Die neue Grausamkeit

Die neue Grausamkeit

Lieber SpiegelOnline, liebe Medien dieser Welt,

ich lese jeden Tag die neuesten Nachrichten, weil ich gerne mit einem Mindestmaß an Information durch die Welt gehe. Natürlich lese ich nicht alles; Sportmeldungen lese ich zum Beispiel gar nicht. Aber im Allgemeinen würde ich mich durchaus als interessierten Menschen bezeichnen, der sich gerne über die verschiedensten Themen und Ereignisse informieren möchte.

Leider bedeutet informieren bei Ihnen immer häufiger, Augenzeuge zu werden, weil bestimmte Meldungen nur als (Handy-/Überwachungs-)Videos zur Verfügung stehen, die bei Klick automatisch starten.

Screenshot SpOn 28.08.12

Ein Beispiel (etwas holperig, zugegeben, aber es trifft den Kern des Problems ganz gut).
Heute, 28.08.12, ist bei SpiegelOnline folgender Screenshot zu sehen (links). Der kurzen Schlagzeile entnehme ich, dass wohl irgendein gefühlsamputierter Vollidiot seinen Esel kurzerhand an sein Auto gebunden hat und losgefahren ist. Gefilmt wurde er dabei anscheinend von einem anderen Autofahrer.

Liebe SpiegelOnline-Menschen, ich möchte gerne wissen, was mit dem Esel geschah, ob sein Peiniger gefasst wurde und wenn ja, welche Strafe er bekommen hat. Kurz: ich möchte mich über das Verbrechen informieren.

Was ich nicht möchte, ist, Augenzeuge dieses und anderer Ereignisse zu werden. Ich möchte keine gequälten Esel sehen, ich möchte nicht sehen, wie Katzenbabies an Pythons verfüttert werden, ich möchte nicht sehen, wie Luka Magnotta seinen Liebhaber isst, ich möchte nicht sehen, wie Teenager einen ganzen Wurf fiepender Hundewelpen in die Fluten eines reißenden Flusses werfen, und ich möchte auch nicht sehen, wenn in China kleine Mädchen von Autos überrollt und von Passanten stundenlang liegengelassen werden.
Ich. Möchte. Das. Nicht.

Und falls ich das wider Erwarten doch einmal möchte, dann SUCHE ICH DANACH.

Das Internet zeigt uns heute alles. Nichts bleibt verborgen, weil immer irgendein Depp seine Handykamera draufhält. Bilder, für deren Bewältigung Betroffene und Augenzeugen früher sofort psychologische Unterstützung bekommen hätten, werden heute hochauflösend frei Haus geliefert. Man kann sich das alles anschauen. Freiwillig und ohne psychologische Unterstützung.  Das kann man beklagen und verteufeln, einzig aufhalten wird man diese neue Grausamkeit nicht können.

Martin Weigert von netzwertig.com befasste sich gerade gestern mit diesem Thema und vermutet hinter dem Beklagen der Bilderflut einen Wunsch nach einer bereinigten, geschönten Darstellung der Wirklichkeit. Weiters formuliert er:

In der westlichen Welt hat sich über die Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands eine sehr distanzierte Haltung zum Tod entwickelt. Man versucht, ihn so wenig wie möglich zu thematisieren, und viele Menschen haben in ihrem ganzen Leben noch nie eine Leiche gesehen. Natürlich handelt es sich dabei um eine enorme Errungenschaft der modernen Gesellschaft. Doch es hat den Nachteil, das wir extrem sensibel reagieren, wenn wir doch einmal mit der “dunklen Seite” des Lebens konfrontiert werden und etwa einen ungeschönten Blick auf den Tatort eines Gewaltdelikts oder Unglücks erhalten.

Mit dem gesamten Tonfall impliziert der Autor eine positive Belegung solcher grausamer Bilder und Filme. Wer sie sich ansieht, stellt sich der hässlichen Wirklichkeit (und dem Tod gleich mit) und fällt nicht herein auf Wattebäuschchen-Journalismus. So ungefähr.

Geht es mir also um eine geschönte Darstellung? Will ich mir die Finger in die Ohren stecken, die Augen zukneifen und “LALALALALA!” machen? Habe ich ein distanziertes Verhältnis zum Tod und möchte Leichen aller Art aus meinem Kopf verbannen?

