Radikalisierungspause

Radikalisierungspause

Fast ein ganzes Jahr befinde ich mich jetzt im Zustand gellender innerer Aufgeregtheit. Während der Arbeit an meinem Geschlechterbuch ereilten mich im Frühjahr 2015 einige Erkenntnisse, die mir völlig den Boden unter den Füßen weggezogen haben (welche, steht dann in dem Buch). Mir wurde klar, dass alles mit allem zusammenhängt und kein popeliges Gesetz, keine Quote, kein Kündigungsschutz für Mütter, kein Erziehungsgeld die Gesellschaft auch nur einen My freier machen, die Gewalt gegen Frauen beenden, das Geschlechterverhältnis befrieden würde. Ich begann, mich innerlich von diesem Leben, das wir alle in diesem System führen, zurückzuziehen. Mein Wunsch nach Flucht raus aus der Zivilisation wurde immer größer, ich habe es kaum noch ertragen, Teil der Gesellschaft zu sein. Ich musste oft an Jean-Baptiste Grenouille denken, den Jungen mit der absoluten Nase aus Patrick Süskinds “Das Parfum”, der sich auf einem Berg in eine nackte Höhle zurückzog, weil er den Gestank der Welt nicht mehr ertrug. Ich ertrug den Gestank der Zivilisation nicht mehr und den Sommer verbrachte ich in einem ziemlich tiefen Loch.

Dann kam die Flüchtlingskrise und alles Erschütternde, das mir in den Monaten vorher über Kapitalismus und Freiheit klargeworden war, wurde auf die schlimmstmögliche Weise bestätigt. Die besitzbasierte Zivilisation zeigte ihr Gesicht in all seiner Hässlichkeit, während im Mittelmeer Menschen ertranken und vor dem LaGeSo in Berlin schwangere Frauen kollabierten. Freiheit ist nur dann gut, wenn wir reichen Industriemenschen darüber bestimmen, wer frei ist. Wohlstand, das ist nur gut, solange die, denen wir den Wohlstand verdanken, nichts davon abhaben wollen. Das grenzenlose Europa redete plötzlich von nichts anderem als gesicherten Außengrenzen als seien die verzweifelten Menschen, die vor Tod, Folter und Krieg fliehen, der fleischgewordene “Krieg der Welten”. Ich stellte jeden Konsum (außer Lebensmittel) ein, nichts, was ich kaufte, sollte helfen, dieses menschenverachtende, kapitalistische System am Leben zu erhalten, ich kaufte keine Kleidung, keinen Schnickschnack, wenn ich Bücher für die Arbeit brauchte, versuchte ich, sie gebraucht zu bekommen oder zumindest direkt bei den Verlagen. Ich schrieb zehn große Kleidungs- und Schnickschnackfirmen an und fragte nach ihren Produktionsbedingungen, weil ich versuchen wollte, mein Einkaufsverhalten meiner gewandelten Haltung anzupassen. Einige antworteten gar nicht, der Rest ließ ausnahmslos (keine.einzige.Ausnahme.) in Billiglohnländern produzieren, immer mit den ekelhaftesten Anpreisungsfloskeln. “Damit wir Ihnen als unserer Kundin immer den günstigsten Preis bieten können”.

In mir tobte ein Sturm. An allen Fronten fühlte ich mit, ich hatte nicht mehr nur ein Kernthema, an dem ich mich abarbeitete, einfach alles war mir unerträglich. Der Rechtsruck, das Flüchtlingselend, der Feminismus, das Geschlechterverhältnis, die Politik, die Demokratie, Die “Diskussions””kultur” im Internet. Medien, soziale und Nachrichten, bliesen eifrig ihre Floskeln gegen diese schlimmen Entwicklungen an. Ja, man müsse jetzt kühlen Kopf bewahren, es sei noch nicht alles entschieden, die Sorgen der Wähler ernstnehmen, Signale verstehen. Was soll diese Phrasendrescherei? In Österreich wurde gerade eine Nazipartei mit über 30% gewählt, was soll die Augenwischerei? Was soll der Glaube an Demokratie als beste Staatsform? Jemand schrieb irgendwann in den letzten Monaten, die NSDAP sei 1933 auch demokratisch gewählt worden, ein zynischer und in seiner Klarheit kaum zu ertragender Satz. Eine Demokratie ist nur so gut, so stabil, so weltoffen wie die Parteien, die die Menschen wählen können. Wir sehen gerade überall in Europa, dass die Angst um Status, um den Zweit- und Drittwagen, die Angst vor Veränderung, die Menschen zu engstirnigen, hartherzigen, paranoiden Schrebergartenbesitzern mutieren lässt. Rechte Parteien gewinnen überall Wähler und alle erzählen, es sei noch nichts entschieden, man dürfe den Kopf nicht verlieren, man müsse mit den Menschen reden. Seit einem Jahr reden alle mit den Menschen, versuchen aufzuklären, Barrieren abzubauen, Verständnis zu fördern, aber das wollen die gar nicht hören. Da greift irgendein uralter Ressourcenwahrungsinstinkt, der alles Menschliche zur Disposition stellt.

Ich kann nicht mehr, ich kann nicht. Ich kann die Nachrichten nicht mehr lesen, weil ohnehin immer das gleiche drinsteht: Rechts gewinnt, wieder ein Selbstmordattentat irgendwo, die Wirtschaft braucht mehr Wachstum (HA!). Und dazu die passende Phrasendrescherei, die Politik der kleinen Schritte. Hier ein Gesetzchen, da eine Forderung, dort ein Diskussiönchen, aber an der grundsätzlichen Richtung dreht niemand. Zu radikal, geht nicht, Traditionen wahren, festhalten an allem. Besitzbasierung ist schon richtig, man muss sie nur gerecht gestalten. Ich halte das für unmöglich. Und jetzt sitze ich hier und schreibe einen hysterischen Blogartikel, den ich vermutlich morgen bereuen werde. Die Verzweiflung, die Fassungslosigkeit, die Unerträglichkeit meiner eigenen Hilflosigkeit, all das ist weg, weil ich leer bin. Ich habe vor ein paar Wochen wieder angefangen, Dinge zu kaufen. In erster Linie, weil ich sie brauchte, mehrere Oberteile waren mir unreparierbar kaputtgegangen, aber ich kaufe wieder.

