Auf lange Sicht durch den Sturm

Auf lange Sicht durch den Sturm

Dieser Artikel sollte eigentlich „Wie man angesichts der Weltlage nicht den Verstand verliert“ heißen. Jetzt kann ich ja über die letzten zwei Jahre alles mögliche berichten, nur nicht, wie man seinen Verstand nicht verliert, also habe ich mich dagegen entschieden. Dennoch glaube ich, etwas zum Thema beitragen zu können, denn mag sich auch mein persönliches Leben vom Kopf auf die Füße gedreht haben, mag ich mir selbst auch vorkommen wie eine Fremde, weil ich mich so verändert habe, mag meine Beziehung auch trotz ihrer zehn Jahre ganz neu für mich sein, so habe ich doch eines nicht: den Mut verloren, in dieser Welt, in ihrem Chaos, ihrem Lärm und ihrer Wackeligkeit weiter zu leben. Im Gegenteil. Ich schaue so gelassen in die Zukunft wie vielleicht noch nie in meinem Leben.

Die Durchschüttelung der Menschen

Es begann vor Jahren damit, dass ich mich konstant belastet fühlte. Kein Schlaf, kein Wochenendausflug, kein Urlaub am Meer konnte mir für längere Zeit Ruhe geben. Ich konnte nicht mehr lesen. Früher hatte ich ständig ein Buch auf dem Nachttisch, doch nach und nach schaffte ich es einfach nicht mehr, mich auf Geschichten einzulassen. Für Romane fehlte mir die Konzentration, für Sachbücher oft der Mut, denn die meisten dienten der Recherche zu meinem Buch, das das handliche Thema „Warum ist die Welt, vor allem die zwischen den Geschlechtern, eigentlich so beschissen wie sie ist?“ behandelt. Also hörte ich auf zu lesen. Spielte Match3-Spiele auf dem iPad oder lullte mich mit Serien ein. Auch Filme gingen nicht mehr, was für mich ein herber Verlust war, denn ich würde mich durchaus als Cineastin bezeichnen. Ich konnte einfach nicht mehr die Kraft aufbringen, mich für längere Geschichten zu interessieren.

Grund dafür war zum einen mein Buch selbst, das mir womöglich den größten Realitätsschock verpasst hat. Zum anderen aber auch das, was viele im Moment durchschüttelt: Klimakatastrophe, menschenverachtende Konzerngier, überhaupt Kapitalismus, Ausbeutung von Mensch und Umwelt, Verbrennungsmotoren, erstarkender Faschismus, Ungerechtigkeit, die ganze Scheiße, die uns feist gewordenen Industrienationen gerade durch den Ventilator mitten in die Fresse trifft. Am meisten gelitten habe ich unter meiner Ohnmacht, meiner Unfähigkeit, diese Dinge zeitnah ändern zu können.

Viele Tränenausbrüche, schlaflose Nächte und schmerzhafte Auseinandersetzungen mit den Ursachen meiner Dauerbelastung später kann ich tatsächlich eine gewisse Gelassenheit mein eigen nennen, obwohl ich noch nie zu den optimistischen Menschen gehörte. Geholfen haben mir eine Reihe von Perspektivwechseln, die zwar nicht unmittelbar etwas an der Beschissenheit der Welt ändern, aber mir ermöglichen, weiter in ihr zu existieren, ohne mir täglich einen Strick nehmen zu wollen. Da ich in meiner Filterblase viele ähnlich empathische und sensible Menschen habe, gebe ich meine Erfahrungen jetzt mal weiter.

Gegenwehr ist sinnlos oder Schmerz entsteht durchs Festhalten

Wenn man im Angesicht von Veränderungen leidet, dann entsteht der Schmerz meist gar nicht durch die Veränderung selbst, sondern durch ihre Ablehnung, den Versuch, das Alte festzuhalten. Je mehr man sich dagegen wehrt, dass etwas altes endet und etwas neues beginnt, desto größer wird der Stress, den der Transformationsprozess einem beschert. Der Spruch „Leben ist Veränderung“ mag banal sein, doch deshalb nicht weniger bedeutsam, denn er gilt sowohl im kleinen, persönlichen Rahmen wie im ganz großen.

