Abschied im Zorn

Wir hören „Demenz“ und denken an putzige alte Herrschaftchen, die verwirrt und orientierungslos, aber auch ein bisschen niedlich sind. Die im Laden mit Knöpfen bezahlen und Socken auf dem Herd kochen, die beim Nachbarn einsteigen wollen, weil sie die Wohnungstüren verwechselt haben, und vom Einkauf das dritte Päckchen Butter mitbringen, dafür aber das Brot vergessen. Die einem 999 Mal eine Geschichte aus ihrer Kindheit erzählen und dann zum 1000. anheben. Tüddelige, alte Leutchen, die einfach etwas Hilfe bei der Lebensorganisation und darüber hinaus ein offenes Ohr für ihre Vergangenheitsserenaden brauchen.

Doch in Omas Fall bedeutet Demenz vor allem Wutausbrüche und Tobsuchtsanfälle.
Ihr kranker Verstand sucht verzweifelt nach einer Erklärung für die erodierende Ordnung in ihrem Leben, denn fehlende Krankheitseinsicht gehört zu den Symptomen der Demenz. Oma ist felsenfest davon überzeugt, vollkommen klar im Kopf zu sein, und versteht nicht, weshalb wir ihre Selbstständigkeit im Lauf der letzten anderthalb Jahre immer weiter einschränken mussten, weil ihr Alltag zum Teil gar nicht mehr klappte oder sie sich und andere gefährdete, etwa wenn sie wiederholt Essen auf dem Herd vergaß und die Feuerwehr anrücken musste. Sie begreift auch nicht, wohin all die Gegenstände verschwinden, die sie zunehmend vermisst. Sie hat sie meist selbst verlegt oder sie stammen aus einem entlegenen Winkel ihrer Erinnerung, von dem wir nicht wissen, ob er Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt. Oder ob er vielleicht auch gar nicht existiert. Geldbörsen, Schmuckstücke, Kästchen, so vieles verschwindet und weil sie absolut sicher ist, noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte zu sein, hat sie keine Erklärung dafür, wo die Gegenstände verbleiben.

Außer, dass meine Mutter sie bestohlen hat.

Die Wut aushalten

Vor einem Jahr etwa fing Oma an, von einer Keksdose zu sprechen, die sie angeblich von ihrem Vater bekam, als sie noch ein Kind war. Niemand weiß, ob es diese Dose, die in Omas Erzählungen mal 72, mal 78 und mal 92 Jahre alt ist, jemals gegeben hat, aber für sie ist sie so präsent wie das Mittagessen. Sie sagt, sie habe Geld in die Dose getan, 450 Euro, für ihre Beerdigung oder „wenn mal was ist“, und nun sei die Dose fort, gestohlen von meiner Mutter. Sie erzählt die Geschichte wieder und wieder, wie Mutti sich Zutritt zum Keller verschafft hat, wo die Dose lagerte, und sie nun weg ist. Sie wisse genau, dass sie die Dose nach ihrem Umzug nach Hamburg noch hatte, denn als sie einmal im Krankenhaus lag, habe mein Vater sie besucht und ihr von der Dose erzählt. Meine Oma lag in Hamburg zweimal im Krankenhaus, beide Male nach dem Tod meines Vaters.

Weil ihr Kopf Zeiträume nicht mehr erfassen kann und sie nie weiß, ob ein Ereignis zwei Tage, zwei Monate oder 20 Jahre her ist, fühlt sich für sie der Verlust der Dose immer frisch an, sie kann niemals darüber hinwegkommen, dass sie weg ist. Eine Weile hofften wir, dass sie die Dose wieder vergisst, wie sie alles andere auch vergisst, doch tatsächlich klammert sie sich heute verbissener an die Dose als je zuvor. Ich vermute, die Dose ist ihr ein Symbol für eine Zeit geworden, die sich nicht so schrecklich angefühlt hat wie die Gegenwart. In der Schwester und Vater noch lebten, in der die Welt noch irgendwie funktionierte und sie das energische, unverwüstliche Kraftpaket war, das sich von keinem Mann etwas hat sagen lassen. Die Dose ist die letzte Verbindung zu einer Zeit, in der das Selbstbild halbwegs zur Realität passte. Die Verzweiflung über den Verlust dieser wertvollen emotionalen Stütze muss unermesslich sein.

