Alien Nation

Update: Einige Ergänzungen und Nachbetrachtungen gibt es im Folgeartikel „Schwache Echos“.

Ich habe mich viele Jahre meines Lebens isoliert gefühlt. Wie ein Fremdkörper unter den Menschen. Es war als ob ich etwas sehen kann, was die anderen Menschen nicht sehen. Es war als ob ich etwas fühlen kann, was die anderen Menschen nicht fühlen. Es war als ob ich etwas hören kann, was die anderen Menschen nicht hören.
Die Zeit, bis ich durch Hilfe anderer verstand, warum das alles so war, warum mein Leben so seltsam verlief und sich für mich so schmerzhaft und anstrengend anfühlte, war vorsichtig ausgedrückt schwierig. Ich aß Einsamkeit zum Frühstück, Todessehnsucht zum Mittag und Verzweiflung zum Abendbrot. Jeden Tag.

Der Anfang des roten Fadens

Warum? Wer bin ich? Warum muss das so? Warum darf jeder Spaten an der Schwachsinnsgrenze glücklich werden und ich nicht? Warum hat jedes hohle Tittenmäuschen 7 beste Freundinnen und ich nicht eine? Warum finden die seichten Idioten 20 Gesprächspartner und ich ernte nur verständnislose Blicke, wenn ich aufzähle, was mich interessiert? Habe ich Freundschaft nicht verdient? Habe ich Liebe nicht verdient? Bin ich ein schlechter Mensch?
Das sind Fragen, die auf den ersten Blick wie öliges Selbstmitleid wirken und es wohl auch sind. Als jahrelanges Gift, das in den Kopf tropft, in die Gedanken und Gefühle, können sie einem jede Lebenskraft nehmen. Ich bin es nicht wert, ich bin allein, ich bin allein, ich bin allein, für immer ALLEIN, haha.

In Hannover lernte ich während meiner Doktorarbeit eine Frau kennen, mit der mich sofort seelenverwandt fühlte. Sie war wie ein Glas Wasser in der Wüste für mich. Aber natürlich ersetzt ein einzelner Mensch kein komplettes soziales Umfeld. Ich fühlte mich immer noch einsam und begann, ein Online-Tagebuch zu führen (das hieß damals noch nicht Blog). Ich befand mich auf dem Tiefpunkt meines bisherigen Lebens.
Mein Online-Tagebuch gab mir ein gewisses Ventil, es war ein Versuch zu verstehen, wie die Dinge sind. Wie ich bin, wie die Menschen sind, wie die Welt ist. Das Echo, das meine Beiträge hervorriefen, zeigte mir viel über meine Stellung in der Welt und unter den Menschen. Das meiste tat weh.
Doch eines Abends bekam ich von einem Leser, unaufgefordert und ohne dass ich mich jemals mit diesem Thema beschäftigt hatte, einen Link geschickt. Er führte zu einem Text über die Probleme hochbegabter Frauen. Erst wollte ich ihn nicht lesen, weil er in einem feministischen Blatt stand, aber dann las ich ihn doch.

Danach weinte ich zwei Tage und Nächte lang.
Zum Einen, weil ich mich zum ersten Mal in meinem gesamten Leben erkannt und verstanden fühlte. Zum Anderen, weil mir mit aller Grausamkeit klar wurde, dass das, was mein Leben so schmerzhaft machte, nicht ein kleiner Serotoninmangel war, kein Blutgerinnsel an meinem Gefühlszentrum, sondern etwas, das aus mir kam. Etwas, mit dem ich geboren worden war und das unheilbar war. Den Text zu lesen, war für mich einerseits wie eine lang ersehnte Umarmung und andererseits wie eine völlige Vernichtung. Ich hatte das Gefühl, auf einer Guillotine zu liegen, mit dem Gesicht nach oben, und der Klinge zuzusehen, wie sie sich in Zeitlupe in Bewegung setzt.
Ich brauchte viel Zeit, um diese Erschütterung so zu verarbeiten, dass sie mir helfen konnte.

Hochbegabung, my ass

Wenn ich über Dinge stolpere, die mir so entsetzlich erscheinen, dann versuche ich meist über Anhäufung von Information, sie in ihre (leichter erträglichen) Bestandteile zu zerlegen, diese Bestandteile zu analysieren und am Ende alles wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen. So machte ich es hier auch.

Ich las alles, was ich zum Thema Hochbegabung finden konnte, vor allem über Hochbegabung bei Erwachsenen, und das war gar nicht so einfach. Denn mittlerweile wird zwar jedes Kind schon kurz nach dem Abstillen spezialgefördert, aber für die, die diese Möglichkeiten nicht hatten und schon etwas länger aus dem Säuglingsalter raus waren, wurde die Informationslage sehr dünn.

Amazon-Link (bitte Hinweise beachten!)