Keine Ahnung, ob da endlich irgendein Selbstschutz bei mir greift, bevor ich völlig den Verstand verliere, aber im Moment umfängt mich bleierne Erschöpfung. Ich lese extrem wenig Nachrichten, auch bei Twitter bin ich nur selten. Bei Ello schreibe ich hin und wieder, aber zu irgendeiner gesellschaftlichen Entwicklung habe ich nichts zu sagen, ich habe mich im letzten Jahr in meinem Blog daran leergeschrieben mit aller Empathie, die ich dafür aufbringen konnte. Abends schaue ich Serien auf den elektronischen Luxusgeräten, die ich dem Kapitalismus zu verdanken habe, tagsüber schreibe ich oder – ha! – lackiere mir die Nägel. Ich möchte mal wieder eine Nacht ruhig und ausreichend schlafen, ohne Albträume und ohne vorher Tabletten zu nehmen. Vielleicht mal wieder lachen. Das Gefühl haben, dass man ein winziges Quäntchen Energie übrig hat und nicht immer auf Reserve läuft.

Ich sehe mich immer noch als Gegner des Systems, weil ich die Demokratie, die Politik, den Kapitalismus, weil ich die Strukturen, die der Mensch von seinen jungsteinzeitlichen Erkenntnissen abgeleitet hat, ablehne, aber wie ich das umsetzen kann, ohne mich an Schienen zu ketten, Steine zu schmeißen oder der nächste Una-Bomber zu werden, weiß ich nicht. Vermutlich muss ich noch viel lernen als Systemfeind.

Pause.

29 Kommentare

  1. Geh in ein Kloster für ein paar Wochen und lebe dort einfach. Das haben andere schon gemacht und sie kamen glücklicher und zufriedener heraus als sie hinein gingen.
    Und/oder mach eine Segeltörn bei schlechtem Wetter, bei der man lernt, ein funktionierendes Glied in einer Gemeinschaft zu sein und sich jeden Tag erneut der Seekrankheit zu stellen (so viel ko… wirst du danach nie wieder in deinem Leben).
    Eine Extremtour in den Bergen als Einzelgänger kann ich schlecht raten, weil das ist sehr gefährlich. Aber wenn man mehrmals ganz alleine äußerst knapp vor dem Tod steht, fallen einem Dinge ein, die einem wichtig sind: Noch einmal wieder am Tisch bei seinen Eltern sitzen, noch einmal Essen können, noch einmal durch die Stadt gehen können und Menschen treffen, noch einmal irgendwas tun dürfen, was alltäglich ist, aber sonst nicht mehr wahrgenommen wird. So extrem muss es nicht sein, da spielt Glück eine zu große Rolle.
    Aber wann hat man das letzte mal die Blume am Wegesrand bewusst wahrgenommen?
    Ein Hauch von Zen…

    • “… bei der man lernt, ein funktionierendes Glied in einer Gemeinschaft zu sein” – Welcher Teil von “Systemfeind” und “will nicht mehr Teil der Gesellschaft sein” war so missverständlich?

      • Vielleicht hatte ich mit meiner Antwort auch schon zu weit nach vorne gegriffen, weil im Artikel heraus kam, dass da jemandem alles zu viel wird und der Versuch, das alles alleine für sich zu ändern nicht klappen kann. Es ist zu viel was im Argen liegt.
        Da hilft es, heraus zu finden, was einem wirklich wichtig ist und was man selbst tun kann.

        Wenn man zum Beispiel in ein Kloster geht und für eine Zeit lang ein einfaches und überschaubares Leben führt, dann merkt man, dass man vorher in einem Hamsterrad gefangen war, das von “Anderen” immer schneller gedreht wird.
        Diese “Anderen”, das sind aber wir.
        Alles haben wollen, alles gleich, viel besitzen, alles wissen und alles nach seinen Wünschen ändern wollen, das sind wir.
        Vorne mit dabei sein, immer das Neueste, überall und gleichzeitig, das sind auch wir.
        In einer Großstadt lernt man von Kind auf auch kaum etwas anderes und viele verlernen es mit den Jahren, dass es noch ein anderes Leben gibt.

        Was passiert denn mit der Welt, wenn man sich auf das Wesentliche konzentriert, was für einen selbst (und die Angehörigen) wesentlich und wichtig ist? Dreht sich die Welt weiter?
        Und was ist für einen wichtig und wesentlich?
        Die Werbung sagt dir das Tag für Tag, aber das ist genau einer derjenigen, die am Hamsterrad drehen. “Arbeite mehr und schneller, mach Geld, mach mehr Geld und dann gib es aus!”, ist die Botschaft. Es ist laut und es blinkt überall.
        Und um heraus zu finden, was einem wirklich wichtig ist, braucht man Ruhe, oft eine andere Umgebung und ein bescheidenes Leben.
        Das sind die berühmten 40 Tage in der Wüste.

        Stell dir vor, du wärst in einer solche Situation?
        Keine Informationen mehr von Außen, kein Internet, kein Fernsehen und keine Werbung. Nur Briefpost, falls überhaupt. Was du hörst und siehst, das ist nur von deinem direkten Umfeld. Und um was du dich kümmern und sorgen musst, ist auch nur in deinem direkten Umfeld. Und dann gibt es für dich all das, was dich jetzt bekümmert, nicht mehr.
        Und dann tauchen andere Gedanken auf, für die vorher kein Platz war.

