Der verdeckte Eisprung und die Monogamie: ein androzentrisches Märchen

Der verdeckte Eisprung und die Monogamie: ein androzentrisches Märchen

Wer nach Erklärungen für die monogyne Paarbeziehung sucht, wird früher oder später auf die Theorie stoßen, sie sei durch den verdeckten Eisprung der Menschenfrau entstanden. Damit ist gemeint, dass der Eisprung der Frau im Geheimen abläuft, ohne dass der Mann ihn von außen erkennen kann. Der verdeckte Eisprung ist ein starkes Beispiel dafür ist, wie blind die androzentrische Forschung sein kann und wie fehlerhaft und einseitig daher unsere Annahmen über unsere Sexualität. Ich möchte deshalb diese wissenschaftliche Ente, die sich bis heute als „Fakt“ hält, in ihre Details aufdröseln.

In den sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann die Wissenschaft damit, sich für die Ursprünge der Menschen zu interessieren, insbesondere die Aspekte des sozialen Zusammenlebens und der Sexualität. Mehrere Wissenschaftler widmeten sich den Unterschieden zwischen der Menschenfrau und anderen Säugetierweibchen, vornehmlich Affen, die auf den ersten Blick gravierend waren.
Die Weibchen der meisten anderen Tierarten sind ausschließlich um ihren Eisprung herum überhaupt für Sex zu haben, ihre Sexualität ist rein reproduktiv. Zusätzlich sondern die Weibchen bestimmte Duftstoffe ab oder signalisieren durch visuelle Zeichen, dass sich der Moment ihrer Paarungsbereitschaft nähert. Besonders eindrucksvoll wirkt diese Östrus oder Hitze genannte, fruchtbare Phase bei Schimpansen oder Pavianen, deren Weibchen um ihren Eisprung herum knallrote, prall mit Gewebswasser gefüllte Vulven zur Schau stellen. Doch auch das Verhalten verrät dem Männchen, was Sache ist: wenn die Weibchen anschmiegsam werden und durch Rufe oder aufreizende Körperhaltung die Männchen zu locken versuchen, begreift auch der letzte Junggeselle, was die Stunde geschlagen hat.
Angesichts solcher Spektakel wirkt die Menschenfrau geradezu unscheinbar. Sie schwillt nicht, sie ruft nicht, sie riecht nicht (zumindest nicht bewusst wahrnehmbar) und trägt obendrein auch noch Kleidung, die die Entdeckung von Hinweisen noch schwerer macht. Außerdem ist ihre Sexualität nicht auf den Eisprung beschränkt, sondern sie kann während des gesamten Zyklus sexuelle aktiv sein. Diese nicht auf Reproduktion beschränkte Sexualität nennt man extended female sexuality. Man nahm daher an, die Frau habe die erkennbare Hitzephase verloren, und nannte das Phänomen loss of estrus oder concealed ovulation.

In den siebziger Jahren kam schließlich die Frage auf, was der evolutionäre Sinn hinter diesem verlorenen Östrus sein mochte. Dass der menschliche Eisprung verdeckt ist, erschien der wissenschaftlichen Welt so einleuchtend und richtig, dass sie den Umstand gar nicht als Hypothese behandelte, als Vermutung, die zu diskutieren und überprüfen ist, sondern als Fakt. Es wurde daher kaum gefragt „Gibt es beim Menschen wirklich keine Anzeichen für den Eisprung?“, sondern eher „Warum gibt es beim Menschen keine Anzeichen für den Eisprung?“ Man vermutete einen Zusammenhang mit der Entstehung der monogynen Paarbindung. Danach habe die Frau ihren Eisprung im Laufe der Evolution verschleiert, den Mann also im Unklaren darüber gelassen, wann ihre Eizellen befruchtungsfähig sind, um ihn dazu zu bringen, bei ihr zu bleiben und sich an der Versorgung des Nachwuchses zu beteiligen. Umgekehrt könnte man auch formulieren, dass der Mann, als die Frau anfing, Ovulationsgeheimnisse vor ihm zu haben, ihr einfach nicht mehr von der Seite wich und sich über den gesamten Zyklus wiederholt mit ihr paarte, um sie sicher zu schwängern. Der verdeckte Eisprung führt nach dieser Theorie also direkt zur treuen Paarbindung. Studien scheinen den Zusammenhang insofern zu stützen als die meisten monogam lebenden Affenarten einen eher unauffälligen Eisprung haben.

