Trump verstehen: was mir geholfen hat

Trump verstehen: was mir geholfen hat

Die Wahl von Donald Trump hat viele Menschen in meiner Filterbubble schwer erschüttert, mich auch. Mehrere Tage schwankte ich zwischen Fassungslosigkeit und Angst, zwischen Sofort-alles-anzünden und Jetzt-nur-keine-Panik, dann gab ich mich einem hemmungslosen Heulkrampf hin. Die Texte, die mir geholfen haben, das Ganze immerhin so weit zu verstehen, dass ich heute nicht mehr sabbernd in meiner eigenen Tränenpfütze liege, habe ich in den letzten zwei Wochen zwar zum Teil recht atemlos auf Twitter weitergereich, aber zum einen ist dabei sicher auch viel untergegangen und zum anderen ist es zumindest für mich immer etwas unbefriedigend, komplexe Texte mit einer 140-Zeichen-Begrenzung anmoderieren zu müssen. Deshalb mache ich das hier nochmal ausführlicher (alle Links zu externen Seiten öffenen sich in einem neuen Tab).

  • Am meisten an den Schultern gepackt und geschüttelt hat mich der Text von dem Blogger Sven Scholz: “Perspektiven”, weil er mich aus dem emotionalen Katzenjammer heraus und zu der Frage “Was bedeutet das eigentlich für uns?” gebracht hat. Sven leitet außerdem sehr eindrücklich am Beispiel seiner eigenen Großeltern in Nazideutschland die Gründe dafür her, dass Menschen das Vertrauen in etablierte Parteien, überhaupt den Glauben in bestehende Systeme verlieren und sich rechten Parteien anschließen. Unbedingt lesenswert.
  • Den Vergleich der amerikanischen Wahl mit Nazideutschland zieht auch Hugo Schwyzer in der Times of Israel. Er beschreibt, wie viele Menschen damals die Nationalsozialisten unterschätzt haben, und dass es nur dem alarmistischen Gespür seiner Großmutter zu verdanken war, dass die Familie frühzeitig nach England floh und die Nazis so überlebte. Große Teile der Familie, die die Gefahr unterschätzten, starben wenige Jahre später in den Konzentrationslagern der Deutschen: “Alarmism saved my family from Hitler: Why I won’t tell anyone to calm down about Trump” (englisch).
  • Lenz Jacobsen hat für Zeit Online das Phänomen Trump in 18 Puzzleteile zerlegt, um die unterschiedlichen Aspekte von Trumps Wählerschaft abzudecken, die mitnichten nur aus abgehängter, ungebildeter, weißer Unterschicht besteht. Abstiegsängste Bessergestellter spielen dabei ebenso eine Rolle wie kulturelle Klüfte zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie Überforderung durch die Informationsflut aus dem Internet.
  • Den Aspekt Stadt vs. Land hat zuvor David Wong im Portal Cracked veröffentlicht: “How Half Of America Lost Its F**king Mind” (englisch). Der Autor, selbst im amerikanischen Hinterland aufgewachsen, zeigt das fortschreitende Abwandern demokratischer Positionen aus den ländlichen Bereichen. Diese Kluft markiert vor allem einen Kulturkampf, in dem die ländlichen Bereiche wegen fehlender Infrastruktur, maroder Industrie und abwandernder Jugend weitgehend in der Perspektivlosigkeit versinken. Trost spenden Drogen und Alkohol, die Kirche, sowie die emotionale Abschottung gegen das Äußere, das Fremde.
  • Etwas ausführlicher und detaillierter ist die Analyse von Joan C. Williams für das Wirtschaftsmagazin Harvard Business Review “What So Many People Don’t Get About the U.S. Working Class” (englisch), in der sie darauf hinweist, dass viele Arbeiter zwar Jobs hätten, sich aber von steilen Wirtschaftshierarchien und unsicheren Arbeitsplätzen in ihrer Würde gekränkt sehen. Sie schreibt:

    Die weiße Arbeiterklasse wünscht sich keine bezahlten Krankheitstage oder einen Mindestlohn, sondern einen festen Job, um den man nicht ständig Angst haben muss und der den 75% Amerikanern ohne Hochschulabschluss ein stabiles Mittelklasseleben ermöglicht.

