Buzz-Report Feminismuskritik

Buzz-Report Feminismuskritik

Mein vorgestern bei Zeit Online erschienener Text, in dem ich die derzeitige Ausgestaltung der Frauenbewegung kritisiere, hat – nicht ganz überraschend – in den sozialen Medien ein großes und sehr vielfältiges Echo hervorgerufen. So groß und so vielfältig, dass ich auf einiges davon hier eingehen möchte. Das wird keine inhaltliche Aufarbeitung, sondern ein Blick auf die dem Text folgenden Reaktionen und meinen Umgang damit. Meta, wenn man so will.

Bei den meisten längeren Antworttexten hatte ich noch keine Ruhe, sie zu lesen. Es ging gestern in meinem Twitter-Account zu wie in einem Bienenstock, die Kommentare gingen gefühlt viertelsekündlich ein. Zusätzlich versuchte ich, bei den Kommentaren unter dem Artikel einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben, denn offenbar bin ich die einzige schreibende Person im ganzen Internet, die Kommentare lesen will und das auch tut. Gleichzeitig jonglierte ich Mails und DMs, die laufend bei mir eintrudelten, versuchte mehrere Diskussionsstränge parallel bei Twitter zu verfolgen und war nachmittags um vier fix. und. fertig. Ich werde die Antworten in den nächsten Tagen nach und nach lesen und mich dann damit inhaltlich auseinandersetzen (ohne dass ich versprechen kann, mich zu allen zu äußern). Das nur vorab.

Feuer und Öl

Zu dem Inhalt meines Artikels stehe ich nach wie vor, aber Kritik sollte natürlich immer konstruktiv sein und eine Situation nicht unnötig verschärfen. Ein Missverständnis entsteht nie nur beim Empfänger, sondern auch beim Absender, weshalb ich die Reaktionen zum Anlass genommen habe, den Text selbstkritisch zu beleuchten. Obwohl ich ihn keineswegs im wütenden Affekt, sondern wohlüberlegt und über einen längeren Zeitraum geschrieben habe, merke ich an den Reaktionen, dass er an einigen Stellen zu ungenau bzw. harsch war. Hier und da fanden sich unnötige Rempler, Ironie wurde offenbar nicht deutlich, einige Stellen waren nicht nachvollziehbar genug hergeleitet. Als Bloggerin bin ich es gewohnt zu schreiben wie mir der Schnabel gewachsen ist und ich merke jetzt, da ich Urheberin eines Textes bin, der um die 90.000 Mal angeklickt wurde, dass das durchaus zu vermeidbaren Diskussionen führen kann. Ich werde künftig besser aufpassen, nicht missverständlich oder fahrlässig verletzend zu sein, damit der eigentliche Inhalt auch gehört wird.

Die kritikunfähige Kritikerin

Relativ schnell wurden Beschuldigungen laut, weil ich mich nicht schnell, angemessen und zufriedenstellend genug mit Kritik auseinandergesetzt habe. Davon einmal abgesehen, dass ich wegen des Chaos noch gar nicht alle Kritiken gelesen habe, dazu drei Punkte.
1. Schmähungen meiner Person, das mehrfach herausgekrähte „Ich habe den Text gar nicht erst gelesen, ich weiß auch so, dass er Mist ist!“ oder bewusst verfälschende Zusammenfassungen dieses >15.000-Zeichen-Textes auf einen einzigen Satz („Meike Lobo hält den Feminismus für überflüssig“, „Meike Lobo will, dass Feministinnen gefällige Lächelmäuschen sind“) empfinde ich nicht als Kritik, sondern als mutwillige Verzerrung und unreifes Gekreisch, auf das ich mir erlaube, nicht einzugehen. Montag Abend twitterte ich deshalb, ein Großteil der Reaktionen ließe sich mit einem „Q.e.d.“ zusammenfassen, sei also die Bestätigung meines Vorwurfs der Unsachlichkeit und Unreife. Dazu stehe ich. Reaktionen wie die genannten sind exakt der Grund, weshalb die Außenwirkung des Feminismus so beschissen ist und ich den Text schrieb.
2. Ich bin nicht bei Facebook. Alles, was dort an Diskussion und Kritik passierte, ist mir unbekannt und wer dort auf eine Reaktion von mir wartete, tat das vergebens. Ich hoffe, alle hatten dort trotzdem ihren Spaß und bedaure, nicht dabei gewesen zu sein. Aber ist eben so.
3. Ein guter Teil der Äußerungen auf Twitter waren Nonmentions, also Tweets ohne Namensnennung ÜBER mich und nicht AN mich. Nonmentions sind das Äquivalent zum Hinter-dem-Rücken-Lästern, sie sind das Krebsgeschwür von Twitter, weil sie dem Kritisierten jede Möglichkeit nehmen, in irgendeiner Weise zu reagieren. Man kann das machen, wenn man das für einen vertretbaren Stil hält, absurd wird es dann nur, wenn aus solchem Umfeld Beschwerden darüber kommen, dass ich nicht auf Kritiker eingehe. Ich habe keine Spione, die die sozialen Medien nach Tweets über mich durchkämmen, damit ich nur ja nichts von der Diskussion verpasse. Wenn mein Name oder der Link zum Artikel nicht in dem Tweet enthalten war, habe ich ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht oder nur durch Zufall, beispielsweise durch eine Reply von Dritten, gesehen.

Weltfrauentag

Die Veröffentlichung des Artikels pünktlich zum Weltfrauentag wurde von vielen als Provokation verstanden, was ich gut nachvollziehen kann. Als Beitrag zu einem so wichtigen Symboltag habe ich meinen Text nie gesehen, aber die Entscheidung, wann er veröffentlicht wird, lag nicht in meinen Händen. Der Text war seit Wochen fertig und der Redakteur, der die Entstehung des Textes begleitet hat, kann ein Lied davon singen, wie oft ich herumgenervt habe, wann er endlich erscheint.

Blockadeverdruss

Über das Zurechtblocken von Filterblasen wird ja dieser Tage viel geschrieben und ich gehörte früher auch zu denen, die schneller blocken als ihr Schatten. Ich habe in den letzten Wochen allerdings immer mehr gemerkt, dass ich mir selbst etwas mit dem Blocken nehme, nämlich die Möglichkeit, mir ein vollständiges Bild zu machen. Ich kann zwar das geblockte Profil aufrufen und die Tweets nachlesen, aber da geblockte Personen bei Twitter völlig unsichtbar werden, nirgendwo mehr auftauchen, außer wenn sie irgendwo in Replies erwähnt werden, vergesse ich, dass es sie überhaupt gibt. Wortbeiträge einer Diskussion zu lesen, eingebettet im Kontext des Themas, ist schlicht nicht mehr möglich.
Natürlich blocke ich auch – Leute, die Hitlerbilder verbreiten, zu Gewalt aufrufen, mich persönlich beleidigen oder Gewalt gegen Frauen als Mythos bezeichnen. Aber bis auf zwei Hardcore-Maskulisten, die ich vorher offenbar noch nicht geblockt hatte, habe ich in den letzten zwei Tagen keine einzige Person geblockt. Einige habe ich stumm geschaltet, so dass sie mir nicht in meinen Notifications, wohl aber im jeweiligen Diskussionsstrang angezeigt werden. Dadurch bleibt mein Seelenfrieden gewahrt und ich muss nicht ständig mit den Zähnen knirschen, gleichzeitig akzeptiere ich aber, dass die Person weiter Teil dieser schönen und schrecklichen Internetwelt ist.
Ich finde das Letztere wichtig, weil ich glaube, dass dieses Filterbubble-Ding gefährliche gruppendynamische Prozesse in Gang setzen kann, weil man sich immer als Teil einer Mehrheit wähnt. Ich kann das deshalb nur empfehlen.