Man hatte nun also sowohl eine mögliche Erklärung als auch die vermeintliche Bestätigung durch andere Primatenarten. Das klang alles so sauber und logisch und rund, dass die Theorie und der verdeckte Eisprung, auf dem sie beruht, bis heute fester Bestandteil evolutionsbiologischer Bildung sind. Der supilustige Gag aber ist: es gibt den verdeckten Eisprung beim Menschen nicht.
Zum einen gibt es keine saubere wissenschaftliche Definition für den verdeckten Eisprung, wie ich gleich zeigen werde, und zum anderen liegt er selbst bei genauester Abgrenzung beim Menschen einfach nicht vor.

Ungenaue Definition

Mindestens vier Merkmale bestimmen darüber, ob der Eisprung erkennbar ist:
1. Sexuelles Interesse des Weibchens: rein reproduktiv oder extended female sexuality?
2. Geruch: Hormonhaushalt und damit Geruch immer gleich oder mit Unterschieden?
3. Genitalschwellung: gibt es diese oder andere optische Veränderungen?
4. Verhalten: ändert es sich beim Eisprung, z.B. Lockrufe, Körperhaltung?

Das heißt, nur wenn bei allen vier Punkten ein sicheres Nein steht, liegt tatsächlich ein verdeckter Eisprung vor. Zeigt ein Weibchen auch nur eines der Merkmale, ist ihr Eisprung für das Männchen erkennbar.

Dennoch verkürzen viele Arbeiten, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, die vier Bedingungen. Geruchliche Signale werden häufig in einem Nebensatz weggenuschelt, bei Hunde- und Katzenartigen wird Geruch vollumfänglich als Ovulationsanzeige gewertet, bei Affen und Menschen aber, obwohl die Weibchen einen ähnlichen Hormoncocktail produzieren, bleibt Geruch oft unerwähnt. Oft wird concealed ovulation und hidden/loss of estrus synonym benutzt und damit ein singuläres, körperliches Ereignis, der Eisprung, einer mehrere Tage umfassenden Phase meist deutlicher Signale gleichgesetzt. Gelegentlich wird die extended female sexuality mit einbezogen, aber am häufigsten liegt der Fokus auf der Genitalschwellung. Die komplexe Östrusphase, in der Männchen auf verschiedene Weise erkennen können, dass das Weibchen jetzt offen für eine Annäherung und Befruchtung ist, wird in den meisten Arbeiten der letzten fünf Jahrzehnte auf ein einziges optisches Merkmal reduziert. Die logische Schlussfolgerung dieser unterkomplexen Definition lautet: keine Genitalschwellung = keine Ahnung.

Das babylonische Kauderwelsch führt zu sehr wirren Angaben zum verdeckten Eisprung und unauflösbaren Widersprüchen. So gibt es mehrere Affenarten, deren Weibchen zwar prächtige Genitalschwellungen aufweisen (Eisprung gilt als erkennbar), sich aber über fast die gesamte Länge ihres Zyklus mit Männchen paaren (Eisprung gilt als nicht erkennbar).

Gerade der Punkt der extended female sexuality ist als Merkmal für den verdeckten Eisprung aus meiner Sicht wissenschaftlich höchst fragwürdig, denn die Bewertung, ob ein Weibchen wirklich von sich aus sexuell aktiv ist oder nur männlichem Drängen nachgibt, ist nicht ganz einfach. Orang-Utans etwa haben keine Genitalschwellung und die Weibchen auch außerhalb ihrer fruchtbaren Tage Sex mit Männchen. Sie gelten daher wie wir als Art mit einem verdeckten Eisprung. Untersuchungen mit Labortieren zeigen jedoch, dass die häufige sexuelle Aktivität der Weibchen eindeutig auf den Druck der Männchen zurückgeht. Ein Teil der freilebenden Männchen übt nämlich bei der Begegnung mit einem Weibchen massiven Zwang aus, um sich mit ihm zu paaren.
Haben die Weibchen unter Laborbedingungen durch ein geeignetes Käfigdesign aber die Kontrolle darüber, ob sich die Männchen ihnen nähern können oder nicht, lassen sie sie ausschließlich während ihres Eisprung an sich heran und leiten den Sexualakt dann sogar selbst ein. Ohne den männlichen Druck zeigen weibliche Orang-Utans also einen deutlichen Verhaltens-Östrus und eher reproduktives Sexinteresse. Wo Männchen die Weibchen die ganze Zeit zum Sex drängen, sind also sie selbst es, die einen Verhaltens-Östrus unterdrücken und den Eisprung damit schwerer erkennbar machen. Echte dauerhafte weibliche Sexualität liegt nur dann vor, wenn ein Weibchen von sich aus und freiwillig Interesse an Sex zeigt, nicht aber, wenn es der mitunter massiven Druckausübung der Männchen nachgibt.