Omas Augen funkeln böse, wenn sie anfängt zu toben. Ihr krummer Zeigefinger stößt dann wie eine zubeißende Schlange in Richtung meiner Mutter, die Deliquentin, die Böse, in der Omas ganzer Abscheu über die verloren gegangene Selbstständigkeit kumuliert. Manchmal spricht sie mit Grabesstimme, abgrundtiefe menschliche Enttäuschung klingt dann aus ihren Worten. Dann wieder wird sie laut, steigert sich hinein, schlägt mit ihrer schwachen, kleinen Omahand auf den Tisch, dass man sich um die morschen Knochen sorgen muss. Meist ist sie dann unerreichbar weit weg, manchmal glänzen Tränen in ihren Augenwinkeln, wenn sie so wütend wird, und manchmal ist ihr Blick eiskalt. Er ist so kalt, dass mich fröstelt bei der Vorstellung, was sie meiner Mutter in diesem Moment wohl am liebsten antun möchte. Er sieht aus wie Hass.

Man kann sie meistens nicht beruhigen, man muss ja selbst die Stimme erheben, um ihre Wüterei zu übertönen und überhaupt Worte an sie zu richten. Die Lautstärke stachelt sie nur weiter an, Mutti erzählt, dass sie die Tiraden entweder schweigend über sich ergehen lässt oder einfach wieder geht. Für Oma sind die Besuche meiner Mutter in sich geschlossene Wutanfälle, es kommt mitunter vor, dass ich kurz nach Muttis Besuch bei ihr anrufe und sie sich noch nicht einmal erinnern kann, dass sie so wütend war. Mutti aber hat immer mehrere Tage etwas davon. Seit dem Tod meines Vaters und ihrer eigenen Krebserkrankung reagiert sie stark psychosomatisch auf seelischen Stress, meist schon Tage vor dem Besuch, und wenn es wieder schlecht lief, auch noch Tage danach. Sie ist der ehrlichste und bescheidenste Mensch, den ich kenne, und den kalten Stahl von Omas moralischem Richtschwert über sich zu spüren, geht ihr durch und durch, obwohl sie weiß, dass sie Omas Anschuldigungen nicht persönlich nehmen darf.

„Nimm es nicht persönlich“ ist sehr leicht gesagt, wenn man solch einen Ausbruch von Hass nicht selbst erleben muss.
Demenz, das ist nicht niedlich, sie hat meine Oma nicht in eine hutzelige kleine Omi verwandelt, sondern in ein bedrohliches Wesen, das von Leid erfüllt ist und deshalb Leid verbreitet.

Hoffen und warten

Wir haben lange versucht, Oma mit den vielen Hilfsleistungen zu befrieden, es war mein erster Wunsch und oberste Priorität, dass Oma irgendwann ruhig und friedlich sterben kann und mit dem wohligen Gefühl, geliebt zu werden. Ich hoffte, sie würde uns als liebevolle Begleiter annehmen, doch wir erkennen langsam, dass es für Oma höchstwahrscheinlich keinen Frieden mehr geben wird. Sie wird zornig sterben und in dem Empfinden, dass Mutti und ich ihr etwas ganz Schlimmes angetan haben. Diese Aussicht ist schwer zu ertragen.