Die Antwort ist nein. Ich will die Augen nicht verschließen vor der Beschissenheit der Welt und der Menschen. Wird ja alles nicht weniger beschissen, wenn ich es ausblende. Mein Verhältnis zum Tod ist offen und aufgeklärt. Ich saß 20 Zentimeter neben meinem Vater, als er seinen letzten Atemzug tat.
Aber es ist eine Sache, sich mit dem Tod von Lebewesen auseinanderzusetzen, und eine völlig andere, sich Blut, Schreie, Todesangst und Eingeweide in bewegten Bildern anzuschauen. Bilder und Filme mit Blutlachen, abgetrennten Gliedmaßen und qualvollem Miauen fügen nicht das kleinste Bisschen Informationsgehalt zu einer Meldung hinzu.
Ich muss mich der Hässlichkeit der Welt stellen, so wie jeder andere Mensch auch, aber ich muss das nicht in epischer Breite, in Farbe und HD sehen. Ich muss mir nicht das Gefühl holen, dabeigewesen zu sein.

Und es ist für mich auch nicht Ausdruck von Stärke, Realismus oder einer besonders fortschrittlichen Haltung zum Tod, das zu tun.

Für mich, und vermutlich für die meisten anderen Menschen auch, ist es ein Unterschied, ob ein Ereignis in sachlichen Journalistensprech geschildert wird, oder ob man sich das direkt in HD mit eigenen Augen ansehen muss.

Bewegte Bilder von grausamen Ereignissen zu sehen, erzeugt einen Schmerz und eine Wut in mir, die augenblicklich dazu führen, dass ich entweder selber nicht mehr leben möchte, oder dass ich möchte, dass alle anderen nicht mehr leben. Bewegte Bilder machen mir Bauchschmerzen und Übelkeit, Albträume und Seelenqual.
Und ich möchte, dass diese Inhalte in den Gore-Portalen dieser Welt liegen bleiben und mir nicht von seriösen Medien auf dem Silbertablett präsentiert werden.
Dass ich wählen kann, ob ich so etwas sehen möchte oder nicht, ohne damit – falls nicht – auch gleichzeitig die Entscheidung gegen Information zu treffen.

Liebe Medienleute und Journalisten, bitte geben Sie mir die Möglichkeit, mich zu informieren, ohne dass ich Filme sehen muss.
SpiegelOnline-Menschen, bitte stellen Sie Ihren Videoclips kurze Beschreibungen voran (länger als die auf dem Screenshot) und das automatische Abspielen ab.

Geben Sie mir die Möglichkeit zu erfahren, was mit [hier irgendein Lebewesen einsetzen] geschah, ohne dass ich sein Leiden mit eigenen Augen sehen muss.

Bitte. Danke.

Ihre,
Meike Lobo

78 Kommentare

  1. wären mehr frauen in leitenden positionen der online-redaktionen, könnte man vermuten, dass solche bilder weniger verbreitet werden würden. (virtuelle) gewalt, grausamkeiten, demütigungen haben für männer (für viele, nicht alle! ) einen ganz anderen stellenwert. außer der ganz banalen faszination, spielt immunisierung eine rolle. natürlich sollte man meinen, dass jedem menschlichen wesen, das zeuge solcher tierquälerei wird, sofort tiefes mitleid, zorn , wut oder rachegelüste ergreifen. dem ist aber leider nicht so. schaut man sich beispielsweise die geschichte der vivisektion an, ist des grauens kein ende. ihr aufruf an die spiegel-redaktion ist allein schon deshalb richtig, weil er die verantwortlichen vielleicht für einen kurzen moment aus der betriebsblindheit aufschreckt. das wäre sehr zu wünschen.

    • Ihre Unterstellung Frauen würden weniger Grausamkeiten zeigen, da sie irgendwie was sind? Meinen Sie empathischer? und Männer nicht? Dann sollten Sie sich vergegenwärtigen, dass die RTL-Programmgruppe von einer Frau geleitet wird und die leben von Grausamkeiten zb Darstellungen von (Was die Redakteure dafür halten)sozialschwachen Familien, exibitionistische Magazine wie Explosiv und Punkt 12 und weiteren Morast unterster Schhubladenunterhaltung.

      [Unsachlichkeiten gelöscht]

      • Frauen die in leitende Positionen kommen sind auch nicht mehr empathisch als die Männer in ebendenselben. Sonst wären sie vermutlich nicht in diesen Positionen.

        Hört doch mit diesem unsinnigen Frauen sind die besseren Menschen auf.

    • Wie recht Sie doch haben. Und natürlich ist die Welt auch ganz einfach gestrickt – da gibt es die Guten und die Bösen, die Schwarzen und die Weißen, die Religiösen und die Atheisten. Und selbstverständlich sind alle Frauen nett, freundlich, hilfsbereit, sozial, engagiert und liebevoll zu Kindern. Männer dagegen sind alle böse, unsozial, agressiv, gewaltbereit und wollen sowieso immer nur das eine.