        Und warum schrieb ich von Gemeinschaft und Funktionierendes Glied?
        Nun, ich habe mir oft Gedanken gemacht, wie die Generation vor mir den Krieg überlebte.
        Das ging zum Teil deswegen, weil die Bauern immer noch das Land bestellten (obwohl sie teils von alliierten Flugzeugen auf dem Feld abgeschossen wurden), weil der Rest der nicht als Soldat draußen war, im Inneren die Arbeit weiter machte und die Gesellschaft am Laufen hielt, soweit es ihnen möglich war. Sie konnten nicht den Krieg verhindern aber als Teil der Gesellschaft dafür helfen, dass die Gesellschaft überlebte.
        Wenn ich z.B. als Bäcker meine Arbeit mache, dann diene ich der Gesellschaft und bin ein funktionierender Teil der Gesellschaft. Es wird dann nicht von mir erwartet, dass ich die Probleme der Welt löse.
        Wenn ich aber als Bäcker die Situation ausnützen würde und die Rationen verringern und den Preis verzehnfachen würde, dann würde ich nicht mehr der Gesellschaft dienen, sondern sie ausbeuten. Dann wäre ich ein Teil des gesamten Problems.

        • Und wer löst sie dann? Die Probleme dieser Welt? Wenn wir alle nur darin funktionieren und alles Bestehende aufrecht erhalten?

          iIhre Lösungsvorschläge sind nett gemeint und helfen sicher manchem, aber Ich habe den Eindruck, Sie verstehen nicht worum es hier geht.

          • Möchten Sie die Welt retten?
            Wer die Kraft und Ausdauer dazu hat, soll es versuchen.
            Aber nicht jeder kann das und muss aufpassen, sich nicht zu verlieren.
            Und eine Pause einzulegen, einmal nicht mehr im Hamsterrad zu rennen, gibt wieder Kraft für Neues.
            Wer sich so fühlt, “…weil ich leer bin.”, hat sich verausgabt. Man nennt es auch Burnout, wenn nichts mehr geht, keine Energie mehr vorhanden ist.
            Die neue Energie findet man aber nicht, wenn man weiter im Hamsterrad rennt.
            Von Künstlern ist es altbekannt, dass wenn sie leer sind, eine Schöpfungspause brauchen, neue Inspirationen sammeln müssen.

            “Sie verstehen nicht worum es hier geht.”

            Weder ich noch die Autorin werden die Welt verbessern können (da müsste sie schon Kanzlerin werden), also bleibt das, was in ihrer Macht steht: Sich um sich selbst kümmern, um nicht zugrunde zu gehen. Die kleinen Dinge erledigen, die man erledigen kann. Täte das jeder, wären es viele Millionen in Deutschland, die etwas zu einer besseren Welt beitragen.
            Und dann wäre die Welt besser, zumindest hier.
            Wie sähe unsere Welt aus, wenn die Politiker sich fragen würden, wem sie nützen und wohin das führt, was sie tun? Würde jeder von ihnen das tun was er kann und nicht schauen, was andere nicht können und sich nur Vorteile verschaffen wollen, wäre sicher einiges besser.
            Das Große fängt im Kleinen an.

        • Lieber Frank!
          Beim Lesen Ihrer Zeilen reibe ich mir voller Verwunderung die Augen: Gibt es tatsächlich noch Menschen wie Sie? Menschen, die derart reflektiert sind? Danke, das macht mir Hoffnung; offenbar bewahren einige von uns die Bodenhaftung, sehen das Naheliegende und immunisieren sich gegen die Massenhysterie und diesen aberwitzigen Beschleunigungs-Wahn. – Sie bringen es auf den Punkt, und Sie sprechen mir voll und ganz aus der Seele. Natürlich ist es schicker, die Welt im Großen zu verbessern. Das große Ganze. Der große Plan. Großartig. – Leider gelingt das Verbessern nur im Kleinen: Indem jeder seine Aufgabe kennt, akzeptiert und erfüllt. Und sei sie noch so banal. Und insofern hat jeder von uns kleinen, unbedeutenden Menschen die Macht, die einzige Welt zu verbessern, die er hat: seine eigene. Dafür gibt es kaum Lob, wenig Anerkennung und überhaupt keine öffentliche Anerkennung, keine Orden und keine Lobeshymnen. Doch indem jeder vor seiner eigenen Haustür kehrt und sein Haus in Ordnung hält, erzeugt dies eine immense Strahlkraft, daran glaube ich ganz fest und daran halte ich fest. – Wie oben, so unten. Wie innen, so außen. – Ihnen einen guten Tag!
          PS:
          Ich mach´jetzt mal den Abwasch (ich sehe das als so eine Art Arbeitsmeditation; wenn man zu hektisch ist, fliegt einem das Geschirr aus der Hand), häng´die Wäsche auf (… muss ja von irgendeinem Trottel erledigt werden…), geh´einkaufen (das hasse ich nun wirklich!) und dann fix in die Küche (ich koche nicht gern): Das”Kind ” (15, 100% Pubertät) kommt um halb zwei aus der Schule, dann muss das Essen fertig sein. Bin froh, dass wir beide so gern Spaghetti/rot mögen und er seit einem Jahr kein Fleisch mehr isst (die Zubereitung hatte mich echt geekelt, aber was blieb mir anderes übrig? Missionieren wollte ich nicht, jeder muss seine Erfahrungen machen, das schult das Urteilsvermögen. Und nun ist er überzeugter Vegetarier, wie schön). Mal sehen, was der Bursche nach der heutigen Franzearbeit für ´ne Laune hat (er hasst Franze! ich auch! gestern abend und heute morgen beim noch-mal-schnell-Vokabeln-abfragen haben wir uns gegenseitig gehasst). …. Diese Liste der Trivialitäten ließe sich bis cirka 23 Uhr fortsetzen, dann gehe ich ins Bett und scheitere mal wieder an dem Versuch, mich länger als zehn Minuten auf mein Buch zu konzentrieren. Na gut, dann eben nicht. Gute Nacht, ihr Sorgen: L.m.a.A. bis morgen!