Vor einem guten Jahr sagte Oma mir am Telefon, sie habe nie so alt werden wollen, wenn sie könnte, würde sie sich einen Strick nehmen. Es war das erste und einzige Mal, dass sie von Selbstmord sprach, aber dass ihr Leben ihr keinen Spaß mehr macht, hat sie seitdem oft wiederholt. Doch sie stirbt nicht. Im Gegenteil: all die Hilfe, die wir organisiert haben, hat zu mehr Stabilität geführt und so, ja, ihr Leiden verlängert. Meine Oma ist ein zutiefst unglücklicher Mensch, weil sie ein Leben leben muss, in dem Selbstbestimmung durch Entmündigung ersetzt ist. Mittlerweile hat sie eine Betreuerin, die sich um ihre Finanzen, und einen Pflegedienst, der sich um sie kümmert. Meine Mutter, die diese Dinge vier Jahre lang trotz eigener Krebserkrankung geregelt hat, muss sich immer mehr zurückziehen, weil sie mit ihren Kräften völlig am Ende ist.

Nach einem meiner Besuche im letzten Jahr schrieb ich auf Twitter, dass ich eine Mischung aus Freude und Verzweiflung darüber spüre, dass Oma noch lebt.
Mittlerweile warte ich nur noch.

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Nachtrag: Omi ist tot.

29 Kommentare

  1. Ich habe einen ähnlichen Prozess hinter mir, glücklicherweise in beschleunigter Art und ohne den Hass. Hast Du dich dabei auch ein Stück weit vor Dir selbst gefürchtet, einem geliebten Verwandten den Tod zu wünschen?

    • Ich muss gestehen, eigentlich nicht. Ich habe den Tod noch nie als das ultimativ Schlimmste gesehen, was einem Menschen passieren kann. Als ich meinen Vater an Lungenkrebs sterben sah, da wusste ich, dass der Tod etwas Gutes sein kann, etwas Friedliches, eine Erlösung. Ich schrieb damals „Manchmal ist alles, was man noch für einen Menschen tun kann, ihm den Tod zu wünschen.“ So ähnlich sehe ich das jetzt auch. Und ich empfinde keine Schuldgefühle, weil ich davon überzeugt bin, dass der Tod das geringere Übel für Oma ist.

  2. Wenn ich das so lebe, bin ich fast dankbar darüber, dass meine Oma zuletzt vor allem eines hatte: Angst. Sie war immer besorgt, dass man sie alleine lässt. Dass man sie vergisst. Als sie kurz vor Weihnachten ins Krankenhaus kam, soll sie meinem Vater wohl leise zugemurmelt haben, dass sie nicht mehr leben will. Zwei Monate später starb sie dann tatsächlich – und das nicht, weil ihr Herz nicht mehr wollte (das war laut Ärzten immer noch sehr fit), sondern weil sie selbst nicht mehr wollte.

    Ich wünsche dir und euch… ich weiß gar nicht, was ich euch wünschen soll. Irgendwann geht es vorbei und es fühlt sich dann wie eine Befreiung an.

  3. Liebe Frau Meike,

    Ich habe gerade mit Interesse Ihren Text gelesen und kann Ihnen versichern, dass ich Ihre Lage und die Situation vollkommen nachvollziehen kann. Solche und ähnliche Szenarien begleiten mich jeden Tag meines Lebens, denn ich arbeite zusammen mit demenzkranken Menschen, pflege sie, passe auf sie auf und lebe mit ihnen. Ich glaube eine genaue Berufsbezeichnung gibt es für das was ich mache nicht/noch nicht. Wir werden unter den Begriff der Betreuung gefasst, dabei geht meine Arbeit weit über eine gewöhnliche Pflege oder eine Beaufsichtigung hinaus. Aber ich wollte nicht von mir sprechen.

