Die Welt retten - ein Programm in x Mauseschrittchen

Die Welt retten – ein Programm in x Mauseschrittchen

Man könnte sagen „Donald Trump ist der Präsident der USA, ich muss kritisch twittern und kann mich jetzt nicht um die Rettung der Welt kümmern!“ Kann man. Irgendwas ist ja immer, das einen davon abhält, die Welt zu retten. Treffen im Kegelclub, Abendessen mit Claudi und Stefan, um die Häuser ziehen mit den Jungs, Serien gucken. Die schlimmste dieser Rettungsbremsen ist man aber selbst. Beziehungsweise das tückische Gefühl, zur Rettung der Welt reiche eine kritische Grundhaltung schon aus. Wenn man – grundsätzlich – schon weiß, was falsch läuft, ist die Welt doch quasi schon ein bisschen verbessert. Wenn man weiß, dass der Big Mac, in den man dann mit dieser Mischung aus Geilheit und Heißhunger hineinbeißt, von den unglücklichsten Kühen stammt, die man sich vorstellen kann, und ihr Schicksal vor dem Schlucken einen Moment lang bedauert, dann hat man das kurze und intensive Leben dieser Tiere doch schon ein wenig besser gemacht. Oder nicht?

There’s no such thing as „Kritischer Konsum“

Natürlich verbessert das nichts. Mit jedem kritischen Einkauf erzeuge ich die gleiche Nachfrage am Markt wie jemand, dem das Schicksal der unglücklichen Kühe am Arsch vorbei geht. Mit jedem ironischen Einschalten von „Bauer sucht Frau“ erzeuge ich die gleiche Quote wie jemand, der die Vorführung von Menschen vor einem Millionenpublikum tatsächlich für gute Unterhaltung hält. Das leicht angeekelte Lesen von Frauenzeitschriften, die die Frau zu einem um ihre Optik besorgten Konsumhäschen erziehen, in Wartezimmern und Friseursalons bestätigt die Zeitschriftenauswahl der Praxis oder des Salons ganz genauso wie jemand, der WIRKLICH wissen möchte, wie ein Frauenkörper zwei Wochen nach einer Geburt wieder einladend aussehen kann. Es gibt keinen kritischen Konsum, es gibt nur Konsum.

Ich habe selber eine Weile gebraucht, um das zu schnallen. In „Germany’s Next Topmodel“ habe ich früher ganz gerne hineingeschaut und die Pizza hat mir auch immer geschmeckt, obwohl das Hackfleisch darauf von unglücklichen Kühen kam. Auf Biolebensmittel haben der Mann und ich schon länger umgestellt, aber ein paar eklige kleine Industriegüter haben wir uns dann und wann nochmal in einem normalen Supermarkt gekauft. Und irgendwie dabei gedacht, das reicht. Wir sind kritisch, die Schattenseiten eines globalisierten Hyperkapitalismus sind uns bewusst, wir denken mit einer gewissen Demut an die unterbezahlten Arbeiter und Arbeiterinnen, die unsere Konsumgüter in Bangladesh oder China fertigen und bedanken uns gedanklich bei den jungen Männern, die in Afrika praktisch ohne Sicherheitsvorkehrungen unter giftigsten Bedingungen die Rohstoffe abbauen, die uns unsere verliebten iMessages ermöglichen.

Nun erreicht die Amarschseiung der Welt seit zwei Jahren immer neue Höhepunkte, die Dritte Welt macht sich auf, um bei der Ersten an die Tür zu klopfen und zu fragen, ob sie auch etwas von den von ihr selbst hergestellten Konsumgütern abhaben kann, und die Erste Welt reagiert darauf mit Angst, Abschottung und Härte. Vorbei die Zeit der Weltrettungsabsichten. Welt retten, ja schon, aber nur solange ich nicht WIRKLICH etwas abgeben muss. Nur solange, wie ich Dinge tun muss, die mir eh leicht fallen. Solange es um Dinge geht, die ich ohnehin nicht brauche. Alles, was darüber hinaus geht, echter Verzicht auf Bequemlichkeiten, echte Veränderung des Alltags, das wollen wir nicht. Weltrettung ja, aber nur, wenn sich mein Leben dadurch nicht verändert und ich weiter alles kaufen kann, was ich möchte. Als mir die Verlogenheit und Scheinheiligkeit meiner eigenen Haltung bewusst wurde, fragte ich mich, wie ich mir das selbst so lange hatte durchgehen lassen.