Welche Häufigkeit der sexuellen Betätigung bei Menschenfrauen natürlicherweise, das heißt ohne die religiösen und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, die die weibliche Sexualität seit Jahrtausenden in feste Schablonen pressen, vorkommt, ist schwer zu sagen, weil keine Studie diese kulturellen Einflüsse experimentell ausschalten kann. Aber es deutet einiges darauf hin, dass Menschenfrauen nicht von Natur aus eine extended female sexuality haben, sondern ihre Sexualität einem anderen sexuellen Takt folgt als dem, der ihr seit Jahrtausenden durch die patriarchale Ehe vorgegeben wird.

Im Moment ähnelt der wissenschaftliche Umgang mit dem Thema concealed ovulation dem Versuch von hundert Menschen, ein Einhorn anhand selbst angefertigter Zeichnungen zu finden. Da die hundert Menschen unterschiedlich begabt sind, haben auch die Einhörner fast keine Gemeinsamkeiten. Bei jedem Zeichner sieht es etwas anders aus, mal ist es knuffig-süß, mal fotorealistisch, mal dick, mal dünn und mal ein dadaistischer Unfall. Sich mit dieser konfusen Vorlage bewaffnet auf die Suche nach einem Einhorn zu machen, ist sinnlos, weil die Bilder keinerlei Aussagekraft haben. In der Folge schleppen die Leute alles mögliche an: einer hat ein Nashorn gefangen, ein anderer einen Nashornvogel, ein Dritter zerrt einen Narwal hinter sich her. Und jeder von ihnen behauptet, es handele sich bei dem mitgebrachten Wesen eindeutig um ein Einhorn, und hält als Beweis die eigene Zeichnung hoch. Doch ohne eine einheitliche und vor allem realitätsgetreue Abbildung ist es in höchstem Maße unwissenschaftlich, zu behaupten, es gäbe Einhörner.

Der menschliche Eisprung ist nicht verdeckt

Doch selbst bei makellosester, einheitlicher Begriffsdefinition trifft das Konzept auf den Menschen einfach nicht zu. In unzähligen Studien wurde mittlerweile gezeigt, dass Frauen, die ihren Eisprung nicht mit der Pille hormonell unterdrücken, sowohl körperliche als auch Verhaltensänderungen zeigen, die eindeutig auf den Eisprung zurückzuführen sind. Zu den häufigsten körperlichen Anzeichen gehören das Anschwellen der Brüste, empfindlichere Brustwarzen, stärkere Feuchtigkeit der Vagina sowie eine geänderte Konsistenz des Vaginalschleims. Dieser wird um den Eisprung herum flüssiger, durchsichtiger und lässt sich meist zu langen Fäden ausziehen. Auch Gesichtszüge und Stimme der Frau verändern sich durch die Fruchtbarkeit leicht: die Lippen werden voller, die Augen etwas größer, die Stimme höher. Um den Eisprung herum nimmt auch die weibliche Triebstärke deutlich zu – die Frau hat mehr Lust und ergreift bei der Sexanbahnung öfter die Initiative. Während ihres Eisprungs neigt die Menschenfrau außerdem stärker zum Seitensprung und bevorzugt als Sexpartner meist einen athletischen, attraktiven und männlichen Draufgänger, der gutes Genmaterial verspricht. Während des restlichen Zyklus wählt sie eher den braven, verlässlichen Versorgertypus.

