Wollen können machen

Wollen können machen

Weil ich mich im Schreibexil in einem einsamen Turm im Meer befinde, wo ich mit Handschellen an die Heizung gekettet bin, DAMIT ICH ENDLICH DAS BUCH FERTIG SCHREIBE, gibt es hier im Moment nicht viel zu lesen. Doch eine Sache liegt mir so sehr am Herzen, dass ich für sie eine Ausnahme mache.

Wer mir bei Twitter folgt, weiß, dass ich im Moment sehr damit hadere, dass wir Bewohner der reichen Ersten Welt immer noch viel zu zögerlich damit sind, unser Alltags- und Konsumverhalten dem Wissen um die gravierende Ausbeutung und Umweltschädigung, die daraus entstehen, anzupassen. Ich war selber lange ganz groß darin zu glauben, es sei mit einer kritischen Grundhaltung getan. Es würde irgendwie reichen, ein schlechtes Gewissen zu haben bei den unvernünftigen, ausbeuterischen, egoistischen und bequemen Dingen, die wir jeden Tag tun. Aber es reicht nicht. Das Plastik in den Weltmeeren reduziert sich um genau nichts, wenn ich zwar kritisch bin, aber weiterhin eingeschweißte Lebensmittel, Wasserflaschen, Kleidung aus Kunstfaser und Plastiktüten kaufe bzw. benutze. Die Menschen und Umwelt ausbeutenden Aktivitäten des Nestlé-Konzerns werden nicht nur nicht besser, sondern sogar schlimmer, wenn wir weiter Evianwasser schlürfen, uns ein Kitkat wegknuspern oder irgendwelche anderen Nestlé-Marken kaufen – egal, wie kritisch wir es tun.

„Ich kann nicht“

Nach dieser Erkenntnis ist es Zeit für den ersten Schritt: Dinge zu verändern. Aber halt!

„Ich würde ja supergerne auf Konsum verzichten, aber wenn ich meinem Kind dieses Plastikspielzeug nicht kaufe, wird es in der Schule gedisst.“
„Ich würde ja gerne auf mein Auto verzichten, aber wer bringt dann die Kinder zum Sport?“
„Ich bin echt nicht scharf auf Shopping, aber dieses Oberteil muss ich haben, weil ich nächste Woche doch auf Claudis Hochzeit eingeladen bin!“
„Ich würde beim Einkauf gern auf Plastiktüten verzichten, aber ich bin so ein Chaot, dass ich meine Stoffbeutel oft zuhause vergesse.“
„Ich weiß, dass Fleischkonsum einer der Hauptgründe für Umweltzerstörung ist, aber bei vegetarisch fehlt mir einfach zu viel.“

Natürlich gibt es auch ein echtes „Ich kann nicht“. Viele Veränderungen hin zu mehr Umweltfreundlichkeit und Gerechtigkeit in der Produktionskette machen die Waren deutlich teurer. Ich verstehe absolut, dass eine Umstellung auf pestizidfrei angebaute und fair gehandelte Waren für Menschen mit geringem Einkommen kaum machbar ist. Viele Menschen sind außerdem aus medizinischen Gründen auf bestimmte Produkte angewiesen und auch hier ist ein Verzicht nicht in der Form möglich wie für gesunde Menschen. Dieser Artikel richtet sich nicht an Menschen, die wegen einer Behinderung Strohhalme brauchen, sondern an die, die Strohhalme möchten, weil das Trinken damit mehr Spaß macht. An alle, die sich ihr „Ich kann nicht“ mit nichts als Ausreden erkaufen.

„Es geht nicht“, „Es schmeckt mir nicht“, „Es passt nicht in meinen Tagesablauf“ – all das sind nur andere Formulierungen für: „Ich will nicht“. Und wir alle in den wohlhabenden Westländern müssen dringen damit aufhören, sehr dringend.