    Da Würde für viele Menschen immer noch an der Größe des Gehalts festgemacht wird, wählen diese Menschen eben denjenigen, der ihnen genau das verspricht – und zwar in einfacher, verständlicher, nicht durch Diplomatie und Intellektualität völlig verschwurbelter Sprache.

  • Der Journalist Don Dahlmann hat auf seinem Blog in dem Artikel “Get out of your fucking Filterbubble” sehr prägnant aufgezeigt, wie wir freiheitlichen Diversitätsfreunde (Oh, the irony!) uns über die letzten Jahre immer stärker in unseren Medienblasen abgeschottet haben, indem wir alle wegblockten, beschimpften und verspotteten, deren Meinungen nicht zu 100% mit unserer eigenen übereinstimmte. Mit dieser Arroganz haben wir Klüfte vergrößert und zu der Spaltung der Gesellschaft beigetragen, deren Quittung wir nun in den ersten westlichen Ländern bekommen. Nach und nach vergaßen wir so, dass es diese Meinungen überhaupt gibt, und sind deshalb jetzt geschockt, dass populistische Parteien derzeit so viele Erfolge feiern.
  • Die linksliberale Arroganz hat auch Kiki Thaerigen in dem emotionalen Blogpost “Meine zwo Cent” adressiert, in dem sie sehr deutliche Worte findet über die Verachtung und Ausgrenzung des “gemeinen Fußvolkes”. Der Artikel ist sicher nicht objektiv, hier und da sicher auch überspitzt, fasst aber meines Erachtens den Kern linker Abgehobenheit sehr gut zusammen. In den Kommentaren unter dem Artikel diskutiere ich ein wenig mit, u.a. weil er sich weitgehend mit meinem eigenen Empfinden deckt, das ich wenige Tage vor der Wahl in dem Artikel “Hass” zum Ausdruck gebracht hatte.
  • In die Selbstbezichtigung und Ratlosigkeit hinein erschien dann in der VICE dieses famose Interview mit dem ehemaligen Piraten- und heutigen SPD-Politiker Christopher Lauer: “Wenn Trump das schafft, dann kann es jeder schaffen”. Er zeigt auf, wie die freiheitliche Gesellschaft und aber auch die großen Volksparteien ähnliche Entwicklungen in Deutschland aufhalten können, und betont die Wichtigkeit, Dialoge nicht abreißen zu lassen, sondern Ängste zu adressieren statt sie abzutun.
  • Und schließlich stolperte ich am Wochenende noch über diesen Twitter-Thread des Journalisten John Paul Brammer. Es ist ein wenig mühsam, die gesamte Tweet-Abfolge nachzuvollziehen, lohnt sich aber meines Erachtens. Brammer, selbst mexikanisch-stämmiger Amerikaner, beschreibt, warum weiße Geringverdiener sich selbst nicht als unterdrückte Verlierer sehen und sich deshalb nicht mit anderen Unterdrückten solidarisieren. Scham über die eigene Armut spielt dabei eine große Rolle, aber auch die zwar unbegründete, aber dennoch unerschütterliche Überzeugung, dass der Kapitalismus zwangsläufig zu Reichtum und Macht führt, wenn man nur hart genug arbeitet. Der Schriftsteller John Steinbeck hat diesen Widerspruch in einem Artikel von 1960 so formuliert: “Sie sehen sich nicht als ausgebeutete Unterschicht, sondern als vorübergehend in die Klemme geratene Kapitalisten” (“… we didn’t have any self-admitted proletarians. Everyone was a temporarily embarrassed capitalist.” – Das Zitat wird gelegentlich zu “vorübergehend in die Klemme geratene Millionäre” zugespitzt). Wo jeder sich als verhinderter Millionär sieht, kann es keine Solidarität mit unterprivilegierten Minderheiten geben.

Ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl, aber die Fülle an differenzierten und weitsichtigen Analysen lässt mich hoffen, dass es noch nicht zu spät ist – zumindest nicht für unsere Gesellschaft.
Ich bin immer noch der Meinung, dass Menschenfeinde als solche benannt werden und dass nicht nur gewalttätige Übergriffe von rechts, sondern schon die Androhung solcher streng bestraft werden müssen. Aber ich sehe auch, dass es heute wichtiger ist denn je, immer wieder ohne Unterlass nach den Ursachen für diese Feindschaft zu suchen, denn die bringt keineswegs der Klapperstorch, sondern sie ist oft die Folge ganz anderer persönlicher Probleme. Diese Feindseligkeit auslösenden Probleme müssen wir finden und versuchen, diejenigen zurückzugewinnen, die den Weg in den Hass noch nicht bis zum Ende mitgegangen sind. Und dabei ist ein handreichendes “Ich kann Deine Sorgen nachvollziehen” womöglich hilfreicher als ein “Du bist ein saudummes Arschloch, weil für Dich andere Probleme wichtiger sind als die Diskriminierung von Minderheiten”.

Die Grenze zwischen indiskutabler Menschenfeindseligkeit und legitimer Meinung ist schwierig zu benennen und ich habe keine allgemeingültige Definition, aber für den Anfang finde ich schon einmal ganz hilfreich, ob mein Gegenüber anderen Menschen bewusst Schaden wünscht (z.B. das Ertrinken im Mittelmeer, das Bleiben in Kriegsgebieten oder das Verbrennen in Notunterkünften) oder ob es das nicht tut.

24 Kommentare

  1. Liebe Meike,
    Was mich etwas ratlos macht, dann dein Statement: “… lässt mich hoffen, dass es noch nicht zu spät ist – zumindest nicht für unsere Gesellschaft.”
    Das finde ich verwirrend, weil du ja kaum eine Gelegenheit ausläßt, dich über den “Kapitalismus” zu beschweren. Und plötzlich – es hat sich ja an den Produktionsverhältnissen seit deinem letzten Statement dieser Art nicht geändert – findest du diese Gesellschaft, die ihrem Wesen nach kapitalistisch ist, so überaus bewahrenswert?

    Wie kommt das?

    Oder beruht mein Disconnect hier darauf, dass du und ich unter “Kapitalismus” etwas ganz anderes verstehen? Kann ja auch sein.

    Ich würde das gern mal herausfinden wollen.

    • Oh nein, da habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Die Hoffnung bezieht sich nicht darauf, dass alles so bleibt wie es war. Ich glaube, dass der Erfolg von Donald Trump gerade auf die besitzgeile Zivilisation (aka “Das System”) zurückgeht, weil der Trieb, Ressourcen anzuhäufen und zu halten, der ohnehin schon ein sehr eigennütziger ist, Menschen begünstigt, die sich nicht von Moral und Mitgefühl, von ethischen Werten, zurückhalten lassen. Ich will auf jeden Fall, dass sich etwas ändert, weil ich glaube (jetzt mal kurz durchatmen), dass der Kapitalismus zu einer globalen Instabilität führen wird, wie der post-industrialisierte Mensch sie noch nie gesehen hat. Nicht nächstes Jahr oder in zehn oder zwanzig, aber irgendwann in der näheren Zukunft. Das Besitzstreben, das endlose Wirtschaftswachstum um jeden Preis hat den Planeten zerstört und so viele Menschen gnadenlos aussortiert, dass es für die zum Teil um nicht weniger als das nackte Überleben geht.

      Wenn ich sage “Ich habe Hoffnung” meine ich auf gar keinen Fall, dass alles so bleiben soll wie bisher. Aber ich halte den Wunsch nach Veränderung um jeden Preis, der jetzt auch viele ehemals Linke der AfD zutreibt, für gefährlich, weil diese Partei eben nicht für eine gerechte und freie Welt kämpft, sondern für das weiße Vorrecht, für sich selbst das meiste zu beanspruchen. Es wäre mir wirklich ausgesprochen lieb, wenn die Revolution nicht von dieser Denke aus beginnt. Darauf bezieht sich meine Hoffnung.

      • Tut mir leid, aber ich meine das Besitzstreben liegt in der menschlichen Natur. Schon kleine Kinder horten ihre Spielzeuge und sagen zur rechten Zeit: Das gehört mir!
        Da muss schon Mama eingreifen und erklären, dass das Teilen eine kulturelle Errungenschaft ist, die es zu erlernen gilt.
        Der Kapitalismus ist mE das einzige System das von sich aus nach Fortschritt drängt. Jetzt darf man den Fortschritt selbstverständlich in Frage stellen und auf den Raub in der Natur und die Klimaerwärmung und die Menschen, die auf der Strecke bleiben hinweisen, das ändert aber nichts daran, dass keine sozialistische oder kommunistische Regierung weltweit es jemals geschafft hätte, Wohlstand für alle ohne Fortschritt zu garantieren. Im besten Fall ging und geht es allen Bürgern gleich schlecht.