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Ich las „Das Drama der Hochbegabten“ von Jürgen Vom Scheidt und „Ganz normal hochbegabt“ von Andrea Brackmann. Über die Qualität der beiden Bücher mag ich hier nichts sagen, aber sie zu lesen, hat mir sehr geholfen.
Vor allem weil ich plötzlich merkte: ich bin fucking nicht allein! Es gibt mehr von meiner Sorte! Es gibt die Herde, zu der ich gehöre und gehören will! Ich musste sie nur finden. Als erstes schaute ich mal in der Hochbegabtengruppe bei XING nach, aber die Gruppe war voller kleingeistiger Pisser, zerfressen von eitlen Befindlichkeiten, die mich sofort schlimm langweilten, und so verließ ich sie wieder nach meinem Antrittsposting. (Natürlich gab es einige kostbare Ausnahmen.)

Test, test, one, two, one, two

[Natürlich gibt’s hier den obligatorischen Einschub.
Ich weiß nicht, ob ich hochbegabt bin, ich habe nie einen offiziellen, seriösen Test gemacht. Ich hatte immer nur Anhaltspunkte, ich habe Internettests gemacht, die natürlich nicht gelten, ich habe den Test auf der Mensa-Website gemacht und alle haben die Anhaltspunkte bestätigt. Mehr musste ich nicht wissen.]

Ich glaube, dass nur sehr wenige Menschen ohne Schubs von außen darauf kommen, dass sie hochbegabt sein könnten, und sich testen lassen.
Ich glaube, dass von den Menschen, die es wissen oder ahnen, nur sehr wenige offen darüber sprechen, weil das Wort Hochbegabung immer den Ruch von „Ich bin toller als Du“ hat und niemand setzt sich gerne freiwillig dem Verdacht der Arroganz aus.

Aber nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen hat Hochbegabung mit „toll“ am allerwenigstens zu tun. Hochbegabung kommt oft, vor allem, wenn sie nicht früh entdeckt, gefördert und in die richtigen Bahnen gelenkt wird, mit einer ganzen Reihe von schweren bis schwersten Problemen einher. Hochbegabung bringt außerdem oft unangenehme Freunde mit, wie z.B. ADHS, Hypersensibilität, bipolare Störungen und einen fatalen Hang zu Selbstmorden. Ich habe Hochbegabung heimlich für mich immer eher als Form von Behinderung oder vielleicht als amputiertes Bein gesehen. Menschen, die das haben, haben „special needs“, und müssen den Umgang mit dieser Behinderung nicht selten erst lernen. Die meisten Hochbegabten, die ich kenne, haben oder hatten massive Probleme im Leben; mit sich, mit den Menschen, mit den Berufen, mit fucking allem.

Das Leben ist kein WunschkonBATSCH!

Das, was ich mir wünsche, ist, dass das Thema öfter und offener behandelt wird. Mit Sensibilität und Vorsicht, mit Respekt und vor allem Verständnis für die Andersartigkeit der betroffenen [sic!] Personen. Ich wünsche mir, dass das Thema so gegenwärtig wird, dass alle Psychologen überall auf der Welt als allererstes die Möglichkeit einer bestehenden Hochbegabung überprüfen, wenn ein Patient mit Lebensschwierigkeiten zu ihnen kommt. Ich wünsche mir, dass man über Intelligenz reden darf, ohne dass es immer sofort darum geht, wie man beruflich so erfolgreich wird, dass man sich siebeneinhalb Yachten leisten kann („Potential ausnutzen, Baby!“). Ich wünsche mir, dass man sagen darf „Ich bin hochbegabt“, ohne Angst zu haben, gehänselt zu werden, ausgeschlossen, abgelehnt (weil wegen „Ich bin toller als Du“). Ich will, dass man es sagen darf wie man sagen darf „Ich bin aus Deutschland“ oder „Ich mag Rotkohl mit Klößen“. Ich wünsche mir, dass niemand sich unter dem Gefühl, ein Außerirdischer zu sein, durch sein Leben quälen muss, ohne zu wissen, warum. Ohne zu wissen, dass es wahr ist. Dass er ein Außerirdischer IST und dass es, verdammt nochmal, okay ist, ein Außerirdischer zu sein. Und dass die Alien Nation viel größer ist als er das vielleicht glaubt.

Und das, was ich eigentlich am allermeisten in meinem Inneren tun möchte, ist, den Isolierten, den Aussätzigen, den Verschrobenen, den Sonderlingen, denen, die sich ihr Leben lang nicht den Menschen zugehörig gefühlt haben, zu sagen: Wir sind hier.
Denn dass ich mir keine siebeneinhalb Yachten leisten konnte, war mir vollkommen egal.
Aber das Gefühl, allein auf einer winzigkleinen Insel in einem riesiggroßen Ozean zu stehen, das hat wirklich wehgetan.