Ein beliebtes Beispiel ist der Umstieg auf Leitungswasser statt Wasser aus (Plastik-)Flaschen. Man liest dann immer wieder „Bei uns schmeckt das Leitungswasser nicht“ (aka „Ich kann nichts verändern“). Wisst Ihr eigentlich, was für ein unfassbarer Luxus es ist, zu sagen „Mir schmeckt dieses Wasser nicht“?! Es ist dekadent, eine umweltfreundliche Maßnahme, nämlich den Umstieg auf Leitungswasser, abzulehnen, weil das Wasser nicht schmeckt. In Berlin ist das Wasser so hart, dass es von selber stehen bleibt, wenn man das Glas umstülpt. Berliner Leitungswasser schmeckt, als würde man an einer Stange Kalk lutschen. Ich dachte anfangs, dass es mir nie gelänge, darauf umzusteigen. Am Anfang schluckte ich das Wasser ganz schnell runter, um möglichst wenig von diesem ekligen Kalkgeschmack zu schmecken. Ich versuchte sogar, den Geschmack meiner sehr ionenreichen Lieblingsmarken zu kopieren, indem ich ein paar Salzkörner in die Flasche Leitungswasser gab. Mittlerweile weiß ich nicht einmal mehr, wie meine Lieblingsmarke schmeckte, so normal ist Berliner Leitungswasser für mich geworden.

Ich bin es so leid, dabei zuzusehen, wie sich Verbraucher („Ich kann nicht“), Unternehmen („Dafür besteht keine Nachfrage“) und Politik („Wir können Verbraucher und Unternehmen nicht entmündigen“) gegenseitig die Verantwortung für eine Veränderung der globalen Situation in die Schuhe schieben und sich genau deshalb absolut nichts ändert.
Ich bin es leid, dabei zuzusehen, wie Regierungsführer aus aller Welt bei der Frage stehenbleiben, ob nun offene Märkte oder geschlossene Märkte der Segen der Welt sind. Der Segen der Welt, liebe Freunde, ist ein Zurückstutzen des wuchernden Kapitalismus, der sich Umwelt und Mensch gleichermaßen einverleibt. Der keine moralischen Grenzen kennt, um mehr Gewinne zu machen.

Und um den Kapitalismus zurechtzustutzen ist nur eine Sache wichtig: weniger Konsum. Nicht anderer Konsum, sondern weniger Konsum. Jedes Unternehmen ist darauf angewiesen, dass Kunden ihren Scheiß kaufen. Das bedeutet, dass die mächtigste Stellschraube in dem Dreigestirn aus Verbraucher, Unternehmen und Politik der Verbraucher ist. Der Verbraucher ist mächtig. Ihr seid mächtig. Eure Nachfrage regelt das, was Firmen produzieren. Jedes Mal, wenn Ihr den Mensch und Umwelt ausbeutenden Billigscheiß, den Euch Unternehmen vorsetzen, kauft, signalisiert Ihr dem Unternehmen „Dein Scheiß ist okay für mich“. Jedes Ausnahme-Oberteil für Claudis Hochzeit, jede Flasche Wasser, jede Plastiktüte ist für Euch okay. Mit dieser Verbraucherbotschaft gibt es für Unternehmer kaum Gründe, den Betrieb kostspielig auf umweltfreundlichere Technik umzustellen oder sich der Degrowth-Bewegung anzuschließen, die eine Wirtschaftsweise anstrebt, deren Ziel nicht kontinuierliches Wachstum ist. Führt Euch vor Augen, dass Ihr mit jeder einzelnen Kaufentscheidung nicht nur das Handeln von Unternehmen beeinflussen könnt, sondern auch das tatsächliche Müllaufkommen, den CO2-Ausstoß, Abgase, Gifte.

„Ich kann“

Wir haben in den letzten zwei Jahren viele Dinge in unserem Leben verändert, die eben nicht teurer sind, sondern von denen uns vorher lediglich unsere eigene Bequemlichkeit abgehalten hat. Unser „Es geht nicht“ war in ganz vielen Fällen ein „Ich will nicht“, und deshalb bin ich wild entschlossen, uns diese Ausreden nicht mehr durchgehen zu lassen. Bis heute haben der Mann und ich noch nicht annähernd das Maximum unserer Möglichkeiten zur Veränderung ausgeschöpft, bis heute machen wir noch viel zu viele Ausnahmen und bis heute sind die Gründe dafür zu 99% Ausreden. Aber wir überlegen immer wieder, was wir noch tun können, ringen uns immer wieder neue Schritte ab und finden immer wieder Kleinigkeiten, deren Veränderung oder Abschaffung wir uns zumuten wollen und können. Wir wollen weniger Müll, weniger Plastik, weniger Konsum insgesamt, wir wollen mithelfen, mitmachen, den Arsch hochkriegen und unsere eigene Heuchelei entlarven als das, was sie ist.