  2. Danke für diese Sammlung lesenswerter (hab aber nicht alle gelesen) Links!

    Wie schon neulich bei Ihrem Artikel über den ‘Hass’ gepostet, bin ich auch der Meinung, dass gegenseitiges Zuhören und Verstehen (bzw. zumindest der Versuch davon) ein Anfang wäre.

    Nun ja – ich sehe mich selbst als Rechten an. Gibt es etwas, dass jemand mich fragen bzw. mir sagen möchte?

  3. @Peter P.

    Wünschst du anderen Menschen bewusst Schaden?

    Stimmst du mit der (impliziten) Grundannahme von Frau Meike überein, dass es unter “Rechten” mehr Leute gibt, die anderen Leuten Schaden wünschen, als unter “Linken”?

    Wenn Nein, warum nicht?

  4. @atleen:
    Dass ich anderen Menschen bewusst Schaden wünsche, kann ich für mich persönlich klar mit ‘Nein!’ beantworten. Das gilt für mich auch ‘die’ Moslems, die mich (aus verschiedenen Gründen) als Gruppe schon ziemlich stören. Ausnahme: persönlichen Rachephantasien gegenüber Leuten, die mich mies behandelt haben, aber ich denke/hoffe, das hat jeder mal.

    Die Frage nach den Rechten insgesamt ist schwieriger zu beantworten. Ja, es gibt in Teilen der Rechten ein Gewaltpotential, leider. Die NSU, die Leute, die vor einem Bus stehen und die Flüchtlinge darin terrorisieren … das ist nicht zurechtfertigen.

    Ich glaube aber, dass die Rechte insgesamt nicht so gewalttätig ist, wie sie wahrgenommen wird bzw. sich selbst geriert. Vieles, was an krassen Kommentaren so herausgehauen wird, ist auch Wut und Frust und Lust an der Provokation. Und es gibt auch unter Linken Gruppen, die auf Gewalt aus sind. Beispiel: stöbere doch mal auf linksunten.indymedia. Dort werden Rechte geoutet (und damit meine ich nicht nur Neonazis, sondern auch AfD-Anhänger), mit Adresse, Arbeitgeber etc., und es wird gefeiert, wenn diese Job oder Wohnung verlieren, oder ihnen das Auto abgefackelt wird. Finde ich widerlich, stört aber keinen.

    Unter dem Strich würde ich trotzdem sagen, dass auf der rechten Seite heutzutage mehr Schadens-Wünsch-Potential herrscht als auf der linken. Aber nicht so viel, wie behauptet wird. Gut finde ich das trotzdem nicht.

  5. Zitat: Und dabei ist ein handreichendes „Ich kann Deine Sorgen nachvollziehen“ womöglich hilfreicher als ein „Du bist ein saudummes Arschloch, weil für Dich andere Probleme wichtiger sind als die Diskriminierung von Minderheiten“. Zitat Ende.
    Welch erfrischende Erkenntnis!
    Gratuliere und jetzt bitte an die akademische Linke weiterreichen!
    Das Kümmern um die Minderheiten ist ja letztlich eine Tugend, aber wer darüber vergisst, dass sich eine “gefühlsmäßig” in die Enge getriebene Mehrheit irgendwann wieder Raum verschaffen möchte, hat mehr Schaden gesät, als Nutzen geerntet.
    Mir graut ehrlich gesagt vor unseren Wahlen 2017.
    Der tolerante Führungsstil von Frau Merkel wird einige ihrer Wähler zur AfD treiben. Kann man nur hoffen, dass sie sich damit ein paar Stimmen aus dem linken Lager holt.

  6. @atleen:
    Was mich an den Moslems, oder besser besser: dem Islam stört? Verschiedenes.

