeln gibt es höchstens Partnerschaften zur Aufzucht eines Geleges. Wenn die Jungen flügge sind, geht bzw fliegt jeder seiner Wege.

  6. Ich habe das Buch nicht gelesen aber in diesen FAQ und den Kommentaren hört es sich so an als könnten Männer von Natur aus nicht auf Sex verzichten. Ich komme aus Berlin wo ich es auch für Frauen als normal – und nicht wie hier beschrieben schmutzig – erlebt habe Sex ausserhalb von Beziehungen zu haben. Nun lebe ich in einer Grossstadt in Mexiko, in der es – auch für Männer – normal ist sittlich zu sein, also keinen Sex ausserhalb von Beziehungen haben zu WOLLEN (nicht „dürfen“). Das gleiche habe ich auf einer Reise in Costa Rica erlebt. Abgesehen davon dass tiefgründige Menschen – einschliesslich der Männer – problemlos auf Sex verzichten können. Ein Mangel an geistiger Entwicklung und an Sittlichkeit liegen nicht in der Natur des Menschen und auch nicht in der des Mannes, auch wenn es bei der Menschheit normal sein mag.

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