Daher gibt es nachfolgend eine aktualisierte Liste von Dingen, die wir mittlerweile verändert haben. (Eine erste Version gab es hier.)

  1. Um Müll zu reduzieren, sind wir bei Taschentüchern, Servietten und Küchentüchern von Papier auf Stoff umgestiegen. Damit die Wäscheberge den Umweltvorteil nicht gleich wieder zunichte machen, benutzen wir natürlich alles mehrmals. Erst wenn in jede Stelle des Taschentuchs gerotzt wurde, die Serviette üppig mit Tomatensauce verziert ist und der Küchenlappen Oberflächen nicht mehr sauber, sondern dreckig macht, kommt alles in die Wäsche. Der Wechsel war supereinfach, es gab keine komischen Umgewöhnungsgefühle.
  2. Beim Einkauf verzichten wir auf alle Arten von Papier- und Plastiktüten. Viele Menschen glauben auch, Papiertüten seien weniger schlimm als Plastiktüten, ich habe das auch lange geglaubt. Doch so einfach ist es nicht, weil es nicht nur auf die Verrottungsdauer in der Natur ankommt, wie Thomas Fischer von der Umwelthilfe hervorhebt. Viele Obst- und Gemüsesorten, die ich früher in kleine Plastiktüten abgepackt hätte, brauchen im Grunde gar nicht verpackt zu werden. Zwiebeln, Kartoffeln, Möhren, Porreestangen, Kohlköpfe, Äpfel oder Zucchini sind so unempfindlich, dass man sie problemlos lose in den Einkaufswagen legen kann. Für empfindlichere Sorten gibt wiederverwendbare Netze (z.B. in der Obstabteilung der Bio Company). Ich vermute, solche Beutel bekommt man aber auch anderswo. An der Kasse nehmen wir niemals irgendwelche Tüten, sondern immer nur unsere mitgebrachten Taschen. Wir sind auf lose Eier umgestiegen, damit wir Eierpappen wiederverwenden können. Unsere „No plastic/no bags!“-Politik verfolgen wir so hart, dass wir im Falle des Vergessens das jeweilige Obst entweder gar nicht kaufen oder ausnahmsweise auch lose (aus dem Grund gibt es bei uns keine von mir so geliebten Cherrytomaten mehr, die zwar so viel leckerer sind als normale, die es aber nur in Plastikverpackungen gibt). Kaffeebohnen lassen wir uns in einem kleinen Laden um die Ecke lose in unseren eigenen Beutel abfüllen. Unverpackt-Läden gibt es natürlich nicht in jeder Stadt, aber jeder kleine Plastikvermeidungsschritt zählt.
  3. Als leidenschaftlicher und hingebungsvoller Fleischesser hätte ich nie gedacht, dass ich diesen Satz einmal schreiben würde, aber wir essen heute ein bis zwei Mal die Woche vegetarisch (das Geheimnis, mich zu einer vegetarischen Mahlzeit zu bewegen, war übrigens dieses Rezept für selbstgemachte Miracolisauce, im Sommer sind aber auch vegetarische Salate mit Käse oder Ei ein absolut adäquater Fleischersatz). An den restlichen Tagen versuchen wir, etwas mehr Fisch zu essen statt Schwein oder das unter Umweltgesichtspunkten besonders problematische Rindfleisch.
  4. Wenn wir ausnahmsweise etwas zu Essen von draußen holen, weil wir nicht selber kochen, nehmen wir eigene Behältnisse mit. Bei unserer Lieblingsburgerbude ist das überhaupt kein Problem. Ja, beim ersten Mal hat sich das komisch angefühlt, eigene Tupperdosen herauszukramen, damit der Burgerbrater die Pommes dort hineinfüllt, aber das legte sich schnell und heute finden wir es eher gut, wenn möglichst viele Menschen sehen, dass man Müll vermeiden kann. Ähnlich ist es beim Morgenkaffee, den der Mann auf seinen täglichen Wegen trinkt. Er hat einen faltbaren Silikonbecher, der nicht nur Müll spart, sondern leer auch in die Hosentasche passt. Aktuell suchen wir noch wiederverwendbare Pizzapappen, Ideen also gerne zu mir.