    Der wichtigste Leitspruch meiner Arbeit ist : „Man muss sie dort abholen, wo sie gerade stehen.“ Derzeit wohne ich bei einer 89 jährigen und hochgradig aggressiven Dame, die die Nächte zum Tag macht und sich in der letzten Stufe ihrer Krankheit befindet. Kopftechnisch ist sie also sehr, sehr weit weg. Mal lebt sie im heute, mal im gestern und mal auf einem ganz anderen Stern. Es ist wichtig, dass die Angehörigen in diesen Zeiten die Pflege und Betreuung ihrer Lieben abgeben. Nicht um Verantwortung fort zu wälzen, sondern zum Selbstschutz. Meistens geht es, wenn eine vernünftige Betreuungskraft gefunden ist, allen Beteiligten besser.
    Ich weiß nicht ob meine Worte Ihnen in irgend einer Weise helfen, aber vermutlich ist es für Sie und Ihre Mutter weitaus schwieriger mit der Demenz zu leben, als es für ihre Oma der Fall ist. Die meisten Patienten haben irgendwann einen Punkt erreicht, an dem sie ihr eigenes „Leid“ gar nicht mehr als solches begreifen. Sie leben dann in ihrer ganz eigenen Welt und dort geht es ihnen gut. Für uns ist es schlimm das zu sehen und Vergleiche mit damals zu ziehen, allerdings ist es für die betreffende Person an sich die ganz normale Wirklichkeit. Es ist manchmal wenigstens ein bisschen tröstlich zu wissen, dass die direkt Betroffenen es da wesentlich leichter haben. Der Übergang fürwahr ist schwer und es gibt viele, die sich selbst ein Ende setzen. Aber haben sie einmal eine gewisse Stufe überschritten, dann ist es für sie wesentlich leichter. Ab da an sind es Momente, die zählen und die ihr Leben lebenswert machen. Sie haben gute Tage und weniger gute Tage, dabei ist das Krankheitsbild immer ein anderes. Allerdings habe ich gelernt, dass jeder demente Mensch ein Schloss hat, zu dem man nur den Schlüssel finden muss. Sei es nun, indem man einen Kuchen mit ihm backt, ein altes Lied vorspielt oder eine Geschichte erzählt. Irgend etwas gibt es immer, mit dem man ihm noch eine Freude bereiten kann. Dabei muss man sich selber klar machen, dass es Momente sind, nicht mehr. Manch einer bleibt im Kopfe zurück und manch einer verschwindet wie er kam.

    Sie haben alle ihr Recht auf Leben und selbst wenn es für die Angehörigen oftmals schwer und schmerzlich ist, ist es für die Erkrankten an sich alles „halb so wild.“ Es ist der vollkommen richtige Weg sich von außen Hilfe zu holen und die Pflege/Betreuung aus der Hand zu geben. Sollte Ihre Mutter sich da ein schlechtes Gewissen machen…können Sie ihr mit einem guten sagen, dass sie das nicht braucht. Nehmen wie es kommt, mehr kann man nicht tun und über das alles hinweg muss man immer auch an sich denken. Demenz ist ein schreckliches Krankheitsbild, aber auch damit lässt es sich gut leben. Sie hat so viele Gesichter, wie es Menschen auf der Welt gibt.

    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und viel Kraft. Behalten Sie ihre Oma im Kopfe wie sie vor ihrer Krankheit war. Sie kann nichts dafür.

    Liebe Grüße

    M.Pickhardt

    • Ganz herzlichen Dank für die ausführlichen Gedanken. Ja, im Moment haben wir noch einen winzig kleinen Freudenpunkt, wenn wir alle zusammen Mensch ärgere Dich nicht spielen. Nur weiß man eben nie, wenn man sie besucht, ob man ihr heute damit eine Freude machen kann. Mitunter ist meine Mutter kaum zur Tür herein, dann wütet meine Oma auch schon los. Manchmal geht meine Mutter dann einmal um den Block und versucht es dann nochmal, aber manchmal ist Oma partout nicht zu beruhigen. An solchen Tagen ist alles umsonst, meine Mutter kann dann nichts tun außer wieder zu gehen (was bei einem fast einstündigen Anfahrtsweg bzw. Taxikosten von fast 30€ innerhalb Hamburgs natürlich doppelt belastend ist).

