Die lauten Stimmen der Autisten

Die lauten Stimmen der Autisten

In der vierten Klasse der Grundschule, ich war gerade neu auf die Schule gewechselt, gab es in meiner Klasse einen Jungen, der anders war. Heiko. Er war zeitgleich mit mir in die Klasse gekommen, wir waren beide fremd. Er wusste praktisch alles, was es über Eisenbahnen zu wissen gab, war aber ansonsten in sich gekehrt wie eine Schmetterlingspuppe. Wenn er in den Pausen über den Schulhof lief, bewegte er seine Arme wie Kolben und machte in regelmäßigen Abständen „Tschutschuuu!“ Er sprach nur, wenn es um Eisenbahnen ging. Wir haben uns alle über ihn lustig gemacht, ich auch. Für uns war Heiko einfach fremd und komisch mit seinem seltsamen Gebaren. Die Klassenlehrerin erklärte uns nichts. Sie tat nichts, um auf Heiko einzugehen, und sie tat nichts, um uns Mitschüler aufzuklären. Niemand von uns Kindern konnte Heiko in seiner Andersartigkeit akzeptieren und respektieren und unsere Lehrerin konnte es auch nicht.

Später bin ich in Hamburg auf eine Gesamtschule gegangen, die Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Hamburg-Osdorf. Raues Pflaster, wenig Bildung, viel Migrationshintergrund, Teenager-Schwangerschaften, „Aller, ich schwör‘!“ und das Fasching 1988, an dem ich Madonna sein wollte und von allen gefragt wurde, ob ich als Nutte gehe. Ich hatte damals noch nicht einmal einen Jungen geküsst. Na ja.

Die Schule war anders. Die Lehrer haben die Kinder geduzt, die Kinder die Lehrer, und das Dritte Reich gab es ab der achten Klasse jedes Jahr auf dem Unterrichtsplan. Mal in Politik, mal in Geschichte, mal in Ethik. Logisch bei dem Schulnamen. Ich fand das gut damals, denn man sollte nie aufhören, über Ungerechtigkeit zu sprechen.
Meine Lehrer waren engagiert, haben ermutigt, gefördert und deeskaliert, selbst als wir Schüler uns mit 14 bis 19 gebärdeten als seien wir die fleischgewordene Zombieapokalypse. Tolle Lehrer, denen ich viel verdanke.
Die Kinder waren auch anders. Ein bunter Haufen aus allen Ländern und Schichten. Halbfinnen, Jugoslawen, Türken, Deutsche, Hochbegabte, Normalintelligente, Gesunde und, nun ja, Kinder, die noch etwas anderser war als die anderen Kinder. Da war Nele mit Trisomie 21, Eva, die an guten Tagen Krücken brauchte, an schlechten einen Rollstuhl, Julia, die für die aufgetragenen Arbeiten etwas länger brauchte, und Marco.

Marco war zwei Klassen unter mir und seine Art, mit den anderen Kindern zu kommunizieren, sehr speziell, denn er pflegte völlig in sich gekehrt zu sein und dann plötzlich zu spucken, zu schubsen und anzuschnauzen, wie ein Vulkan, der ohne Vorwarnung ausbricht. Die Lehrer erklärten uns so gut es ging, wie es in Marco aussieht, und damit war die Sache für mich in Ordnung. Ich will nicht leugnen, dass mir immer unwohl war, wenn ich Marco auf den Schulfluren begegnete, denn seine Ausbrüche waren unvorhersehbar und richteten sich wahllos gegen an alle und ich wollte weder angespuckt noch mit Essen beworfen werden. Aber den Wunsch, dass der Junge auf eine andere Schule soll, habe ich nicht gespürt. Marco war eben anders und Punkt.

Marco und Heiko waren Autisten.
Ich habe damals gelernt, dass eines der Hauptmerkmale von Autismus das Leben in einer eigenen Welt ist, in sich gekehrt und mit Schwierigkeiten, sich der „anderen“ Welt auf normalem leicht verständlichem Wege mitzuteilen. In gewisser Weise stumm, verdammt dazu, auf ewig unverstanden zu bleiben.

Einschub: ich weiß, dass diese Beschreibung monströs verkürzt ist, dass Autismus ein sehr breites Spektrum an Ausprägungen aufweist, die durchaus mit sehr unterschiedlichen Zeichen und Verhaltensweisen daherkommen, dass die Unterschiede zwischen den beiden Enden des Spektrums so groß sind, dass man sich fragt, wie man diese Menschen pauschal mit einem Begriff zusammenfassen kann. Aber 1988, als ich in der achten Klasse war und Marco in der sechsten, wusste man unendlich weniger über Autismus als heute. Damals dachte man irgendwie, dass Autisten Gefangene ihrer Welt sind, niemals herauskönnen, immer rätselhaft und unverstanden bleiben würden (oder nur von jenen verstanden würden, die sich über lange, lange Zeit damit beschäftigt haben, Verhaltensweisen zu erkennen und zu interpretieren). Geändert hat sich das in meiner Wahrnehmung erst mit Birger Sellin, einem Autisten, der auf schriftlichem Wege kommunizierte und beeindruckende Einblicke in sein reiches Innenleben gewährte.