Gewinn durch Überwindung

Neben all der Lautstärke hatte ich einen kleinen, sehr lehrreichen Moment mit Juliana Goschler, Betreiberin des Blogs Dr. Mutti, das ich hier in der Vergangenheit auch schon verlinkt habe. In einer Nonmention beschwerte sie sich über meine mangelnde Kritikfähigkeit und ich war im ersten Moment verärgert, weil es a) eine Nonmention war (ich war nur per Zufall darauf gestoßen) und ich b) die Beschuldigung als nicht gerechtfertigt empfand. Es kostete mich Überwindung, aber ich schickte ihr eine steife Reply, in der ich (wie in diesem Text jetzt auch für alle sichtbar) meinen „Q.e.d.“-Tweet erklärte. Wir schrieben ein wenig defensiv hin und her und dann – magique! – wurde plötzlich der Ton bei beiden etwas weicher, etwas bereiter, der anderen zuzuhören, etwas gewillter, ihr Verhalten nicht nur auf die schlechtestmögliche Weise zu interpretieren.
Ich weiß nicht, ob Juliana das ähnlich empfunden hat, aber für mich war die Überwindung zu einer sachlichen, höflichen Reply wertvoll, weil ich dabei etwas gelernt habe. Ja, ich war sauer, ja, mein erster Impuls war, sie wegen der Nonmention in Grund und Boden zu blocken und alle, die den Tweet gefavt hatten, gleich mit, aber es nicht zu tun, hat zu einem kurzen Austausch geführt, der die Grundlage geschaffen hat für weiteren Diskurs. Und das fand ich ziemlich beeindruckend, weil das für mich als impulsiven Bauchmensch, der sich so gut wie nie mit spontanen Reaktionen zurückhält, tatsächlich überraschend kam. Ich werde das in Zukunft öfter versuchen und kann das auch anderen nur empfehlen.
(Ich habe Julianas Blogreplik immer noch nicht gelesen, werde mir aber in den nächsten Tagen die Zeit dafür nehmen.)

Schlusswort

Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass der Eindruck entstand und verbreitet wurde, ich fordere einen leisen, gefälligen, anbiedernden Feminismus. Ich weiß nicht, ob der Text wirklich so missverständlich war, ob es an dem nicht von mir geschriebenen Zeit-Online-Teaser lag, in dem von „zu laut, zu wütend“ die Rede war, oder ob diese Leser und Leserinnen einfach, nun ja, freigedreht haben. Ich finde einen unbequemen Feminismus vollkommen okay und oft auch notwendig, aber laut und wütend für wichtige Dinge einzustehen, ist nun einmal etwas anderes als laut und wütend für nichtige Dinge einzustehen. Mich stört am Feminismus nicht, dass er laut ist, sondern dass er in weiten (und eben besonders lauten) Teilen destruktiv ist. Weil ich befürchte, dass er dadurch letztlich den Frauen, die ihn brauchen, mehr schadet als er nützt. Etwas anderes steht nicht in dem Artikel.
Nachtrag: in dieses abwegige Horn stößt leider auch die Replik von Nils Pickert von „Pink stinks“, die heute bei Zeit Online erschien.

34 Kommentare

  1. Was mich an Diskussionen im Netz häufig stört: Positionsstreits werden häufig „ad hominem“ geführt. Emotional. Wir könnten problemlos ohne „Shitstorms“ im Netz auskommen, wenn jeder das täte, was Sie mit Frau Goschler taten: Zunächst einmal anzuerkennen, daß eine andere Meinung nichts Schlimmes ist. Daß nicht jeder, der die eigene Position nicht teilt, automatisch ein bösartiger oder dummer Mensch ist. Einen kleinsten gemeinsamen Nenner definieren, dann Abweichungen erkennen und die eigene Ansicht überprüfen, wohl wissend, daß das Gegenüber dies auch tut.

    Ich fand Ihre erste Reaktion tatsächlich sehr richtig: „q.e.d.“ – sie schrieben im Urprungstext weder, daß der Feminismus falsch sei, noch daß diejenigen, deren Handeln Sie falsch finden, schlechte Menschen seien. Sie erlaubten sich den Hinweis, daß es der Sache förderlicher sei, spräche man weniger hysterisch. Daraufhin erbrach sich ein hysterischer Shitstorm mit ad-hominem-Argumenten gegen Sie. Das ist halt exakt das, was Sie beschrieben haben.

    Ein wenig Zeit habe ich damit verbracht, mir die Kommentare durchzulesen. Wie ich Ihnen damals schon schrieb, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es einigen nicht darum ging, Ihre Argumente aufzugreifen, sondern sich Schlagwörter herauszupicken, um diese dann absichtlich falsch zu verstehen und sich darüber zu empören.

    Es ging nicht darum, mit Ihnen zu diskutieren, sondern darum, vor den eigenen Leuten als „cool“ dazustehen.

    So funktioniert aber keine Diskussion. Damit verhärten sich Fronten und es passiert das, was ich bei dieser Art von Aktivisten häufiger schon kritisierte: Es geht um ein Gegeneinander, nicht um ein Miteinander. Und genau das führt zu Trotzreaktionen. Und einem Abblocken von an sich bedenkenswerten Ideen.

    Jeder Kommunikationstrainer weiß, wie wichtig es ist, wenn man einen Menschen überzeugen möchte, ihn nicht anzugreifen, sondern ihn als Menschen ernst zu nehmen. Wer das tut, kann sehr gesittet mit den unterschiedlichsten Ansichten zurechtkommen. Und hilft „seiner Sache“ mehr, weil er dadurch den anderen dazu bringt, ihm zuzuhören. Sobald eine Seite dieses aber mehrfach nicht tut, ist die Kommunikation kaputt.

    Ich halte daher Ihren Ursprungsrtikel nicht nur in bezug auf die konkrete Debatte für richtig, sondern eigentlich für generell politische Debatten in sozialen Netzen.

    • Manchmal, wenn ich mich von Technologie- und Fortschrittsjüngern unbeobachtet wähne, denke ich, das Internet hat unsere Fähigkeit, zu diskutieren und menschliche Unterschiede auszuhalten, kaputt und uns alle, gerade auch die linke Abteilung, zu intoleranten Arschlöchern gemacht. Durch dieses Cliquending, dieses Abhängen mit Gleichgesinnten, kommt einem die eigene Meinung immer richtiger, immer wahrer vor und selbst kleine Abweichungen von ihr als immer größerer Skandal. Ja, das betrifft nahezu alle gesellschaftlichen und politischen Diskurse im Netz, aber zum Teil auch schon in der fleischlichen Welt. Flüchtlinge, Islam, Feminismus, egal – es geht nur noch um die felsenfeste Einbetonierung der eigenen Meinung und Rückversicherung mit anderen, die auf der „richtigen“ Seite stehen. Davon nehme ich mich nicht aus, es ist oft einfach zu verlockend zu glauben, man habe immer Recht, wo einem doch so viele Menschen zustimmen.
      Ich habe das hier oben nicht geschrieben, aber in meiner Filterblase habe ich in den letzten beiden Tagen zu 60-70% Zustimmung zu dem Artikel bekommen, das ganze Feedback hat sich für mich nicht eine Sekunde wie ein Shitstorm angefühlt, den ich eher als „Alle (Mehrheit) gegen einen (Minderheit)“ definieren würde. Ich habe so viel Zuspruch bekommen, dass es leicht wäre, jetzt einfach abzuzählen, wer Recht hat, aber das ist natürlich Blödsinn.
      Man kann sich nur immer wieder selbst zurückpfeifen, wenn man diesem Mehrheitsgefühl aufsitzt, und sich daran erinnern, dass es nur einen Millimeter hinter der eigenen Filterblasengrenze hunderte, tausende Menschen gibt, die das alles ganz anders sehen und ihrerseits ebenso viele Unterstützer um sich scharen, die ihre Sichtweise bestätigen.

      • „Man kann sich nur immer wieder selbst zurückpfeifen, wenn man diesem Mehrheitsgefühl aufsitzt, und sich daran erinnern, dass es nur einen Millimeter hinter der eigenen Filterblasengrenze hunderte, tausende Menschen gibt, die das alles ganz anders sehen und ihrerseits ebenso viele Unterstützer um sich scharen, die ihre Sichtweise bestätigen.“

        Vor allem vermitteln einem die Zahlen – wie viele Leute man erreichen kann, wieviel Zustimmung man erhält, wieviel Kritik – ein völlig falsches Gefühl von der Wichtigkeit der eigenen Kommunikation. Neben den Tausenden Andersdenkenden gibt es dann Millionen, die von der ganzen Diskussion überhaupt nichts mitbekommen; die eigentlich entscheidend wären, aber bei Feminismus im Grunde an Emma denken und vielleicht noch irgendeine Sache mit Brüderle.

