Lieber Vater: Noch sieben Tage

17. November 2009. Dienstag. Nachmittags.
Mutti hat eine Kaffeetafel gedeckt. Sie begrüßt uns herzlich, beinahe fröhlich. Vati sieht nicht so schlimm aus wie ich befürchtet hatte. Der Gewichtsverlust ist zwar zu sehen, aber unter der Kleidung nicht sehr deutlich.
Wir setzen uns an den Kaffeetisch. B. hilft Vati beim Aufstehen von der Couch.

Vati beginnt zu sprechen. Heute waren die Ergebnisse da, sagt er. Sie waren niederschmetternd. „Niederschmetternd“, so sagt er das. Rechtsseitiges Bronchialcarcinom, nicht oparabel. Mein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse, die „Verfluchte Scheiße“ sagen will.
Er sieht uns an, erst meinen Bruder, dann mich.
Das bedeutet: Euer Vater wird sterben.
Der Satz ist wie eine Garrotte, die schlagartig angezogen wird. Den schwachen, dummen Hoffnungen in mir werden auf einen Schlag alle Fluchtwege abgeschnitten. Ich bin froh, dass er uns nichts schenkt. Beschönigungen bringen niemandem etwas. Verharmlosungen machen es nur schlimmer. Ich will keine Hoffnung haben, wenn sie nicht berechtigt ist. Lieber Klarheit im Angesicht des Unvermeidlichen.

Ich sitze da und starre auf das Stück Kuchen, das unangetastet auf meinem Teller liegt. In meinen Ohren rauscht es. So laut, dass es fast wie Brandung klingt.
Ich frage, gibt es noch etwas zu tun? Meine Stimme kommt aus weiter Ferne. Alle Stimmen kommen aus weiter Ferne.
Vati sagt, naja, Chemo, aber ich weiß noch nicht, ob ich das tun will.
Und über welchen Zeitraum sprechen wir? Wir wissen es nicht, vielleicht noch bis Anfang des Jahres.
Er geht davon aus, dass er sich wieder vollständig von der Bronchitis erholen wird, das wird mir klar. Aber irgendwie spüre ich, dass das Warten auf den Tod begonnen hat.

Wir sprechen über die Beerdigung. Ich weiß nicht mehr, wer das Wort als erstes ausspricht.
Ich frage, willst Du einen Pfarrer oder soll einer von uns die Grabrede halten? Er sagt, mach Du das. Dann sagt er noch, dass er gelbe Rosen will, und die Musik überlässt er uns. Ein Grab unter einem Baum, das wäre schön, sagt er. So dass das Laub auf das Grab fallen kann.
Ich bin froh, dass wir über die Beerdigung sprechen. Es gibt mir das Gefühl, ihm noch einen Wunsch erfüllen, ihm noch etwas Gutes tun zu können. Das Entsetzliche besser machen. Du stirbst, aber Du bekommst die Beerdigung, die Du Dir schon immer gewünscht hast, freust Du Dich? Es ist ein Stück verzweifelter Pragmatismus. Okay, hier ist das Unausweichliche, nun lasst uns konstruktiv damit umgehen.

Ich fühle mich seltsam. Ich denke, so wird es sich anfühlen, wenn man ertrinkt. Gedämpft, betäubt, der Hals zu eng, weder die Stimme noch der Atem wollen so recht heraus. Tränen habe ich noch nicht, schau, wie gefasst wir damit umgehen, Vati.

Später kommen mir die Tränen, wir sitzen immer noch am Tisch. Ich nehme seine Hand, die entsetzlich schwach und sehr knochig ist, und sage, ich weiß nicht, ob das für Dich etwas ändert, aber ich bin bei dem Mann, den ich liebe, in guten Händen. Er ist der Richtige und wir werden heiraten und Kinder kriegen. Für mich ist gesorgt, vielleicht macht es das für Dich etwas besser.
Er lächelt und ich spüre einen schwachen Gegendruck seiner Finger. Das ist gut, sagt er, und schaut mich zärtlich an.
Ich sage, und ich brauche ein bisschen, bis ich den Satz herausbekomme, weil die Tränen mich nicht so recht lassen wollen, ich wünschte nur, Du hättest Dein Enkelkind kennengelernt. Ja, sagt er, das hätte ich mir auch so gewünscht. Gib ihm einen Kuss und eine Umarmung von seinem Opa, ja?