      • Das ganze oben hat mir aus tiefster Seele gesprochen. Jeder einzelne Satz, denn genau so fühle ich mich meistens. Mit jemandem darüber zu reden ist meist zwecklos. Es wird dann sofort Negativismus und eine motzigmiese Grundhaltung den Dingen gegenüber im Allgemeinen unterstellt. Dein Kommentar hier gerade, hätte von mir sein können…ich musste so lachen :D danke. Solidarisierungsgefühle hinsichtlich Abwatsch-Reflexen sind ja auch machmal Lichtblicke im Alltag.

  2. Die Politik der kleinen Schritte ist gar nicht so verkehrt, aber man braucht Geduld und Durchhaltevermögen — und muß es aushalten können, wenn sich zu Lebzeiten vielleicht keine Ergebnisse einstellen. Das ist leider auch etwas, das wir von unsren Steinzeitvorfahren nicht gelernt haben.

    Es gibt jede Menge Anbieter fair gehandelter, nach bestem Ökogewissen hergestellter Klamotten — diese zu suchen ist sicher sinnvoller, als sich eimerweise eingeschleimte Abfuhren von etablierten Großanbietern einzufangen. Die werden Sie nicht ändern, da kriegen Sie nur Schaum vorm Mund. Schauen Sie etwa hier oder hier. Second hand ist auch ein prima Weg, die Laufräder von immer mehr und immer neu zu verlangsamen.

    Wichtig scheint mir aber vor allem für die eigene Seelenruhe, Grenzen der Verantwortung zu ziehen. Sie sind nicht an allem Unglück der Welt schuld, und es ist der Welt nicht damit geholfen, wenn Sie sich anbieten, alle Schuld auf sich selbst zu laden. Vor allem aber macht es Sie krank, frustriert und schlimmstenfalls handlungsunfähig. Und am Ende schreiben Sie dann womöglich gar nichts mehr. Und das wäre doch sehr schade.

  3. dank dir trotzdem fuer diesen ‘hysterischen Blogartikel’ … manchmal tut es doch gut, wenn man bemerkt – und es zulaesst – dass man nicht allein ist. auch wenn sich die eigene ratlosigkeit dadurch nicht vertreiben laesst.

  4. @Meike
    Du schreibst in einem WordPress Blog und möchtest “Systemfeind” sein? :-)

    Meine Idee bestand darin, dass man bei so einer Törn lernen kann, dass es wirklichen Sinn macht, ein Teil eines Systems zu sein und die Gruppe als auch das (Segeltörn-) Projekt dann richtig gut wird, wenn man sich einordnet.
    Unser Schiff war dasjenige, das am weitesten vorgedrungen ist, obwohl wir Segelschaden hatten und zwei Tage pausieren mussten.
    Es gab Schiffe, auf denen Leute quasi meuterten, sich quer stellten und dort lief es gar nicht gut. Einen hatten sie kurzerhand beim nächsten Hafen an Land gesetzt (und danach ging es).

    Ich z.B. hasse Geschirrspülen, aber jeder muss einmal dran und so auch ich. Wir konnten uns dann später einigen, dass ich dafür andere Aufgaben übernahm.
    Wir hatten auch Seegang, Windstärken von 8 bis 11 und Wellen gut 15 Meter hoch.
    Dort lernt man sehr realitätsnah, dass es Sinn macht, Teil in einem funktionierenden Systems zu sein. Klare Befehle, Gehorchen und klares Handeln.
    Sonst geht das Schiff unter und vielleicht keiner überlebt.
    Es gibt die Alternative, über Bord zu gehen, wenn man nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft sein will. Oder man ist es wenigstens so lange, bis man wieder in einem Hafen ist.

    Solche Erfahrungen zeigen einem, dass es Sinn macht, Teil einer Gemeinschaft zu sein und zu funktionieren. Diese Erfahrung fehlt sehr vielen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft.
    Es heißt aber nicht, dass jede Gemeinschaft oder jedes System gut ist, dass es richtig ist, immer zu funktionieren. Es heißt nur, dass es wichtige Gründe gibt, ein Teil einer Gemeinschaft zu sein und sein Bestes dafür zu tun.

    Wenn wir beim Boot bleiben, was wäre denn die Alternative “Systemfeind” oder “nicht mehr Teil der Gemeinschaft”? Ist über Bord gehen wirklich besser? Oder das Boot zum kentern bringen, damit wenigstens alle sterben?
    Bei unserem System und unserer Gesellschaft fällt es nicht weiter auf, wenn jemand aussteigt. Aber wohin und wie?
    Macht es Sinn?
    Die andere Frage wäre eher, macht dieses System und unsere Gesellschaft so weiterhin Sinn?
    Fährt es im Sturm nicht auf ein Riff zu?
    Vielleicht bräuchte unsere Gesellschaft und das System mal eine Pause für “back to the roots”?
    Wer sind wir (als Gesellschaft) und wo wollen wir hin und was ist wichtig?

    Und jetzt sag bloß nicht, dass du ein Smartphone hast, womöglich noch ein Apple Produkt, sonst glaube ich dir das mit dem Systemfeind gar nicht :-)

  5. Danke, Frau Meike.
    Ich verstehe jedes Wort.
    Mir ging es in letzter Zeit ähnlich. Vielleicht nicht ganz so radikal und nicht ganz so körperlich (Schlaf, Energie etc.) aber diese Ohnmacht und Ratlosigkeit und Wut sind mir gut bekannt.
    Auch ich habe noch keinen ultimativen “Weg heraus” gefunden und halte mich mit kleinen Schritten über Wasser.. ich kann die anderen nicht ändern, aber ich kann es für mich richtig machen. Die für mich richtigen Entscheidungen treffen.
    Wenn die anderen das nicht können und ich sie nicht überzeugen kann, gut, dann fährt die Gesellschaft eben gegen die Wand…

    Ähnlich geht es mir übrigens im Bezug auf die weltweite Gesellschaft und deren Umgang mit unserem Planeten. Auch hier: ich kann nur meine eigenen Schritte tun und hoffen, dass ich den Zusammenbruch, der kommen wird/muss nicht miterlebe.
    Zum Thema “Überbevölkerung” hatten Sie es auch schon, richtig?

