Maßstäbe, Mustererkennung, Stooges

Maßstäbe, Mustererkennung, Stooges

Das Buch geht nicht voran. Seit Wochen bin ich wie gelähmt und bekomme einfach nicht mehr zusammen als ein paar Sätze. Pro Woche. Am Anfang habe ich mich allzu gerne vom Mann beruhigen lassen, der das für eine vorübergehende Blockade hält, aber angesichts der Tatsache, dass ich an dem Schinken seit über einem Jahr herumschreibe, scheint mir das nicht länger glaubwürdig. Immer deutlicher steht es mir vor Augen, dass ich wiederkehrende Probleme habe, meine Gedanken regelmäßig sortiert zu Papier zu bringen, so dass das Buch wenn auch langsam, aber doch allmählich wächst. Viel nachgedacht habe ich darüber, viel geweint, viel wütend geworden, viel alles. Letzte Nacht lag ich wieder stundenlang wach und dachte darüber nach, warum ich nicht schreiben kann. Und langsam glaube ich, drei Faktoren benennen zu können, die mich zuverlässig daran hindern, meine Gedanken über den Zustand der Welt, den Zustand der Geschlechter anderen nachvollziehbar zu machen.

Maßstäbe

Mein Ansatz bei der Suche nach den Gründen, weshalb alles so schief läuft auf der Welt, war, in der Zeit zurückzureisen. Ganz zurück, zehntausend, hunderttausend Jahre. Wege nachzuvollziehen. Scheidepunkte ausmachen. Den Zweck evolutionärer Entwicklungen verfolgen und den Punkt, an dem sich dieser Zweck durch Kultur und Zivilisation veränderte. Es war eine lange, lange Reise, unendlich faszinierend. Und unendlich ernüchternd. Denn mehrere Dinge wurden mir dabei klar.

Zum einen die Maßstäbe. Selbst die erfolgreichsten Erfindungen, die sich schneller durchgesetzt haben als andere, brauchten dafür mehrere hundert, meistens sogar mehrere tausend Jahre. Bis ihre Folgen deutlich wurden, vergingen Zeiträume, die kein Mensch überschauen kann. Vor einem Zeitraum von tausend Jahren wird deshalb nahezu alles bedeutungslos. Der Kampf von Menschenrechtsbewegungen, die sich seit Jahrzehnten den Arsch aufreißen, um die Welt gerechter zu machen, erscheint lächerlich und von kindlicher Naivität. Was sind schon Jahrzehnte im Vergleich zu zweitausend Jahren? Wie dumm und vermessen ist es zu glauben, irgendetwas von dem, was wir heute, gestern oder vor 50 Jahren getan haben, hätte vor einem Zeitraum von 1000 Jahren Bestand?

Zum anderen die schiere Größe der Erkenntnisse. Je weiter ich zurückging, je intensiver ich mich mit den großen Meilensteinen der Menschwerdung befasste, desto deutlicher trat mir vor Augen, dass der Fehler im System, der Zivilisation selbst liegt. Wir haben, salopp gesprochen, von Anfang an alles falsch gemacht – den Umgang mit Sex, den Umgang mit Tod, den Umgang mit Besitz. Diese Dinge sind aber so tief in unserer Zivilisation verankert, dass man sie nicht rückgängig machen kann. Oder mit kleinen Schritten korrigieren, wie wir Zivilisationsmenschen das seit hundert Jahren versuchen. Die Folgen dieser Initialfehler sind so sehr Teil unserer Zivilisation, dass es allein schon unmöglich ist, Menschen davon zu überzeugen, dass das, was sie als normal und richtig empfinden, eine katastrophale Fehlentwicklung ist, die die Menschheit zerrütten wird wie nichts sonst. Von einer Korrektur ganz zu schweigen.

