Die verlorene Ehre der schreibenden Zunft

Die verlorene Ehre der schreibenden Zunft

Wie viele andere hat mich der Absturz der Passagiermaschine 4U9525 von Germanwings und der Tod aller ihrer Insassen am Dienstag sehr getroffen und wie viele andere mäanderte ich durch das Netz, auf der Suche nach Informationen, die das Unbegreifliche erklären, nach einer Kausalkette, an deren Ende der Absturz eine unausweichliche Konsequenz ist. Fahrlässigkeit, menschliches Versagen, Materialermüdung, technische Fehler, scheißegal. Hauptsache, irgendetwas erklärt mir, warum Menschen sterben mussten, so viele Menschen. Doch was ich in den Medien fand, waren nicht Informationen und Fakten, sondern Spekulationen, Sensationsgier und eine abgrundtiefe Menschenverachtung.

Zunächst einmal: wir wissen nicht, was sich in dem Flugzeug abgespielt hat. Es gibt auf dem gefundenen Stimmenrekorder Hinweise, die plausibel darauf hindeuten, dass der junge Co-Pilot das Flugzeug in einem Akt, den „erweiterten Selbstmord“ zu nennen ich mich scheue, absichtlich zum Absturz brachte, doch sicher ist das nicht. Wir wissen nicht sicher, ob der Pilot den Notfallcode zum Öffnen der Cockpittür eingegeben hat und der Co-Pilot die Tür absichtlich verriegelt hielt, wir nehmen es an. Wir wissen nicht, ob der gleichmäßige Atemrhythmus auf Handlungsfähigkeit oder Ohnmacht hindeutet. Wir wissen absolut nichts über die möglichen Beweggründe des Co-Piloten, die ihn zum Sinkflug veranlassten. Sicher scheint nur, dass der Sinkflug absichtlich eingeleitet wurde, aber unter welchen Umständen das geschah, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen.

Die Leichenfledderer

Und dennoch erhob sich nach der Katastrophe ein Medienspektakel, das an Ehrlosigkeit kaum zu überbieten ist. Bereits am Dienstag, nur Minuten nach dem Bekanntwerden des Absturzes, wurden überall Bilder der trauernden Angehörigen gezeigt, unverpixelt und gut erkennbar, die sich nach und nach am Düsseldorfer Flughafen einfanden. Die BILD-Zeitung war sich selbstverständlich nicht zu blöd, auch Namen und Fotos der getöteten Passagiere zu veröffentlichen. Der nah an der Unzurechnungsfähigkeit agierende FJ Wagner erbrach respektloses Gestammel über die letzten Minuten der Flugzeuginsassen. Dazu: nichts als Spekulationen. Das viele Fliegen per Autopilot sei Schuld, die Sicherheit bei Lufthansa fraglich, der Airbus zu alt. Das allein hätte schon genügt, um der Mehrheit deutscher Medienredaktionen den Untergang zu wünschen.

Doch das war nichts im Vergleich zu dem Medienecho, das der Bekanntgabe der Auswertung des Stimmenrekorders folgte. Innerhalb kürzester Zeit schwirrte der vollständige Name des Co-Piloten durch das Netz, Wohnort und Haus wurden von Reportern belagert, das Facebook-Profilfoto des jungen Mannes wurde geklaut und unverpixelt auf allen Kanälen gezeigt. Kaum jemand schien Hemmungen zu haben, selbst FAZ.net zeigt das Foto seit gestern Abend groß auf der Startseite. Es ist von einer Scheinheiligkeit sondergleichen, dass sie dort den Namen anonymisiert haben. Der Kölner Stadtanzeiger nennt den Mann den „größten Massenmörder nach 1945“, die BILD bringt ein weiteres Foto und den ganzseitigen Titel „Der Amok-Pilot“.

Das alles, wohlgemerkt, bevor gesichert ist, ob es sich tatsächlich um einen Selbst-/Massenmord handelt. Bis jetzt gibt es ausschließlich die Aussagen des Marseiller Staatsanwaltes, die sämtlich Interpretationen der Tonaufnahmen aus dem Cockpit sind.

Ein Journalist des Tagesspiegels fragt seine Facebook-Kontakte, ob man den Namen ganz ausschreiben solle oder nicht, man sei sich in der Redaktion nicht einig. Auf den berechtigten Einwurf, dass die Nennung Auftakt zu einer Hetzjagd sein könnte, verstieg er sich zu der Gegenfrage, ob sich eine Redaktion nach Hetzern in Internetforen richten solle. Auf die immer lauter werdende Kritik der Internetnutzer an der Zurschaustellung des Co-Piloten hin winselte der Chefredakteursimitator der BILD, er halte sich an journalistische Standards, und belegte das mit Screenshots internationaler Medien, die das Facebookfoto des jungen Mannes ebenfalls hemmungslos verbreiteten. „Die anderen machen das aber auch“ und „Wir können doch nichts dafür, wenn jemand unsere detaillierten Infos missbraucht, um den Angehörigen einen Besuch abzustatten“? Einen moralischen Eigenanspruch sucht man hier vergebens.

Von Respekt für die gestorbenen Menschen keine Spur. Rücksicht auf die Familie des Co-Piloten, Eltern, die auch einen Sohn verloren haben, Fehlanzeige. Pietät, Sachlichkeit, Anstand, alles aus, kommt auch nicht wieder rein. OH MEIN GOTT, ES WAR MASSENMORD MIT 150 TOTEN, SCHLEIFT IHN DURCHS DORF! Ausgewogene Berichterstattung, die die Suizidthese näher beleuchtet, und kritische Anmerkungen gehen in der Masse der Leichenfledderer unter. Die trauernden Menschen sind gerade bereit, in ihrer Verzweiflung jeden Link zu klicken, sie sind wie reife Pfirsiche, die Medien müssen nur zugreifen. Klickhuren. Sie nutzen die Emotionen der Menschen eiskalt aus und verursachen mir Ekel und Scham.

Große Worte, kleine Geister

Moral, Anstand, Ehre – geht’s nicht eine Nummer kleiner, mag man sich fragen. Ich finde, nein.

Medien haben eine Verantwortung, sie sind zu möglichst objektiver Information verpflichtet. Es geht dabei nicht um eine Berichterstattung, die immer freundlich oder angenehm ist, der journalistische Anspruch hat ebenso eine gewisse Spreizbreite wie der anderer Berufszweige. Aber es gibt eine rote Linie des Anstands, die ernstzunehmende Journalisten von Abschaum trennt, und in den letzten drei Tagen wurde diese Linie wieder und wieder übertreten. Als Chefredakteuer eines großen Mediums stehe ich jeden Tag vor der Entscheidung, ob ich meine Reichweite und Macht missbrauche oder eben nicht. Und Leute wie Kai Diekmann treffen diese Entscheidung immer wieder für den Missbrauch. Sie sind keine Journalisten, sondern eklige Opportunisten und unfassbar armselige Würstchen, abhängig von Aufmerksamkeit, skrupellos in der Ausbeutung von menschlichen Gefühlen. Wer das eigene Medium statt zum Verbreiten von Wissen und Erkenntnis dazu verwendet, Menschen zu manipulieren, Aggressionen und Angst zu erzeugen und den IQ der gesamten Republik zu senken, ist ein schlechter Mensch.

Und deshalb ist es keine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man die BILD liest oder nicht, sondern eine Frage der Integrität.