    Viele Grüße von Herzen!
    nadine

  6. Glaubte ich an Gebete, ich würde jeden Tag dreimal beten, dass mehr oder alle Menschen sich so viele Gedanken um andere Menschen machten wie Sie uns das hier lesen ließen.
    Ich bin auch oft verzweifelt, doch bei mir geht es dann nur so weit, dass ich mich gegen schlechte Nachrichten abkapsele und versuche, (kleine) finanzielle Unterstützungen den dringendsten Hilfeprojekten zukommen zu lassen.
    Nicht nur Österreich macht mir politische Sorgen, ich glaube, vor der eigenen Haustür sieht es nicht viel besser aus.
    Danke für diesen Abkotzartikel!

  7. Liebe Frau Meike!
    Jaja, diese Welt (dieses furchtbar dekadente System, in dem wir hier leben müssen) kann einen schon zur Verzweiflung treiben… Das ist wohl ein (ich muss leider sagen: hausgemachtes) Problem derjenigen, die zu viel Zeit zum Denken haben; – da verzettelt man sich leicht im Detail, und vor lauter Freiheit und den hundertmillionen damit verbundenen Möglichkeiten sowie zu treffenden Entscheidungen ist der Mensch irgendwann komplett überfordert. Vielleicht resultiert daraus ja dieses Schwarz-Weiß-Denken, das ich wirklich hasse: dieses “entweder-du-bist-dafür-oder-dagegen-und-wenn-du-dagegen-bist-dann… Sie wissen schon, was ich meine. Das endet dann meistens mit diesen sogenannten Totschlagargumenten und man grübelt und grübelt, was nun richtig und/oder falsch ist und warum man überhaupt in so einer bekloppten, ungerechten, schrecklichen Welt leben muss, in der einen sowieso keiner versteht usw.usf. Und während wir denken und vor lauter Weltschmerz schier verzeifeln, werden Menschen vertrieben, versklavt, verhungern, verdursten, werden gefoltert, erschossen, in die Luft gesprengt, ertrinken; die Natur wird ausgebeutet und verpestet… Wir haben (eigentlich) keinen wirklichen Grund und jammern doch auf allerhöchstem Niveau. Dekadent? – Nur eine Frage: Warum müssen Sie eigentlich ein Systemfeind sein? Allein dieses Wort: “Feind” (Feindschaft, Feindseligkeit, feindseliges Verhalten, …), da läuft ein unbewusster, innerer Film ab; dieses Denken erzeugt so viel Aggression. Stress pur. Sie müssen doch kein erklärter Systemfreund sein! – kein halbwegs intelligenter Mensch kann sich damit abfinden, was uns tagtäglich von “diesen ganzen dummen” Leuten als innovativ und alternativlos verkauft wird. Trotzdem müssen wir auf dem Teppich bleiben. Einfach Maß und Mitte bewahren, oder wie eine Bekannte immer so schön sagt, wenn ich mal wieder kurz vor dem Durchdrehen bin: Immer schön geerdet bleiben!!! – Versuchen Sie “einfach”, einen Mittelweg zu finden. Sie sind dadurch nicht mittelmäßig. Mit vielen lieben Grüßen :-)))

    • Nicht jeder ist mit Deinem Talent gesegnet, liebste Kiki, aber Bären lesen/anschauen hilft auch manchmal. <3

  8. Liebe Frau Meike,

    Das klingt nach einer Depression. Damit will ich nicht sagen, dass Deine Gründe nicht valide sind. Sie sind es meiner Meinung nach. Mein Blog ist eine Zeit lang in eine Reihe von Rants abgeglitten, dann habe ich versucht, wieder die Kurve zu meiner utopischen Grundidee zu bekommen und seit bald einem halben Jahr habe ich das Schreiben dran gegeben – ich kann sehr gut nachvollziehen, was Du schreibst.

    Aber eine Reihe Deiner Sätze und Nebensätze könnten auf eine Depression hindeuten und die wird nicht besser davon, dass sie begründet ist. Ich hoffe mal, ich liege falsch, aber wenn nicht: untersuch das mal. Depression ist keine Kleinigkeit. Sie machen das Leben Scheiße, macht krank und tötet in einem Umfang, mit einer Rate, die bei jeder anderen so häufigen Krankheit unsere Panik-Medien zur Hochform auflaufen lässt.

    • Ich danke Dir für Deine einfühlsame Fürsorge, lieber Thorsten, kann Dir aber versichern, dass wir, mein Mann und ich, beide auf diesem Auge sehr wachsam sind. Wir sind mit depressiven Episoden vertraut, meine Mutter hat auch Depressionen und wir sind sehr sensibel bei diesem Thema. Bei mir ist es bis jetzt in der Regel innerhalb von ein paar Wochen, maximal Monaten von selbst wieder verschwunden, bei den Gelegenheiten, bei denen es länger dauerte, habe ich mir auch Hilfe gesucht.
      Danke. <3