Dass Frauen, die nicht hormonell verhüten, dieses lustvolle monatliche Spektakel deutlich spüren, ist kaum verwunderlich. Aber auch Männer tun es – und zwar unabhängig davon, ob sie mit der Frau in einer festen Partnerschaft leben oder nicht (das Erkennen ist also nicht durch langes Zusammenleben erlernt). In Beziehung lebende Männer berichten davon, dass sie ihre Partnerinnen zu bestimmten Zeiten des Monats besonders erotisch finden, ohne genau angeben zu können, warum das so ist. Auch in Studien mit anonymen Frauengesichtern bevorzugen Männer die „fruchtbaren“ Gesichtszüge. Stripperinnen bekommen gar von ihrem männlichen Publikum signifikant mehr Trinkgeld, wenn sie während ihres Eisprungs auftreten. Das, was der Mann neben der leicht veränderten Optik der Frau wahrnimmt, ist ihr Geruch, der wie bei anderen Tierarten durch ihre Hormonzusammensetzung und -konzentration beeinflusst wird. Untersuchungen der Universität Göttingen zeigen, dass Menschen deutlich feinere Gerüche wahrnehmen können als sie bewusst benennen können. Das heißt, das Riechzentrum im Gehirn zeigt schon Aktivität, bevor der Proband den Geruch bewusst registriert. Diese unterschwellige Wahrnehmung existiert auch für visuelle Signale: die Veränderungen im Gesicht der ovulierenden Frau sind so minimal, dass einem Betrachter nicht klar ist, dass er auf die volleren Lippen oder die größeren Augen reagiert. Und doch erscheint ihm das eine Gesicht angenehmer und erotischer als das andere.

In unserer sexuell entfremdeten Gesellschaft, in der 60-80% der unter dreißigjährigen Frauen mitunter seit Jahren die Pille nehmen, ihren Körper also in einem hormonell ruhiggestellten Zustand versetzen, mag der bewusste Blick für die natürlichen Feinheiten menschlicher Körper bei Männern und Frauen eher unterentwickelt sein. Die Pille unterdrückt nicht nur den Eisprung und damit die visuellen Körperveränderungen, sondern auch den Verhaltens-Östrus, wie amerikanische Wissenschaftler schon 1978 festgestellt haben. Auch Stripperinnen, die hormonell verhüten, verdienen im Monatsverlauf immer gleich viel oder besser gesagt: gleich wenig, denn die Einkünfte liegen dann auf dem niedrigen Niveau der unfruchtbaren Phase der Tänzerin ohne Pille.
Der Eisprung der Menschenfrau ist nicht „unsichtbar“, „verdeckt“ oder ihr Östrus „verloren“. Es ist alles deutlich wahrnehmbar da, das Verhalten, die hormonellen und optischen Veränderungen, alles. Und Männer können diese Zeichen sowohl bei unbekannten Frauen als auch ihren eigenen Partnerinnen wahrnehmen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Frau Kleidung über ihren Genitalien trägt, in eine Toilette uriniert und sich parfümiert. Nicht zuletzt auch deshalb nicht, weil sich die menschliche Sexualität entwickelt hat, bevor die Menschen all diese Dinge taten. Wenn aber heutige Männer den Eisprung einer voll bekleideten, nach synthetischen Duftstoffen riechenden Frau wahrnehmen können, dürfte die rudimentäre Bekleidung unserer frühen Vorfahren für die Geruchswahrnehmung in einer Zeit ohne parfümierte Körperhygiene kaum eine ernsthafte Barriere gewesen sein.

Folgerichtig schmilzt auch der postulierte Zusammenhang von Monogamie und „verdecktem“ Eisprung bei näherer Betrachtung zu einem traurigen Pfützchen zusammen. Zwar haben die meisten der monogam lebenden Säugetiere einen unauffälligen Eisprung, aber die meisten Arten mit unauffälligem Eisprung leben nicht monogam, sondern promisk oder in Harems. Möglich wäre, dass es sich bei diesem vermeintlichen Zusammenhang eher um einen statistischen Zufall handelt. Weniger als 10 % der Affen leben monogam. Krasse Genitalschwellungen wie bei Schimpansen sind ebenfalls selten, nur zweiundzwanzig von rund zweihundert Primatenarten zeigen so deutliche Schwellungen, die Mehrheit hat wesentliche schwächere oder gar keine Schwellungen. Wenn wir jetzt eine wegen der geringen Verbreitung der Monogamie kleine Stichprobe Primatenarten untersuchen, dann ist die statistische Wahrscheinlichkeit größer, dass sie das Mehrheitsmerkmal der Primatenarten (keine extreme Schwellung) trägt als das Minderheitsmerkmal (extreme Schwellung).