      (Dieser Kommentar enthält Ironie)

  2. Danke sehr.
    Was ich seit der ‘Loveparadekatastrophe’ in Worte zu fassen suchte, hast du in exakt passenden Worten wieder gegeben.
    Das tut gut.

    • Warum postest du das hier hin ? Wer Rotten nicht kennt, drückt womöglich noch einfach drauf, weil er denkt, es geht um einen zB guten Artikel.

      Postest du, analog dazu, auch rassistische Kommentare oder Links in eine menschenfreundlich Umgebung ?

      Es tut mir Leid, deine vielleicht gut gemeinte Geste als das darzustellen, was der Redakteur mit dem Esel bei SpOn auch gemacht hat – ein Post mit dem Wunsch um gemeinsame Entrüstung oder sogar Sympathie auf Kosten des Klickenden.

  3. Danke für diesen Blogpost. Er spricht mir aus der tiefsten Seele, und wer eine ebensolche hat, die noch nicht durch zu viele Bilder abgestumpft ist, der ist auch vom Leid berührt ohne es zu sehen.

    Bei uns hat gerade ein Nachbar ein brennendes Haus gefilmt, wo die Menschen schreiend am Fenster standen. 4 Kinder sind gestorben. Die Eltern und ein Säugling wurden gerettet. Wie krank ist das bitte eine solche Szene zu filmen. Muss man die Schreie hören, die Menschen filmen? Muss man so seine 5 Minuten Ruhm bekommen, als derjenige der sein Videomaterial verhöckern kann, an eben diese Medien die ja nur aufklären wollen, kritisch und nah dran. Einfach nur zum kotzen. Selbstverständlich habe ich es mir nicht angesehen, ich habe nur davon gelesen.

  4. Früher (…) hat man in so einem Fall einfach das Abo gekündigt. Aber weißt du was, Meike? Trotz all deiner Lieblingsblogs hältst du es keine vier Wochen ohne Spiegel Online (und SZ und FAZ und …) aus. Wetten, dass?

  5. Ergänzung: Ich bin wie du täglich bei spiegel.de und habe noch nie einen der aufgezählten Filme und Bilder gesehen. Jetzt frage ich mich, warum ist das wohl so??

  6. Volle Zustimmung. Das ist widerwärtiger Sensations-Klickfang-Todeslust-Gore-Journalismus aus der alleruntersten Schublade, den ich sonst nur von den Präsenzen der Springer-Zeitungen kenne.

    • Der Spiegel ist unter Jakob Augstein nach Jahren harter Arbeit auch nun dort angekommen wo Focus und Bild schon immer waren.
      Ich vermisse es nicht, den nicht mehr zu lesen.

  7. ja toller hochgelobter blogpost indem das wort VOLLSPAST benutzt wird. mein sohn ist spastiker, und ich finde das nur widerlich!!!!

    • Sie haben Recht. Der Ausdruck war unnötig und ist mit den schnaubenden Gäulen aus mir herausgaloppiert. Ich habe ihn ersetzt und entschuldige mich.

  8. liebe meike, wie wär’s mit hören statt gucken.

    [Werbelink entfernt]

    ich gebe schon lang (ende der 80er) nix mehr auf das, was die balla-balla medien so täglich erbrechen und höre lieber zu.

    gestern hat zb. der spiegel über “breaking the silence” berichtet. also über ein thema, über das mich jedenfalls der swr2 im september letzten jahres informiert hat.

    zuhören ist eh praktischer: man kann alles mögliche machen, während man hört.

  9. Stimmt schon. Mindestens genau so erschreckend ist, dass ich durchaus zucke. Heute zum Beispiel beim spon Video, in dem offensichtlich gezeigtvwerdensoll, wie Drogenhänder in Exiko Foltermethoden an Hunden ausprobieren. Muss vh. Nicht sehen, hätte aber fast geklickt.

  10. …das empfinde ich ganz genauso !! Selbst in simplen Krimis, auch “seriöseren”, wird seit einiger Zeit immer voll auf die Blutlachen und Ekelszenarien geziehlt, früher wurde dezent abgeschwenkt – die Maskenbildner scheinen sich da ewig profilieren zu müssen, und genauso wird nur sarkastisch und obercool über die “Toten” und “Leichen” gelästert oder gewitzelt …für mich auch eine Tendenz ,die Empathie demnächst ganz abzuschaffen…komme mir zeitweise vor wie im alten Rom, bei Brot und Spielen…

  11. Zum Glück kann mir selbst aussuchen welche Artikel und Videos ich anschaue. Niemand zwingt mich das Video mit dem Esel anzuklicken.