        Das soll nicht einfach eine Kritik an falschen Reichweitenvorstellungen sein, wenn man seinen Filterblase mit der bundesdeutschen Realität verwechselt. Es hat auch einen ganz gewichtigen Grund für die gegenseitige Selbstzerfleischung, wie man sie etwa am Beispiel des Feminismus beobachten kann: 95% erreicht man gar nicht; 3% geben keinen Pfifferling drauf, was man denkt, weil die einen sowieso nicht ernst nehmen; 1% sind im eigenen inner circle und denken genauso wie man selbst. Die letzten 2%, das sind dann die, die sich bemühen, vielleicht Kritik haben, vielleicht ‚ally‘ sein wollen, vielleicht interessiert aber in Teilen anderer Meinung sind – an denen kann man dann seinen ganzen Frust über die 97% rauslassen, die man nicht erreicht, technisch oder weil sie einem sowieso den Vogel zeigen. Denen kann man dann auch zeigen, wo ihre Defizite sind, weil man ja so am einfachsten vermitteln kann, wie toll man selber alles verstanden hat.
        Und wenn von den 2% gerade keiner zur Hand ist, dann sucht man sich halt einen am Rand der 1% aus. Fertig ist das System, in dem man immer auf Leute draufhaut, mit denen man eigentlich produktiv kommunizieren sollte und dann vielleicht auch was erreichen könnte. Stattdessen produzieren die Sozialen Medien eine unablässige interne Kommunikation mit allen toxischen Nebenwirkungen.

        Das ist natürlich gerade sehr negativ und natürlich überspitzt, aber halt mein Eindruck. Übrigens ein Eindruck von außen, da ich mich an Feminismus-Debatten ansonsten nicht beteilige. Hier schreibt also kein ‚verbitterter Möchtegern-Ally‘. Aber allein, das es solche Kategorien im Feminismus zu geben scheint, finde ich schon bedenklich.

        • Ja, treffend beobachtet, ähnlich nehme ich es auch wahr. Ich habe mehrere Kontakte, die absolute Offlinemenschen sind. Wenn man denen sagt „Boah, da war im Netz die Hölle los, ALLE haben drüber gesprochen!“, dann schauen die rat- bis verständnislos, weil weder in ihrer Tageszeitung, im Radio noch dem Fernseher irgendetwas dazu lief.
          Ich habe hier noch einen Blogartikel auf Halde mit dem Titel „Das Internet IST die Filterblase“, also ganz unabhängig von der Zusammensetzung des eigenen Zirkels führt schon die Wahl des Mediums zu einem ganz bestimmten Publikum (inkl. Reaktionen), und damit einem sehr speziellen Ausschnitt der Wirklichkeit, die so auf der Straße, beim Ottonormalverbraucher gar nicht existiert.

          • Auf diesen Artikel warte ich dann ab jetzt mal sehr gespannt, weil ich – alleine beim Lesen der Überschrift – gerade getroffen zusammengezuckt bin. Das Gefühl manchmal im Gespräch mit anderen Menschen (außerhalb des „inner circles“), die noch nie etwas über bestimmte Themen gehört haben oder nicht einmal ansatzweise deren Ausmaße erkannt haben… Dabei zähle ich mich zynisch zu den Weltverschwörungspraktikern. Und trotzdem ist mir noch nie bewusst geworden, dass dies auf so eine einfache Tatsache zurückzuführen sein könnte. Ich habe dies immer auf Borniertheit, Naivität, Empathielosigkeit und im besten und manchmal auch im schlechtesten Falle auf Ungebildetkeit (im Sinne von uniformiert oder schlicht weg dumm) geschoben.
            Memo an mich selbst: Meinem Gegenüber in Anbetracht der Tatsachen immer die bestmögliche Absicht unterstellen! Meinem Gegenüber in Anbetracht der Tatsachen immer die bestmögliche Absicht unterstellen! Meinem Gegenüber in Anbetracht der Tatsachen immer die bestmögliche Absicht unterstellen!

      • „denke ich, das Internet hat unsere Fähigkeit, zu diskutieren und menschliche Unterschiede auszuhalten, kaputt […] gemacht.“

        Nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall. Ich bin seit über zwanzig Jahren online und habe seitdem in etlichen thematisch unterschiedlichen Foren etliche tausend Beiträge abgesondert. Ich mach‘ das aus Sport, mir macht es Spaß, mich gerade mit schwierigen Mitdiskutanten so zu fetzen, dass der Dialog nicht schon nach zwei Postings beleidigt abbricht. Ich finde das immer wieder faszinierend, wie lange man ein Gespräch zwischen zwei Leuten mit völlig konträrer Meinung aufrecht erhalten kann und was dabei für erstaunliche Wendungen und Einblicke möglich sind.

        Es ist uns praktisch nie gelungen, andere grundsätzlich von ihrer Meinung abzubringen, und manch einer hat ein Forum genau deswegen – also wegen vergeblicher Liebsmüh‘ – verlassen. Der eigentliche Nutzeffekt war jedoch auch ein ganz anderer: man selbst war *gerade* Meinungsgegnern gegenüber gezwungen, seine Gedanken so gut und scharfsinnig wie möglich zu formulieren, was einen dazu zwingt, sich über seine Gedanken nochmal genauer Gedanken zu machen. Selbst wenn das bei dem anderen keinen Effekt hatte, aber bei mir selbst hatte es einen. Ich habe so manches Mal beim Ausformulieren gemerkt, dass dass, was ich ausformulieren wollte, unausgegoren oder gar falsch war. Und manchmal habe ich aber eben auch gemerkt, dass es richtig war.

        Ich habe übrigens noch nie jemanden geblockt. Noch nie, aus Prinzip nicht. Ich empfände das als Eingeständnis, die nüchterne Lebenswirklichkeit nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, der Verführung, sich in seinem schönen Filterblasenkokon einzuspinnen, nicht widerstanden zu haben. Das ginge schon deswegen nicht, weil ein Großteil meiner Argumentation im Grunde darauf hinausläuft, den Kokon anderer aufzuräufeln.

  2. Wer lesen kann, der lese. Ich kann an Ihrem Artikel absolut nichts Mißverständliches, Unklares oder Ungenaues entdecken. Ein bißchen Provokation dagegen tut jedem gut, denke ich. Es befeuert die Diskussion. Und Sie provozieren höchst freundlich, das muß man sagen.

    Was das Erscheinen am 8. März betrifft: Wenn es schon so einen Tag geben muß, dann kann man ihn doch auch zu themenbezogener Diskussion nutzen, nicht wahr?

  3. Hallo Frau Meicke,
    ich bin weder auf Twitter noch auf Facebook, weil ich es ablehne, dass hier auch anonym agiert werden kann.
    Über „Zeit online“ kam ich auf Ihre Seite. Es gefiel mir, nach dem Stöbern in Ihren Artikeln, den Tiefgang und die Suche in einem Thema, als Denkanstoß für die Leser und Leserinnen zu begreifen. In Ihrer „Feminismuskritik“ kann ich nichts ehreabschneidendes entdecken. Ich stelle fest, dass die Diskussionskultur irgendwie abhanden gekommen ist. Die Emotionen überwiegen und verhindern die Überlegung. Ich bin ein sog. „Silversurver“ und finde dieses Medium sehr spannend. Habe Freude daran, so wie in Ihren Artikeln, dass das Substantielle und das zwischen den Zeilen Lesen unabdingbar ist, den Sinn des Geschriebenen, zu erfassen. Versuchen Sie, die Spreu vom Weizen zu trennen. Herzliche Grüße

  4. Ich kann mich nur für den Zeitartikel bedanken. Das was Sie geschrieben haben ist genau das, was ich denke. Ich kann es nur nicht so schön in Worte fassen, bzw. gar nicht.
    Ich habe nur die ersten Paar Kommentare unter dem Artikel gelesen, wo einige Kommentatoren Ihren Aufhänger, meiner Meinung nach, falsch verstanden haben. Danach habe ich, um meinen Blutdruck zu schonen, aufgehört weiterzulesen.
    Also nochmals, vielen Dank dafür, dass Sie die Meinung von hoffentlich vielen, sonst stillen, Frauen und Männern so eloquent ausgedrückt haben!