Um diesen möglichen statistischen Zufall etwas anschaulicher zu machen, ein erfundenes Beispiel. In einer Gruppe von 100 Menschen sind 80 % unter 1,85 m groß, 20% über 1,85 m. Jetzt wollen wir herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen geringer Körpergröße und roten Haaren gibt. Weil rote Haare sehr selten sind, ist unsere Stichprobengröße ziemlich klein, die rothaarige Testgruppe besteht nur aus einer guten Handvoll Personen. Wenig überraschend stellen wir fest, dass fast alle rothaarigen Personen unter 1,85 m groß sind. Das hat aber nichts mit einem ursächlichen Zusammenhang von kleiner Körpergröße und roten Haaren zu tun, sondern lediglich damit, dass ein sehr seltenes Merkmal (rote Haare/Monogamie) mit einem sehr häufigen Merkmal (unter 1,85m/keine Genitalschwellung) verknüpft wird. Bei diesem Beispiel besteht dann nicht nur keine Kausalität, sondern noch nicht einmal eine Korrelation.

Wissenschaftler unter sich

Doch wie konnte das passieren, dass ein Phänomen, von dem wegen aller Widersprüche noch nicht einmal klar ist, ob es überhaupt ein Phänomen ist, seit Jahrzehnten unhinterfragt als biologischer Fakt gilt?
Gehen wir zurück in die Zeit, in der der verdeckte Eisprung in das wissenschaftliche Interesse rückte, sehen wir fast ausschließlich männliche Wissenschaftler, die irgendwo zwischen den vierziger und frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts sozialisiert wurden. Sie sammelten ihre sexuelle Bildung und Erfahrung in prüden Zeiten: über Sex wird kaum geredet, Frauen mit Spaß am Sex gelten als verdächtig, als die Pille Mitte der 50er Jahre auf den Markt gebracht wird, ist sie zunächst nur verheirateten Frauen zugänglich, die durch sie nicht zur Unsittlichkeit verführt werden. In Deutschland gibt es noch den Kuppelparagraf: Vermieter können in Teufels Küche kommen, wenn sie ihren unverheirateten Untermieterinnen nächtlichen Männerbesuch gestatten. Ehen werden vielfach nicht aus leidenschaftlicher Liebe oder brennendem Begehren geschlossen, sondern sind als Ergebnis ökonomischer, normativer oder praktischer Erwägungen eher Zweckbündnis als Glücksversprechen. Es ist eine Welt, in der die Frau als eigenständiges, sexuelles Wesen praktisch nicht vorkommt.

Männer, die in diesem gesellschaftlichen Umfeld groß geworden sind und mit großer Wahrscheinlichkeit noch nie mit einer Frau über deren Körper und Lust gesprochen haben, grübeln also über Sexualität, schauen dabei ihre Frauen an und denken: „Komisch, ich hab‘ eigentlich keinen Plan, was gerade in ihren Eierstöcken los ist“. Vielleicht versuchen sie in den nächsten Wochen, darauf zu achten, ob die Frau anders aussieht oder anders riecht, doch vergeblich. Also setzen sie sich nachdenklich wieder an ihren Schreibtisch und schreiben: „Eisprung: unbekannt.“ Und ihre in einem ähnlichen zeitlichen Umfeld sozialisierten, überwiegend männlichen Kollegen nicken und denken: „Krass, jetzt, wo Du es sagst, ich hab auch keine Ahnung“.
Viele Menschen begegnen unterschwelliger Wahrnehmung mikroskopisch kleiner Details und den Einflüssen, die sie auf unser Verhalten hat, auch heute noch mit Misstrauen, weil sie dem kulturalistischen Prinzip freier, bewusster Handlungsentscheidungen zuwider läuft. Außerdem steckte die Gehirnforschung damals noch in den Kinderschuhen, daher spielte bei der ersten Formulierung der Idee sicher auch die schiere Unkenntnis neuronaler Wahrnehmungsprozesse eine Rolle. So oder so – was die Wissenschaftler nicht bewusst wahrnahmen, existierte für sie nicht.