    • Natürlich. In den meisten Fällen hat man ja auch die Möglichkeit, sich zu informieren, ohne Bilder sehen zu müssen. Aber manchmal eben nicht. Zum Beispiel bei dem Esel, von dem ich immer noch nicht weiß, was aus ihm wurde, weil ich das Video nicht angeklickt habe.

  12. Vielen Dank für den Artikel. Hinzufügen möchte ich noch, dass ich es ähnlich empfinde, wenn ich eine Nachrichtenseite aufrufe und mich unvermittelt und nahezu in Lebensgröße die Hackfresse eines gewissen Herrn Breivik anglotzt.

  13. Willkommen im Internet, genießen sie Ihren Aufenthalt.

    Aber mal im Ernst, das Erste was man im Internet lernen sollte ist, Dinge zu ignorieren, die einem nicht gefallen. Spiegel Online & Co. sind da ja noch relativ harmlos

  14. Frau Meike hat Recht. Worin liegt der Nachrichtenwert solcher Bilder und Filme? Ist es nicht nur ein ganz billiger Klickzahl-Trigger, der hier genutzt wird, einen, der mit morbider Verführung spielt und ein eigenartiges Bedürfnis zu stillen versucht? Jounalismus ist dies keinesfalls.

  15. Hallo Frau Meike,

    ich empfinde es ganz genau so wie Sie. Über Gewalttaten soll meinetwegen informiert werden (wobei die Frage erlaubt sei, warum ich wissen muss, wenn irgendwo außerhalb meines Handlungsradius etwas Schlimmes passiert), aber ich will die Scheiße einfach nicht sehen müssen. Es mag leider viel zu viele Sensationssüchtige und Sadisten geben, die bei solchen Bildern irgendeine perverse Befriedigung erfahren, aber die sind doch hoffentlich in der Minderheit. Die meisten pflegen schockiert zu sein. Und dann geht man in den Tag und ist aufgewühlt, deprimiert, verzweifelt, voller Hass auf den Täter und leidet mit dem Opfer und ist außer Stande, einzugreifen.

    Ich gehe niemals ohne die Angst ins Internet, mit extremem Schrecken konfrontiert zu werden, und genauso ist es, wenn ich den Fernseher anschalte. Wenn Galileo z.B. mal wieder sensationsheischend zeigt, wie ein Fisch bei vollem Bewusstsein aufgeschnitten, entweidet, gebraten und aufgefressen wird. Und bei Joko & Claas kann man das selbe nochmal mit Tintenfischen sehen – wie konnte das passieren, dass aus schlimmster Tirequälerei Unterhaltung wird?

    • wobei die Frage erlaubt sei, warum ich wissen muss, wenn irgendwo außerhalb meines Handlungsradius etwas Schlimmes passiert

      Sich nur für das zu interessieren, was innerhalb des eigenen Handlungsradius geschieht, würde ich als Ignoranz bezeichnen und darum geht es mir ganz und gar nicht.
      Mein Herr Vater sagte immer: “Es ist keine Schande, nichts zu wissen. Wohl aber, nichts wissen zu wollen.”
      Hatte er von Sokrates.

      • @ Meike,

        “Sich nur für das zu interessieren, was innerhalb des eigenen Handlungsradius geschieht, würde ich als Ignoranz bezeichnen und darum geht es mir ganz und gar nicht.”

        Demnach muss ich einfach alls wissen, was irgendwo auf der Welt passiert? Ganz schön schwierig bei all den Informationen, die heutzutage auf uns einprasseln.
        Müssen Sie in der Konsequenz dann nicht auch unbedingt jedes noch so grausame Video sehen, um sich nicht der Ignoranz schuldig zu machen?

        Vielleicht bedeutet Ignorieren mehr, als Informationen nach persönlicher Relevanz oder gar Vorlieben auszusuchen. Zum Beispiel lese auch ich den Sportteil nicht und bin daher eine regelrechte Sportignorantin. Das werden mir wohl die wenigsten verübeln.

        Kritisch ist Ignoranz, wenn das eigene Handeln und Denken an neues Wissen angepasst werden muss und das aber nicht geschieht. Der US-amerikanische Philosoph Mark Rowlands meint, »dass der größte Teil des von Menschen bewirkten Bösen nicht von Heimtücke, sondern von dem Unwillen herrührt, seine moralische und epistemische Pflicht zu erfüllen«. Die Philosophie versteht unter epistemischer Pflicht die Aufgabe, Überzeugungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen, ob sie aufgrund des verfügbaren Beweis- und Indizienmaterials weiter gerechtfertigt sind. Ich kenne viele, die gezielt solche Informationen ignorieren, wegen der sie ihr Denken und Handeln ändern müssten. DAS ist Ignoranz. Aber nicht, wenn ich sage, dass Berichte über widerliche Straftaten für mich persönlich null Inforamtionswert, aber umso mehr Empörungs-, sprich “Unterhaltungs-“potential haben. Es ist das selbe Phänomen wie bei den Unfall-Gaffern auf der Autobahn: wollen die sich informieren? Und bin ich eine Ignorantin, wenn ich weiterfahre?