    Zunächst mal bin ich kein Freund von Religiosität bzw. Frömmigkeit. Ich halte den Siegeszug der Aufklärung, das Zurückweichen der Religion und die Trennung Kirche-Staat im Westen für eine der besten Sachen ever. Und ich bin überhaupt nicht begeistert von einer Religion wie dem Islam, die so – nun ja – religiös ist. Wo der Glaube so dermaßen im Mittelpunkt steht. Dass das nicht nur ein theoretisches Problem ist, sondern ein ganz praktisches, kann man in meisten Ländern beobachten, in denen der Islam die Mehrheit bildet.

    Ich finde auch, dass die Religiosität im Islam auf dem Vormarsch ist. In meiner Grundschule gab es damals schon einige türkische Mädels – keine davon trug ein Kopftuch. Heute ist das Kopftuch bei vielen, auch jungen, Muslima, sehr verbreitet. Wie soll ich das anders deuten als eine gesteigerte Religiosität?

    Und schließlich sollte man den Ursprung des Islam nicht ganz vergessen: der Religionsstifter Mohammed war keiner, der sich für die Sünder seiner Zeitgenossen hat ans Kreuz nageln lassen. Er war (unter anderem) ein Warlord, der schon mal Brunnen vergiftet hat, um die Leute umzubringen, die sich nicht zu ihm bekenne wollten. Der Islam hat viel an Kultur und Bildung hervorgebracht, aber er war immer auch eine kriegerische Religion, und ich finde es einfach naiv, das zu ignorieren und zu sagen: och, das sind doch alles nette Leute, was soll sein.

    Was das Pauschalisieren angeht: Ach ja…
    Jede Zuweisung einer Eigenschaft an eine Gruppe ist immer auch eine Pauschalisierung.

    Berliner Busfahrer sind pampig! Ist natürlich eine Pauschalisierung, und es gibt ganz viele Busfahrer, die neutral oder sogar nett sind. Trotzdem ist was dran, was wohl jeder bestätigen kann, der in Berlin Bus fährt. Ja, es gibt auch viele nette Berliner Busfahrer, humorlose Briten, freundliche Neonazis, ehrliche Kapitalisten, aufgeklärte Muslime…
    Trotzdem ist eine gewisse Aussage über eine Gruppe von Menschen zulässig und sinnvoll, finde ich. Gerade wenn man Probleme mal beim Namen nennen möchte.

    Kurze Frage, lange Antwort – hoffe ich bin nicht zu geschwätzig :-)

    • Bis zu dem Vergleich Mohammed-Jesus finde ich Ihre Gedanken sehr nachvollziehbar. Da gehe ich aber nicht mehr mit, weil Sie m.E. die Gemeinsamkeit zwischen beiden Religionen außer Acht lassen: es sind beides monotheistische, abrahamitische Religionen. Ich werde, gerade auch dieser Tage, nicht müde, meine Ablehnung der monotheistischen Religionen kundzutun, weil ihr Entstehungszweck nicht darin bestand, Liebe unter die Menschen zu bringen, sondern sie zu kontrollieren – und darin unterscheidet sich das Christentum nicht vom Islam. Dass alle monothistische Religionen außerdem den gottgleichen Status des Mannes zementiert und die Frau und ihren Wert als Mensch ihm untergeordnet haben und so einen riesigen Anteil an dem Leid von 50% der Weltbevölkerung haben, ist nicht von der Hand zu weisen.