Auch wenn ich noch nicht ganz aufgegeben habe – im Grunde bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die menschliche Omnipotenz, die Fähigkeit, die Welt nach freien Willensentscheidungen zu gestalten, nichts als eine Illusion ist. Wir können nichts mit Willenskraft ändern, nicht heute, nicht morgen, die Zivilisation, die sich der Mensch vor rund 6000 Jahren geschaffen hat, verändert den Menschen, nicht umgekehrt. Mir bleibt nur die Aussicht, dass das System, wie wir es kennen, eines Tages, vielleicht nach einer längeren Erosion, wegen seiner Dysfunktionalität aufhört zu existieren.
Wenn also niemand etwas ändern kann, auch ich nicht und mein Buch nicht, wenn nichts von dem, was wir Menschen tun, Bedeutung hat, warum dann überhaupt Energie in das Buch stecken? Ich weiß es im Moment nicht.

Mustererkennung

Ich leide schon mein ganzes Leben unter der Angst, dass meine Worte kein Gewicht haben, dass man mir nicht glauben wird. Das liegt im Wesentlichen daran, dass ich mich oft in anderen Referenzsystemen bewege als andere Menschen, und sie deshalb nicht nachvollziehen können, wovon ich gerade spreche. Es klingt blöd, muss aber raus, deshalb sag ich’s jetzt: ich sehe oft Muster, wo andere nur Chaos sehen. Ich sehe weiß, wo andere schwarz (oder andere Farben) sehen. Ich weiß nicht, warum das so ist, ob das vielleicht mit meiner Hypersensibilität zusammenhängt, die macht, dass ich viel mehr Dinge viel feiner wahrnehme als andere. Dass ich zwischen den Zeilen lese, wo andere nur leeres Papier sehen. Wenn ich in einen Raum mit Menschen komme, spüre ich zum Beispiel sofort, wie die Menschen sind, ob sie glücklich sind oder nicht, ob sie inneren Frieden haben oder in sich und mit sich leiden. Meine Trefferquote dabei ist sehr hoch, aber auf die Frage, woran ich das festmachen kann, habe ich kaum eine Antwort. Ich sehe das eben. Menschen, die das nicht sehen, glauben mir nicht, sie empfinden meine Äußerungen als dreiste Behauptungen, vollkommen aus der Luft gegriffen.

Meine Frau und meine Schwiegermutter Oft habe ich das Gefühl, aus der Vogelperspektive auf Dinge zu schauen, während alle anderen bis zu den Knie darin herumwaten. Vielleicht ist das vergleichbar mit dem Kippbild „Meine Frau und meine Schwiegermutter„, bei dem man wahlweise eine alte Frau mit krummer Nase oder eine junge Frau, die sich abwendet, sieht. Während die Welt auf die alte Frau starrt, sehe ich die junge, oder umgekehrt. Andere optische Täuschungen taugen genauso als Metapher. Das schwarz-weiße Gittermuster, an dessen Kreuzungspunkten das menschliche Auge dunkle Flecken wahrnimmt, zum Beispiel. Während alle anderen felsenfest davon überzeugt sind, in einem dunklen Fleck zu stehen, sehe ich das Gittermuster ganz klar. Ich sehe Muster, Gesetzmäßigkeiten, Prinzipien so deutlich wie meine eigene Hand, aber ich schaffe es kaum, anderen Menschen diese Vogelperspektive nachvollziehbar zu machen.

Mitunter scheitern selbst Gespräche zwischen dem Mann und mir an dem Punkt, an dem er mich verständnislos anschaut und fragt, wie ich zu dieser oder jener Aussage komme, und ich dann nichts erwidern kann außer „Das sieht man doch“. Ein Teil dieses Problems lässt sich wegpuffern durch Recherche, aber ich habe die Verständnislosigkeit der anderen zu oft erlebt, um zu wissen, dass ich es immer schwer haben werden, Thesen unter die Leute zu bringen. Wenn ich also ein Buch schreibe, in dem es ausschließlich um Muster geht, um Prinzipien, um den Blick aus der Vogelperspektive auf das große Ganze, dann weiß ich jetzt schon, dass ein Großteil der Leser alles, was ich sehe und erkenne, ablehnen wird, weil er es nicht sehen kann und ich mich nicht erklären kann. Das frustriert und entmutigt.

