#Ehefüralle: Alles/nichts verändert sich

#Ehefüralle: Alles/nichts verändert sich

Die Ehe für alle ist da und ohne jetzt näher auf meine Ablehnung der staatlichen Institution Ehe einzugehen freue ich mich sehr über diese Entstigmatisierung und Gleichstellung homosexueller Beziehungen. Ich hoffe sehr, dass die heutige Abstimmung Menschen dazu ermutigt, offen, selbstverständlich und frei (hier stand gerade ohne Witz ‚freu‘) ihr Leben, ihre Liebe und ihre Sexualität zu leben. So selbstverständlich wie ich und jede andere heterosexuelle Person das tun kann, weil wir nicht für unsere Partnerwahl angefeindet und verurteilt werden.

Die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist ein großer Schritt, auf den viele Menschen schon lange gewartet haben. Entsprechend groß ist das Getöse heute in meiner Twittertimeline. Freudentränen fließen, alkoholische Kaltgetränke sowieso, alles liegt sich lachend und seufzend in den Armen. Beim Blick aus der Filterblase heraus tun sich die üblichen Abgründe auf, die ich hier nicht mehr anführen muss. Bei Gegnern wie Befürwortern fällt jedoch auf, dass es im Wesentlichen zwei Reaktionen gibt: die einen glauben, dass sich für Heterosexuelle mit der Öffnung der Ehe alles zum Schlechten verändert, und die anderen, dass sich überhaupt nichts verändert. Auf der einen Seite steht also der Untergang der heteronormativen Abendlandskultur, auf der anderen die Stasis.

Was fehlt, ist die Möglichkeit einer positiven Gesellschaftsveränderung, die auch heterosexuelle Menschen betrifft. Ist das tatsächlich so unvorstellbar? Dass unsere seit fünftausend Jahren auf beinahe unveränderten Pfeilern stehende, überwiegend heterosexuelle Kultur durchgerüttelt und besser wieder zusammengesetzt wird? Ist es unvorstellbar, alles, was bisher war, durch etwas Besseres zu ersetzen? Etwas, das alle Menschen betrifft, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung oder Identität?

Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, ob sich durch die Ehe für alle etwas ändert. Wer kann heute schon sagen, welchen Einfluss ein von der Norm abweichendes Elternpaar auf die Weltsicht, das Selbstverständnis, auf soziale und emotionale Fähigkeiten eines Kindes hat? Wer kann sagen, ob ein solches Kind sich in der gleichen Weise in unser bestehendes System aus Konsum und Lohnarbeit einfügen wird? Wer kann sagen, ob durch die Entstigmatisierung der Homosexualität nicht viel mehr Menschen den Mut finden, sich zu ihrer Orientierung zu bekennen, die bisher ein unterdrücktes Dasein in bitterer heterosexueller Selbstverleugnung führten? Wenn plötzlich nicht mehr rund 10 % Bevölkerungsanteil homosexuell sind, sondern 20 oder 30, weil die aus dem gesellschaftlichen Stigma resultierende Dunkelziffer plötzlich gut ausgeleuchtet im Zentrum der Gesellschaft steht? Und welche Auswirkungen das wiederum auf Geburtenraten, Geschlechterverhältnis und Gesellschaftshierarchien hat? Entsprechende Gesellschaftsmodelle in anderen Ländern sind viel zu jung, um die langfristigen Auswirkungen, die sich ja in vielen Bereichen oft erst nach Jahrzehnten zeigen, sichtbar zu machen.
Die Wahrheit ist: ich habe nicht den blassesten Schimmer, ob sich durch die Gleichstellung von homosexuellen Beziehungen etwas an den überwiegend von Heterosexuellen gestalteten Gesellschaftsstrukturen und Werten verändert, aber ich finde die überwiegend von Heterosexuellen gestalteten Gesellschaftsstrukturen und Werte so menschenfeindlich, so selbstausbeutend, unfrei und von Zwängen geprägt, dass ich denke: Warum nicht?

Warum nicht alles anders machen werden lassen als die letzten fünftausend Jahre?
Die heterosexuelle Ehe (jetzt muss ich doch kurz herumstänkern) ist als unmittelbare Folge von Ackerbau und Viehzucht entstanden, als der Mann ein System brauchte, um seinen plötzlich vorhandenen materiellen Überfluss zu verwalten, zu behalten und an seine Nachkommen weiterzugeben. Übrigens nur der Mann, denn Frauen besaßen selber nichts, sondern waren im Gegenteil Teil des männlichen Besitzes. Aus diesem Besitz ging direkt die Erfindung des Geldes hervor und daraus die Lohnarbeit. Das sind heterosexuell-männliche Werte, die genau dahingeführt haben, wo wir heute stehen – im Positiven wie im Negativen. Wir leben hier zwar in Wohlstand, Sicherheit und guter gesundheitlicher Versorgung, doch zu den katastrophalen systematischen Nebenwirkungen dieser Entwicklungen gehören Klimawandel, Ausbeutung der Dritten Welt, Gewalt gegen Frauen gerade auch innerhalb des Familienkonstruktes und das zehrende Streben nach einem materiellem Wohlstand, den 98% der Menschen niemals erreichen werden.

Ich habe keine Angst davor, dass sich diese Dinge verändern könnten. Ich habe nur Angst vor einer Gesellschaft, die sich keine andere Welt vorstellen kann als die, in der sie lebt.