Der Unglückskomplex

Zwischenzeitlich ist wohl bekannt, dass ich mich nicht mit Menschen aus dem Internet treffe. Die Gründe sind so vielfältig wie putzig.

Eine kurze Zusammenschau:
1. Ich fühle mich isoliert unter den Menschen. Mich mit jemandem zu treffen, hat in 99 von 100 Fällen das tiefe Gefühl von Einsamkeit und Unverstandenheit zur Folge.
2. Ich fühle mich überfordert im Draußen. Menschen wollen sich meistens im Draußen treffen. In Cafés oder Kneipen oder Bars. Da, wo Lärm und andere Menschen sind. Und da draußen foltert mich ein nicht enden wollender Reizstrom. Tausendmilliarden Dinge lenken mich im Draußen von dem ab, was wichtig ist: mein Gegenüber und was es zu sagen hat.
3. Ich kann meine Gefühle nicht dosieren. Ich bin an oder aus. Ohne, dass ich es will, entscheidet sich mein Herz sofort zwischen innigster Verbundenheit oder glattester Gleichgültigkeit. Der erste Fall tritt ungefähr einmal alle 750 Schaltjahre ein, der zweite Fall hat zur Folge, dass ich augenblicklich gerne woanders wäre. Eine Art unverbindliches Sympathischfinden, Bekanntschaften, kann ich nicht bei realen Menschen. Das geht nur virtuell. Mit dem Internet als Puffer ist es mir möglich, eine breitere Palette an Gefühlen für Menschen zu empfinden, aber leibhaftig fällt da ein Urteil, auf das ich keinen Einfluss habe.
4. Ich kann keinen Smalltalk. In keiner anderen Situation fühle ich mich so unzulänglich wie in Smalltalk-Situationen. Ich stehe da und habe nicht den blassesten Schimmer, was man da sagt oder fragt. Und ich mag es nicht, wenn ich mich unzulänglich fühle. Ich kann aus dem Stand vor jedem meine innersten Gefühlsdramen ausbreiten oder ihn über seine befragen, aber ich KANN KEINEN SMALLTALK.
5. Sozial zu sein, laugt mich unfassbar aus. Nach ein paar Stunden Gesellschaft von Menschen, mit denen ich nicht (seelen-)verwandt bin, bin ich reif für zwei Wochen Urlaub. Weil ich mich verstellen muss. Ich muss lächeln, wenn ich mich langweile. Ich muss schweigen, wenn ich „Alles Bullshit!“ brüllen und den Tisch mit einer Axt zerlegen möchte. Ich muss lügen, um vorzeitig gehen zu können, ohne dass der andere sich wie ein gedemütigter Mäuseköttel fühlt.
Und bevor da jetzt alle vermeintlichen Freigeister protestieren: Jeder würde das tun, wenn er nicht ein totaler Vollarsch oder Jonathan Meese ist. Weil es dazugehört, wenn man sein Gegenüber nicht fahrlässig verletzen will.
Dieses Verstellen jedenfalls ist wahnsinnig anstrengend für mich. Fühlt sich an wie ein zu enges Korsett, wie ein anhaltender Zwang von außen.

Und als wäre das alles nicht schon hysterisch genug, kommt noch etwas hinzu, das ich meinen Unglückskomplex nenne.

Ich ertrage es nämlich nicht, wenn Menschen unglücklich sind. Oder anders: ich ertrage es nicht, von Menschen umgeben zu sein, die unglücklich sind.
Menschen, die sich selbst nicht gefunden haben. Menschen, die ihre Bedürfnisse verdrängen oder ihre Ansprüche. Oder beides. Die verloren sind in ihrem Leben und in der Welt. Die nicht mit ihren Gefühlen in Verbindung stehen. Die sich arrangiert haben. Mit ihren Jobs, ihren Leben, mit Beziehungen, in denen beide Partner deplatziert sind. Die Leben als Verzicht wahrnehmen, als einzigen Kompromiss. Die Mauern um sich tragen und um ihre Seelen. Die sich selbst unterdrücken.
Möchte ich von ihren Sorgen unbehelligt bleiben? Sollen sie mich in Ruhe lassen, damit ich mir friedlich die Eier schaukeln kann?
Nein. Im Gegenteil. Eigentlich möchte ich, dass die Menschen glücklich sind. Und das Problem ist, dass es mir völlig unmöglich ist, eine angemessene Distanz zu wahren, wenn ich merke, dass sie es nicht sind. Bevor ich weiß, was geschieht, fange ich an zu analysieren, zu therapieren, Lösungen zu ersinnen. Ich mache ihr Glück zu meiner Sache.