Stooges

Nicht schreiben zu können, hat in den seltensten Fällen etwas damit zu tun, dass ich keine Ideen habe. Tatsächlich habe ich eher zu viele Ideen. Meine Gedanken sind oft wie die drei Stooges, die zeitgleich versuchen, durch eine Tür zu gehen, und sich dabei im Türrahmen verkeilen. In meinem Kopf herrscht die meiste Zeit ein vielstimmiges Gesumm, zu viele Gedanken wollen gleichzeitig durch die Tür, respektive auf das Papier und blockieren sich dabei gegenseitig. Das befruchtet sich auf ganz hinderliche Weise mit der Größe meiner Erkenntnisse. Wenn alle Aspekte gleichwichtig und gleichlaut sind, wie soll man da einen Anfang finden? Ja, Meike, sag doch mal, was ist denn nun der Fehler in der Zivilisation? Und die Antwort lautet „Alles“. Alles war falsch. Und das Schlimme ist dabei auch noch, dass die verschiedenen falschen Dinge sich auch noch gegenseitig beeinflussen und verstärken, jeder Fehler ist Ursache und Folge eines anderen Fehlers.

Wie soll man das sortieren? Wie soll ich meine Gedanken dazu bringen, sich brav in eine Reihe zu stellen, eine Nummer zu ziehen und dann schön gesittet einer nach dem anderen durch die Tür auf das Papier zu gehen? Ich weiß es nicht. Ich stehe vor einem undisziplinierten Haufen, in dem jeder „Ich zuerst!“ schreit, und es ist mir oft einfach nicht möglich, bei diesem Getöse auch nur einen geraden Satz zu Papier zu bringen. Im Zusammenspiel mit den anderen Gründen, der allgemeinen Bedeutungslosigkeit von allem und meiner Angst, dass mir nicht geglaubt wird, ergibt sich eine zähflüssige Masse um meine Beine, die mich nicht vom Fleck kommen lässt. Und deshalb verharre ich zwischen Entsetzen und Resignation, Nervenzusammenbruch und Loslassen und warte darauf, dass irgendetwas passiert.

Vielleicht könnte der Kollaps von allem sich ja mal ein wenig beeilen, dann bleibt mir alles erspart. Das Ausgelachtwerden, die Sisyphosarbeit, das Geschrei in meinem Kopf. Dann ist endlich Ruhe und ich finde Frieden in der Gewissheit, dass ich Recht hatte und alle anderen jetzt schön blöd gucken.

25 Kommentare

  1. Liebe Meike,
    hast du dich schon mal mit Synästhesie beschäftigt?
    Du bist bestimmt auch Synästetiker.
    Viele Grüße
    Barbara

  2. Meike, ich sag dir mal was: Ich will das aber lesen. Und wenn ich (stellvertretend für alle anderen Leser) das nicht oder nur halb oder anders verstehe, ist das doch überhaupt nicht schlimm. Ich könnte mir vorstellen, dich Dinge dazu zu fragen und ich denke, das dürfte man auch. Trau doch jedenfalls einigen Menschen zu, dass sie was lernen und inspiriert sein werden.

    Mach mich nicht fertig, schreib das weiter. Muss ja wohl nicht morgen Mittag fertig sein. Und außerdem weißt du gar nicht, was dein Buch mit dem ein oder anderen macht.

    Ich mach auf jeden Fall weiter mit Welt retten, mich strengt es mehr an, es nicht zu tun!

  3. Liebe Meike,

    ich habe durch deinen Beitrag erst Lust bekommen „Das Buch“ zu lesen – weil mich Strukturen und Muster brennend interessieren und weil ich es spannend finde, völlig neue Perspektiven zu hören. Mag sein, dass die dann für mich nicht nachvollziehbar sind, aber ich muss mir dann ja trotzdem die Frage stellen, warum meine eigene Perspektive nachvollziehbarer wäre. Und auch daran hätte ich etwas gelernt.
    So erging es mir zumindest bisher manchesmal mit deinen Ansichten, die in deinen Blogbeiträgen und Tweets durchschienen.
    Du wirst die Wahrheit in deinem Buch ebensowenig haben, wie ich sie in meinen Ansichten habe. Aber vielleicht ergibt sich ja in einer Schnittmenge ein echter Fortschritt. Und auch wenn die daraus folgenden Prozess 6000 Jahre dauern: Irgendwer muss sie ja anstoßen, fortschreiben, antreiben und erstrebenswert erzählen.