      Wie Sie bin ich der Meinung, dass der Islam bestimmte Reinigungs- und Reifungsprozesse noch nicht durchlaufen hat, die das Christentum von der Aufklärung auferlegt bekommen hat. Mit der Folge, dass der religiöse Einfluss größer und gesellschaftliche Regeln umfangreicher und/oder strenger sind als in christlichen Kulturen. Aber daraus lässt sich doch nicht ableiten, das DER Araber, DER Syrer oder DER Afrikaner grundsätzlich bösartiger oder dümmer ist. Bis ins Mittelalter war das Zweistromland führend bei nahezu allen zivilisatorischen Entwicklungen der letzten 10.000 Jahren. Schrift, Landwirtschaft, Medizin – die Wiege unserer Zivilisation liegt nicht in Norwegen, sondern im heutigen Syrien.
      Außerdem halte ich es für einen großen Irrtum zu glauben, der Westen haben seine christliche Kulturprägung dank der Aufklärung überwunden. Ich rede nicht nur vom amerikanischen Bibelgürtel, wo fundamentale Christen die menschenfeindlichsten Weltbilder aufrechterhalten, sondern auch von Deutschland. Unsere Kultur ist so sehr mit dem Christentum aufgewachsen, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie eng die Kirche mit unserem Alltag verwoben ist. Feiertage, Kirchengeläut, weiße Hochzeit, Beerdigung, Arbeitszeiten. Das hinterfragt doch keiner, weil Hochzeit in der Kirche nun einmal romantisch und eine Beerdigung, bei der jemand sagt “Nun empfehlen wir den/die Verstorbene in Gottes Hände”, normal ist. Die christliche Kirche mischt sich seit schon immer in alle Fragen partnerschaftlicher und vor allem weiblicher Sexualität, das bekommen Sie womöglich nicht so mit, weil Sie ein Mann sind. Unsere Gesellschaft ist so post-kirchlich wie ich der Pabst bin.

    • “Der Islam hat viel an Kultur und Bildung hervorgebracht …” Falls Sie damit die Blütezeit vor ca. 1000 Jahren meinen: sieht man sich die großen Wissenschaftler und Künstler der damaligen Zeit genauer an, stellt man fest, dass ein Großteil davon Perser (d.h., keine Araber) waren. Die These, dass das “goldene Zeitalter” nicht wegen, sondern trotz des Islams stattgefunden hat, wird damit ein Stück plausibler.

      Plausibel ist es auch deswegen, weil Persien nicht nur nach heutiger Zeitrechung, sondern schon zur Entstehungszeit des Islam eine jahrtausende alte Hochkultur war, die trotz Eroberung durch den Islam und der damit einhergehenden “Beeinträchtigung” der einheimischen Religion noch für weitere Jahrhunderte genug “Schwung” hatte. Aber irgendwann haben die damaligen “Eliten” schon verstanden, dass man nicht jeden “Dichter und Denker” machen lassen kann, was er will. Und das war dann der Anfang vom Ende.

      Ihr eingangs zitierter Satz ist deswegen ja nicht ganz falsch. Dass eine Religion – auch wenn sie tote “Dichter und Denker” im Keller hat – eigene, einzigartige und schöne Kulturleistungen hervorbringen kann, sehe ich ja am Christentum. Das will ich auch anderen gern zugestehen. Ich mosere lediglich deswegen herum, weil mir die allgegenwärtige Verherrlichung des Islam aufgrund kolportierter Vorstellungen nicht gefällt (wobei ich Ihnen diese Absicht jetzt wirklich nicht unterstelle!).

  7. Liebe Meike, danke für die Verlinkung und die Anregung, den Artikel überhaupt öffentlich zugänglich zu machen. Die durchaus lebhafte Diskussion darüber zeigte mir, wie richtig ich mit meiner überspitzten Polemik lag.

    Den Link zu Slatestarcodex, den der User TempKleer hier in die Kommentare gepostet hat, ist diese Woche auch für mich ein Augenöffner gewesen, er ist sehr lang, aber sehr lohnend.

  8. Ich empfinde es als überaus redlich, ein persönliches (!) Gefühl des Gestörtseins auszusprechen – auch und gerade dann, wenn man damit der herrschenden Meinung zuwider handelt.

    Beifall ist so bequem…

    à parte:
    Ich kenne sehr viele »linke« Gewaltbereite – die olle Einteilung hilft nicht. Es gibt Anstand und Menschlichkeit bei Linken und Rechten (und sogar bei Liberalen – grins).

    Schubläden sind so bequem…

  9. @Peter P.

    Interessant, was du sagst. Ich habe nur das Gefühl, den meisten “Islamkritikern” geht es nicht um die Kritik an einer Religion oder Kultur, sondern um Kritik an einem Phänomen was so in vielen, auch nicht-islamischen weniger entwickelten Kulturen auftritt: dem Machismo.

    Konkret: In Gruppen herumlungernde junge Männer, die durch Dominanzgehabe und archaische Männlichkeitsrituale unangenehm auffallen. Das hat nur mit dem Islam ungefähr so viel zu tun wie die Vereinssatzung von Dynamo Dresden mit Randale.