Der springende Punkt – des Pudels Kern, wenn Sie so wollen – ist, dass ich bei 99% der Menschen Selbstunterdrückung spüre.
Und wenn ich merke, dass mein Gegenüber gar nicht gerettet werden und aus der selbstgewählten Unterdrückung herauskommen will, dann gibt es für mich exakt zwei Optionen:

  • mich bis zur völligen Erschöpfung und gegen seinen Widerstand an seinem Unglück abarbeiten oder
  • mich emotional sofort völlig abschotten.

Ich lebe mit dem ständigen Gefühl, dass die Menschen gerettet werden müssen. Und mehr noch: dass ich das tun kann, tun soll, tun muss, tun will. Dass ich dafür zuständig bin. Sie zu retten.
Von Menschen umgeben zu sein, die unglücklich sind, aber nichts an ihrem Leben ändern wollen, ist für mich so, als sei ich ein Sandsack, in den jemand ein Klappmesser gerammt hat. Ich spüre förmlich, wie in ihrer Gegenwart meine Energie aus mir herausrinnt. Und mit jedem Wiedersehen habe ich weniger Kraft. Denn wenn mir jemand, den ich gern habe, von seinem unglücklichen Job, seiner unglücklichen Beziehung, seinem unglücklichen Alles erzählt, dann leide ich mehr unter seinem Unglück als er selbst. Ich bin nämlich nicht eher glücklich, als bis das Problem gelöst ist. Er hingegen hat sich vielleicht mit dem Unglück arrangiert.
Ob das nun ein Atlas-Syndrom ist oder ein Jesus-Komplex, ist mir egal. Ich war schon immer so. Habe mich immer verantwortlich für die Menschen gefühlt. Sie sind so hilflos, ich muss ihnen sofort den Weg zeigen, damit sie stärker und mutiger und glücklicher werden.
Ich hätte Life-Coach werden und auf Twitter 20.000 Menschen folgen sollen.

Also. „Lade Dein Unglück auf mir ab und ich helfe Dir gerne, aber ich tue es mit harter Hand und ohne Kompromisse. Wenn Du das nicht mitmachen willst, bleib mir vom Leib.“ Oder. „Ich würde mich freuen, wenn Du mir nahe kommst, aber Du musst meine Hitze aushalten.“
Weil ich sonst kaputt gehe.

Ja, ich weiß, wie bescheuert das ist. Das kann man niemandem zumuten.

Und deshalb lieber nicht. Lieber die anderen nicht in die Realität holen.
Weil ich ihre Selbstunterdrückung spüren würde, obwohl sie ihnen selbst nicht bewusst ist.
Weil ich sie retten wollen würde, bevor sie „Mama“ sagen können.
Weil ich daran zerbrechen würde, wenn sie ihre Wünsche und Bedürfnisse weiter verleugnen wollen.
Weil ich darüber befinden würde, ob in ihrem Leben etwas geändert werden muss.

Und das möchte ich Menschen nicht antun. Besonders nicht Menschen, die ich auf diese internettige Weise gern habe. Die ich schätze und respektiere. Deren Meinungen ich klug finde und gerne lese. Ohne die mir etwas fehlen würde in dieser Welt.
Der Respekt vor ihnen verbietet es mir, mich mit ihnen zu treffen, und das muss man irgendwie auch erstmal verstehen.

(Eingebettetes atmosphärisches Musikvideo aus Datenschutzgründen entfernt. Link zum Video auf Youtube.)

31 Kommentare

  1. Nachdem ich das gelesen, möchte ich mich gerne mal mit dir im Draußen treffen. Das muss man auch erstmal verstehen.

  2. Hochachtung — auch wenn ich jetzt traurige Gewissheit habe, dass wir uns nicht werden kennenlernen dürfen. Sie würden mich wohl auf all die Dinge zurückwerfen, die Sie beschrieben haben und wenn auch nur ein Fünkchen der „Digital Sympathy“ überspringen würde, die ich so spüre, näme ich Sie todernst und würde mein Leben als jemand anders ganz woanders nochmal anders neu anfangen. Wahrscheinlich war ich selten dankbarer, dass es das Internet gibt wie heute.

  3. Das komplette menschliche Leben ist eine einziges Potpourri von gesellschaftlichen Konventionen, die man anwenden kann, aber nicht muss…nix neues. Small Talk ist auch so ein Baustein, den man erlernen kann (ich hab es ausprobiert) aber nicht muss…usw.

  4. Dass dieser Respekt auch zu Selbstschutz führt ist kein Nachteil. Ich bin kein Therapeut und ich will mir hier auch nichts rausnehmen, aber ich habe am Rande meiner eigenen Lebensgeschichte einmal mit dem Begriff Co-Abhängigkeit zu tun gehabt. Das könnte einfach einmal ein nachlesenswerter, „gugelwürdiger“ Begriff sein. Ganz grundsätzlich mag ich diese grandiose Offenheit und die Wahl der Worte.