    Viele Grüße

    Benedict

  4. Liebe Frau Meike, herzlichen Dank (wieder einmal) dafür, dass Sie Ihre Gedanken und (inneren) Erlebnisse mitteilen. Ich fühle mich soooo verstanden und verstehe auch mich selber (mal wieder ) ein bisschen besser… Zu lesen, dass es noch andere „da draußen“ gibt, denen es genauso geht wie mir, erleichtert irgendwie, selbst wenn es selbstverständlich nichts daran ändert, dass frau als HS (und HB) in der „normalen“ Welt immer wieder auf vielfältige Weise an Grenzen stößt. Und damit hadert. Aber wenn noch jemand das ausspricht, was ich erlebe (weil sie/er selbst es ebenfalls erlebt), hilft mir das beim Einordnen. Oder Zuordnen. Oder Erinnern (dass eben vieles, was ich erlebe, wohl mit meiner besonderen Wahrnehmung zu tun hat, aber nicht mit einer „Störung“!). Ich jedenfalls scheitere bislang ebenfalls an der selbstgestellten Aufgabe, all mein Wissen um Zusammenhänge, Hintergründe und Querverbindungen zu einem Buch zusammenzufassen. Ebenso wie Ihnen bereitet mir dieses Vorhaben zahlreiche Schamerlebnisse (Selbstanklagen). Durch Ihre Ausführungen habe ich jetzt wenigstens wieder ein Zipfelchen erkannt, warum es (auch bei mir) so zäh voran geht… Also DANKE nochmals!

  5. Liebe Meike,

    was du schreibst kann ich in Teilen selbst gut nachvollziehen, und teilst kann ich genau meine Liebste darin. Hypersensibel, Synästhesistin – sie ist ein wunderbares Wesen, das sehr fein, genau und vor allem einfach sehr viel und umfassend wahrnimmt; gefühlterweise noch viel mehr als ich, obgleich ich auch oft genug das Gefühl habe, viel empfindsamer und ‚wahrnehmender‘ zu sein als andere.

    Sehr gerne würde ich lesen, was du bislang geschrieben hast, und was du noch schreiben wirst.
    Hast du ein Ziel, was mit dem Buch erreicht werden soll? Vielleicht sollte sich dieses Ziel deinen nun desillusionierten Erkenntnissen anpassen? Vielleicht ist genau diese schockierende Desillusionierung genau das, was vermittelt werden muss – frei eines panischen Festhaltens daran, die Lesenden dann auch in ihrer eigenen Schockstarre oder Empörung versorgen zu müssen.

    Zu den Gedanken und Ideen, bei denen sich jeder für gleich wichtig hält und sofort abgehandelt werden mag, würde ich zweierlei empfehlen wollen.

    Erstens, würfeln. Im übertragenen Sinne oder tatsächlich – wenigstens irgend einen Gedanken auszuwählen, oder durch den Zufall auswählen zu lassen, und drauflosbearbeiten.
    Grob strukturieren.
    Auch wenn jedes Detail, jede Feinheit sich hervordrängt, verallgemeinern.
    Um mit der Linearität eines Buches klarzukommen muss wohl leider drei- oder eher deutlich mehrdimensionale Relationsstruktur in zwei Dimensionen, hintereinander gelegt werden. Das geht leider nicht anders, auch wenn es den Gedanken und ihren Verknüpfungen niemals wirklich gerecht werden kann. Daran nicht verzweifeln, sondern erst mal bauen. Feinschliff geht immer noch hinterher. Details einfüllen auch.

    Neben der „mit irgendwas anfangen, egal womit“ Idee wollte ich dir auch noch empfehlen, dir ein sehr sehr sehr sehr großes Papier und Marker zu holen. Am besten die größten Bögen die du bekommen kannst aneinanderkleben und eine oder mehrere Wände damit behängen.
    Und dann los.
    So grob wie möglich anfangen. Verbindungen ziehen. Keine Angst haben, Details zu vergessen, wenn sie nicht sofort dazugeschrieben werden, denn sie sind sowieso in dir und werden auf jeden Fall wieder zu dir zurückkommen.
    Weg mit dem Perfektionismus – wenn es irgendwann unübersichtlich wird, dann neu beginnen und die im ersten Durchlauf gewonnene Klarheit nutzen.