  5. Zwei Gedanken zum ZEIT-Online-Text:
    – Ich halte den ersten Satz für Blödsinn, auch wenn er im (AfD-)Zeitgeist liegt. Die Ereignisse von Köln hatten nicht das Geringste mit der Notwendigkeit des Feminismus zu tun. Gerade nur ein verschwindend geringer Teil derer, die diese Ereignisse irgendwie wahrgenommen haben, hat diese Taten nicht verurteilt. Eher im Gegenteil (und wir wissen auch, wie die „Lügenpresse“-Krakeeler das noch überbrüllt haben). Es ist illusorisch zu glauben, ALLE „bekehren“ zu können. Es wird immer Arschlöcher geben. Arschlöcher, die unautorisiert Frauen angrabbeln. Arschlöcher, die AfD und NPD wählen (oder wahlweise auch CSU, CDU, SPD, Grüne, Linke, MLPD, PBC – je nach Facon…). Arschlöcher, die Steuern hinterziehen. Arschlöcher, die zu Bayern gehen. Arschlöcher, die Wände bekritzeln. Arschlöcher, die für EMMA schreiben. Arschlöcher im Bundestag. Arschlöcher, die sich als Fanboys und -girlies in Kreisen von Rüstungslobbys bewegen und für die Presse dann darüber schreiben. (Korrekterweise hätte ich eigentlich von ArschlöcherInnen schreiben müssen, oder?) … Im Wesentlichen gilt aber die Mehrheitsmeinung, und die war ganz besonders in Sachen Köln ziemlich eindeutig. In diesem speziellen Fall war „die Meinung“ „des Feminismus“ alles andere als abweichend zur „Meinung“ „des Maskulinimus“ (überspitzt formuliert, bei dir heißt es Patriarchat). Ganz im Gegenteil. „Der Feminismus“ wurde sogar von bestimmter Seite instrumentalisiert (und da ist es wichtig zu bemerken, dass es denen dabei ja auch nur um den Schutz der „guten deutschen Frau“ ging, nicht etwa um den Schutz muslimischer Frauen; wobei mir einfällt, dass eigentlich noch keiner die Frage gestellt hat, wie groß unter den Anzeigenstellerinnen der Anteil an Frauen mit Migrationshintergrund war – kaum vorstellbar jedenfalls, dass auf dem Bahnhofsvorplatz nicht auch „Türkinnen“ gefeiert haben sollen). Leider auch von dir. Und das empfinde ich als Schmutzfleck auf dem ansonsten tadellosen Text.
    – Ein Feminismus, der sich die Gleichheit der Möglichkeiten auf die Fahnen geschrieben hat (also auch der bewussten Entscheidung einer Frau, keine männlichen Lebensmodelle nachleben zu wollen und sich stattdessen Kindererziehung und Halbtagsstelle widmet), müsste sich eigentlich als Egalitarismus begreifen. Nur kommt das nie vor. Der Feminismus dreht sich ausschließlich um Auswüchse GEGEN Frauen. Auswüchse VON Frauen finden praktisch keinerlei Beachtung, zumindest nicht in meiner Wahrnehmung. Wenn sexuelle Belästigungen bei Frauen nicht in Ordnung ist (siehe Köln), dürfte sie es auch nicht sein, wenn Frauen die Handlung begehen. Mir ist jedenfalls noch keine feministische Kritik daran begegnet. Beispiele für Vorfälle gäbe es reichlich, ob im Büro oder auf dem Kiez, wenn man auf dem Weg in die Kneipe an einem Spalier von temporär vertikal ausgerichteten Damen des horizonalen Gewerbes vorbei muss, von denen einige einen Mann tatkräftig von einem Rechtsgeschäft zu überzeugen versuchen (wobei wir wieder bei den Arschlöchern sind). Vielleicht liegt die unterschwellige Ansicht, dass das ja irgendwie okay sei, auch daran, dass „der Feminismus“ diese Frauen ja pauschal als Opfer begreift – und es „dem Mann“ ja nur „recht geschieht“, wenn er das gegen seinen Willen aushalten müsse, selbst wenn es sich um einen Feministen handelt? Auch da übrigens empfiehlt sich, keine Gegenwehr zu leisten, sonst begrabbelt einen – wortwörtlich – im Handumdrehen eine Überzahl wesentlich stärkerer Hände, bzw. man spürt von diesen stärkeren Händen eigentlich nur die Fingerknöchel. Einem auf Egalität ausgerichteten Feminismus müsste das eigentlich stinken. Dass es das offenbar nicht tut, ist wiederum ein weiteres Zeichen für das, was du so (bis auf den ersten Satz) treffend analysiert hast.

  6. Das Hauptproblem scheint nicht die Filterblase an sich zu sein – die hat es schon immer gegeben*. Hauptproblem 1 scheint tatsächlich zu sein, dass die wahrgenommene Filterblase inzwischen so groß zu sein scheint, dass alle mißliebigen Meinungen zwangläufig extreme Randmeinungen sein müssen.

    Gefühlt hat meine Meinung die Größe von Berlin und die der anderen die von Ahrensfelde (kleines Dorf direkt am Ortsausgangsschild von Berlin).

    *Filterblasen hat es schon immer gegeben: Die Leute, die Abends in die Kneipe gegeben und beim Bier über die Welt philosophiert haben, hatten auch immer ihre persönliche „echo chamber“. Aber diese hatten eben die Größe der Kneipe mit ihren 15 Hannecken. Die Kneipenbesucher zwei Straßen weiter mögen zwar ähnliches gedacht haben, aber diese zwei Blasen waren eben disjunkt und haben sich nicht durch selbstverstärkende Eigenresonanz zu einer immer größer werdenden Superblase entwickelt.

    Das zweite Hauptproblem scheint darin zu bestehen, dass die Diskussionskultur auch an Schulen und Universitäten nicht mehr gepflegt zu werden scheint.

    Das kann man sehr schön (oder auch weniger schön) an US und britischen Unis beobachten, wo es für alles und jeden einen „safe space“ geben muss, in dem diese Person vor ihm (Genus) unangenehmen Ideen und Eindrücken geschützt werden muss. Das Buch „Huckleberry Finn“ kommt nun eben mit „trigger warnings“ daher, weil der Afroamerikaner Jim nun mal als „Nigger“ bezeichnet wird, weil es nunmal der stehende Begriff zu der Zeit war, als das Buch a) geschrieben wurde aber auch b) in der das Buch spielt. In Deutschland wurde dann eben aus Pippi Langstrumps „Negerkönig“ ein „Südseekönig“, damit sich Leute nicht vor den Kopf gestoßen fühlen.**

    Natürlich kann man drüber diskutieren, ob solche Abwandlungen notwendig sind, aber als jemand, der immer noch mit George Lucas angepisst ist, weil er ständig an der originalen Star Wars Trilogie rumpfuscht, anstatt sie so zu lassen, wie sie war, stehe eher auf der Seite, dass wenn ein Werk veröffentlicht wurde, dann sollte es auch für zukünftige Generationen so erhalten bleiben. Den Urfaust kann man schließlich auch noch lesen, wenn man das möchte. Und niemand käme auf die Idee in den Bildern berühmter Künstler herumzumalen, um sie der Moderne anzupassen.

    Aber das fügt sich halt alles zusammen: Trigger Warnings, Micro Aggressions sind alles Instrumente, mit deren Hilfe Leute nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander reden, denn wenn ich als Mann mit einer Frau diskutiere, dann ist dass ja in sich selbst schon „mansplaining“ und damit eine micro aggression gegenüber der Frau. Als Mann habe ich dazusitzen, zuzuhören und alles unwidersprochen zu glauben, was eine Frau mir sagt. Nur dann kann ich mich wenigstens als „Feminist Ally“ identifizieren, wie im originalen Artikel angesprochen kann ich schließlich als Nicht-Uterus-Besitzer niemals wirklich ein Feminist sein.

    **In der DDR wurde sowas ähnliches gemacht. In „Winnetou I“ von Karl May liegt die rote Nation im Sterben. Das ging den DDR-Zensoren dann doch ein wenig zu nahe. Also wurde daraus dann „der Rote Mann liegt im Sterben“. Und wenn im Deutschen der Indianer und der Inder nicht zwei verschiedene Wörter währen, dann wäre bei uns bestimmt auch schon die Diskussion losgegangen, ob „Indian“ noch der korrekte Begriff für „Native American“ ist.***

    ***Ironischerweise sind die Indianer wahrscheinlich auch schon nur die zweite Siedlergeneration auf dem amerikanischen Kontinent und gar nicht die erste (und damit „native“, falls es so etwas überhaupt gibt).