        • Müssen Sie in der Konsequenz dann nicht auch unbedingt jedes noch so grausame Video sehen, um sich nicht der Ignoranz schuldig zu machen?

          Ich glaube nicht.
          Information: 20.000 Menschen starben gestern in einem Bürgerkrieg in Drüben.
          Voyeurismus: Bilder und Videos von Leichen begaffen.
          Ignoranz: Was kümmert mich der Krieg in Drüben?! Liegt ja nicht in meinem Handlungsradius.

          • Wie ich sehe, ignorieren Sie, was ich über Ignoranz schrieb.
            Und Ihr Handlungsradius ist offenbar deutlich enger gefasst als meiner.

  16. Danke für diesen Artikel.
    Das Gleiche gilt meiner Meinung nach auch für einige Bilder in Nachrichtensendungen, selbst bei der Tagesschau.

  17. Hallo Frau Meike,

    mir geht es genauso wie Ihnen und das Bild von dem Esel geht mir seit gestern nicht aus dem Kopf, und dass, obwohl ich das Video nicht gesehen habe.

    Auf Ihren Post bin ich via BildBlog gekommen und er trifft den Nagel auf den Kopf. Noch besser fände ich ihn allerdings ohne Screenshot, weil … siehe hier.

  18. Ich glaube, dass die Flut von schreckenserregenden Bildern, denen wir seit geraumer Zeit vor allem durch das Internet ausgesetzt sind, eine Verrohung ungeahnten Ausmaßes nach sich ziehen wird. Es ist heute bei Kindern und Jugendlichen angesagt, sich so etwas anzuschauen. Wenn ein Mensch von früher Jugend an mit Bildern von Vergewaltigungen, Morden, Quälereinen usw. als etwas Normales aufwächst, so kann er nie die nötige Abscheu davor entwickeln. Nun könnte man Argumentieren, dass vor nicht all zu langer Zeit in Deutschland schreckliche Verbrechen an der Menschheit begangen wurden, auch ohne das Internet. Aber wenn Sie sich mit den Biografien vieler der (ausführenden) Täter auseinandersetzten, so werden Sie erkennen, dass es sich dabei oft selbst um in der Jugend traumatisierte Personen handelt. Personen also, die mit (realen) Schreckensbildern aufgewachsen sind.

    • Die Nazis wurden nur deshalb zu Tätern, weil sie selbst als Kinder Gewalt erfahren haben?

      Nun ja. Nein. Kann ich nicht akzeptieren.

      • Die Rede ist nicht von DEN Nazis. Die Rede ist von den unmittelbaren Tätern. Schreibtischtätertum ist einfach. Genauso einfach wie als Bomberpilot seine tödliche Fracht zu transportieren. Aber das Giftgas einzuleiten und die unmittelbare Reaktion, die Schreie, zu hören. Menschen zu erschießen und Kinder zu selektieren. Wie sollte das ein normaler Mensch tun können? Solche Menschen können schwerlich nicht selber traumatisiert sein. Entweder das, oder unzurechnungsfähig weil psychisch krank. Daran kann auch ein Urteil aus Norwegen nicht ändern.

  19. Kann ich nur voll & ganz zustimmen! Früher wären solche Videos auf rotten.com gelandet, heute lassen sich selbst die Redakteure von spiegel-online.de dazu hinreissen, sowas auf die Startseite zu klatschen, um Klicks zu generieren.
    Ich glaube übrigens nicht, dass die bloße Meldung über den Mann, der seinen Esel hinter sich her schleift, den Weg auf die Startseite gefunden hätte. Solche Meldungen sind doch nur interessant, wenn sie irgendwer auf Video gebannt hat.

  20. “sich informieren”

    Wer “Informationen” auf Seiten sucht, auf denen es offensichtlich (auch) um Welpen, Esel, Partner essen oder dramatische Unfälle geht, der sucht nicht nach Informationen, sondern nach Unterhaltung. Informationen sind im Netz zu haben – und sicher ohne lästige Quotengeilheitsbilder. Aber eben nicht auf Informationssimulationen, Unterhaltungsportalen und Klickhuren wie spiegel.de. These: Die Anbieter zeigen mit solchen Motiven ihr wahres Gesicht. Es geht um Sensation, Neugier und Visits. Leichtes Infotainment. Sich wirklich informieren dagen wäre beizeiten mühsam, langweilig und braucht viel Zeit. Nicht spiegel.de und Co müssen sich ändern. Eher die Leser.