    Soweit meine spontane Reaktion. Bestimmt kennst du dich sehr, sehr gut und kannst direkt abschätzen ob da was für dich dabei ist. Wenn nicht, dann hat es sich trotzdem gelohnt. Probieren kostet ja nichts :)

    Alles Gute!

  6. Kann ich alles problemlos nachvollziehen… Hilfe bin ich dabei vermutlich keine.. außer vielleicht: ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn du es schaffen würdest, das Chaos zu sortieren und Deine Gedanken zu Papier zu bringen. Ich würde Dein Buch schon jetzt sehr gerne lesen und sehen wie Deine Erkenntnisse zu meinen passen..

  7. Danke.
    Auch wenn es ein frustrierender Text ist, so freue ich mich doch über die Erkenntnis, nicht allein zu sein mit meinen gesellschaftlich wenig akzeptierten Fähigkeiten.

    Nicht aufgeben,bitte , ich würde das Buch gern lesen!
    Es grüßt
    eine weitere unverstandene Mustererkennerin, müde und wortlos.

  8. Während alle anderen (zurecht!) Mut machen und die Hände tätscheln, möchte ich gerne sagen, dass ich es schade finde, dass dein Weltbild/Menschenbild so negativ durchdrungen ist.
    Es gibt soviel zovilisatorisch Großartiges!

  9. [Mit diesem Kommentar ist es wie mit deinem Buch. Geht nicht, roter Faden erscheint mir nicht. :-/ Vielleicht kommt’s beim Tippen?

    Ich freue mich sehr auf und über deine Texte, klicke bei dir als einzigem Blog immer sofort und lese süchtig. Das Buch [die Bücher] wären quasi die analoge Fortsetzung davon, und ich denke/fühle, dass es sinnvoll ist.

    Guck mal hier, das las ich zufällig heute morgen in der ZEIT.

    Vor einiger Zeit [~2014] sprach ich mit einer Politologin, die mir auf Nachfrage sagte, dass sie, seitdem sie Politik studiert hätte, eigentlich mit niemandem außerhalb des Akademikerkreises mehr über Politik sprechen würde, weil es einfach zu kompliziert zu erklären und zu mühsam wäre. Ich denke immer noch sehr viel darüber nach und halte das grundsätzlich für die falsche Strategie, weil die Zyklen durch solch Verhalten noch länger werden.]

  10. Vielen Dank für diesen tollen Text.

    „Ich sehe weiß, wo andere schwarz (oder andere Farben) sehen. Ich weiß nicht, warum das so ist, ob das vielleicht mit meiner Hypersensibilität zusammenhängt, die macht, dass ich viel mehr Dinge viel feiner wahrnehme als andere. Dass ich zwischen den Zeilen lese, wo andere nur leeres Papier sehen. Wenn ich in einen Raum mit Menschen komme, spüre ich zum Beispiel sofort, wie die Menschen sind, ob sie glücklich sind oder nicht, ob sie inneren Frieden haben oder in sich und mit sich leiden. Meine Trefferquote dabei ist sehr hoch, aber auf die Frage, woran ich das festmachen kann, habe ich kaum eine Antwort. Ich sehe das eben. Menschen, die das nicht sehen, glauben mir nicht, sie empfinden meine Äußerungen als dreiste Behauptungen, vollkommen aus der Luft gegriffen.“

    Das geht mir ähnlich. Was mir sehr geholfen hat: Myers-Briggs Personality Types. Dieser Absatz ist eine sehr schöne Beschreibung von der dominant function „introverted intuition“. Muss ich gleich mal kopieren für meine Zitatesammlung, weil es schön beschrieben ist. Nun helfen diese natürlich nicht jedem in gleichem Maße, aber vielleicht magst Du mal googeln (oder kennst es schon). Aber der obige Absatz allein lässt mich zum Snap Judgement kommen, dass du ein INFJ oder INTJ (mein Tipp!) bist. Würde mich sehr interessieren, was Du bist, falls Du den Test machst ;) Normalerweise liege ich mit diesen Dingen meist richtig, aber mir glaubt auch keiner :D Wenn ich eine Sache nennen müsste, die mich weniger an mir selbst verzweifeln lässt, dann sind es diese Types und die cognitive functions dahinter. Grüße von INTJ zu INTJ, haha.