      Man weiß einfach nie, was einen erwartet, und gerade diese Unwägbarkeit bereitet meiner Mutter bereits im Vorfeld der Besuche im wahrsten Sinne des Wortes Bauchschmerzen. Mal ist Oma lammfromm, aber weit öfter eskaliert sie im Laufe des Zusammenseins.
      Jeder, der Pflegedienst, die Betreuerin, ich, sagt Mutti, dass es völlig okay ist, dass sie das nicht auf sich nimmt, aber gegen ihr enormes Verantwortungs- und Pflichtgefühl, das ihr einflüstert, sie müsse das alles tun, kommen wir nicht immer an. Aktuell habe ich sie zu wenigstens 5 Wochen Omaurlaub verdonnert, damit sie selber mal zur Ruhe kommt.

      • Liebe Meike, Ihre Aussage,
        „Ja, im Moment haben wir noch einen winzig kleinen Freudenpunkt, wenn wir alle zusammen Mensch ärgere Dich nicht spielen. Nur weiß man eben nie, wenn man sie besucht, ob man ihr heute damit eine Freude machen kann“,
        ließ mich an eine TV-Reportage denken, in der dementiell Erkrankte beim Hören von Liedern ‚von früher‘ wahrlich aufblühten und textsicher mitgesungen haben.
        Vielleicht bietet ja das ‚Medium Musik‘ eine kleine Alternative zum ‚Mensch-ärgere-Dich-nicht‘-Spiel… Einen Versuch wäre es wert.

        Beim Lesen Ihres eindrucksvollen Blogeintrages stellte sich mir immer wieder die Frage, ob Ihre Großmutter explizit „450 _E_u_r_o_“ vermisst… Ich kann es mir kaum vorstellen.

        Die allerbesten Wünsche für Sie und Ihre Mutter!

        • Ja, es sind tatsächlich Euro. Sie bringt zwar bei ihren sonstigen Erzählungen immer wieder Mark und euro durcheinander, aber speziell bei der Keksdose bleibt sie bei Euro. In ihrer Erinnerung scheint der Verlust der Dose konstant etwa vier Wochen her zu sein, ist und bleibt also immer aktuell, und das weiß sie dann schon noch, dass die Währung der näheren Vergangenheit Euro ist.

          Das mit der Musik ist auch bei Oma so, sie singt oft ganz spontan „Hoch auf dem gelben Wagen“, aber weil wir anderen nicht unbedingt große Sänger und Musikanten sind, ist das nicht unbedingt eine Familien“unternehmung“.

  4. Frau Lobo,

    nach 20 Jahren in der Altenpflege weiß ich einen solch ehrlichen Text zum Erleben des Verhaltens eines dementiell erkrankten Menschen sehr sehr zu schätzen.
    In meinem Arbeitsumfeld, der dazugehörigen Ausbildung (und deren theoretischem Fundament), im Marketing der Pflegebranche (die fröhlich lächelnden Alten), in der Gesundheitspolitik und gerne auch in den Medien wird aus unterschiedlichsten Motivationen heraus anhaltend das eingangs von Ihnen beschriebene (euphemisierende) Bild dementiell erkrankter Menschen stabilisiert und verstärkt. Manchmal finde ich das feige und falsch, manchmal finde ich das – funktionalistisch betrachtet – gut, denn diese beschönigende Darstellung kann Hemmschwellen senken, die man anders nicht senken könnte (außer durch seeeeeehr viel Geld natürlich).
    Die Gefühlswelt dementiell erkrankter Menschen ist fast immer in irgendeiner Weise extrem … Angst, Zorn, Traurigkeit, Einsamkeit … aber auch Euphorie. Akademische Konzepte für den Umgang mit solchen Menschen scheitern in meinem Arbeitsalltag kläglich … aus unterschiedlichsten Gründen.
    Bis auf Weiteres ist die dunkle Seite der Demenz etwas, das wir einfach nur aushalten können.