Nach meiner Schulzeit habe ich nie wieder irgendwo Autisten gesehen. Nicht im Fernsehen, nicht im sozialen Umfeld, nicht an der Universität. Ich verlor sie aus den Augen.

Als nun vor wenigen Tagen ein furchtbares Verbrechen geschah, unbedachte oder dumme Menschen den Täter in die Nähe von Autismus rückten und damit eine wunderbar leichtgängige Erklärung für den Amoklauf präsentierten, da wurden Stimmen laut, Stimmen, von denen ich dachte, dass es sie gar nicht gibt.
Menschen, die anders sind, erhoben ihre Stimme, um Vorurteilen Einhalt zu gebieten. Um aufzuklären, um zu erklären, um Raum und Respekt für ihre Besonderheit einzufordern. (Nachtrag: ich hätte beinahe die ganzen Links zu den lauten Stimmen vergessen. Nun nachgereicht.)

Vielleicht liegt das am Internet, dem vielfältigsten Ort auf der ganzen Welt, vielleicht liegt das an der Schriftlichkeit, mit der Ihr etwas sagen könnt, vielleicht liegt das am Thema oder vielleicht daran, dass Ihr eine andere Art von Autismus und/oder Asperger habt, eine Art, die die verständliche Kommunikation nicht ganz so schwierig macht, wie es bei Heiko und Marco der Fall gewesen war.
Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass ich es toll finde, dass Ihr sprecht. Dass Ihr mitten unter die Menschen springt, dass Ihr Leute wie mich daran erinnert, dass es Euch gibt, dass Ihr Euch wehrt, dass Ihr mir erklärt, wie es sich anfühlt, Ihr zu sein.
Und ich möchte Euch dafür danken. Danke für diese wertvollen Einblicke. Danke für die Bereicherung. Danke, dass ich mit Eurer Hilfe wieder ein kleines Bisschen von der Welt sehe und verstehe.

Ich hörte übrigens auf, Heiko auszulachen, als die Rädelsführer des Klassenmobs mir kurz nach meiner Einschulung lachend und mit grimmigem Blick zuriefen: „Du bist als nächstes dran“.
Von da an wusste ich, dass mein Platz bei den Sonderlingen war.
Nicht, weil der Klassenmob das so wollte, sondern weil ich es so wollte.

9 Kommentare

  1. Dass Du die heute nicht mehr siehst liegt nicht daran, dass sie nicht mehr dort sind wo Du bist sondern daran, dass sich ein großer Teil des Spektrums mit der Zeit an die Umgebung anpassen kann. Dass man Wege findet, die Welt und die Menschen – und vor allem ihre Mechanismen und Prozesse – zu verstehen und ihr Verhalten einschätzen zu können (zum Teil besser, genauer, objektiver und verlässlicher als viele „normalen“ Menschen das können). Man will sich ja ausdrücken und kommunizieren. Einen großen Teil seines Lebens verwendet man darauf, das zu lernen und am Ende schafft man es meistens auch. Dann ist der einzige wirkliche Unterschied nur noch, dass man täglich froh darüber ist, mit anderen Menschen interagieren zu können. Die besten BeraterInnen und LehrerInnen sind Autisten. Frag einfach mal in Deinem Umfeld, wer in seiner Schulzeit zB mit Lob oder Kritik nichts anfangen konnte und von wem Leher und Eltern dachten, sie hätten kein Interesse am Unterricht weil sie sich nicht beteiligen konnten. Frag mal, wer im Zeugnis stehen hatte „verweigert Gruppenarbeit“, aber eigentlich stand er der Aufgabe lediglich hilflos gegenüber. Es würde mich nicht wundern, wenn es Deine besten, verlässlichsten und treuesten Freunde sind.

    • Öhm. Bei mir. In meinem Zeugnis stand drin „Arbeitet zu viel allein“ und „Muss lernen, mit anderen gemeinsam zu lernen“. Aber autistisch bin ich definitiv nicht. Ich konnte immer interagieren, ich wollte bloß nicht.

      „Frag einfach mal in Deinem Umfeld, wer in seiner Schulzeit zB mit Lob oder Kritik nichts anfangen konnte und von wem Leher und Eltern dachten, sie hätten kein Interesse am Unterricht weil sie sich nicht beteiligen konnten.“
      Ist es wirklich so einfach? Macht einen wirklich so ein bisschen zum Autisten? Das, was Du beschreibst, könnte doch auch einfach ein Introvertierter oder ein Hochbegabter sein, also eher ein Nicht-Woller statt Nicht-Könner. Ich glaubte, die Grenzen zwischen Autist und Nicht-Autist seien dann doch etwas schärfer zu ziehen.

      PS: Ich habe keine besten, verlässlichsten und treuesten Freunde.