  11. Du bist Biologin, ich bin Laie. Ohne genau erklären zu können, wie Evolution funktioniert, erscheint mir die Theorie der Evolution ein Versuch, Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklungsgeschichte lebender Organismen zu erkennen. Wenn das so wäre, wäre Zivilisation dann eine spezifisch menschliche Form von Evolution? Erklär mir das Muster.

    [Vielleicht ist der Mensch ein Irrweg. Insofern irgendwie tröstlich, der Gedanke, dass eh irgendwann alles verpufft. Finde ich.]

    • Ui. Das mit dem Verpuffen finde ich jetzt ebenfalls sehr, sehr beruhigend. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Danke! :)

  12. Hallo Meike, vielleicht brauchst Du einfach eine Pause und machst später weiter. Ich erlebe es oft, dass vermeintliche Blockaden eigentlich Brutzeiten sind, in denen etwas in mir reift. Dann kommt ein Trigger von außen und bäm! – es fließt wieder.

    Schreibe unbedingt weiter. Eine ebenfalls schreibende Freundin sagte mal zu mir: „Your experience is relevant.“ Deine Erfahrungen, Erkenntnisse und Meinungen haben einen Platz in dieser Welt. Vielleicht hilft Dir das. Bin gespannt auf Dein Buch, Lydia

  13. Wow. Solche Texte erinnern mich so angenehm an jene Zeit, in der das Internet noch nicht ein einzig Lärmen war. Kassandra. Man weiß, etwas geht schief, und ahnt, es ist nicht abzuwenden.

    Vielleicht ist ja der Ausweg, anzunehmen, zu akzeptieren, dass Andere erst selbst das Scheitern leben wollen, leben müssen, bevor sie reagieren können. Bevor sie wählen, wofür, wogegen sie ihre Kraft ver(sch)wenden. Das ist die Ahnung, in der mich der jüngste SPON-Text Ihres Manns bestärkt.

    Im Sinnen über Zusammenhänge, Verwicklungen und Ausweglosigkeiten mögen explodierende Gedankenräume den Fluss behindern. Aber diese Gedankenräume sind wichtig. Unser Leben ist zu kurz, sie nicht zu genießen. Es ist falsch, Wirkung zu erwägen oder gar auf den Punkt kommen zu wollen; das Leben ist nicht auf einen Punkt zu bringen.

    Und wenn der Gedanken Gang uns Ausweglosigkeiten erkennen oder zumindest annehmen lässt, dann verschiebt das vielleicht zumindest den Fokus, macht den Weg frei für mehr Gelassenheit und für die Suche nach ganz neuen Auswegen.

    Weitermachen. Liefern. Bitte! ;-)

  14. Sehr geehrte Frau Meike,
    ich verfolge Ihre öffentlich geäusserten Gedanken seit labyrinthischen Zeiten und hab noch nie ein Problem damit gehabt Ihnen folgen zu können. Und nein, ich bezeichne mich nicht als hochsensibel oder hefte mir irgendein anderes gerade so angesagtes Alleinstellungsmerkmal an die Brust. Die Stimmungslage in einem just betrtenen Raum kann einem nämlich auch vollkommen egal sein und mich muss auch nicht jeder verstehen. Ein wenig „Is-mir-egal“ könnte Ihnen wesentlich das Leben versüssen.
    Und wenn die drei Stooges gleichzeitig mit dem Kopf durch die Wand wollen, geben Sie ihnen doch einfach drei Türen…damit endlich mal was aufs Papier kommt.
    Ich freue mich auf den Intellektkitzel Ihres Buches.

  15. Ich habe nicht alle anderen Kommentare gelesen, also verzeih, falls ich etwas wiederhole, was schon gesagt wurde.

    Bei den Maßstäben erscheint es mir, als ob du eine Entscheidung treffen und einfach dabei bleiben müsstest. Du willst dieses Buch schreiben? Egal, was es bewirkt? Dann schreib es. Egal, warum.