  5. Danke.

    (Ich bin bei persönlichen Artikeln mit mir bekannter Thematik immer hin- und hergerissen zwischen „ich kenne das auch, genau so, ich weiß was Du fühlst“ und „halt einfach die Klappe, das interessiert grad keinen.“).

    I feel you.

  6. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich habe als Jugendlicher mitbekommen, wie meine Mutter ihren Vater pflegte. Auch dement. Ich habe später selber meinen Schwiegervater eine Zeit lang gepflegt. Er hatte einen Schlaganfall, war halbseitig gelähmt und begann ebenfalls mit Demenz. In dem Fall bekam ich selbst die Wut ab. Mein bester Freund pflegt zur Zeit seine demente Mutter und hat die gleichen Probleme. In diesem Fall ist besonders „witzig“, dass diese Frau sich in der gleichen Weise und über die gleichen Dinge aufregt wie früher ihre Mutter, die sie damals gepflegt hat, und die sie damals nicht verstanden hat.
    Für mich persönlich wäre Demenz schlimmer als Tod. Aber wir können uns das wohl nicht aussuchen. Ich kann Euch nur gusseiserne Nerven wünschen, Durchhaltevermögen, und dass diese Belastung nicht auf Kosten Eurer Beziehung geht. Denn das ist die große Gefahr dabei.

  7. Als schriebst Du über meine Großmutter. Und den Konflikt, der sich wie ein bodenloser Spalt zwischen ihr und ihrer Tochter auftut. Und die Schwierigkeiten von allen in der Familie, damit umzugehen…
    Vielen Dank!

  8. Du schreibst über viele Großmütter. Meine größte Trauer beim Tod der meinen war nicht Trauer über den Moment des Todes, sondern Trauer darüber, dass ein einmal geliebtes Leben gezwungenermaßen reduziert wird auf ein Abwarten der Umstehenden, dass es endlich zu Ende geht. Nicht, weil Oma am Ende nur noch Arbeit macht, sondern weil der Grund, warum man das alles macht – für Oma! – nicht mehr besteht, weil sie es nicht mehr annehmen kann. Und bei meiner Mutter war viel Trauer, dass es jetzt zu spät war für zu lange aufgeschobene klärende Gespräche, zu spät, als wäre sie bereits tot, lange bevor sie wirklich starb.

    • Ja. Alles.
      Ich hatte gehofft, mich von meiner Oma verabschieden zu können, solange sie noch meine Oma ist. Der Tod beginnt bei dieser Krankheit schon weit vor dem körperlichen Verfall, es ist als ob man jemandem in Zeitlupe beim Sterben zusieht, bis, ja, Du sagst es, bis alle nur noch hoffen, dass es endlich vorbei ist.
      Es ist entwürdigend, für alle.

  9. Es ist das erste Mal, dass ich einen Beitrag von dir nicht zu Ende lesen konnte, aus Angst davor das zu lesen, was meinem Vater leider seit Jahren durch seine Mutter widerfährt. Weil ich es nicht ertrage…

    • Ich verstehe Dich so gut. Omas ganzes Giften und Schimpfen über die Schlechtigkeit ihrer Situation halte ich aus, aber wenn sie so hasserfüllt von meiner Mutter spricht, als ob sie der letzte Abschaum ist, obwohl sie sich jahrelang aufopferungsvoll um sie gekümmert hat, dann möchte ich am liebsten einfach auflegen.
      Ich weiß, dass die Krankheit aus Oma spricht, aber diese Ungerechtigkeit und Undankbarkeit macht mich fertig.

  10. Bin froh, dass mein Vater in den Stiefeln gestorben ist. Einfach tot umgefallen, mit 72 Jahren. Nicht mitten im Leben stehend, das nicht. Er hatte sich schon vorher aus dem Leben zurückgezogen. Unbehandelte Altersdepression, würde man heute diagnostizieren. Die ihn aber dazu brachte, seine Medikamente heimlich abzusetzen und das Essen in den letzten Tagen, in denen er allein war & meine Mutter ausnahmsweise nicht die Hand drüberhielt, auf 0 zu reduzieren. Er hatte seine Chance, zu gehen und er hat sie genutzt. Ganz ohne Strick. Er hat einfach aufgehört. Schwer zu erklären, glaube ich.