    Andererseits: Wer sich wirklich informieren will könnte von der Welt mehr verstört sein als von Eselfotos.

  21. Erstens: Sehr richtiger, sehr wichtiger Beitrag

    Zweitens: Das trifft nicht nur auf sogenannte Panorama-Meldungen zu wie den armen Esel oder das lebende Python-Futter, sondern auch auf die ganz normalen Nachrichtensendungen, wo man regelmäßig die Blutlachen nach Anschlägen oder Kämpfen gezeigt bekommt. Das muss wirklich nicht sein und bietet ebenso keinen informativen Mehrwert.

    Drittens: Als direkte Folge einfach den Medienkonsum umstellen. Blustrünstige, sensationslüsterne Meldungen? Umschalten, abschalten. Zuviele Panorama-Grausamkeiten auf der Startseite von SpON? SpON nicht mehr nutzen. Es gibt mehrere Nachrichtenquellen auf dieser Welt. Ich habe die Macht darüber, was ich mir ansehe. Wir sind nicht bei Clockwork Orange.

  22. Das spricht mir aus der Seele, aber andererseits: Viele Leute glauben nicht, wie es manchmal zugeht. Ich konnte mir nicht im Entferntesten vorstellen, dass Hunde und Katzen abgepelzt werden und vor allen Dingen wie, damit wir unsere hübschen kleinen DEtails an Kapuzen, Kissen, Decken und so bekommen-bis ich es gesehen habe!!! Und das hat sich eingebrannt und ich schaue sehr genau, dass ich so eine Barbarei nicht unterstütze durch mein Kaufverhalten. Aber das Bild ist immer noch in meinem Kopf…

  23. Das Problem gibt es aber nicht erst seit dem Internet. In einem Heft des SPIEGEL sah ich einmal (vor etwa 20 Jahren) ein Foto in einer Geschichte über Paraguay, wo das Foto eine Szene zeigte, etwa zehn Minuten bevor etwas sehr Schlimmes passieren würde. Schon damals hätte ich mir gewünscht, daß das Bild durch eine Klappe verdeckt wäre und nicht unvermittelt beim Umblättern auftaucht.

    Auf mehreren amerikanischen Bilderstrecken habe ich Warnhinweise gesehen, die einen darauf vorbereiten, dass im folgenden unangenehme Bilder zu sehen sind. Das finde ich sehr angenehm, ohne in Zukunft bei allem und jedem eine Triggerwarnung zu erwarten.

  24. Sie schreiben mir wirkich aus dem Herzen. Vielen Dank für diesen Beitrag und ich hoffe das er auch in den betreffenden Redaktionen gelesen und vor allem umgesetzt wird.

  25. Ich verstehe das Problem einfach nicht!
    Auch nach 3x lesen nicht, vielleicht bin ich ein Soziopath aber ich versteh einfach den Kern des Artikels nicht.

  26. Vielfach sind die Bilder grauenvoll. JA!
    Aber so erschreckend wie sie sind, spiegeln die Bilder unsere Gesellschaft wieder. Wo soviel Gewalt im Alltag herrscht muss es auch möglich sein darüber zu berichten. Ich möchte auch keine Illusion einer heilen Welt verkauft bekommen.

  27. Ein gänzlich unnötiger Beitrag. Die Videos laufen nicht von alleine. Man muss sie anklicken, um sich die Abscheulichkeiten anzuschauen. Es ist die eigene Entscheidung – eigentlich eine fantastische Sache (oder etwa nicht?)! Die Nachricht ist ein Angebot der Medien an die Konsumenten. Dieser schaut sich das an, was für ihn relevant ist.

    Und was Sie möchten oder nicht ist ebenfalls in keinster Weise von Bedeutung, da andere das vielleicht möchten. Wer hat denn hier jetzt mehr Anspruch auf die Erfüllung der Wünsche.

    Mein Vorschlag – sondieren Sie doch einfach die anderen Medien und nutzen sie die, die in ihren Augen nicht so schäbig sind.

  28. “Liebe SpiegelOnline-Menschen, ich möchte gerne wissen, was mit dem Esel geschah, ob sein Peiniger gefasst wurde und wenn ja, welche Strafe er bekommen hat.”
    Warum? Wird dadurch die Welt gerechter? Wird die Welt besser, wenn sein Peiniger möglichst hart vom Volkszorn getroffen wurde? Geht es dem Esel dadurch besser? Wird sein Martyrium erträglicher?