      • Aber autistisch bin ich definitiv nicht. Ich konnte immer interagieren, ich wollte bloß nicht.“

        Ja, so habe ich das auch immer ausgedrückt! Ich bin Asperger-Autistin und wollte auch nie ;-)

        Es ist nicht alles immer eine Frage des Nichtkönnens. Ich wollte nicht, weil mir die Neurotypischen eben genauso fremd waren, wir ich ihnen. Ich finde heute noch deren Verhaltensweisen, ihre Art zu denken und zu sprechen befremdlich, oft sogar lächerlich. Ja, es gibt Dinge, die ich bis heute nicht kann. Dinge, die ich nicht konnte und erlernen musste. Und Dinge, die ich nicht konnte und bei denen es mir scheißegal war. Aber ist das nicht bei allen Menschen so?

        Was mir an Neurotypischen am meisten auf die Nerven geht, ist ihre Irrationalität. Sie sagen und tun so viele wirklich saudumme Sachen, fühlen sich einem aber dennoch überlegen. Ich weiß, mit viel Geduld und Zeit könnte ich ihnen erklären, dass und wieso sie mit ihren obskuren Annahmen falsch liegen. Bei Themen, die mir wichtig sind, tue ich das manchmal. Interessant ist, dass sie es meist dennoch nicht verstehen.

        Auf die meisten Autisten in meinem Umfeld wirken Neurotypische genauso „behindi“ wie umgekehrt. Aber sie machen nun mal die Regeln.

        Denn Autisten leben nicht „in ihrer eigenen Welt“. Das wäre ja schön. Das eigentliche Problem ist, dass wir in eurer Welt leben. Behindert sind wir nur, wenn von einem autistischen Menschen nichtautistisches Verhalten erwartet wird.

        Wenn ein Mensch im Rollstuhl fragt, ob es im Gebäude einen Aufzug gibt, weiß auch der letzte Vollidiot, dass die Antwort nicht lauten kann „Nimm doch die Treppe“. Bei Autisten wird aber sehr oft versucht, sie aus dieser vermeintlich eigenen Welt herauszuholen. Leider scheinen Neurotypische sehr oft schlicht nicht zu begreifen, dass die wenigsten das tatsächlich wollen. :-)

        Ich kann übrigens auch hervorragend interagieren. Das macht mich nicht minder autistisch. ;-)

  2. Danke für deinen schönen Artikel :)

    was einem zum Autisten macht ist die Reizverarbeitungsstörung, die einen zwingt Sachen mit dem Bewusstsein tun zu müssen die „Normale“ mit Intuition erledigen.

    Dieses „tun“ lernt man von kleinauf, es war ja nie anders, aber es kostet sehr viel kraft.

    Das Spektrum ist breit gefächert, ich habe meine Diagnose zb erst mit Anfang 20 erhalten, als ich Student war,
    es gibt zwar einige wo zb nicht sprechen könne, aber der grossteil der Autisten kann sprechen, sie sprechen eher zu viel, oder zu wenig.

    auch das mit der Introvertiertheit trifft nicht auf alle zu.

  3. […] medial wahrgenommen wird. Vermeintlich stimmlose erheben ihre Stimme! Frau_Meike hat das in einem Blogpost sehr schön formuliert: Als nun vor wenigen Tagen ein furchtbares Verbrechen geschah, unbedachte […]

  4. Herzlichen Dank, dass Du dieses Thema hier zu Deinem Thema gemacht hast!
    Ich habe einen Sohn mit Autismus und erlebe gerade auch emotionale Achterbahnfahrten. Zum einen wünsche ich mir, dass er von dieser Berichterstattung möglichst wenig mitbekommt. Er ist noch nicht so weit, dass er über seinen Autismus und seine Emotionen reden kann und ich habe Angst um sein Selbstbild, wenn „Massenmörder“ mit „Autist“ erklärt wird.
    Wenn dann eine Situation, in der er in der Schule laut geworden ist, ein Buch durch die Klasse geschmissen und eine Tür zugeschlagen hat, einen Anruf zur Folge hat, bei dem mir erklärt wird: „Da müssen Sie mit ihm sprechen. Das darf nicht passieren. Das macht den Kindern Angst. Vor allem nach diesem Vorfall in den USA! …“, da wird mir echt übel!

  5. Super, dass Du das Thema hier ansprichst. Ich habe sofort an Asperger gedacht, als in der Presse das Wort „Autist“ auftauchte, und die Ungerechtigkeit und Ignoranz empfunden, die einen simplen Grund für den Amoklauf sucht. Noch schlimmer, jetzt sollen angeblich amerikanische Behörden eine genetische Untersuchung des Täters in Auftrag geben…

    Als ob das als Grund nicht ausreichen würde, eine waffenfanatische (und angstneurotische?) Mutter zu haben, eine Scheidung der Eltern erlitten und keinen Kontakt zu Vater und Bruder mehr zu haben, einsam zu sein und mit niemandem über seine Probleme reden zu können. Vielleicht waren auch Drogen im Spiel, eine psychische Krankheit evtl., oder es ging eine Mobbing-Geschichte voraus in der bewussten Schule, wer weiß das schon.

    Die amerikanische Waffenlobby versucht es sich leicht zu machen und abzulenken. Die Dinger gehören verboten und ganz weit weggesperrt. Und Asperger-Autisten sind genauso wenig per se potentielle Mörder wie alle Menschen.

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