    Was den Zorn betrifft, kann ich nachvollziehen, wie ungeheuer schwer das auszuhalten sein muss.

    Dennoch fällt mir Dylan Thomas ein: „Do not go gentle into that good night /
    Old age should burn and rave at close of day […] And you, my father, there on the sad height, / Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray. / Do not go gentle into that good night. / Rage, rage against the dying of the light.“ Quelle: http://www.poets.org/poetsorg/poem/do-not-go-gentle-good-night

  11. Hallo,
    Wenn der Fernseher sie auf ein Kaffee einläd. Ihr die Wörter fehlen um sich mit uns zu unterhalten. So wollte ich mich nicht von meiner Oma trennen. Jedes mal die Tür mit gemischten Gefühlen auf macht.
    Beschreibt dein letzter Satz ganz genau.
    Wünsche euch viel Kraft.
    Grüß Eva

  12. Auch nach diesem Text bemerke ich wieder, wie sehr ich deine Reflexion und Einordnung der Dinge mag und schätze.

    Die Begegnung mit agitierten und gleichzeitig desorientierten Menschen kenne ich nur beruflich, aber auch dort fällt es mir mal leichter und mal schwerer, bin ich mal stabiler und mal labiler, diese entgegengebrachten Gefühle auszuhalten.

    Vielen Dank fürs Aufschreiben!

  13. Ein sehr berührender Text, der mir durch Mark und Bein geht. Und mich um so dankbarer macht, dass meine Mutter pumperlgesund ist; das sollte ich weitaus öfter schätzen.

    Es ist schrecklich, dass fast jeder früher oder später an den Punkt gelangt, an dem andere sich wünschen, man würde sterben, weil das Leid unermesslich groß, keine Hilfe mehr möglich und einem das hilflose zuschauen das Herz bricht.

  14. Mir wird mitlerweile nur noch übel, wenn ich Leute über Demenz schwadronieren höre, die keine Ahnung haben, was das wirklich bedeutet – vor allem im Endstadium. Für die Betroffenen selbst, für die Angehörigen. Mein Vater dämmert seit Jahren im Pflegeheim dahin, seiner Mobilität, seines Gedächtnisses und seiner Sprache beraubt, vollkommen abhängig davon, gefüttert und gewickelt zu werden, mit einem Stopfen im Hintern, die Haut mittlerwiele gelblich und wächsern, ich breche jedes mal in Tränen aus, wenn ich ihn sehe.
    Wobei es völlig egal ist, ob ich ihn besuche oder nicht – er erkennt mich schon lange nicht mehr und reagiert weder auf Ansprache noch auf Berührungen.
    Meine Mutter, die seit Jahr und Tag wie eine getreue Penelope zu ihm geht, die ihn vorher jahrelang zu Hause gepflegt hat, ist darüber seelisch und körperlich krank geworden.
    Mein Vater, dieser einst so vitale, lebenssprühende, belesene Mann, der ganze Tischrunden unterhalten hat: es gibt ihn nicht mehr. Da ist nur noch eine Hülle, die von Pflegern gewartet und am Leben erhalten wird. Aber was ist das für ein Leben? ich bin sicher, das hätte er niemals gewollt.
    Und so warten wir darauf, dass er endlich, endlich geht….
    Danke für diesen Text. Du sprichst mir aus der Seele.

  15. Hallo,

    das Leben, das Altern und das Alter an sich, das sind alles so Sachen, die nicht so einfach sind. Ich war viele Jahre Altenpfleger und ich hab hunderte solcher „Fälle“ gehabt. Ja, da gehen einem dann so langsam mal andere Sachen durch den Kopf und Relationen verschieben sich deutlich.