Später sitzen wir auf dem Sofa. Ich halte Vatis Hand und sage, danke für eine wunderschöne Kindheit. Wir schauen uns liebevoll an. Manchmal hustet er in meine Richtung und der Geruch ist kaum auszuhalten. Ein süßlich-klebriger Geruch, der ihn wie ein Mantel umgibt. Ein paar Mal muss ich beinahe würgen, als mich das Husten trifft, und kann es kaum verbergen vor ihm.
Ich bleibe jetzt erstmal hier, sage ich, und gehe Mutti so ein bisschen zur Hand.
Ich versuche, meine Stimme harmlos-plaudernd klingen zu lassen, und glaube, dass es mir gelingt.
Donnerstag muss ich nochmal kurz nach Berlin, aber Freitag Mittag bin ich schon wieder da und dann bleibe ich bis auf Weiteres hier.

Bis auf Weiteres. Bis es vorbei ist. Bis Du stirbst. Ich bleibe hier, bis Du stirbst.
Natürlich sage ich es nicht.

Noch sieben Tage, dann bist Du tot.


 
Lieber Vater: Prolog.

Lieber Vater: Noch sieben Tage.

Lieber Vater: Noch sechs Tage.

Lieber Vater: Noch fünf Tage.

Lieber Vater: Noch vier Tage.

Lieber Vater: Noch drei Tage.

Lieber Vater: Noch zwei Tage.

26 Kommentare

  1. Krasser Text. :-/

    Spricht mich SEHR an, weil es meinem Vater ähnlich schlecht geht. Zum Glück mussten wir über Beerdigung noch nicht sprechen, ein bisschen (mehr) Hoffnung ist noch da.

    Aber meine derzeitige Stimmung ist ganz gut eingefangen….

  2. “It is a curious thing, the death of a loved one. We all know that our time in this world is limited, and that eventually all of us will end up underneath some sheet, never to wake up. And yet it is always a surprise when it happens to someone we know. It is like walking up the stairs to your bedroom in the dark, and thinking there is one more stair than there is. Your foot falls down, through the air, and there is a sickly moment of dark surprise as you try and readjust the way you thought of things.”

    -Lemony Snicket

  3. Sehr gut geschrieben. Geht unter die Haut.
    Habe Vater und kürzlich auch Mann verloren. Ich kenne diesen Geruch – den süßlich-klebrigen Atem des Todes…

  4. wenn es geht versuchen die hemmschwelle zu ueberwinden ..offen sprechen ..vater hat ebenso hemmungen wie die anderen ..der tod ist immer so weit entfernt und dann wird er sichtbar .. man war doch unsterblich ..

  5. Du hast es gut. Es kann noch soviel geregelt werden.

    Bei meinem Vater war es so, dass es ihm mal nach einem ganz normalen Tag nicht besonders gut ging und der Notarzt gerufen wurde. Der meinte, es sieht nach einem Infarkt aus und er soll mit ins Krankenhaus. Mein Vater (bei vollem Bewusstsein) stimmte zu.

    Ein paar Minuten später kam ich kurz nach dem Rettungswagen im Krankenhaus an und ich sah noch kurz, wie mein Vater hektisch umsorgt und weg transportiert wurde.

    Mein Warten vor der Intensivstation wurde nach ein paar Stunden mit der Nachricht beendet, dass alles was getan wurde nichts geholfen hat. Der Patient hat das Bewusstsein (was er wohl beim Transport verloren hatte) nicht wieder erlangt.

    Noch plötzlicher ist nur sowas wie ein Verkehrsunfall oder einer Terrorakt.

    Ich hoffe, Du hörst jetzt auf hier zu lesen und verbringst die restliche Zeit mit Deinem Vater, wenn Du es nicht schon getan hast. Sie ist unwiederbringlich!