  10. Man darf auch nicht vergessen, daß sehr viele Menschen antiintellektuell eingestellt sind und lieber glauben als wissen. Hier in Deutschland ist das nur selten wirklich extrem ausgeprägt, aber in weiten Teilen der USA leben Menschen in mehr oder weniger isolierten Dörfern und Kleinstädten, die von christlichen Fundamentalisten gegründet wurden, welche vor religiöser Verfolgung aus Europa geflüchtet waren, und das Denken in diesen Regionen hat die Jahrhunderte nahezu unberührt überstanden.

    Das Zeitalter der Aufklärung hält man dort für den Beginn der Dekadenz des Westens, die moderne Naturwissenschaft ist sowieso nur eine Lüge der Illuminaten (welche auch hinter der Aufklärung stecken), Gott hat die Welt vor 6000 Jahren in 6 Tagen erschaffen und am 7. Tag Urlaub gemacht, und Fossilien ausgestorbener Spezies sind die Knochen von Drachen, die nicht auf die Arche Noah durften. Wenn Glaube und Vernunft im Widerstreit stehen, hat natürlich immer der Glaube recht. Davon abgesehen will man mit eingebildeten intellektuellen Eierköpfen eh nichts zu tun haben, die können gern in ihrem Sündenbabel bleiben, egal ob Ost- oder Westküste. Wobei die Westküste natürlich schlimmer ist, alles nur Schwule, Hippies und Teufelsanbeter. Daß Weiße besser sind als Asiaten, und daß Weiße und Asiaten zusammen besser sind als Schwarze, das ist ja auch ganz klar, denn hell steht für gut und dunkel für böse, sonst hätte Gott das nicht so eingerichtet. Und Männer sind besser als Frauen, das steht ja auch in der Bibel, Adam und Eva, Ursünde…

    Trump haben diese Leute auch zu großen Teilen gewählt, weil er es wagt, sich dem zu widersetzen, was man als Diktatur der political correctness empfindet. Der Mann sagt einfach, was er denkt, und er ködert die Menschen mit der Sehnsucht nach der heilen Welt der 1950er, als der weiße heterosexuelle Mann noch etwas galt, als jeder ungebildete Hillbilly noch einen gutbezahlten Fabrikjob finden konnte, um seine Frau und seine vier Kinder durchzufüttern, als Neger noch den Seiteneingang benutzen mußten und man Schwuchteln ungestraft verprügeln durfte für ihr sündhaftes Leben.

  11. @elfboi

    Das sieht, mit Verlaub, nach einer riesigen Menge Vorurteile deinerseits aus, die (zurecht) als **istisch gebrandmarkt würden, wenn sie denn irgendeiner anderen Bevölkerungsgruppe entgegengebracht würden.

  12. Hallo, weil ich hier zufällig reinlese: Wie beurteilt ihr die Einschätzungen von Farrakhan (Nation of Islam) zu Trump und Hillary Clinton? Ich finde, der bringt noch mal eine ganz ander – bisher hier nicht gehörte – Sichtweise in die Sache – abgesehen von Verschwörungstheorien, Podesta-Mails und anderem… https://www.youtube.com/watch?v=cu41CPQw0hg

  13. Noch etwas, das das Monster entzaubert: https://www.youtube.com/watch?v=n8Dd5aVXLCc (in den letzten Sätzen wird der Zusammenhang klar)
    Hier mehr zur Technik: https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

    Generell ist Trump leicht zu verstehen wenn man sich VOLLSTÄNDIG von der Annahme verabschiedet dass der Inhalt seiner Worte eine Wertorientierung widergibt. Es handelt sich NUR um Taktik und Persuasion, und das wird jederzeit an die Situation angepasst. Im Blog von Scott Adams (http://blog.dilbert.com/), der sich auch ein wenig (?) in der Persuasion-Branche bewegt hat — und nicht wenig besoffen von seiner Einsicht in Trumps Taktik und Weltsicht ist (http://www.slate.com/articles/news_and_politics/politics/2016/09/dilbert_creator_scott_adams_gets_trump_like_no_one_else.html) — wird das für den Wahlkampf und die Zeit danach gut nachlesbar.

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