  7. Trotz sicherlich hehrer Absichten: Ihr Zeit-Artikel tut in meinen Augen leider nichts weiter als alle Feminismushasser in ihren Vorurteilen zu bestätigen und all jene, die Feminismus schon irgendwie wichtig finden, sich letztlich aber doch lieber mit etwas anderem beschäftigen, darin zu bestärken, sich weiterhin nicht zu engagieren : „Nee, ich würde ja, wenn DIE anders wären, aber so….?“

    Und damit das auch sicher funktioniert, wird z.B. die Blogcharts zufolge einflussreichste feministische Bloggerin – Antje Schrupp – mit ihren Thesen zur Care -Revolution und gegen Übernahme patriarchaler Strukturen einfach mal tapfer unterschlagen.

    Den Hintern hochbekommen, statt immer nur zu jammern – ähm ja, was genau hindert Sie daran?

    Warum ein weiterer Feminismusbashing-Artikel, statt einem, der alternative feministische Bewegungen aufzeigt und wenn denn nötig selbst postuliert?

    Wenn Ihnen das Gesicht des heutigen Feminismus nicht gefällt, leihen Sie ihm Ihres.
    Wenn Ihnen der Ton nicht gefällt, dann sprechen Sie für ihn.
    Aber wenn Sie zu all dem keine Lust haben, dann hören Sie doch bitte auf sich zu beschweren!

    • Ich habe zwar nirgendwo geschrieben, dass jemand statt den Hintern hochzubekommen, immer nur jammert, aber grundsätzlich haben Sie vollkommen Recht. Der Text, wenn Sie ihn vielleicht nochmal lesen mögen, richtet sich ja gerade auch an Leute, die Frauenbelange und/oder Gerechtigkeit wichtig finden, sich aber bis jetzt aus den genannten Gründen noch nicht so recht zum Feminismus dazustellen mochten, und ruft sie dazu auf, mitzumachen. Das gilt natürlich auch für mich. Der Artikel und die Reaktionen und Diskussionen danach sind auch ein Schritt zu meiner eigenen feministischen Positionierung.
      Seltsam allerdings finde ich nach wie vor, dass Kritik automatisch als antifeministisch, dass ein kritischer Beitrag automatisch als Bashing gilt.

      Ein wenig ist der Feminismus doch wie die Piratenpartei: da war viel Hoffnung auf Neuanfang, viel Potential für eine Zeitenwende, aber schnell wurden auch destruktive Elemente sichtbar und von außen klar benannt. Rufe danach, dass sich die Partei von Rechtsauslegern und anderen befremdlichen Störern distanzieren soll, wurden laut. Sie haben es nicht getan und jede Kritik mit einem ähnlichen Geschrei abgetan wie es jetzt bei den Feministinnen passiert ist. Die Piraten wurden zu einer politischen Lachnummer, niemand hat sie mehr ernst genommen, einer nach dem anderen vom engagierten Kern trat aus der Partei aus, sie ist mit wunderbarer Grandezza untergegangen. Ich denke, die Parallelen werden klar. Zu dem Kampf für das Gute zählt m.E. eben auch, dass man von jenen, die diesen Kampf behindern, stören oder seine Ziele ins Lächerliche ziehen, Abstand hält. Und das so zu benennen, ist kein Bashing, das ist nicht antifeministisch oder gar maskulistisch, das ist kein Eimer Dreck oder von vorne bis hinten destruktiv, das ist ein sinnvoller und notwendiger Aufruf. Damit der Kampf für das Gute eben auch mal irgendwann Erfolge verzeichnen kann. Im Moment sehe ich nur, dass die Aggression zwischen den Geschlechtern, vor allem im Netz, immer größer wird und dafür tragen die feministischen Schreihälse, die über jedes noch so alberne Provokationsstöckchen springen, eine sehr große Mitverantwortung.

    • @Mary: Falsch! Ich gehöre genau in die angesprochene Gruppe.

      Ich finde Gleichberechtigungsbewegungen gut und wichtig, habe bisher aber keine „peer group“, in der ich das Gefühl habe mich sachlich mit dem Thema auseinandersetzen zu können.

      Ich kann niemanden ernst nehmen, der behauptet die Biologie hätte keine(!) – oder vernachlässigbare – Auswirkungen auf die entsprechenden Unterschiede. Ebenso wenig kann ich jemanden wie Kristina Lunz mit ihrem vor kurzem erschienenen „Nein heißt Nein!“ – Artikel auf Zeit Online ernst nehmen, die sich Statistiken nach Belieben heraus selektiert, um ihre eigene Meinung zu untermauern.

      Ebenso finde ich, dass die „geschlechtergerechte Sprache“ am Ziel vorbei schießt. Darüber lässt sich sicher diskutieren, aber in meinen Augen tut man der Bewegung einen Bärendienst, wenn man Sätze schreibt wie „Die Autorin der Studie, Albert Einstein, hat …“. Mich versetzt jedenfalls jeder dieser Sätze in eine Abwehrhaltung und lässt mich unbewusst an der Glaubwürdigkeit des Autors zweifeln.

      Auf der anderen Seite interessiert mich zum Beispiel sehr, wie man es schafft mehr Frauen für meinen Fachbereich, die Informatik, zu interessieren. Außerdem hinterfrage ich privat regelmäßig meine Rolle in meiner Beziehung. Leider gibt es keine Plattform, deren Argumenten ich vertrauen kann. Durch den Zeit-Artikel bin ich auf den Blog von Meike aufmerksam geworden und hoffe, dass ich hier Anregungen für echte Lösungen finden kann. Und das hätte ich nicht getan, wenn sich Meike nicht vorher mit dem Artikel „hinreichend“ von den reinen Ideologen distanziert hätte.

      @Meike: Um auch noch was zu dem Post selbst zu sagen: Ich finde es toll, wie du dich hier mit der Kritik auseinandersetzt, insbesondere wie man dem Artikel anmerkt, dass du deine eigene Einstellung hinterfragst. Mein Eindruck von den Negativreaktionen war allerdings bisher auch nur bewusstes oder unbewusstes Falschverstehen. Der Artikel von „Dr. Mutti“ bildet da keine Ausnahme. Insofern leider tatsächlich bisher nur ein „q.e.d.“… :-(

  8. „… und dafür tragen die feministischen Schreihälse, die über jedes noch so alberne Provokationsstöckchen springen, eine sehr große Mitverantwortung.“

    Dem kann ich besonders zustimmen.

    Wenn ich als Mann für die Gleichberechtigung der Frau bin, tue ich mich schwer mit dem Begriff „Feminismus“. Das ist ein Kampfbegriff geworden, das alles Männliche zu zerstören droht. Mit Gleichberechtigung hat das nichts zu tun, es geht diesen Feministinnen um den Kampf gegen den Mann, um die Macht und vermutlich nichts weniger als um ein Matriarchat.
    Das hat mit Gleichberechtigung nichts zu tun.

    Frauen sind außerdem sehr unterschiedlich und, sie verstehen sich untereinander auch nicht unbedingt. Es gibt Frauen, die möchten gar nicht in allen Punkten eine Gleichberechtigung, ihnen gefällt es ganz gut in einer umsorgten Welt, bei der der Mann bestimmt wo es lang geht. Und notfalls greift sie zu ihren weiblichen Tricks, um ihn von ihrer Meinung zu überzeugen.
    In den Köpfen der Feministen gibt es diese Frauen gar nicht, oder sie gelten als unterdrückt, vom Mann natürlich, der sie indoktriniert hätte.

    Gleichberechtigung ist auch nicht, wenn man in Politik und Wirtschaft nun überall Frauen vorzieht, obwohl diese (oft) für diesen Posten nicht die beste Wahl sind. Gleichberechtigung ist es dann, wenn sie gleiche Rechte (und Pflichten) haben, aber nicht mehr als das.
    Momentan ist es eher so, dass wenn 1 Frau und 9 Männer zur Wahl stehen, immer die Frau gewinnt, weil sie eine Frau ist.
    Das ist so 1900, als man Frauen helfen musste, damit sie in die Kutsche einsteigen konnten.
    Ohne den Zwang zur Bevorzugung von Frauen bringens die Frauen wohl nicht?
    Armer Feminismus.