    Die Frage die sich mir doch stellt, ist, warum man sich solche Nachrichten überhaupt antut, wenn man mit der Grausamkeit der Nachricht nicht umgehen kann? Durch das anklicken solcher “Schmiererein” erzeugt man doch genau das, wovon die Verlage leben – simple, billige Klicks. Das Gezetter und Aufgerege danach juckt niemanden mehr – wohl aber der Klick auf die “Nachricht”. Deshalb mein Rat – So einen Mist erst gar nicht anklicken!

    • Und genau das ist Ignoranz. Das, was unangenehm ist, einfach nicht anklicken. Information ist Wurde der Peiniger gefaßt, wurde dem Esel (hier) geholfen und gab es eine Strafe bzw. wird die Wiederholung verhindert.

  29. Ein Artikel, der mir aus dem Herzen spricht.

    Es sollte einen neuen Ehrenkodex in der Presselandschaft geben. Der Alte hat ausgedient.

  30. Spiegel Online bedient sich schon seit Monaten fast nur noch bei der Videoplattform LiveLeak. Abgesehen, dass viele Clips, die dort auf der Homepage gefeaturet werden, oft schon mehrere Monate alt sind, ist die Plattform bekannt für ihren zweifelhaften Content.
    Ich habe schon länger das Gefühl, die SPON-Videoredaktion besucht zur Themensuche ausschließlich die Startseite von LiveLeak.

  31. “JFK starb nicht einmal, sondern zehn Mal”, hörte man es nach dem 22 November 1963 häufig, “einmal auf der Elm Street, und neun Mal im Fernsehen”. Das war vor knapp fünfzig Jahren, daß man sich über die zunehmende Verrohung in der Berichterstattung der Medien Sorgen machte.

    Und Forteschritten ist diese Verrohung allemal, seitdem. Und schon lange, bevor es das Internet gab, und sehr lange, bevor das Internet das wurde, was es heute ist, nämlich ein Kommunikationskanal, über den wir uns Informationen beschaffen.

    Schon die Zeitungsverleger wußten, womit sie ihr Publikum anziehen können, nämlich mit den Aufregern. Mit Gewalt, mit Zerstörung, mit Ungerechtigkeit. Und auch mit Leid. Mit dem Leid der Kinder in Afrika, dem Leid der Zivilisten in Kriegsgebieten, und dem Leiden von Tieren, die in Massenkäfigen eingepfercht sind, und den Tieren, die grausam mißhandelt werden.

    Damit bekommt man Leser, so die BILD mit einer Auflage von aktuell 2,694 Mio. Exemplaren.

    Die Medien ziehen hier an einer sehr menschlichen Eigenschaft, der Neugier für das Ungewöhnliche, auch das Entsetzliche. So, wie sich bei einem Verkehrsunfall die Gaffer einfinden, so finden sich die Leser ein, wenn man die Katastrophenmeldungen bringt.

    Jedenfalls finden sich gewisse Menschen ein, die einen als Gaffer, die anderen als Konsumenten. Andere wissen es besser und ziehen weiter – ohne den Unfall zu begaffen, und ohne die Medien durch Kauf oder Web-Abruf zu würdigen. Ohne den Medien zu bestätigen, daß sie wieder alles richtig gemacht haben, indem sie die größten Blutlachen zeigen.

    Es ist nicht die Aufgabe der Medien, eine geschmackvolle Auswahl zu treffen. Sondern es ist die Aufgabe der Firmen, die diese Medien betreiben, Konsumenten anzusprechen. Und Umsatz zu machen, und Gewinn.

    Und solange man mit Grausamkeiten Gewinn machen kann, werden es die Firmen hinter den Medien tun. Da hilft es nichts, sich über eine Jahrzehnte alte Entwicklung zu beschweren, aber gleichzeitig zu bestätigen, daß man diesem Medienanbieter noch weiterhin treu bleiben möchte.

    Man könnte mit den Füßen abstimmen, oder, pardon: Mit einem Mausklick. Und nicht nur solche Schmuddelgeschichten links liegen lassen, sondern diejenigen, die sie systematisch fördern.

    Also: Könnte man.

  32. Insgesamt finde ich den Kommentar von Meike völlig richtig. So wundert es mich auch nicht mehr, dass unter Tierschützern, welche “zur Aufklärung” ständig grausame Fotos posten, der Ton sehr aggressiv ist. Klar, sie hassen mittlerweile alle anderen Menschen, jeder könnte ein potenzieller Täter sein. Informationen kann man auch in Schriftform äußern. Und wenn ich dann noch ein Bild haben möchte, möchte ich selbst entscheiden, ob ich es anklicke oder nicht. Eine Warnung: Vorsicht grausam wäre auch nicht verkehrt.