  5. Herrlich… Meine Freundin, das einzige weibliche menschliche Wesen, dass ich Freundin, ja Seelenfreundin nennen und fühle, ist und denkt genauso wie Sie, Frau Meike. Und ich dachte immer, sie ist einzigartig. Aber wahrscheinlich habe ich nur das Glück, mehr eurer seltenen, so wunderbar offen-ehrlichen Spezies kennen lernen zu dürfen… die eine mehr, die andere weniger. Danke für´s Teilhaben lassen.

  6. Selten lese ich lange Texte; es nervt, wie der Teddy in der Muppet Show vor dem Monitor zu sitzen. Frau mielke, Ihren Artikel habe ich komplett gelesen. Zwar bin ich ein ganz anderer Menschentyp, kann aber einzelne Abschnitte 100 pro unterschreiben.
    lg magdalena

    • Vielen Dank. Auch wenn mein Name nach all dem immer noch Meike und nicht Mielke ist. Wär‘ ja noch schöner.

  7. HSP? Interessanter Artikel. Ausgesprochen zutreffend. „Vom Web ins echte Leben ist nicht oft kompatibel.

  8. Tatsächlich glaubte ich eben, man habe über mich und mein Sein, mein Fühlen geschrieben. Aber einen Moment weiter erfreute ich mich daran, dass doch tatsächlich noch ein Mensch auf diesem Planeten fühlt wie ich. Verrückt. Ein wenig.
    Partys sind schlimm, diese alberne Oberflächlichkeit. Eine meiner Bekannten würde immer gern mit mir shoppen fahren um sich dann mal nett zu unterhalten *kopfkratz* Für mich passt das nicht zusammen. Danke für den Artikel.

  9. Mich würde mal DEIN Text über die Kommentare interessieren… Alle… verzweifelt intellektuell, um ein Fünkchen Aufmersamkeit von dir zu erhaschen, wie dieser hier…

  10. … wie man in einem so kurzem Satz soviel ausdrücken kann ;-)…

    Mach weiter so, schön, dich gefunden zu haben… bzw. deine Texte… Gedanken…

  11. Diesen „Unglückskomplex“ habe ich auch.
    Ich empfehle einmal unter „hochsensibel und hochbegabt“ zu googeln.

    Dort wimmelt es von Unglückskomplexen mit genau diesen „sonderbaren“ Merkmalen.

    Liebe Grüsse
    Yvonne

  12. Ich wusste gar nicht :-), dass dieses „Weltrettergen“ auch andere haben:
    „Ich lebe mit dem ständigen Gefühl, dass die Menschen gerettet werden müssen. Und mehr noch: dass ich das tun kann, tun soll, tun muss, tun will. Dass ich dafür zuständig bin. Sie zu retten.“ – Viele leben offenbar sehr gut und wollen nicht gerettet werden.

  13. Gruselig
    …einfach hart die Vorstellung das es da draussen noch andere gibt, die so fühlen und denken wie ich…
    Gruselig
    …auch die Vorstellung dass wir uns treffen würden und uns gegenseitig retten,heilen wollten und den Spiegel vorhalten würden
    Gruselig
    …wenn mit mir jemand das gleiche machen würde wie ich mit Ihm
    Gruselig
    …jmd zu treffen wie Dich der mir gefühlsmäßig „ebenbürtig“ wäre (bisher noch nie passiert)
    Schön
    …die Vorstellung zusammen mit der Axt in den Tisch zu hauen!
    Liebe Grüße und hoffentlich treffen wir uns nie….lol

  14. Liebe Meike,
    Ostermontag um 21.45 Uhr läuft auf eins plus der französische Film „Zusammen ist man weniger allein“.
    Dieses Gefühl, aus oder an zu sein, erfahre ich im Zusammenhang mit meinen Überzeugungen und meiner Art, die Dinge leidenschaftlich (richtig oder gar nicht) anzugehen (angehen zu wollen). Dabei packt mich häufig eine brodelnde Hitze, die ich dauerhaft als äußerst riskant im gesundheitlichen Sinn einschätze: Allerdings wäre eine Alternative, also ein Leben ohne „brennende“ Leidenschaft in jedem Sinne, für mich nicht lebenswert.

  15. Liebe Frau Meike, mit Menschen die ich noch so gar nicht kenne treffe ich mich am liebsten im Museum. Wenn man sich mag kann man immer noch ins Musems-Café gehen, ansonsten geht man auseinander – Platz ist dort genug dafür ohne dem jeweils anderen auf den Schlips zu treten. Schöne Texte schreiben Sie, danke.