  9. Ich bin über Antje Schrupps Artikel (siehe die Verlinkung „Kleines Lob auf die Non-Mentions“) auf diesen Artikel gekommen. Danach habe ich den Ursprungsartikel auf Zeit Online gelesen und zum Schluss deinen kurzen Kommentar wiederum unter dem Artikel von Antje Schrupp. Ich habe mir sehr sehr viele Gedanken gemacht und deine Aussagen für mich analysiert.
    Meiner Meinung nach, ist deine Denkstruktur selbst einer patriachalen, dualistischen Sichtweise verhaftet, aus der du noch keinen Weg herausgefunden hast. Wenn du weiter „nur“ Texte fabrizierst, wie „dir der Schnabel gewachsen ist“, wirst du diesen Weg auch nicht finden, denn um ihn zu finden, braucht es innehalten, „nach-denken“, wie Hannah Arendt sagt. Ich denke, du wirst ihn auch nicht finden, wenn du die Welt ausschließlich aus dem Internet heraus betrachtest und dadurch nicht in der Welt bist.
    Ich wünsche dir, dass du öfter inne-hältst und nach-denkst. Dass du deine eigenen inneren Überzeugungen überprüfst, bevor du anderen Vorwürfe machst. Was mich an deinem Kommentar bei A.Schrupps Artikel gestört hat, ist dieses verallgemeinernde: „Ich finde die Klärung kommunikativer Verständnisfragen eine gute Basis für Diskurse allgemein, vielleicht sollten wir alle das viel öfter tun.“ Ich finde, dass solltest in erster Linie du viel öfter tun. Mehr von dir ausgehen und es auch so benennen: „Ich sollte das viel öfter tun.“
    Was mich an deiner Sicht auf Feminismus stört, ist, dass es mir zumindest so vorkommt, als wäre Feminismus für dich so etwas wie eine Gewerkschaft, die sich für Ihre Mitglieder einsetzt, sie beschützt und für sie kämpft. Oder als wäre eine feministische Bewegung, Denk-und Handlungsweise etwas, das wie eine Partei funktioniert, mit Wahlprogramm. Dass dann gewählt werden kann und wo ich mich als „Betroffene“ vertreten fühle. Vertreten fühlen ist aber nicht gleichbedeutend mit selbst handeln und vor allem: mit selbst Denken. Ich möchte nicht als Betroffene kategorisiert werden. Auch das bedeutet für mich eine dualistische Denkweise: einteilend in Täter und Opfer/Betroffene. Ich möchte nicht, dass andere für mich machen. Es sei denn, ich könnte es nicht, weil ich zu schwach bin, aus welchen Gründen auch immer. Feminismus sind WIR, die wir feministisch denken und handeln und das sich für mich unterscheidet vom vorherrschenden patriachalen Denken und Handeln.
    Was mich auch stört an deinem Zeit Online-Artikel ist dein Beweggrund für das Schreiben des Artikels: Du findest, dass die „Außenwirkung des Feminismus beschissen ist“. Du wirfst daher anderen Unreife und Unsachlichkeit vor, möchtest aber, dass Kritik auf deinen Text konstruktiv ist und die Situation nicht verschärft. Meiner Meinung nach hast du genau das selbst gemacht: du hast destruktiv kritisiert und keinen einzigen Deut beigetragen zur Entschärfung. Und dann ist dein Text, aus meiner Sicht, auch noch als polemische Keule benutzt worden am Weltfrauentag- eben weil er sich dafür sehr gut anbot. Denn von ausgewogener Kritik kann in deinem Text nicht die Rede sein. Am disqualifizierendsten fand ich deinen Satz „Was fehlt sind Analysen, Ursachenforschung und die für alle verständliche Vermittlung von Mechanismen der Ungerechtigkeit.“ Das zeugt für mich von einem Maß an Unwissenheit, Ignoranz und Selbstanmaßung, dass ich persönlich dir nur nachsehe, weil du jung bist. Und noch alles offen und möglich. Aber nicht in einer virtuellen Filterblase. Und das sage ich als eine, die noch nicht viel weiß über Feminismus, jedenfalls nichts, was ich akademisch belegen könnte und das sich messen ließe. Aber ich weiß ganz genau, dass dieser zitierte Satz nicht der Wahrheit entspricht.

    • Auch wenn es mich natürlich freut, jünger zu wirken, haben Sie da eventuell etwas falsch verstanden. Mit 41 fühle ich mich beileibe nicht wie ein altes Mütterchen, aber eben auch nicht wie mehr wie ein ganz junges Mädchen.

  10. wenn man den artikel ruhig, vollständig und guten willens liest, ist daran meiner meinung nach nichts auszusetzen. so ist es nun einmal – das ist die realität, in der wir leben.

    altersbedingt kenn‘ ich mit meinen 63 jahren den feminismus – noch dazu als frau – schon ein wenig länger als wohl die meisten, die hier lesen und kommentieren, incl. frau meike. dafür kann ich nichts, auch das ist einfach die realität.

    was kann oder soll ich also dazu sagen? man kann immer und überall ein wort oder einen satzteil herauspicken und dann interpretieren und kritisieren und verbreiten und was weiss ich noch alles. wer das tut, sollte einmal zu allererst ganz heftig über sich selber nachdenken, und zwar lange und ausgiebig. wollte man seinerzeit nicht auch goethes „leiden des jungen werther“ verbieten, weil ein paar leute sich nach der lektüre umbrachten? zu meiner zeit war das dann pflichtlektüre im deutschunterricht.

    gerade weil ich noch mit ganz anderen wertvorstellungen aufgewachsen bin und erzogen wurde, war mir der feminismus aus sehr vielen gründen in jungen jahren eine herzensangelegenheit. aber schon damals habe ich genau das kritisiert, was auch frau meike zur diskussion resp. in frage stellt. ganz viele dinge, die angestrebt oder auch erreicht wurden, waren und sind kontraproduktiv, weil sie vom wesentlichen ablenken oder überhaupt nix damit zu tun haben.

    am beispiel pippi langstrumpf weitergesponnen: wenn man „negerkönig“ durch „südseekönig“ ersetzt, fällt da keinem klugen menschen (ausser mir natürlich, hehehe) auf, dass das zwei völlig verschiedene begriffe sind, nämlich einmal „könig von menschen“ und einmal „könig von wasser“, wobei im letzteren fall noch nicht einmal klargestellt ist ob süss- oder salzwasser, denn es ist doch auch ein unterschied zwischen „der see“ und „die see“ aka meer, und, btw., süden von wem oder was bitte? man will aber die kindelein nicht verwirren und ihnen erklären müssen, wie das mit den verschieden pigmentierten menschen ist, die ihnen täglich auf der strasse begegnen. natürlich ist es viel einfacher, den kindelein den unterschied zwischen „der see“ und „die see“ sowie die verhältnismässigkeit von „süden“ und „im süden von“ begreiflich zu machen, und den unterschied zwischen königen damals, heute, hier und andernorts. alles im volksschulalter, wohlgemerkt. hauptsasche, ein meilenstein in der bekämpfung von rassismus und diskriminierung ist getan, erklärt man mir. leider kann ich das so nicht sehen. und ausserdem handelt es sich in jedem fall um eine übersetzung, und die ist dann eben: falsch. punkt. und die ganze geschichte ist sowieso frei erfunden, ganz nebstbei, wenn also ein pferd im haus wohnt und im bett schläft, und ein kind mit goldmünzen um sich wirft …

    gerechterweise müsste man doch aber auch die anderen märchen alle umschreiben, im sinne des gendering, denn die grossmutter wird vom wolf gefressen, die hexe ist immer eine frau, und wieso verkauft kein kleiner junge die streichhölzer? wieso ist fast immer die stiefmutter böse? auch von zwerginnen liest man höchst selten.

    solange solche dinge thematisiert werden, darf man sich über ablehnung nicht wundern. und ja, auch ich habe mich als frau und mutter schon darüber alteriert, dass eine frau und mutter mitten im restaurant vor dem fenster für alle passanten und restaurantbesucher gut sichtbar ihr, verzeihung, euter ausgepackt, kontrolliert, gesäubert hat und dann das kind trinken liess. natürlich ist das natürlich. aber es ist nix, was in der öffentlichkeit zelebriert werden muss. und es hat auch nix damit zu tun, dass man natürlich ein kind in der öffentlichkeit stillen kann – es ist immer eine frage des wie. ebenso natürlich ist es meiner meinung nach nämlich auch, dass es einen mann einmal wo juckt oder ziept, aus diversen verständlichen gründen, und zwar wesentlich öfter als frauen kinder in der öffentlichkeit stillen müssen/wollen/sollen. kratzt sich aber ein mann, wenn auch nur verstohlen, am sack, dann ist holland in not. und nochmal: beides ist natürlich, beides ist normal, beides kann man aber entweder zelebrieren wie ein besonderes volksfest oder es ein wenig abseits erledigen. wenn dann aber stillen-in-der-öffentlichkeit als sieg des feminismus gefeiert und kratzen-am-sack als sexuelle belästigung geahndet werden, dann stimmt da wohl einiges nicht.

    ein zitat möchte ich gerne anfügen. eine längst verstorbene freundin hat so ca. 1980, da war sie knapp über 40 jahre alt, nach sehr vielen und langen diskussionen zu diesen themen subsummiert: „wenn das der feminismus sein soll, und wenn es das ist, was die feministen wollen, dann helf ich mir lieber weiter mit dem schmäh.“ bedauerlicherweise hat sich da nicht viel geändert.