    • Das ist richtig. Von einem Schwein, das nach Möglichkeit glücklich aufgewachsen ist.
      Nur, weil ich Fleisch esse, bin ich kein Tierquäler.

  33. Vielen Dank für diesen klaren Beitrag. Warum gibt es diese Entwicklung? Warum immer mehr Gewalt? Film, Fernsehen, Computer und Printmedien sind voller Blut. Sollen wir uns nach Jahrzehnten des Fiedens (in Deutschland) wieder daran gewöhnen? Werft Fernseher, Bild und Spiegel aus dem Fenster, macht Platz für anderes, neues Denken!Nochmals, vielen Dank!

  34. “Geht es mir also um eine geschönte Darstellung? Will ich mir die Finger in die Ohren stecken, die Augen zukneifen und “LALALALALA!” machen? Habe ich ein distanziertes Verhältnis zum Tod und möchte Leichen aller Art aus meinem Kopf verbannen?

    Die Antwort ist JA.”

    Herr Weigert hat das Problem genau erfasst und dass hier ist die peinliche Antwort einer dieser Person die eben genau in einer solchen Blase leben wollen. Ich bin sogar der Meinung, dass die realen Grausamkeiten die Gewalt, Krieg, Verbrechen usw. mit sich bringen noch viel häufiger udn deutlicher gezeigt werden sollten, damit dieses geschönte Verhältniss was wir Menschen in der ersten Welt zu diesen Grausamkeiten haben endlich mal abgestellt wird. Leute sollen sehen was es anrichtet wenn jemand erschossen wird, oder vergewaltigt oder von jemand Besoffenem überfahren… Und NEIN, es ist eben nicht das gleiche sich das vorzustellen. Jeder soll es ruhig so sehen wie es in der Wirklichkeit ist. Nur so kann man die Gesellschaft vielleicht eines Tages aufrütteln!

    Wer damit nicht umgehen kann soll sich vom Internet fern halten und weiter die Augen vor der Wirklichkeit verschließen

    • Mist, mein Kommentar von unten sollte eigentlich hier hin.

      Also irgendwie auch so zum Teil.

      Vielleicht schauen Sie mal runter, ich habe da auch einige Ihrer Eingebungen thematisiert, wenn auch nicht persönlich.

  35. Wow!
    Bessere Worte hätte ich dafür nicht finden können. Und 100% Zustimmung..

    Leider ist die Welt voller Spinner die “Brot und Spiele” dankend annehmen – und abgestumpft genug sind um es nicht zu realisieren.

    Kopf hoch, vielleicht filmen sie sich vielleicht gegenweitig während sie sich gegenseitig massakrieren?

  36. Ich habe nicht alle Kommentare hier gelesen, weil es mit zunehmender Lektüre an einem Stück sehr anstrengend wird den Argumentationen zu folgen und sie mit der eigenen Einstellung stets abzugleichen.

    Was mir hier sehr gut gefällt – ganz generell – ist die fehlende Auge-um-Auge-Mentalität. Bis auf kleine Ausnahmen, die dann gütigerweise einfach “ignoriert” wurden.. hihi :)

    Was mir zu diesem Thema ganz eklatant auffällt ist, dass es nicht allein darum geht, dass hier einer der glaube ich ursprünglichsten Triebe nach dem Fortpflanzugs- oder Muttertrieb befriedigt wird, nämlich das Begutachten von Schockierendem (das geht von der Diffamierung von Dicken in fast allen privaten Fernsehsendern bis eben hin zu Bildern von Gestorbenen oder sogar Sterbenden) geht – sondern es sehr oft noch um den kommerziellen Gedanken damit geht.

    Der SpOn verdient Geld damit, solche Eselchen leidend zu posten. Man nutzt die Triebe des Menschen letztendlich aus, zum Schrecken der Herzen aller. Denn, bringt es dem Esel oder gar mir etwas, wenn ich ihn beim Leiden zugesehen hab ? Es bringt ihm natürlich auch nichts, wenn ich es nicht tue, aber mir geht es dann nicht so schlecht.

    Der Kommerz ist also das, was mir hier ins Auge und Herz “sticht” und ich vermute, dass viel dieses Verhaltens darin zu suchen ist.

    • Startseite, unten Mitte, Abteilung Videos. Starten, ohne dass ich einen weiteren Knopf klicken muss. Ich muss auf “Pause” drücken, damit die Wiedergabe unterbrochen wird.

  37. Sprichst mir aus der Seele. Man kann sich oft nicht mal dagegen wehren diese Grausamkeiten zu sehen,weil häufig die Videobeschreibungen bzw. “Überschriften ” nicht mal mehr genauen Aufschluss über deren Inhalt geben
    …bis man das Video stoppt ist das schlimmste schon passiert

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