  9. Ih kenne Dich und deine Lebensumstände nicht genau, weiß auch nicht, womit Du deinen Lebensunterhalt verdienst, aber ich denke zwischen den Zeilen in deinen posts zu lesen, das Du oft und viel zuhause bist, viel allein bist und dadurch vielleicht über die Maßen viel im Internet unterwegs bist und Nachrichten und Meinungen aus diversen Quellen konsumierst.
    Ich kenne das aus eigener Erfahrung, ich bin freiberuflich und arbeite von zuhause. Ich gehe auch nicht gerne unter (viele) Menschen, fühle mich wohl mit mir alleine und meinen engsten Menschen. ABER das birgt auch eine große Gefahr, besonders in Zeiten, in denen ich nicht so viel zu tun habe. Sobald ich keinen 8-Stundentag habe, beginne ich mich zu viel mit mir und der Welt zu beschäftigen, kreise um eigene Unpässlichkeiten, hinterfrage über die Maßen viel… kurz: Es geht mir nicht gut damit.
    Mittlerweile glaube ich fest daran, das der Mensch, ein gewisses Gefüge von Arbeit (brw. dem damit verbundenen Austausch) und Sozialkontakten braucht. Nicht um zu „funktionieren“ in dieser Gesellschaft, sondern um sich irgendwie auszulasten, um sich nicht immer nur auf das Elend der ganzen Welt und dadurch auch auf sein eigenes Elend zu fokussieren. Wem ist damit geholfen? Der Welt nicht und Dir schon gar nicht.

    Ich empfinde es mittlerweile als ein Wohlstandsproblem, so viel Zeit und Energie aufbringen zu können für Grübelei und Meinungsaustausch im Internet. Gewiss sind denkende und reflektierende Menschen wichtig für eine Gesellschaft, aber das Fühlen und Empfinden hinter dem MacBook geht mir mittlerweile oft zu weit, ja, ich merke, wie ich eine Abneigung dagegen entwickele. Oft ist das Ganze auch mit einer gehörigen Portion Narzissmus und Eitelkeit verbunden (dieses unterstelle ich ausdrücklich nicht Dir, aber jeder der sich hier im Netz zeigt und positioniert tut das auch aus einem gewissen Geltungsbedürfnis heraus).
    Für mich fühlt sich das schon eine ganze Weile falsch und ungesund an.

    Ich weiß, das meine Zeilen vielleicht nicht so wohlformuliert sind, ich bin keine Journalistin o.ä. und ich möchte damit auch nicht verletzen, denn ich kann in weiten Teilen nachvollziehen, wie Du Dich fühlst. Sensible und denkende Menschen haben es oft schwerer. Bei mir hat sich vor Jahren aus einer (teilweise selbst gewählten) Einsamkeit und Zurückgezogenheit, aus einer überkritischen Haltung heraus, eine Depression entwickelt, gepaart mit Angstzuständen/Panikattacken.
    Ich habe da einiges korrigiert, denn nicht immer ist die Welt, sind die Anderen unser Feind! Deshalb möchte ich auch kein Systemfeind sein. Und ich frage mich dann auch: Wann und in welcher Welt hätte ich denn gerne gelebt? Vor 1000 Jahren, vor 100 Jahren? Was ist die Alternative?

    Viele Grüße.

  10. Gut gebrüllt Löwe!
    Wie fehement muss Radikalisierung stattfinden, damit sie von jedermann empfunden werden kann und wie erschlagen fühlt sich dann ein Hochsensibler?
    Interessant dass ich gerade zur selben Zeit, nämlich gestern, ein #flohhupferl darüber geschrieben habe.
    Ich bin aber kein Löwe sondern ein Löwchen und entsprechend ist meine Blog ein Blögchen, aber das Thema bleibt gleich oder sogar dasselbe.
    So sieht die Radikalisierungspause bei mir aus: http://flohhupferl.de/was-wenn-die-welt-in-ordnung-ist/
    Viele Grüße

  11. Auch wenn es dir gerade nicht gut damit geht, ich freue mich über jedeN, die/der die/das System(e) nicht einfach so hinnimmt, sondern radikal hinterfragt. Ich kenne es auch seit Jahrzehnten, das Gefühl, dass alle Anstrengungen zur Veränderung am System abprallen wie in einer Gummizelle.

    Aber ich würde mich nicht Systemfeind nennen. Feindschaft ist ein Prinzip des Systems, damit kennt es sich aus und kann es für sich verwenden. Muss man ein Feuerfeind sein, um einen Brand zu löschen? Man muss wissen, wie es funktioniert, was es fördert und was es hemmt. Ich denke, was wir in erster Linie brauchen, ist eine gründliche Analyse der Systeme und ihrer Erhaltungsmechanismen.

    Wenn wir ein paar Jahre weiter wären, würde ich dir einfach ein Buch von mir überreichen/empfehlen über selbsterhaltende Systeme und Befreiung. Doch es ist noch nicht geschrieben und befindet sich erstmal nur in meinem Kopf. Ansätze dazu kannst du schon in einem Artikel von mir von 2006 finden: https://machtnix53.wordpress.com/2009/07/29/kommen-6612937/

    Doch wahrscheinlich brauchst du eher systemanalytische Perspektiven. Sie werden im letzten Teil meines Buches erscheinen unter dem Titel “Systeme sind nicht ganz dicht”. Neben der Gefahr, Systeme und ihre Möglichkeiten zu unterschätzen, gibt es nämlich auch die Gefahr, sie zu überschätzen und sich dadurch entmutigen zu lassen.

    Systeme können nicht total sein, sie brauchen in geringem Umfang immer auch etwas, was im Gegensatz steht zu ihren Prinzipien. Wenn die Menschheit einem puren Patriarchat ausgesetzt wäre, würde sie verrecken wie ein Motor, der ohne Öl läuft. Ein Parasit ist abhängig von seinem Wirt, wenn er die Ausnutzung zu weit treibt, schadet er sich selbst. Jedes Feuer erlischt, wo nur noch Asche ist.