  5. Nach wie vor haben wir kein Auto. Früher haben wir bei geplanten Urlauben noch Autos gemietet, aber mittlerweile lassen wir auch das weg. An unsere bevorzugten Urlaubsorte an der Ostsee und in Bayern fahren wir mit dem Zug, letztes Mal haben wir sogar auf die motorisierten Ausflüge am Zielort verzichtet und statt dessen zu Fuß die Umgebung erkundet. Urlaub lässt sich planen. Er lässt sich mit Auto planen und er lässt sich ohne Auto planen. Das ist nur eine Frage des Wollens, immer dran denken.
  6. Viele Lebensmittel, die es nur in Plastikverpackung gibt, kann man leicht und ohne Verpackung selbst herstellen. Es fängt an bei der oben verlinkten Tomatensauce, für die wir natürlich keine passierten Tomaten aus Dosen oder Tetrapaks nehmen, sondern lose, die wir selbst pürieren. Knoblauch, Apfelringe und Pesto-Tomaten trocknen wir selber, gerne auch in größeren Mengen, damit die Energiebilanz eines lange laufenden Ofens nicht den Vorteil des Verpackungsverzichts auffrisst (getrocknete Tomaten halten sich im Kühlschrank ewig). Es geht bis zu Gewürzen und Kräutern, die wir in der Natur selbst sammeln und ebenfalls trocknen und abfüllen. Wilder Wunderlauch wächst in Berlin mitten im zentralen Plänterwald, an der Ostsee fanden wir letzte Woche an einem Feldweg wilden Majoran, am Geiseltalsee in Sachsen-Anhalt wachsen Unmengen Majoran und Rucola (Nein, ich schlage damit nicht vor, dass man für eine Portion Rucola quer durch die Republik fährt, ich sage nur, dass man auch „in der Zivilisation“ ziemlich viel in der Natur finden kann.)
  7. Bisher erst einmal gemacht, steht aber auf Wiedervorlage: die Müllanalyse. Nach exakt einer Woche leeren wir den Plastikmüll (gelben Sack) auf dem Küchenboden aus und schauen uns an, woher die einzelnen Verpackungen kommen. Danach überlegen wir gemeinsam, welche verpackten Güter wir noch durch unverpackte ersetzen oder selbst herstellen können.
  8. Konsumboykott: weiterhin kaufen wir nur noch sehr wenig Wohlstandsgüter. Kleidung gibt es bei uns ausschließlich, wenn etwas altes unreparierbar kaputt ist, und dann auch nur second-hand bei ubup oder von einem Ökoanbieter wie hessnatur oder avocadostore. Auch Bücher, CDs, Spiele und Filme kaufen wir nach Möglichkeit gebraucht bei Medimops. (Ich verlinke die Shops hier nicht, weil dies kein Aufruf sein soll, die Welt gesundzukaufen.) Ich dachte immer, ich würde nie zu Datenträgern zurückkehren, weil ich physischen Besitz einengend finde, aber Bücher und CDs sende ich nach ein paar Mal lesen/hören einfach wieder zurück an Medimops, so bleiben die Waren im Gebrauchskreislauf, ich kriege sogar ein bisschen Geld dafür zurück und mein physischer Besitz wächst durch den Kauf nicht. Alle Wohlstandskäufe sprechen der Mann und ich vorher miteinander ab. Weniger um uns eine Erlaubnis vom anderen zu holen, sondern um uns den Kauf bewusster zu machen.
  9. Nachtrag, weil vergessen: statt einer Armada aus Plastikflaschen mit Duschgelen, Shampoos und Spülungen befindet sich in unserer Dusche jetzt nur noch ein Stück verpackungsloser Seife und eine Flasche medizinisches Shampoo. Wir haben versucht, auch diese Plastikflasche noch einzusparen und auf Haarseife umzusteigen, aber meine zu Ekzemen neigende Haut macht den Wechsel trotz mehrerer Versuche mit verschiedenen Alternativen einfach nicht mit. Dennoch hat der Schritt die Anzahl der Plastikflaschen in unserem Haus signifikant verringert.
  10. Nachtrag, weil auch vergessen: wir sind von Backpapier auf wiederverwendbare Backfolie umgestiegen. Die ist zwar auch aus Plaste, aber dauerhaft verwendbar. Wir haben zwar auch das Backpapier früher im Schnitt 2-3 Mal benutzt, aber dann kam es eben doch weg. Da wir den Backofen ziemlich oft benutzen, hat der Wechsel auf die Folie (gibt es z.B. bei Rossmann) schon ziemlich viel Müll gespart.