Und schon ist ein fehlerhaftes Konstrukt im Umlauf, das sich heute kaum noch einholen lässt. Vielfach haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versucht, an dem Konzept der concealed ovulation oder wenigstens seiner behaupteten Gültigkeit für den Menschen zu rütteln, konnten die Fehlannahme aber kaum erschüttern. Eine Ente in der Wissenschaftswelt folgt letztlich der gleichen Dynamik wie die fake news in den Sozialen Medien: eine reißerische Falschinformation „geht viral“, die Gegendarstellungen nicht. Und so setzt sich die Falschinformation in den Köpfen fest. Die Idee vom verdeckten Eisprung findet sich mit immer denselben Verweisen auf die vierzig bis fünfzig Jahre alten Ursprungsarbeiten bis heute in wissenschaftlichen Lehrbüchern und Nachschlagewerken, während begründete Einwände kaum Beachtung finden.

Und deshalb geht bis heute das Märchen von der Frau, die aus evolutionären Antrieb während ihres ganzen Zyklus sexuell aktiv ist, obwohl sie womöglich nur dem männlichen Drängen nachgibt, und dem Mann, der keine Ahnung von ihrer Fruchtbarkeit hat, um. Und ein Märchen sollte uns wirklich nicht dazu dienen, die patriarchale Monogamie zu festigen.
Ich sage nicht, dass es keine evolutionären Gründe für die treue Paarbeziehung geben kann. Der verdeckte Eisprung ist jedoch keiner.

Dieser längliche Exkurs zeigt, wie wichtig es ist, gerade bei älteren Thesen, die zumeist in einem wissenschaftlichen Umfeld ohne Frauen entstanden sind, genau hinzusehen. Sonst wird einem etwas als Einhorn verkauft, das am Ende doch nur ein Nasenbär ist.

5 Kommentare

  1. Wiederum: „Danke, liebe Frau Meike, für diesen Text.“ Hatte noch nie von diesem Märchen gehört, kann ich ja irgendwann mal meinen Jungs erzählen oder direkt auf deinem Blog das Lesen mit ihnen üben. Stattdessen sind mir bei der Freundin über die Jahre schon „regelhafte Unregelmäßigkeiten“ im Sexualverhalten und ihren körperlichen Empfindungen aufgefallen. Zum Glück hat sie mir erklärt, dass es was mit ihrem Eisprung zu tun hat. Jetzt muss ich nur noch athletisch und draufgängerisch werden.

  2. Ein Gegenargument in Witzform:
    Wie nennt man Menschen, die mit der Zeitwahl-Methode verhüten? – Eltern.

    Ein Gegenargument in Langform:
    Offensichtlicher und verdeckter Östrus sind keine binären Kategorien, sondern ein Spektrum – genauso wie jedes im Beitrag genannten Kriterium jeweils keine Checkbox ist sondern in ein Spektrum fällt. Die Kriterien wie im Beitrag genannt:
    „1. Sexuelles Interesse des Weibchens: rein reproduktiv oder extended female sexuality?
    2. Geruch: Hormonhaushalt und damit Geruch immer gleich oder mit Unterschieden?
    3. Genitalschwellung: gibt es diese oder andere optische Veränderungen?
    4. Verhalten: ändert es sich beim Eisprung, z.B. Lockrufe, Körperhaltung?“

    Wobei Punkt 1 und 4 so viel Überschneidung haben, dass ich sie als ein Kriterium „Verhalten“ sehe und Punkt 2 und 3 als „extern wahrnehmbare physiologische Veränderungen“.

    Verhalten bewegt sich irgendwo zwischen den Extremen „Courtship/Mating nur zur Fortpflanzung“, wie sie bei vielen solitären Arten sehen, und den Bonobos bei denen Sex wesentlich häufiger zu anderen Zwecken als zur Fortpflanzung eingesetzt wird. Wenn wir jetzt die Bonobos bei 100 Punkten ansetzen und ein solitäres Reptil bei 0 Punkten, wieviele Punkte hat dann der Mensch? Darüber kann man jetzt streiten, aber ich glaube es fällt schwer, Positionen unter 70 zu halten. Ich würde uns jetzt spontan bei 85-90 Punkten ansetzen. Frauen suchen und halten Kontakt zu Männern auch außerhalb der fruchtbaren Phase und zeigen sich ganzjährig empfänglich für Balzverhalten. Ja, die Intensität der Reaktion ändert sich – dafür gibt es Punktabzug. Die Änderung in der Partnerpräferenz, dass außerhalb des Östrus ein weicherer „Versorgertypus“ bevorzugt wird, deutet allerdings auf Sex zur Paarbindung/Ressourcensicherung hin. Zum einen werden beim Sex Hormone ausgeschüttet, die Paarbindung festigen. Zum anderen ist es wahrscheinlich, dass so wie Schimpansenweibchen (und Weibchen in vielen anderen Arten) Sex für Nahrung oder andere Privilegien tauschen auch beim Menschen ein Tausch von Sex für Ressourcen stattfindet. Wie viel davon „extended female sexuality“ ist und wieviel davon „die religiösen und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen“ kann diskutiert werden. Das angeführte Orang-Utan-Experiment spricht meiner Meinung nach für ersteres. Trifft ein männlicher Orang-Utan auf einen größeren und stärkeren Artgenossen, bedeutet es ‚Fight or Flight‘ – zwei schlechte Optionen. Weibchen haben durch ihre „extended female sexuality“ eine dritte Option, die energetisch/evolutionär wenig kostet. Aggressionsprävention durch Sex.