    Darum, ebenso wie für das Fördern von Verständnis für Ältere oder benachteiligte Personen, fände ich sowas wie verpflichtenden Zivildienst gut. Führt nun sicherlich zu weit und ist etwas arg pauschal formuliert, aber ich würde sagen, es tut da draußen verdammt vielen mal ganz gut, wenn sie sich mit solchen Menschen und Krankheiten beschäftigen müssen, ebenso wie der ganzen Situation drumherum.
    Leider kommen die meisten Menschen erst dann auf den Trichter, dass es da ja noch was anderes gibt und was dieses Leben so mit sich bringt, was wichtig ist und was nicht. Und dass man schon sehr viel früher anfangen sollte, bewusster zu leben und manches zu ändern, anstatt sich mit dem Schwadronieren über den tagtäglichen Stumpfsinn zu beschäftigen und Kleinkriege auszufechten.

    Einfach ists sicherlich nicht, aber es wird einfacher, je mehr man mit den Menschen zu tun hat und sie besser verstehen lernt. – Ich wünsche viel Zeit für einander! :-)

  16. Ich danke für diese reale Geschichte.
    Betroffene Angehörige gehen damit anders um , wie Menschen die diese Krankheit nur vom hören kennen. Ich selber bin seit 14 Jahren auf einer Dementenstation beschäftigt , und kann Ihnen nur zustimmen . Ich wünsche noch viel Kraft und Energie bis es ein Ende gefunden hat. Und hinterher für Sie und Ihrer Mama eine gute Erholung und alles Liebe von mir .
    Mit herzlichen Grüßen Jacqueline Schulte

  17. Hallo Meike,

    ich finde es sehr gut, dass du neben dem Bedauern über die Situation deiner Omi auch über den Frust und die Hilfslosigkeit von euch Angehörigen schreibst. Die Veränderung der Persönlichkeit ist wohl das Größte Päckchen, das man tragen muss. Da sind verschwundene Dinge und vergessene Ereignisse eher das kleinste Übel. Ich wünsche euch die Kraft, euch immer wieder zu sagen, dass es deine Omi, wäre sie noch in alter Form, nie so machen würde.

    Liebe Grüße
    Sandra

  18. ..die Tante des Göttergatten ist dement. Wir lieben sie heiß und innig und wollen ihr ihre Zeit (sie ist gesundheitlich topfit) so schön wie möglich machen, aber auch hier kommt allmählich der Zorn.
    Und sie ist allmählich wie ein Haustier, das manchmal nur zufrieden in der Sonne dösen will, dann wieder hallen Erinnerungen, Zeiten, Erlebnisse und Persönlichkeitsbruchstücke wie ein Echo oder ein Flummy, immer hin und her, zusammenhanglos und aus dem Nichts, und gelegentlich Erkenntnis und Schmerz darüber..

  19. Hallo Meike,

    ich kenne solche Situationen auch von meiner Oma, sie reagierte mitunter auch sehr aggressiv und hat auch Pfleger angegriffen. Sie muss jetzt, damit sie in dem Pflegeheim bleiben darf, Psychopharmaka nehmen. Das hat die Situation für alle Beteiligten, besonders für sie, wesentlich entspannt. Zusätzlich haben wir bzw. mein Vater ihr immer wieder die Grenzen aufgezeigt, wie bei einem Kind. Ich denke, es muss für den Betroffenen ein unglaublich schlimmes Gefühl sein, in klaren Momenten zu merken, wie die geistigen Fähigkeiten nachlassen.
    Vielleicht hilft es auch, sie eine ähnliche Keksdose mit dem Geldbetrag finden zu lassen?

    Viel Kraft und Geduld
    Franzi

  20. Ich empfehle die Lektüre des Buches „Wie wir sterben“ von Sherwin B. Nuland

    Wenn man es geschafft hat, das Buch ganz durchzulesen … geht jedem ein kleines Licht auf, wie das Leben funktioniert ;-)

    In diesem sinne LG. :-)

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