„Willste nich‘ oder kannste nich‘, Bürschchen?“

Bitte schreibt mir hier keine Rechtfertigungen in die Kommentare, weshalb es sich in Eurem speziellen Fall doch nicht um Ausreden, sondern um echte „Ich kann nicht“-Fälle handelt. Wären wir Menschen in den letzten 50 Jahren (seit den weitsichtigen und alarmierenden Schriften des Club of Rome) mit uns selbst ehrlich gewesen, und ich schließe mich selbst dabei ganz ausdrücklich ein,  könnten CO2-Ziele, Müllreduktion und der Kampf gegen Menschenausbeutung schon viel weiter sein. Seid ehrlich mit Euch. Interessiert Euch. Fragt Euch, was Ihr tun könnt. Lasst Euch selbst ein „Es geht nicht“ nicht vorschnell durchgehen. Erkundigt Euch, wie Waren produziert werden, und wenn Ihr keine Antwort bekommt oder die Antwort nicht zufriedenstellend ist: kauft nicht. Kauft nicht zähneknirschend oder kritisch oder mit schlechtem Gewissen, sondern kauft gar nicht. Verzichtet bei Lebensmitteln und Kosmetika auf Reise-/Probiergrößen, weil kleine Gebindegrößen immer die schlechteste Verpackungsbilanz haben. Recherchiert im Netz, wie man Lebensmittel, Reiniger und andere Dinge des täglichen Lebens umweltfreundlich selbst herstellen kann. Nicht alles, was nachhaltig und öko ist, ist auch teuer oder zeitaufwändig. Nachhaltigkeitsportale wie www.utopia.de oder www.smarticular.de bieten sowohl reichlich Tipps zum Selbermachen, fundierte Hintergrundinformationen sowie Adressen von Händlern und Unternehmen, denen die Produktionsbedingungen ihrer Waren nicht am Arsch vorbeigehen.

Hört auf zu glauben, man könne diesen vom Kapitalismus verwüsteten Planeten gesundkaufen, indem man nur die richtigen Produkte erwirbt. Kein Mensch braucht 17 Paar Schuhe, 10 Hosen oder 14 Handtaschen – erst recht nicht von Herstellern, die die unverkauften Reste ihrer Kollektionen verbrennen, damit der Markenname begehrt bleibt. Jede normale Supermarktkette bietet heute eine eigene Bio-Linie, aber hat das irgendetwas besser gemacht? Nein, im Gegenteil. Heute wird mehr herkömmliches Fleisch produziert als wir in Deutschland jemals essen können. Wir züchten und verwursten mehr Tiere (und verwüsten dabei mehr Fläche) als wir brauchen und daran haben die supermarkteigenen Bio-Linien absolut nichts geändert. Man kann nichts gesundkaufen.

Aber selbstverständlich sind Kunden nicht die einzigen Stellschrauben. Appelle an Konsumenten sind nur die eine Hälfte.