  11. Liebe Meike Lobo,

    finde ich toll, dass Du den Artikel auf meinem doch eher unbedeutenden Blog offenbar gelesen hast. Mich hätte direkt noch interessiert, wie Du meine Einschätzung deines Artikels findest. Vielleicht hast du ja hier Lust, mir kurz darauf zu antworten?

    Liebe Grüße

    Margret

    • Liebe Margret,
      zunächst einmal, und ich finde es tatsächlich traurig, das erwähnen zu müssen, fand ich die Art, wie Du meinen Artikel seziert hast, angemessen, differenziert und reif. Ein großer Teil meiner Kritik bezog sich ja auf Kritikresistenz und Unsachlichkeit und ein großer Teil der Kommentare und Repliken war genau das. Persönlich, spöttisch, polemisch, im Tonfall um größtmöglichen Schaden bemüht, inhaltlich wie Teflon, nicht die Andeutung eines „Über diesen oder jenen Punkt denke ich mal nach“. Deiner, der von Dr. Mutti und auch jener von Antje Schrupp hob sich da sehr hervor und zeigt sehr deutlich, dass man auch über unterschiedliche Positionen ohne Hass und Schaum vor dem Mund sprechen kann. Danke dafür.

      Die Ausführungen zu meiner feministischen Zuordnung fand ich interessant, tatsächlich habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, ob ich in irgendeine Kategorie passe. Ich weiß, dass Frauen seit Entstehung des Patriarchats anders, sehr oft schlechter, behandelt werden als Männer. Dass sie unfreier sind, ihre Sexualität eingesperrt und verstümmelt wird und sie von bestimmten Lebensbereichen weitgehend ausgeschlossen waren und in vielen Ländern der Welt z.T. noch sind. Und ich weiß, dass ich das unerträglich finde und ändern möchte. Ich sehe mich selbst als feministisch interessiert und dass ich jetzt einen Namen für „meine Richtung“ habe, ist auf jeden Fall lehrreich.

      Bezüglich des Biologismus und Determinismus, der mir immer wieder fälschlicherweise vorgeworfen wird, wenn ich biologische Unterschiede nur erwähne, habe ich bereits bei Dr. Mutti einen langen Kommentar hinterlassen und verweise Dich mal darauf. Kurz zusammengefasst: mich nervt der Absolutheitsanspruch auf allen Seiten. Es muss entweder NUR Biologie sein oder NUR Kultur. Jede These muss entweder für ALLE Männer/Frauen gelten oder für keine/n. Die Gaußsche Normalverteilung haben alle offenkundig nach der Schulzeit sofort wieder vergessen, ebenso die Möglichkeit, dass auch eine Mischung von Einflüssen dafür sorgen könnte, dass wir sind, wer wir sind.
      Kürzlich konnte z.B. nachgewiesen werden, dass frühkindliche Traumata sich auf die räumliche Struktur der DNA auswirken, sie hinterlassen eine epigenetische Narbe. Die räumliche Faltung des Moleküls wiederum beeinflusst, wie der genetische Bauplan abgelesen und zu Proteinen umgesetzt wird. Die äußere Welt, zu der also auch kulturelle Einflüsse gehören, prägt sich also wie ein Stempel in die DNA und die weiteren physiologischen Prozesse laufen unter diesem Eindruck ab.
      Oder nimm pränatale Einflüsse: Substanzmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft z.B. Der verändert den Embryo, das Kind kommt mit angeborenen Eigeneheiten auf die Welt, die aber auf ein Verhalten der Mutter zurückgehen. Wo verläuft hier die Grenze zwischen biologisch und kulturell? Wie können wir alle uns angesichts solcher Phänomene anmaßen, a) überhaupt eine fixe Grenze zwischen „Kultur“ und „Biologie“ zu behaupten, und b) zu wissen, wo diese Grenze verläuft und dann mit 100%iger Gewissheit das eine oder das andere in Stein zu meißeln?

      Wenn es also in meinem Artikel so klang, als würde ich „alle Männer“ und „alle Frauen“ zu einer homogenen Gruppe verschmelzen, war das in der Tat missverständlich.

  12. Hallo Frau Meike,

    vielen Dank für das rasche und nette Feedback. Ich bin nicht auf twitter, wo sich, wie mir scheint, viel mehr feministisch orientierte Menschen „rumtreiben“ als anderswo im Netz, insofern habe ich die Reaktionen ansonsten nicht im großen Umfang mitbekommen.

    Ich finde es aber schade, dass dein Text offenbar v. a. entweder streng antifeministisch (von der einen Seite bejubelt, von der anderen stark kritisiert) interpretiert wurde oder aber der Art „mähhh, die doofe Feministin, will wieder erreichen, dass Frauen der Hintern gepudert wird“.

    Denn ich las ihn vielmehr als Anregung und Idee zu einer Kurskorrektur.

    Die differenzfeministische Position fiel mir gleich auf, da unterscheidet sich der Artikel tatsächlich von Antje Schrupps Texten gar nicht so sehr. Ich persönlich neige eher der Ansicht zu, dass es wichtig ist, grundsätzlich gleiche Voraussetzungen für alle Menschen zu schaffen, egal, welchen Geschlechts oder welcher Herkunft. Aus diesem Grunde bin ich beispielsweise sehr für die Einführung eines anonymisierten Bewerbungsverfahrens.

    Die Frage nach Kultur und Sozialisation finde ich deshalb gar nicht die Wichtigste. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir diese Frage in Zukunft zufriedenstellend lösen und halte daher die Herstellung von maximaler Chancengleichheit für elementar.

    Ich trete allerdings doch eher radikal gegen traditionalistische Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit ein, wenn diese als einzige Möglichkeit fürs Mann- oder Frausein verkauft werden. Mein Ziel oder eher meine Traum wäre eine Gesellschaft, in der man sagen kann „Mädchen-/Frau bzw. Mann-/Junge sein kann man auf viele Weisen“ (Das ist das Motto von pinkstinks).

    Ich finde aber auch, wir sind da auf einem durchaus guten Weg (dank Feminismus).

    Mich stören zudem frauenfeindliche und auch noch unlogische Aussagen der Art „Frauen, wenn sie nicht daheim bei den Kindern bleiben, sind unweiblich, aber die verdammten geschiedenen Schlampen sollen halt arbeiten“. Dass das eine aus dem anderen folgt, scheint da völlig irrelevant. Oder auch der Vorwurf, der seit Esther Vilar immer wieder erhoben wird, Frauen wären quasi parasitäre Lebensformen, die sich auf Kosten von Männern einen Lenz daheim machen würden und damit schuld seien an der kürzeren Lebenserwartung von Männern und anderem Übel. Solche und ähnliche Aussagen lese ich leider sehr häufig auf antifeministischen Seiten und im Kommentarbereich großer Medien und ich befürchte, lässt man das zu, eine gesellschaftliche Stimmung, die sehr gegen Frauen gerichtet ist.

    Da ist es aber natürlich auch wenig hilfreich, wenn man sich mit der Gegenseite gar nicht auseinandersetzt (auch wenn es ermüdend sein kann).

    Was ich sehr nachvollziehen kann, ist deine Einschätzung übertrieben aufgebauschter Diskurse nicht nur im Feminimus, aber auch da. Das ging mir in letzter Zeit auch öfter auf den Zeiger und ich hatte schon einen Artikel dazu geplant. Ich fand z. B. das angesprochene Hemd auch etwas unprofessionell und ich bin mir auch überhaupt nicht sicher, ob es nicht einen viel größeren wütenden Aufschrei gegeben hätte (von anderer Seite) wenn eine Frau mit halbnackten Männern auf dem Shirt vor die Kamera getreten wäre (es gab in der Zeitschrift Literaturen mal die Abbildung eines Penis in Vollgröße und daraufhin X beleidigte Leserbriefe von Männern), aber prinzipiell fand ich es halt v. a. etwas nerdig und unüberlegt und es hätte, gegen die eigentliche Botschaft, lediglich eine Randnotiz sein sollen. Ich sehe da aber auch eine gewisse Mitschuld bei den Medien. Skandalisierung schafft leider Aufmerksamkeit (ich fürchte, das war auch ein wenig die Intention der Zeit-Redaktion, als sie den Zeitpunkt der Veröffentlichung ausgewählt hat) .