Niemand von uns hat ein Recht auf Stillstand, mag er sich auch noch so gemütlich anfühlen. Leben ist Veränderung und je schneller man die Gegenwehr gegen etwas aufgibt, das man eh nicht kontrollieren kann, desto schneller lässt der Stress nach. Hinter der Gegenwehr steckt natürlich die Angst vor dem Unbekannten und die ist normal und menschlich. Ich habe früher viele Bereiche des Feminismus abgelehnt, weil ich zwar Gerechtigkeit für alle Geschlechter wollte, aber im Grunde ohne echte Veränderung des Systems. Ich wollte nicht, dass sich meine bekannten Werte, die bekannten Strukturen, die bekannten Normen ändern, und habe mich deshalb dagegen gewehrt, dass der Feminismus diese Dinge ändert. Jeder kann in meinen alten Blogartikeln nachlesen, wie wütend ich regelmäßig auf die Frauenbewegung war, sie war ein konstanter Stressfaktor in meinem Leben.

Heute akzeptiere ich Veränderungen, im Kleinen wie im Großen. Ich akzeptiere, dass viele Zustände der Welt vorübergehend sind. Ich akzeptiere, dass das sowohl „gute“ wie auch „schlechte“ Zustände sein können. Das bedeutet nicht, dass ich angesichts schlechter Zustände die Hände in den Schoß lege, sondern dass ich in ihrer Gegenwart nicht mehr sofort in zerstörerische, kräftezehrende Belastung verfalle.

Das Ist loslassen, das Wird akzeptieren.

Mein Leben ist unbedeutend und ebenso die Zeitspanne seiner Existenz

Der nächste Schritt ist etwas schwieriger, war für mich aber der Entscheidende, um wieder Zuversicht zu erlangen. Sein eigenes Leben mit Leid und Befindlichkeiten als unbedeutend zu empfinden, ist wahrscheinlich für die meisten egozentrischen, vergnügungssüchtigen, selbstverwirklichenden Großstädter (zu denen ich mich auch zähle) ein ziemlicher Schritt. Aber zu erkennen, dass sich die Welt unbeirrbar weiterdreht, egal wie sehr ich leide und weine und strample, ist Gold wert. Natürlich versuche ich weiter, ein guter Mensch zu sein, natürlich versuche ich weiter, das nach meinem moralischen Kompass Richtige zu tun, aber ich zerfleische mich nicht mehr in Verzweiflung, wenn ich das Elend der Welt nicht verbessern kann. Das Elend wird weiter existieren, ob ich darunter leide oder nicht, da kann ich es doch ebenso lassen zu leiden.

Wichtig außerdem: große Zeiträume. Früher habe ich in kurzen Zeiträumen gedacht, Zeiträume, die durch ein erwachsenes Menschenleben abgedeckt sind, vielleicht 20-50 Jahre. In diesem Zeitrahmen bewegten sich anfangs auch meine Erwartungen. Jedesmal, wenn ich bei irgendeinem Reizthema merkte, dass das schon vor 30 Jahren behandelt wurde, ohne dass sich im täglichen Leben etwas verändert hatte, wurde ich so wütend und verzweifelt. Ich wusste, egal wie viele Blogartikel oder Bücher ich schreiben, auf wie vielen Demos ich mitlaufen würde – ich würde nichts ändern können. Noch nicht einmal die Menschen, die viel, viel mehr Macht und Möglichkeiten und Reichweite als ich haben – Poliker, Reiche, Intellektuelle -, konnten in den letzten 30 Jahren ja offenbar etwas ändern.

Erste Erkenntnis also: der Mensch ist unabhängig von seiner persönlichen Macht veränderungsfaul. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Einstellung auf Veränderung meist energieaufwändiger ist, als in einem aushaltbaren Zustand zu verharren. Keine sehr schöne Erkenntnis, aber eine wichtige. Bei der Recherche zu meinem Buch, bei dem ich das Geschlechterverhältnis seit den nomadischen Frühmenschen betrachte, lernte ich die zweite wichtige Erkenntnis: Veränderungen dauern. Und zwar länger, viel, viel länger als ein Menschenleben, selbst Menschengenerationen abbilden können. Selbst die spektakulärsten Gamechanger in der Menschheitsgeschichte haben vom ersten Herumexperimentieren bis zur flächendeckenden Verbreitung vierstellige Jahreszahlen benötigt.

Weil wir das Internet haben und Informationen so viel schneller von Mensch zu Mensch gelangen als vor 100, 500 oder 2000 Jahren, gehen wir automatisch davon aus, dass auch die zugehörigen Veränderungen schneller sein müssten. Das Nadelöhr der Veränderung ist aber nicht die Informationsbeschaffung, sondern die neuronale Verarbeitung der Informationen im Gehirn. Also das Abwägen von Glaubwürdigkeit und Richtigkeit einer Information und dem anschließenden Ableiten einer Verhaltensänderung. Und auch wenn die Intelligenz des Menschen seit Beginn der Messungen, wie man so schön sagt, immer weiter gestiegen ist, ist es die Komplexität der Welt auch. Die Entscheidungsfindung fällt deshalb heute nicht zwingend leichter, sondern mitunter schwerer als vor 2000 Jahren.