Von Händlern wünsche ich mir,

  • ihr Sortiment hin zu mehr Regionalität und Saisonalität zu verkleinern: klar, das kostet erst einmal Kunden, die das Gewünschte dann bei der Konkurrenz kaufen. Aber wenn erst einmal genügend Supermarktketten mitziehen, dann akzeptiert der Kunde auch, dass es im Winter nun einmal keine Erdbeeren gibt oder dass Ananas nicht in der Uckermark wachsen. Kunden kaufen, was der Handel anbietet. Bietet der Scheiß an, kaufen die Leute Scheiß und gewöhnen sich daran, dass der Scheiß Teil ihres Lebens wird, ohne sich noch Gedanken darüber zu machen, welchen Preis die Umwelt für diesen Scheiß bezahlt.
  • mit dem gnadenlosen Preisdumping aufzuhören, das Produzenten geradezu dazu zwingt, Menschen auszubeuten und auf Umweltschutzrichtlinien zu pfeifen, weil sie die Vorgaben anders nicht einhalten können. Das Vorgehen großer Supermarktketten wir rewe, Edeka oder Lidl grenzt an Erpressung, wenn Produzenten ganz offen mit Auslistung gedroht wird, wenn sie nicht billiger werden.
  • Marken aus dem Sortiment zu streichen, die unnötig Verpackungsmüll produzieren. Betrifft auch Bio-Marken. (folierte Teebeutel, eingeschweißte Lebensmittel usw.)
  • Netze/Stoffbeutel in der Obst-/Gemüseabteilung anzubieten oder Schilder aufstellen „Bitte nehmen Sie nur Beutel, wenn Sie wirklich einen brauchen“
  • an der Kasse fragen, ob der Kunde den Bon will, BEVOR man ihn ausdruckt

Außerdem wünsche ich mir, dass der Preis einer Ware nicht nur ihre Produktion widerspiegelt, sondern auch ihre Folgekosten für Mensch und Umwelt. Eine Art Ökosteuer, die dem Verbraucher klar macht, dass das, was er gerade kauft, Spuren auf dieser Welt hinterlässt. Das bedeutet selbstverständlich, dass Landwirte einen für ihre Arbeit und Waren angemessene Entlohnung erhalten und nicht bloß Pfennigbeträge. Weiterhin wünsche ich mir ein Exportverbot für Fleisch. Ja, richtig gelesen. Landwirte sollten nur so viel Fleisch produzieren, wie im Land tatsächlich benötigt wird. Weg von einer Überflussgesellschaft und hin zur Bedarfsgesellschaft. Bevor Produkte auf den Markt gegeben werden, gibt es eine Art Umwelt- oder Nachhaltigkeits-TÜV, der prüft, ob das Produkt ungiftig zu entsorgen, wiederverwendbar und reparierbar ist. Produkte, die die Prüfung nicht bestehen, fallen durch. Dieser TÜV nimmt sich auch der geplanten Obsoleszenz an, die dazu führt, dass Geräte nach einer überschaubaren Lebenszeit den Geist aufgeben, etwa durch Akkus, die nach 2 Jahren schwächeln und nicht ausgetauscht werden können, weil sie fest verbaut sind. Produkte, die auf unverhältnismäßige Verpackungskonzepte setzen, wie Kapselkaffee, werden gar nicht erst zugelassen.

Ich weiß, dass all das unrealistisch ist, ich weiß, dass all das eine unzumutbare Einbuße an Komfort darstellt und einen noch unzumutbareren Anstieg der Lebenshaltungskosten. Aber wir müssen endlich begreifen, dass es bisher nur deshalb bequem und billig war, WEIL sich niemand um ausgebeutete Arbeiter und vergiftete Umwelt gekümmert hat.

Es geht nicht darum, den Lebenswandel beizubehalten, ABER IN UMWELTFREUNDLICH. Es geht darum, den Lebenswandel zu ändern. Ich will, verdammt nochmal, dass wir alle – Verbraucher, Politiker und Landwirte – aufhören, über den Klimawandel besorgt die Stirn zu runzeln, und anfangen, etwas dagegen zu tun. Lasst uns anfangen und aufhören, Scheiß zu kaufen. Keine Ausreden mehr.