    Wenn man genau hinsieht, ist das Matriarchat nicht verschwunden, sondern hält sich in einigen Bereichen, vorwiegend in Familie und Verwandschaft. Dann gibt es noch ein drittes Grundsystem, es ist auch schon uralt, hat aber in dieser Gesellschaft noch keinen Namem. Ich nenne es Anarchat, weil es versucht ohne Herrschaft auszukommen.

    Im Unterschied zum Matriarchat beruht es nicht auf Verwandschaft, sondern auf Freundschaft, die Herkunft spielt keine Rolle. Es hat drei wesentliche Merkmale, nach denen es funktioniert: Netze, Horden und Initiativen. Der Zusammenhalt wird gewährt durch Netze von Freundschaften. Zusammenkünfte finden statt als Horde dh als minimal strukturierte Gruppe auf der Basis von Freiwilligkeit. In Initiativen finden sich Menschen zusammen, um an bestimmten Problemen zu arbeiten, bzw Ziele zu verfolgen.

    Es existieren also mehrere Systeme bzw mehrere Arten des Zusammenlebens gleichzeitig. Das Konkurrenzsystem Patriarchat mit den darauf aufbauenden Systemen Bürgertum und Kapitalismus ist dominant, aber nicht allmächtig. Wenn man das Kräfteverhältnis ändern will, scheint es mir sinnvoller zu sein, die anderen Systeme zu stärken als gegen das dominante System anzurennen.

    Bei jedem Menschen, dem man begegnet, kann man entscheiden, ob man ihn eher als möglichen Feind und Konkurrenten sieht oder als möglichen Freund. Und jede dieser Entscheidungen stärkt entweder das eine oder das andere System. Das ist etwas anderes als die Politik der kleinen Schritte. Mit jeder Freundschaft, mit jedem Mit- und Füreinander statt dem üblichen Gegeneinander verändert sich die Welt um uns herum. Und nicht irgendwann, sondern sofort.

    Das ist jetzt alles nur kurz skizziert. Wenn du etwas nicht verstanden hast oder genauer wissen willst, frag nach.

  12. Hallo Frau Meike,

    ähnliche Ohnmachtsanfälle ob der Aussichtslosigkeit einer umfassenden Änderung/Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände befallen auch mich von Zeit zu Zeit seit vielen Jahren. Hier einige Gedanken dazu:
    – Die meisten Menschen sind nicht inherent schlecht/unverbesserlich. Sie leben nur in ihrer Blase und sind bequem. Niemand wäre mit weniger (Marken-)Kleidung unglücklicher oder ohne Smartphone, wenn diese nie erfunden worden wären. Nahezu alle bejahen Werte wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung.
    – Ergo darf man nicht den Glauben an die Menschen verlieren, im Gegenteil, man muss an sie und ihre Mitwirkung glauben.
    – Das Problem ist, wie unsere Gesellschaft organisiert ist und das muss man versuchen zu ändern. Das ist allerdings alleine nur sehr begrenzt möglich, also muss man wie erwähnt, die anderen, im Prinzip gleich gesinnten Leute, mobilisieren.
    – Es ist nich aussichtslos. Vieles hat sich bereits zum Besseren verändert. Allerdings sind große gesellschaftliche Umbrüche nicht in wenigen Monaten möglich, sie dauern Jahrzehnte. Beispiele für Verbesserungen (man betrachte heute vs. vor 20 Jahren):
    – Klimaschutzbewusstsein / Einsatz regenerativer Energien
    – Rechte / allg. Anerkennung Homosexueller (schwuler Außenminister wäre in den 80ern undenkbar gewesen, erst vor wenigen Tagen wurde ein Schwuler Oberbefehlshaber des US-Heeres, …)
    – Abrüstung in Europa / 70 Jahre ohne Krieg (trotz 40 Jahre direkter Konfrontation USA – Russland)
    – Es poppen zugegebenermaßen neue Probleme auf, aber es ist nur eine Frage der gerechten Verteilung / Organisation, diese zu lösen. Bsp. Produktion von Kleidung unter schlimmen Bedingungen in Bangladesch o.ä. Ländern. Gäbe es ein Import-Verbot / strenge Kontrolle der Arbeitsbedingungen / beliebige andere organisatorische, wirksame Maßnahme, würden wir unsere Kleidung eben woanders zu anderen Bedingungen produzieren. Es muss nur organisatorisch sichergestellt sein, dass solche Auswüchse nicht mehr möglich sind. Artfremdes Beispiel zur Veranschaulichung: vor Einführung der LKW-Maut haben auch alle gejammert, dass das für die Spediteure nicht tragbar sei usw. Aber letztlich wird nicht weniger transportiert, es wurden nur gewisse Geldströme innerhalb der Gesellschaft etwas umgeleitet. Eine organisatorische Maßnahme, die durch politische Willen umgesetzt wurde. Genauso sind beliebige andere Anpassungen möglich, wenn politisch durchsetzbar. Und dafür müssen wir die Stimmung bereiten, das ist es was wir tun können, mit Leuten reden, die Meinung mitbestimmen und Änderungen ermöglichen. Wir müssen die Politiker zu unseren Marionetten machen, denn genau das sind sie – je nach Wählerwille hängen sie ihr Fähnchen in den Wind (siehe Atomausstieg und Mindestlohn, diese ureigenen CDU-Projekte, die von der Regierung Merkel umgesetzt wurden.)

  13. Also entweder wir ändern die Gesellschaft von innen (neue Partei? Gunter Dueck schlug mal “Die Konstruktive” vor, fand ich gut) oder wir reißen sie nieder. Ist beides anstrengend, und zumindest letzteres doch erheblich zerstörerisch.

    Oder wir arrangieren uns mit ihr und versuchen, in unserem direkten Einflussbereich Gutes zu tun. Ich komme mir manchmal feige vor, alles außerhalb dessen ausblenden zu wollen — aus ähnlichen Gründen wie du¹ — aber vielleicht ist es am Ende die Methode, um nicht durchzudrehen. Für alle außer den Che Guevaras unter uns (also den anders Wahnsinnigen).