    Verhalten ist jedoch sehr plastisch und kann gesellschaftlich beeinflusst und individuell kontrolliert werden. Wie sieht es bei den Signalen aus, die unkontrolliert den Östrus preisgeben? Auch hier gibt es ein Spektrum zwischen 100 Punkten „Maximal die fruchtbare Frau hat eine Ahnung“ und 0 Punkten „Männer sehen/hören/riechen es 100 Meter gegen den Wind“. Auch hier liegen Menschen meiner Meinung nach ziemlich hoch in den Punkten. Ja, es gibt Signale die andere Menschen unterbewusst wahrnehmen können. Keine Frage – da gibt es Punktabzug. Aber wenn ich jeden Morgen meine Tochter in den Kindergarten bringe, kann ich danach nicht sagen, welche Kindergärtnerinnen im Moment empfägnisbereit sind, obwohl ich fast täglich mit ihnen interagiere. Bringen Sie 20 Männer und 20 Frauen in einem Speed-Dating-Szenario zusammen. Zwei der Frauen sind im Östrus. Was meinen Sie, wieviele Männer die richtigen 2 Frauen erkennen und nach dem Speed-Dating benennen können? Ich würde Geld auf die Antwort „Weniger als 3“ setzten – und Sie? Der Östrus bei Frauen ist ja nicht mal den Frauen selbst klar. Die Zeitwahl-Methode, bei der ja Mann und Frau den Östrus erkennen wollen um dann z.B. mit Kondomen zu verhüten, ist eine der unsichersten Methoden überhaupt. Ja, Stripperinen verdienen mehr wenn sie fruchtbar sind – vermutlich weil sie instinktiv wissen, wie sie Männer sexuell erregen. Ein weiterer Faktor könnte sein, dass Männer instinktiv mehr Ressourcen der Frau anbieten, die sie am wahrscheinlichsten schwängern können. Beides ist jedoch unterbewusst, denn ich glaube nicht, dass die Kunden eines Stripclubs mit den Tänzerinnen bewusst ein Kind zeugen wollen. Ebenso glaube ich nicht, dass die Tänzerinnen zu diesem Zeitpunkt schwanger werden wollen.

    Wenn man den Sachverhalt nuanciert betrachtet, zeigen wir Menschen viele Merkmale eines verdeckten Östrus haben. Ist es ein perfekter verdeckten Östrus? Nein. Aber die Schnittmenge ist sehr hoch. Daraus nun zu konstruieren, dass die bösen Männer (überspitzt formuliert) eine Mär zur Knechtung weiblicher Sexualität erschaffen haben, halte ich eher für indikativ für die Geisteshaltung der Autorin. Wahrscheinlicher ist es, dass der ziemlich verdeckte Östrus das Mate-Guarding erschwerte und es Frauen ermöglichte, mit Sex einen Partner zu halten um die Kinder durchzubringen und gleichzeitig mit gut getimeten Seitensprüngen für genetische Varianz im Nachwuchs zu sorgen. Dies ist kongruent mit dem evolutionsbiologischen Ziel, möglichst viele Nachkommen möglichst sicher (hier kommt die genetische Varianz rein) zur Geschlechtsreife zu bringen.
    Wie der verdeckte Östrus interpretiert wird, steht auf einem anderen Blatt. Ich bin nur gegen eine ideologische Ausschlachtung des Sachverhalts – sei es um irgendwelche erz-konservativen Strukturen zu zementieren oder um eine Utopie befreiter weiblicher Sexualität herbeizuschreiben.

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