    Die Mustererkennung klingt vertraut als ein typisches Gefühl von hochbegabten Menschen. Auf jeden Fall hat das meine Therapeutin mal gesagt. Vielleicht musst du einfach für dich sehen, wen du erreichen willst. Vielleicht reicht es auch, Menschen zu erreichen, die genau so sehen wie du.

    Und bei den Stooges könnte es ein Ausweg sein, das Buch im Dialog zu schreiben. Ich kenne mindestens einen Autor, der aufgehört hat, alleine zu schreiben, sondern eigentlich nur sehr lange Gespräche führt und dann das Destillat irgendwie zu Papier bringt. Aber der auf jeden Fall erstmal seine Ideen sortiert, indem er wie in einem Coaching oder einer Therapiesitzung mit einem Gegenüber spricht, das relativ passiv ist, aber hilft, die eigenen Gedanken auf die Reihe zu bringen. Wäre das vielleicht auch was für dich?

    Vielleicht willst du gar keine Ratschläge. Aber sie sind mir gerade eingefallen.

  16. Liebe Frau Meike,

    schreiben Sie Ihr Buch – unbedingt.
    Vielleicht erleben Sie es nicht mehr wie sich etwas verändert, aber vielleicht Ihr Kind?! Dann kann es sich auf seine Mutter noch mehr verlassen, die hat es nämlich besser gewußt. ;-)
    Dass wir Frauen oft nicht „ernst genommen werden“ obwohl wir es besser wissen, darf uns nicht davon abhalten uns, wenn nötig auch unbequem, Gehör zu verschaffen. Also, bitte weitermachen.
    Lieben Dank und lieben Gruss.

  17. Wenn Sie angesichts der Menschheitsgeschichte demütig werden, ist das erst einmal gut. Geschichtskenntnisse auch über die letzten 100 Jahre und Guido Knopp Niveau hinaus könnten vielen Menschen helfen :-).

    Wenn Sie Besitz/Eigentum (ich vermute: an Produktionsmitteln) tatsächlich für einen DER Webfehler der Evolution von Zivilisationen halten, habe ich einen einfachen Tip für Sie: Beginnen Sie mit dem Ackerbau. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Eigentum vorher eine zivilisations(mit)bestimmende Rolle gespielt hat. Ich bin absolut nicht Ihrer Auffassung btw – ohne sich herausbildenden Besitz von Eigentum wären wir heute in puncto Menschenrechte (versus Fürstenrechte) um viele, viele Jahrhunderte zurück. Denn deren allmähliche Umsetzung (Magna Charta et al) waren ganz wesentlich ein Produkt der wachsenden Macht städtischen Bürgertums.

    Das mit dem Kollaps wird zwar nicht passieren. Aber selbst wenn er passiert – beim vollständigen Untergang von Zivilisationen (am bekanntesten: das Römische Reich) blieben fast immer genügend Zivilisations-Inseln zurück, um den Aufstieg (ebenso fast immer) am Ende weiterentwickelter Zivilisationen erneut zu befruchten. Die Zwischenzeit wird für die Individuen (hier also uns) zwar unschön bis tödlich, aber wir spielen für den Fortbestand der Menschheit auch keine Rolle.

    Gruss und gute Besserung,
    Thorsten Haupts

  18. liebe frau meike,

    jetzt war ich doch ein bißchen enttäuscht, daß es nicht _die_ stooges mit iggy pop waren, aber ich hätte da einen text für dich, der mich ende der 90er davon überzeugte, daß es so was wie willensfreiheit nicht gibt

    Können wir wollen, was wir wollen?

    heute ist michael, bei dem damals noch meine kiddies spielten, der „papst der deutschen atheisten“, damals war er noch einer von diesen „verrückten“. aber, wir wissen ja, es sind immer die verrückten, die die dinge voran bringen. an die „normalen“ erinnert sich kein schwein ;)

    grüße aus der garage

    • Je nun. Als Vollprofi habe ich neulich mal ganz gelassen vor Christus und nach Christus verwechselt, was hässliche Lücken in meine Argumentation gerissen hat. Ich sehe gerade zu, ob die These trotzdem zu retten ist.
      Es geht also voran, aber mit Stolpern und Straucheln.

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