  16. Interessant wie viele Ratschläge man jederzeit erhält, wenn man dabei ist einfach nur etwas mitzuteilen, zu beschreiben, in Worte zu fassen.
    Wie gut es uns tun würde, einfach mal innerlich frei und ‚leer‘ (im Sinne einer Neutralität und nicht einer zu füllenden Lücke) zuzuhören und das Gesagte stehenzulassen.
    Das habe ich hiermit auch nicht getan, ganz richtig.
    Weil ich den Text wie einen Schwamm aufgesogen habe, da ich das Gefühl hatte, jemand hätte die Worte gefunden etwas zu beschreiben, wofür mir diese bislang fehlte. Und ich mich so dankbar dafür fühle.
    Und Dankbarkeit macht mich immer etwas unzurechnungsfähig.
    So dass ich hier heute einen Kommentar hinterlasse, obwohl ich das gewöhnlich nie tue.

  17. der Beitrag ist 4 Jahre her…gibt´s dich noch Meike? Also hier …im Netz….?

    Treffende Worte und Gedanken.

    Doch ich hasse mittlerweile nicht mehr nur die Menschen sondern insbesondere das Internet in Form von Blogs, whatsapp, Facebook, instagram und co

    Benetzt mit einer zerstörerischen Unverbindlichkeit, ohne Werte, Normen, Respekt, Wärme, Liebe und Menschlichkeit.

    Der Mensch ist ein soziales Wesen, das soziale Kontakte im realen Leben braucht.

    Doch wie? Wenn man kaum bis fast nie jemanden trifft der mit meiner Mensch retten wollenden Einstellung nichts gemein hat?

    Ich habe es abgelegt jeden retten zu wollen, denn das ist ein Fass ohne Boden.
    Doch der Boden ist lebenswichtig um Energie tanken zu können.

    Die Vampire ( besser als Energie Fresser bekannt) erkenne ich auf 2000000000000000 Meilen Entfernung, spätestens jedoch nach dem zweiten gesprochenem Satz.
    Ganz schnell nen Bogen drum.

    Ich umgebe mich nur noch mit Menschen die mir „ebenbürtig“ sind, manchmal verteibt es sogar die Einsamkeit.

  18. Liebe Frau Meike!
    … bin „zufällig“ auf Sie getroffen… Im echten Leben wär´dies (wahrscheinlich) nicht passiert… – Sie hätten MICH treffender nicht skizzieren können! – Wie gut, dass es via WWW die Möglichkeit gibt, Gleichgesinnten zu begegnen. Mit ganz herzlich Grüßen von einer „Seelenverwandten“.

  19. Hallo,
    ich kenne einige Dinge, die du schilderst. Du beschreibst sehr plastisch diese soziale Inkompetenz mit Menschen, vor allem in einer mittleren Distanz respektive Nähe, wie ich das nenne, die einen zu „Small Talk“ zwingen zu scheint. Solche Situationen sind für mich harte Arbeit und ich bewundere Menschen, für die solches Spaß und Vergnügen zu sein scheint oder zumindest keine größere Anstrengung.
    Ich muss mich dann wie du verstellen, was ich für eine begrenzte Zeit ganz gut kann. Dauert eine Situation aber zu lange, muss ich regelrecht flüchten und bin dann wirklich sehr abrupt und für andere nicht nachvollziehbar weg. Das kann manchmal schwarzhumorig betrachtet auch ganz witzig sein mit genügend Abstand zu dem damals empfundenen Leid. :-)))
    Das Analysieren, Sprechen, Helfen, tiefgründig Erforschen empfinde ich nicht als Last, im Gegenteil. Das ist meine Resilienz, das hat mich gerettet, denn ich bin ein traumatisierter Mensch.
    Wenn ich andere kennenlerne, die mir ein Stück weit seelenverwandt sind, denen ich mich öffnen kann, helfe und „analysiere“ ich gerne, wenn gewünscht. Oft ist das ein Geben und Nehmen mit den passenden Gegenübern. (Aber natürlich am liebsten nur eine Person auf einmal. ;-))
    Ich bin damit sehr vorsichtig geworden und gar nicht mehr hart.
    Früher, vor einer langjährigen Therapie, war ich sehr selbstgerecht und absolut und auch hart zu anderen. Auf diese Art kam ich aber oft nicht wirklich in Kontakt. Ich finde es mittlerweile schon wichtig, anderen nicht einfach alles vor den Latz zu knallen, was man ja aus der Distanz immer besser sehen kann als die betreffende Person.
    Du hast ja für dich einen ganz guten Weg gefunden, zurecht zu kommen und zufrieden zu sein und in Kontakt zu kommen über das Internet.
    Ich lese dich ganz gerne seit ein paar Tagen, bin selbst sehr wenig im Internet unterwegs, aber ein guter Kumpel von mir twittert und deshalb lese ich da ein bisschen herum.
    Ich wünsche dir alles Gute und werde weiterhin bei dir vorbei schauen.

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