Heute versuche ich, auf alle Entwicklungen der Welt durch ein mindestens 500 Jahre umfassendes Raster zu blicken, versuche, aktuelle Trends zu extrapolieren, um zu erahnen, wie die langfristige Bewegung sein wird. Das hilft.

Die Evolution geht weiter

Ich bin Biologin mit Schwerpunktinteresse auf Evolutionsbiologie und Populationsökologie, also Fragen der langfristigen Entwicklung von Individuen und Individuengruppen. Ich blicke aus einer konstanten Vogelperspektive auf Lebewesen und sehe Ordnung, wo andere nur Chaos wahrnehmen. Ich empfinde viel innere Ruhe bei dem Gedanken, dass allem Leben und seiner Interaktion mit der belebten und unbelebten Umwelt eine logische Wenn-Dann-Verknüpfung zugrunde liegt.

In „Jurassic Park“ raunt der eigenwillige Wissenschaftler Ian Malcolm „Das Leben findet einen Weg“, als er hört, wie naiv der Milliardär John Hammond an die Kontrollierbarkeit seines Dinosaurierparks glaubt. Ja. Leben findet einen Weg. Immer. Die vom Menschen gemachte Klimakatastrophe verläuft zu schnell für die meisten höheren Tiere, um sich an die veränderten Lebensbedingungen anzupassen. Evolution erfolgt nur generationsweise Stückchen für Stückchen, Schritt für Schritt. Und langlebige Arten wie die höheren Säugetiere, Reptilien oder Knorpelfische bräuchten tausende von Jahren, vielleicht sogar hunderttausende von Jahren, um sich anzupassen. Gegen eine seit gut 100 Jahren dauernde Klimaveränderung, die in vielen Teile der Welt schon heute zu sprungartigen, plötzlichen Umweltveränderungen führt, zu Dürren, zu Fluten, zum Zusammenbruch von Nahrungs- und Wasserquellen, sind sie chancenlos. Von akuteren Ereignissen wie Umweltgiften oder Waldrodung wollen wir da gar nicht erst reden. Die schlechte Nachricht also ist: viele Arten haben wegen des Menschen gar keine Möglichkeit, sich evolutionär anzupassen. Sie werden sterben und der Mensch wird schuld sein.

Aber: Das Leben findet einen Weg. Mögen 80% der Arten aussterben, mögen 80% der Menschen sterben (was ich für realistisch und im geschlossenen Ökosystem Erde für unausweichlich halte) oder auch alle – das ist nicht wichtig für mich.Wir mit unserem zeitlich begrenzten Seh- und Denkvermögen glauben, es gäbe einen Ist-Zustand, eine unveränderte Gegenwart, aber das ist ein Irrtum. Evolution passiert immer, in jedem Augenblick jeder Generation von jedem einzelnen Lebenwesen sind evolutionäre Mechanismen am Werk, sie verändern Arten, verändern ihre Fähigkeiten, verändern ihre Überlebenschancen. Nichts auf diesem Planeten befindet sich in einem Ist-Zustand. Wir glauben das, weil das für unser Gehirn leichter zu greifen ist und weil Evolution höherer Arten fast unmöglich sichtbar zu machen ist.

Aber: alles ist Veränderung. Arten kommen, Arten gehen. Wir ertragen das schlecht, weil wir Schuld sind, aber man könnte sich doch auch einfach vorstellen, dass der Mensch für heutige Arten das ist, was der große Meteorit von Yukatan an der Kreide-Tertiär-Grenze für die damaligen Lebewesen war: ein singuläres, krasses, akutes Ereignis, das fast das gesamte Leben auf dem Planeten innerhalb eines evolutionär relativ kurzen Zeitraumes auslöschte und gleichzeitig Raum für neues Leben schuf.

Das Leben findet einen Weg, die Evolution geht weiter. Sie wird neue Arten entstehen lassen, mit neuen Fähigkeiten, die an die dann neuen Lebensräume perfekt angepasst sind. Möglicherweise werden neue Hominidenarten dabei sein, die vorausschauender sind als wir, oder es werden nur anspruchslose, niedere Arten übrigbleiben. Die Evolution wird Ordnung schaffen, die gleiche schöne und schreckliche Ordnung, die auf diesem Planeten immer herrschte. Sie wird es in ihrem Tempo tun und sie wird Opfer kosten, aus jeder Generation jeder Art einen Teil. Aber am Ende wird alles wieder einen Sinn ergeben. Wir, die Menschen, müssen in diesem Sinn nicht vorkommen.