  6. Ich kann mich zwar kaum mehr wirklich erinnern, wie das war, als ich selbst tot war – und vielleicht ist das jetzt auch nur ein schwacher Trost – aber ich denke: eigentlich waren wir doch alle schonmal tot…
    … natürlich:
    Ich kann mir vorstellen, dass der Zustand vor unserer Geburt dem Zustand nach unserem Sterben recht ähnlich ist…
    Und ich glaube, das war nicht schlimm.
    Nichts wovor wir uns fürchten müssen.
    (Wenn es denn überhaupt etwas gibt, wovor wir uns fürchten müssten…)

    Auch wenn das Loslassen sicher unfassbar weh tut…
    Etwas bleibt – vielleicht sogar das Wesentliche, was hier zählt – das bleibt bei Dir… schlägt immer noch seine Kreise.

    Das Bewusstsein, das in uns und mit uns und durch uns lebt beendet seine Reise offenbar nicht einfach so, wenn unser Körper es loslässt.

    Gute Reise…

  7. @Michael Ich kann keine restliche Zeit mit meinem Vater verbringen.
    Er ist seit über zwei Jahren tot.

    @alle anderen Vielen Dank für den Zuspruch und das Mitgefühl.

  8. Danke.

    Der Tod meines Vaters, unter fast identischen Umständen, war einer der prägendsten Momente in meinem Leben. Ich hab bisher mit fast niemandem wirklich darüber gesprochen, um so näher geht mir der Text, der meine Gefühle und Gedanken von damals fast schon unheimlich genau auf den Punkt bringt.

  9. „Moving on is a simple thing… what it leaves behind is hard.
    You know the sleeping feel no more pain – and the living are scarred“

    (Megadeth, A Tout le Monde)

  10. das kenne ich gut.
    so habe ich mich beim tod meines opas mit 14 gefühlt (vor 11 jahren). es war „nichts schlimmes“, aber man ist überrascht, auch von der trauer, wenn auf einmal eine art vaterfigur wegfällt.

    das zitat von lemony snicket trifft es ganz gut.

    manchmal versetze ich mich in den moment zurück. weil alles besser ist, als einfach so zu vergessen.

    denke alles nochmal durch, frage mich, wie gefasst ich sein konnte. wie ich dastehen und einfach nur heulen konnte, während soviele leute in unser haus gegangen sind und wieder heraus gekommen sind.
    frage mich, warum ich alles noch gesehen und gehört habe, mit meinem tränenüberschwemmten gesicht und meinem nassen pullover. wo ich doch scheinbar nur weinend in der ecke stand.

    abends saß ich dann mit allen am essenstisch, gefasst, weil ich wusste, das der vorfall unumkehrbar ist.
    mein vater hat geweint, ich habe ihm den zynismus ins gesicht geschleudert.. weil ich nicht wusste, dass er es nicht versteht. und es tat mir leid, als er mir in die augen gesehen hat und gesagt hat „du bist total gefühllos“. nein, bin ich nicht papa, mir tut es so leid wie dir. meine tränen sind leer, es bringt nichts.

    das habe ich meinem freund letztens erzählt, es hat ihn ganz schön getroffen.
    das war bis jetzt bei vielen sachen in meinem leben so.
    ich habe die erlebnisse erzählt, habe sie runtergespult wie auf tonband, und erst, wenn andere angefangen haben zu weinen, habe ich gemerkt, wie traurig sowas im nachhinein ist.

    ja, es ist traurig. aber mich daneben legen will ich auch nicht. es ist okay.

  11. Ich kann das sehr gut nachempfinden. Mein Vater ist an der selben beschissenen Dreckskrankheit gestorben …

  12. auch wenn es komisch klingt:
    irgendwie beruhigend, dass man selbst nicht der einzige ist, der solche scheiße mitmachen musste.
    es gibt nichts schlimmeres, was so prägt.

  13. Es ist grausam aber schön und beruhigend zu gleich, wenn man noch die Zeit hat Abschied zu nehmen. Bei meinem Vater hatte ich diese Gelegenheit nicht mehr….das ist sehr deprimierend und hängt einem noch lange nach…

  14. meike, ich bin sooo sehr berührt von dem was du sagst. ich habe ähnliches erlebt und konnte nie so wirklich darüber reden. habe meinen vater so früh verloren (er war 59) und konnte mich nie von ihm so verabschieden , wie ich es mir für ihn gewünscht hätte. ich bin gedanken bei dir….