    Das hier „Die Zuspitzung jeder minimalen Abweichung vom eigenen Standpunkt zu seinem kompletten Gegenteil ist derzeit in vielen Diskursen zu beobachten, es ist die Diskurskrankheit des 21. Jahrhunderts“ kann ich auf jeden Fall unterschreiben.

    Auch was die mangelnde Unterstützung von Hausfrauen und Hausmännern sowie von Pflegepersonal und Kindergärtnerinnen angeht und ganz ganz stark die von Alleinerziehenden, kann ich mitgehen. Die „normale“ Frau ist schon etwas aus dem Blick geraten im Feminismus. Das war in den 80ern mit der Gruppe rund um Maria Mies auch mal anders. Ich denke aber, das wäre absolut ein Thema für Frauen und Männer gemeinsam, denn Pflege und Kinderbetreuung gehen wirklich alle an.

    LG

    Margret

  13. Zu der Hausfrauen- und Hausmännersache noch ein kurzer Nachtrag: Da sehe ich die Schuld schon teilweise auch bei den Betroffenen. Es wird viel im Verborgenen gejammert, aber sich wenig engagiert. Feministinnen sind doch öfter „Karrierefrauen“, und die setzen sich halt auch eher für ihre Belange ein. Das kann man ihnen nicht verdenken und sollte man auch nicht. Also erwarten, dass sie sich jetzt bitteschön „für die anderen“ einsetzen sollen, die sich lieber nicht engagieren. Insofern müssten sich Hausfrauen selbst besser organsisieren. Die Strukturen gibt es ja eigentlich schon.

  14. Und noch ein kleiner Nachtrag: Interessanterweise dachte ich gestern an die Feminismus-Kritik von Ronja von Rönne, die dem Feminismus ja fast das Gegenteil vorgeworfen hatte. Sich zu sehr um „die anderen“ kümmern zu wollen

    „Aber Du musst doch auch mal an die anderen denken“, flötet mir der Feminismus zu. All die alleinerziehenden Mütter, all die Frauen, die immer noch unterbezahlt sind. (…) Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden.“

  15. Zitat gleichheitunddifferenz: „Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden.“

    Also ist der Feminismus tatsächlich nur eine Veranstaltung von, wie es Julia Schramm so charmant formuliert hatte, „Privilegienmuschis“?

    Ich bin gerade ziemlich entsetzt von dem Klassismus und dieser sozialen Kaltschnäuzigkeit die sich in dem Zitat manifestiert.

    Julia

    • Das Problem bei jeder Einschätzung jeder wie auch immer gearteten sozialen Gruppe ist die Unterscheidung zwischen der Behauptung wofür sie steht und was sie tatsächlich tut.

      Dies wird umso schwerer, desto lohser die Gruppe umfasst ist bzw. wo die definierte Grenze liegt.

      Nehmen wir mal ein ganz einfaches Beispiel „Kegelclub Oberunterhintervorbach e.V.“: Laut Satzung ein Club dessen Mitglieder sich zusammenzufinden, um 9-Pin-Kegeln zu spielen. Dafür gibt es ein Klubhaus mit zwei Bahnen und einer kleinen Theke.

      In Wirklichkeit werden aber meistens nur zwei oder drei Kugeln geworfen und den Rest des Abends wird einfach nur Bier getrunken bis in die Morgenstunden.

      Wenn jetzt mal eine Ehefrau kommt und sagt, dass die Samstags abends ja immer nur saufen würden, dann könnten sie sich voller selbstgerechter Entrüstung auf die Satzung stützen und aufzeigen, dass sie ja ein Kegelclub seien!

      So ähnlich funktioniert das mit vielen Gruppierungen und Gemeinschaften und das schließt den Feminismus mit ein.

      Wann immer jemand den Femismus (un)gerechtfertigt kritisiert, wird das Lexikon aufgeschlagen und was von „Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern“ rezitiert.

      Und anschließend geht man wieder zur Tagesordnung zurück, in der dann eine Dame mit Universitätsdiplom in ostindischer Literatur beklagt, dass es so wenig Führungsfrauen in deutschen Industriebetrieben gäbe oder dass gleichgroße (m²) Toiletten für Frauen und Männer keine Gleichberechtigung wären, weil Männer mit Pissoirs viel platzsparender pinkeln könnten.

      http://time.com/3653871/womens-bathroom-lines-sexist-potty-parity/

    • @ Hallo Julia,

      das war ein Zitat von Ronja von Rönne aus ihrem feminismuskritischen Artikel in der Welt und kommt nicht von mir (http://www.welt.de/kultur/article139269797/Warum-mich-der-Feminismus-anekelt.ht). Es sollte nur zeigen, dass Feminismus aus ganz unterschiedlichen und oft gegensätzlichen Perspektiven wahrgenommen und kritisiert wird. Während Meike eher kritisiert, dass Feminismus sich derzeit zu wenig um die anderen also z. B. „Charityarbeterinnen“ wiederum also z. B. Pflegeberufe kümmert (wo ich ihr prinzipiell zustimmen würde), ktitisiert Ronja von Rönne im Prinzip das genaue Gegenteil.

      Ich selbst sehe mich als Feministin, allerdings eher als Gleichheitsfeministin. Was das für mich bedeutet, habe ich in meinem Grundsatzartikel „Gleichheit und Differenz“ dargestellt. Wenn Meike es erlaubt, verlinke ich ihn hier, ansonsten Link einfach löschen https://gleichheitunddifferenz.wordpress.com/2015/10/18/gleichheit-und-differenz/ .

      Die Ansicht von Ronja von Rönne teile ich übrigens auch gar nicht.

      • Natürlich kannst Du verlinken. ;)
        Ich fand den Rönne-Text von den Unterschieden in der Wahrnehmung des F. mal ganz abgesehen auch eher kontraproduktiv. Der war vom ersten Satz an auf größtmögliche Schadwirkung ausgelegt. „Euer Feminismus kotzt mich an“ – das ist halt nicht wirklich eine Sprache, die Kommunikation ermöglicht, sondern eher eine, die Kommunikation beendet.

  16. Meine Freundin und ich waren / gehen auch nicht mit allem konform, was Sie in Ihrem alles in allem wunderbaren und vor allem dringend notwendigen Artikel geschrieben haben.

    Allerdings haben Sie – unter anderem – mit einer Beobachtung voll ins Schwarze getroffen: Die Unfähigkeit zur differenzierten Diskussion. Die ist auch anderswo nicht möglich, nur funktioniert sie eben auch nicht unter Feministinnen bzw. solchen, die sich dafür halten.

    Woher ich das weiß? :)
    Ihr Text war der Hauptgrund – eine andere Diskussion nur der vorgeschobene Vorwand – weswegen wir – eine Freundin und ich – aus einer „feministischen“ Facebookgruppe geflogen sind. Es ging zu wie beim Hornberger Schießen.

    Nie war ich froher, aus einer Gruppe gekickt zu werden als vorletzte Woche. Meiner Freundin geht es übrigens ähnlich – und wir freuen uns beide auf mehr zum Thema von Ihnen.

    PS. Ihr Blogprovider hat immer noch nicht gerafft, dass es nicht „Hinterlasse EIN Kommentar“ heißen muss, sondern „EINEN Kommentar“. :)

  17. Ich bin auf Beides, Blog- und Zeitartikel. erst jetzt gestoßen. Deshalb schreibe ich nur einen kurzen Kommentar, nachdem die ganze Aufregung schon vorbei ist.
    Ich finde, was Du schreibst richtig und wichtig. Dein Artikel trifft auf den Punkt, was an der heutigen Feminismusbewegung kritikwürdig ist. Das Verharren im eigenen Mikrokosmos, das Negieren der Individualität von Frauen, die Intoleranz beim Fordern nach Toleranz.
    Warum ich mit Dir diesbezüglich völlig konform gehe, schrieb ich Dir bereits vor längerer Zeit in einer E-Mail.
    Es wird häufig lauter darüber geredet wie wir etwas sagen, statt darüber was wir sagen. Verkannt wird dabei, dass auch dies ein Instrument der Ausgrenzung ist.

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