Veränderung, geschnitten oder am Stück?

Veränderung, geschnitten oder am Stück?

Es gibt nur wenige menschliche Eigenheiten, die mir so fremd sind wie die Angst vor Veränderung. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die die Angst vor Veränderung in Berufen, Beziehungen oder sonstigen Verhältnissen festhielt, die ihnen kontinuierlich und über einen langen Lebensraum Kraft raubten. Die bange Frage „Aber was kommt dann?“ war diesen Menschen ein viel größerer Schrecken als der, in dem sie auf unbefristete Zeit lebten. Ich verstehe das nicht.
Ich selbst habe in meinem Leben schon mehrfach mit allem gebrochen, vornehmlich in Situationen, in denen das Leben in unbarmherzigen Wellen über mir zusammenschlug, in denen ich weder Ein noch Aus wusste. In diesen Momenten habe ich Karrieren, Liebesgeschichten, Freundschaften und Brücken abgebrochen. Ich habe mich mit nichts als einem Fachbuch im Gepäck selbstständig gemacht und bin in eine Stadt gezogen, in der ich niemanden kannte. Ich bin introvertiert und wusste daher: zumindest an dem letzteren Punkt würde sich höchstwahrscheinlich auch nichts ändern. Die Aussicht, als Selbstständige etwas zu erreichen, was auch nur annähernd mein Auskommen sichern würde, waren verschwindend gering. Die Frage „Aber was kommt dann?“ habe ich mir dennoch nicht gestellt.

Alles ist besser als das hier

Letztlich ist der Mut zur Veränderung nur eine Frage des Leidensdrucks. Wenn alles um einen her scheiße ist, wenn man kaum noch schläft, wenn einen die Schwermut niederdrückt, wenn man zu viel raucht, trinkt und weint und einem das Leben ansonsten gleichgültig wird, dann gibt es keine Verschlechterung mehr, nur noch Verbesserung. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzte ich mich in kaltes Wasser, weil etwas in mir drin sicher war, dass alles besser ist als das hier. Mit der Veränderung endet der unerträgliche Zustand und das ist grundsätzlich erst einmal etwas Gutes. Punkt. Das war von jeher der Kern von Veränderung für mich. Wenn etwas Schlechtes durch sie endet, gibt es keinen Grund, sie zu fürchten.

Das ist nicht so naiv wie es sich vielleicht anhört, denn der schlechte Zustand, dem man zu entgehen hofft, wirkt sich ja dauerhaft negativ aus. Stress, Schlafmangel, Depressionen binden so viel Energie, dass es mit jedem Tag, den man mit ihnen verbringt, unwahrscheinlicher wird, sich jemals aus ihnen befreien zu können. Es bildet sich ein Regelkreis, aus dem es keinen Ausgang gibt: je länger man z.B. in einem sehr belastenden Job bleibt, desto kraftloser wird man, je kraftloser man wird, desto unwahrscheinlicher wird man sich daraus befreien können. Erst einmal ist es also wichtig, dass das, was einem so viel Kraft raubt, aufhört. Wenn eine Situation also nicht gut ist, kann man sich durchaus eine veränderungsbejahende Grundhaltung leisten, ohne naiv zu wirken.

Mauseschrittchen oder Sieben-Meilen-Stiefel

Eine Veränderung muss natürlich nicht von heute auf morgen in einem riesigen Ruck passieren. Der Mann und ich diskutieren regelmäßig darüber, welcher Weg mehr bringt, ob viele kleine Schritte oder ein großer, wobei ich die deutlich radikalere Position vertrete. Ich glaube nicht an die im positiven Sinne umstürzende Kraft kleiner Schritte, das 20. Jahrhundert ist voll von gesellschaftlichen Bewegungen, die ihre Ziele mit kleinen Schritten zu verfolgen versuchten. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King, die Frauenbewegung, der Kampf gegen Umweltzerstörung, Krieg und Welthunger – gemessen am Ausgangspunkt sind wir für meinen Geschmack nicht sehr weit gekommen. Die USA sind immer noch rassistisch, teilweise ist die Situation für Nicht-Weiße schlechter als vor dem selbst afroamerikanischen Barack Obama, Gewalt gegen Frauen ist weltweit so verbreitet wie sie stabil ist (mal etwas über, mal etwas unter 30%), trotz 45 Jahren des Redens sind weder Umweltzerstörung noch der Welthunger verschwunden, gewaltsame, innerstaatliche Krisen steigen sogar dramatisch an. Kleine Schritte führen zu einem schmerzhaft langsamen Tempo und zu dem trügerischen Gefühl, dass „sich ja etwas bewegt“. Das ist zweifellos richtig, es bewegt sich, aber oft bewegt es sich in der Geschwindigkeit tektonischer Platten auf Valium. Das ist nicht nichts, aber wenn es um Unerträglichkeit geht, dann finde ich Plattentektonik eine Winzigkeit zu langsam.