  15. „Besucht nicht mein Grab,“ schrieb mein Papa kurz vor seinem Tod in einem Brief an uns Kinder. „Besucht mich in euren Herzen. Wenn ich dort einen Platz gefunden habe, bin ich zufrieden.“

    Seine Asche liegt begraben unter einer großen Eiche in einem Friedwald. Das war sein Wunsch. Und seit nunmehr 3 Jahren besuche ich ihn täglich. In meinem Herzen.

  16. Ja, dieses blöde Sackgesicht von Krebs!

    Dein Text hat Gefühle geweckt. Bei mir war es 2003, es war kurz vor meiner Hochzeit, und Papas erster Enkel war unterwegs. Gleiche Krebsart, viele ähnliche Gedanken.

    Dein Text ist wunderbar, danke dafür!

  17. ich hab meinen auch verloren. innerhalb von vier stunden. keine zeit mehr, über etwas zu reden. er fehlt mir, auch knapp sieben jahre später.
    ich konnte nicht mehr tun, als stumm den letzten weg mit ihm zu gehen.

    danach habe ich auch darüber gebloggt, und das einzig tolle daran:
    es hat einigen vätern einen schönen tag mit ihren plötzlich wachen und erwachsenen kindern eingebracht, die sonst so wenig zeit haben.

    *

  18. danke für diesen wunderbaren aufwühlenden emotionalen ehrlichen text. er erinnert mich an so viel eigenes leiden was ich niemals in solche worte fassen könnte…

    danke.

    thomas.

  19. […] einen Kontakt. Trotzdem hat Google mir so etwas wie einen Newsstream gebastelt und in dem wurde dieses hier erwähnt. Frau Meike schreibt über das Sterben ihres Vaters. Rückblickend. Und offensichtlich […]

  20. Es wird besser, es wird ok. Das Lachen geht wieder, das Sich-Freuen, sogar das Glücklichsein, ganz intensiv. Erinnerung ordnet sich ein und wird zu einem Teil des Lebens. Und trotzdem muss ich noch 23 Jahre nach dem Tod meiner Mutter bei diesen Text heulen. Tja, so ist wohl das Leben. Süß und klebrig und manchmal ekelriechend.

  21. Lungenkrebs ist ja sowieso der größte Arsch unter den Krebsarten, wenn Du mich fragst.

    Aber wenn Ihr wirklich so klar sprechen konntet noch, dann war das gut und schön so. Ich habe übrigens meinen einen Opa nie kennengelernt, er ging dreieinhalb Jahre vor meinem Geburtstag. Meine Mum und meine Oma habe es aber geschafft diesen Mann für mich sehr lebendlig zu gestalten, ihn mir sehr liebevoll zu gestalten und der ist genauso für mich ein Opa, ein existenter Opa, wie es mein real erlebter Opa war. Was ich sagen will: man kann hinkriegen, dass Enkelkinder den Kuss spüren! ;-) Man braucht nur Liebe und einen Fleck für den Papa im Herzen.

  22. Hallo Meike,
    wunderschön geschrieben – und ich hoffe, dass auch mein Sohn eines Tages in ähnlicher Weise an mich zurück denkt. Zumindest habe ich versucht, seiner mit liebevoller Konsequenz und seinem jeweiligen Alter entsprechenden Respekt gerecht zu werden.
    Du hattest offensichtlich immerhin das Glück, einen Vater zu erleben, um den Du trauern kannst – der Deine Trauer wert gewesen ist.
    Ich wünsche Dir, dass Du aus guten Erinnerungen Kraft und Inspiration gewinnst und die letzten leidvollen Tage oder Wochen in den Hintergrund treten. Aber gerade auch die haben vielleicht letztlich die Verbundenheit zwischen Euch und Deine persönliche Wertschätzung für ihn noch einmal verstärkt. Gerade diese Momente der körperlichen und vielleicht auch persönlichen Schwäche machen Menschlichkeit erkennbar und reduzieren die Distanz zu dem Menschen, der sonst immer so stark und überlegen erschien.
    Ich wünsche Euch alles Gute und werde ab und zu mal wieder kommen und lesen.

  23. Liebe Meike, das ist der dritte Artikel, den ich in deinem Blog lese und der erste an dem ich weinen musste. Das ist das erste mal, dass Tränen seit über 8 Jahren aus meinen Augen schießen. Danke.

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