    ¹ Duzt man sich in der deutschen Blogosphäre? Bin neu hier.

  14. Mir hat in solchen Situationen das Konzept “Circle of Influence – Circle of Concern” von S. Covey weiter geholfen.

    Was muss passiert sein, wenn man den zweiteren für den ersteren hält?

  15. “Seit einem Jahr reden alle mit den Menschen, versuchen aufzuklären, Barrieren abzubauen, Verständnis zu fördern, aber das wollen die gar nicht hören.”

    Nein, tun wir eben nicht!!!
    wie wurde mit der anfänglichen AfD, Pegida und Co., den Montagsdemonstranten und jeder anderen Gruppierung umgegangen, die sich gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit unserer Politik oder einfach nur gegen die gängige Praxis aussprach? Sie wurden entweder zu Nazis oder Naivlingen oder zu Querfrontlern deklariert..

    Die Praxis der Verteufelung war so allumfassend und allgegenwärtig, dass jeder persönliche Versuch die Hand zu reichen (auf Dauer) erfolglos sein musste.
    Verdammt noch mal, ein Kind (und jeder Erwachsene) muss fragen dürfen müssen, warum man jemandem glauben sollte, wenn man nachweißlich von demjenigen mehrfach angelogen wurde. Man muss die Medien und Politiker hinterfragen können müssen ohne sofort in die Lügenpresse-Nazi-Ecke gestellt zu werden. Man muss die negativen Seiten der Asylpolitik ansprechen können, ohne – je nach Augenmerk – als Gutmensch oder Rassist betitelt zu werden.

    Miteinander wird schon lange nicht mehr geredet. Nicht da, wo es darauf ankommt! Denn dadurch, dass die breite Öffentlichkeit lieber die Sau durchs Dorf treibt, interessiert es leider niemanden, dass es ein paar Menschen gibt, die tatsächlich an einem Dialog und einer vernünftigen Debattenkultur interessiert sind.

    Und das schlimmste daran ist, dass ich das Gefühl habe, dass dies alles genauso geplant und gewollt ist – Teile und herrsche!

    Und die Kommentare hier sind das beste Beispiel dafür, warum das bedingungslose Grundeinkommen keine Chance hat Realität zu werden.
    Du hast zuviel Zeit, deswegen kommst du auf blöde Gedanken, also mach was dagegen und lenke dich mit sinnloser Arbeit und noch sinnloserem Konsum von der grausamen Realität ab! Dieses Jammern auf hohem Niveau über Luxusproblemchen ist doch unerträglich! AAAAAAAAAARGHHHHH!!!!!1!!!!111!!!einself!!!!!
    Was für unfassbar bonierte Arschlöcher gibt es auf der Welt?! Wir leben auf einem Planeten, der problemlos das doppelte der jetzigen Weltbevölkerung ernähren könnte und wir produzieren jetzt schon das Vielfache von dem was wir brauchen, nur um es danach wieder zu vernichten.. Hauptsache wir hätten es eventuell kaufen können…
    Und wie Sie, Frau Meike, musste ich irgendwann feststellen, dass spätestens dort, wo es keine bessere Alternative gibt – es also Konsum oder Verzicht heißt – auch ich selbst Rädchen, dieses moralisch und ethisch verkommenen Systems bin.
    …weil ich nicht die ganze Zeit den Schmerz der Welt aushalte und ihn irgendwann ausblenden muss, um nicht daran zu grunde zu gehen. ..weil ich hilflos bin in dieser Maschinerie.
    Und dann denke ich darüber nach, wie die Welt wäre, wenn jeder Mensch auf der Welt genügend Zeit zum nachdenken hätte.. vielleicht würden wir und endlich mal Minimalismus in jeder Hinsicht auf die Fahnen schreiben.. weniger Konsum=weniger Produktion=weniger Ressourcenknappheit=weniger Angst, nicht genug zu bekommen und ganz nebenbei weniger Arbeit=noch mehr Zeit zum nachdenken, um noch mehr zu optimieren…

    Die Welt könnte so schön sein!

  16. Das Menschen auf diesen Blogeintrag mit spirituellem Gelabber antworten ist einfach zynisch. Frau Meike ist das Elend und die Ungerechtigkeit dieser Welt bewusst. Ja das tut weh, das treibt einen zur Verzweiflung. Und macht unendlich wütend und ist erschöpfend.
    Aber sich nur um sich zu kümmern, zu denken ich kann eh nichts machen, fördert nur Ignoranz und Ohnmacht. Da braucht es schon viel Abspaltung, um sich nur auf sein eigenes Wohlergehen zu konzentrieren. Und wie soll ein hochbegabter Kopf aufhören zu viel zu denken? Habt ihr euch das gefragt? Warum fühlen nicht alle Menschen so? Findet ihr das normal, dass ihr euer Leben leben könnt, während andere verrecken, weil sie wegen eurem Reichtum verrecken?!
    Sich mit anderen zusammenschließen hilft, sich zu organisieren, als Teil der Gesellschaft, mit der Gesellschaft, aber gegen dieses menschenunwürdige System. frau Meike sie sind nicht allein. Auf der ganzen Welt kämpfen Menschen für eine bessere Welt (Zapatisten im Mexiko, die Kurdische Bewegung für einen demokratischen Konförderalismus etc.). Und überall bilden Frauen die Vorhut. Erst in kollektiven Momenten der Selbstbestimmung, erst im Kampf um Befreiung spüren wir unsere Kraft zur Veränderung. Finden sie Menschen, die fühlen und denken, ohne alles von sich abzuspalten, die noch empathisch sind für das Unrecht in der Welt und die aufstehen. 6000 Jahre Herrschaft (Patriarchat) bedeuten auch 6000 Jahre (Frauen)Widerstand!
    Freiheit für Afrin. Hoch die internationale Solidarität!

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