Keine einzige Krise meines Lebens hätte ich mit der Geschwindigkeit von Mauseschrittchen ausgehalten, vermutlich wäre ich irgendwann, gefühlt mit dem Rücken zur Wand und wegen psychischer Entkräftung unfähig, auch nur noch einen Schritt zu tun, an meinem eigenen Elend erstickt.

Was ist unerträglich?

Angesichts der Zustände, deren Augenzeugen wir alle gerade werden – Flüchtlingstrecks, die sich zu Fuß quer durch Europa schleppen, die politische und moralische Erosion ganzer Landstriche, ausgelöst durch den Terror religiöser Menschenhasser – brandet in den Medien immer häufiger das bange „Aber was kommt danach?“ auf. Das Mitgefühl, das sich gerade vielerorts über die Flüchtenden ergießt und das diesen Menschen auf ihrem Weg die Richtung weist, sei naiv. Es sei falsch, so unkritisch alle Menschen durchzuwinken, wir wüssten ja gar nicht, was für Probleme danach kommen, sollten etwas vorsichtiger, etwas misstrauischer sein. Wir könnten ja nicht alle aufnehmen, unser eigener wirtschaftlicher Standard und überhaupt. Die Briten bezeichnen Deutschland bereits als gefühlsduseligen Hippie-Staat, weil wir Solidarität und Mitgefühl vor wirtschaftliche Interessen setzen.

Es sind die Fragen und Bedenken von Leuten, die Angst vor der Erdrutschveränderung haben, weil sie aus ihrer Sicht gar nicht nötig ist. Aus der Sicht von jemandem, der alles hat – und der allergrößte Teil von Europa hat alles -, ist die Situation ganz und gar nicht unerträglich und deshalb muss man sich wohl schon fragen, ob diese riesige Umwälzung wirklich sein muss. Aber Unerträglichkeit misst sich nicht nur daran, wie viel man selbst hat. Sie misst sich überhaupt nicht nur an materiellen Fragen, an Wohlstand, an Wirtschaftlichkeit. Sie misst sich auch an Ungerechtigkeit und Leid, an Fragen des Mitgefühls.

Ich persönlich finde eine Welt, in der die Wirtschaft oberste Priorität hat, in der der Wert eines Menschen von seiner Befähigung, möglich viel zu dieser Wirtschaft beizutragen, abhängt, und in der Menschen in Berufen, die keine Gewinne bringen, erzieherische, pflegerische Berufe, solange gesellschaftliche und politische Geringschätzung erfahren haben, dass sie keiner mehr machen will, absolut unerträglich. Eine Welt, in der Menschen aus piefiger Angst um ihren Wohlstand traumatisierten Kriegsflüchtlingen das Mitgefühl verweigern, ist mir ebenso zuwider wie eine, in der die Wohlstandsbürger weder die Zusammenhänge, auf denen ihr Wohlstand beruht, kennen noch sich dafür interessieren.

Es ist richtig: niemand weiß, was die große Flüchtlingswelle nach sich zieht, was all die Menschen für unser Land bedeuten und welche Folgen diese Krise für Europa haben wird. Doch vielleicht können wir uns mal darauf konzentrieren, was durch diese Veränderung beendet wird. Ein Leben im Krieg, in dem die Menschen Angst um ihr Leben haben müssen und vielleicht noch größere Angst davor, von degenerierten Barbaren gezwungen zu werden, anderen Menschen die Köpfe abzuschneiden. Der Überschuss wird zweifellos kleiner, wenn man ihn auf mehr Menschen aufteilt. Aber die Solidarität unter den Menschen wird dadurch größer und das wiegt in meinen Augen schwerer.

Der Twitterer @AliCologne formulierte das so:

Wenn du mehr hast als du brauchst, verlängere den Esstisch und bau nicht höhere Zäune.

(Eingebetteten Tweet aus Datenschutzgründen entfernt. Link zum Tweet.)

Und ich finde, das ist eine ganz formidable Sichtweise.

Alles nicht so einfach

Ja, wenn man Missstände beheben will und sich dabei zur Auflage macht, dass sich an den eigenen Verhältnissen unter gar keinen Umständen etwas ändern darf, dann ist das wohl alles nicht so einfach.

Alle anderen können ja mal schauen, was die Akzelerationisten so denken:

Die aktuellen politischen Strukturen sind nicht geeignet, die globalen Probleme wie beispielsweise die des Klimawandels in den Griff zu bekommen. Und das, weil sie zu langsam sind. Weil sie zu wenig von Technik verstehen. […] Die Zukunft nachfolgender Generationen ist in den politischen Strukturen nicht vorgesehen, ja nahezu egal. Akzelerationisten wollen gemeinschaftlich so viele Menschen wie möglich davon überzeugen, gegen den Kapitalismus zu rebellieren.