Veränderungen

Die Veränderungen, die die Einsicht nach sich zog, kamen so selbstverständlich wie die Krise (mein Leben ist derzeit ja so etwas wie eine Aneinanderreihung von Krisen). Heute ist vieles in unserem Haushalt anders als vor zwei, drei oder sieben Jahren. Als schlechteste Hausfrau der Welt, die jede Art von Hausarbeit leidenschaftlich hasst, fiel mir die Umstellung zu mehr „Unbequemlichkeit“ in diesem Bereich nicht ganz leicht, aber auch nicht so schwer, dass ich mir das nicht schon viel früher hätte abverlangen können. In der Folge schreibe ich nun auf, was wir heute anders machen, worauf wir verzichten und was wir durch Alternativen ersetzt haben. Nicht jede solcher Veränderungen ist für jeden alltagstauglich, sei es aus Zeit- oder Geldgründen. Die Liste ist unvollständig und erst ein Anfang, wahrscheinlich gibt es noch viel mehr, das man mit zumutbarem Aufwand tun kann, und ich bitte ausdrücklich um weitere Ideen, Anregungen, Ergänzungen.

  • Kein Auto mehr, statt dessen Car2Go
    Als der Leasingvertrag für unseren Phaeton im Juli 2015 auslief, überlegten wir, wie es weitergeht. Im Sommer fahren wir regelmäßig in die Natur, ein Leben ohne Auto schien uns unmöglich. In unsere Überlegungen hinein wurde der Abgasbetrug von VW publik und ich sagte dem Mann, dass mir nie wieder ein Auto von VW oder einer Tochtermarke ins Haus kommt. Eigentlich wollte ich auch nie wieder einen Verbrennungsmotor. Wir recherchierten viel über Tesla, scheuten aber die hohen Kosten, die geringe Reichweite und das mickrige Ladenetz. Um die Zeit bis zu einer endgültigen Entscheidung zu überbrücken, meldete sich der Mann bei dem Carsharing-Anbieter Car2Go an, der uns ermöglichte, weiterhin am Wochenende in die Natur zu fahren. Mit einer Einrichtungsgebühr von aktuell 9€ und einem Minutenfahrpreis von 24 bis 34 Cent liegen die Kosten ein Vielfaches unter unserem früheren Leasingvertrag oder später den Taxikosten. Die gute Verfügbarkeit, die geringen Kosten und die unproblematische Parkplatzsuche führten dazu, dass die Zeit bis zu einer Entscheidung immer länger wurde. Schließlich beschlossen wir, kein Auto mehr zu kaufen – zumindest nicht solange wir noch im Herzen von Berlin wohnen, wo der nächste Car2Go-Smart in der Regel nur wenige Meter entfernt steht.
  • Kleidung reparieren, statt wegwerfen und neu kaufen
    Einer der größten Ungerechtigkeitsfaktoren ist die Textilindustrie, die im Bestreben, mehr Gewinne zu erwirtschaften, Ramschware in immer kürzeren Kollektionswechseln auf den Markt wirft. „Die globale Textilwirtschaft hat es in wenigen Jahren geschafft, aus Kleidung Wegwerfprodukte zu machen.“ Als Bangladesh als Produktionsland durch den Einsturz der Fabrikhalle Rana Plaza, bei der über 1100 Menschen starben, die dort u.a. für C&A, KiK, Benetton, Mango, Primark und Walmart Kleidung hergestellt hatten, für den Konsumenten vergiftet war, wanderten viele Firmen einfach nach Südostasien ab, statt die Verhältnisse zu verbessern. Ich war zwar noch nie das große Shoppingpüppchen, habe also auch früher schon nicht oft Schuhe und Kleidung gekauft, aber hin und wieder gab es dann eben doch ein paar neue Baumwolloberteile für 9,95. Ging etwas kaputt, warf ich es weg und kaufte es neu, die Reparatur lohnte ja bei so geringen Kosten doch nicht. Das sehe ich heute anders. Löcher in Socken und aufgeribbelte Nähte repariere ich heute, anstatt das Kleidungsstück wegzuwerfen. Ich bin alles andere als begabt mit Nadel und Faden, aber eine verkrunkelte Naht bekomme ich gerade noch so hin. Außerdem schafft das Nähen eine kurze Ruheinsel im Alltag, ich kann nebenbei ein Hörspiel hören oder ein bisschen Youtube gucken. Meist sammle ich kaputte Teile eine Weile und mache dann alles auf einmal, dann lohnt sich das Gefriemel mit dem Faden wenigstens. Länger als eine halbe Stunde im Monat brauche ich nicht dafür.
  • Zusammen duschen
    Zu den eindeutig angenehmeren Umstellungen gehört es, dass der Mann und ich fast immer zusammen duschen. Das spart Wasser und macht gleich zweimal Spaß, nämlich einmal beim Duschen und dann noch einmal bei der Nebenkostenrückzahlung.
  • Sodastream statt gekauftes Wasser
    Evian, das der Mann lange trank, hat vor kurzem eine so unverschämte Verteuerung hingelegt (weniger Inhalt bei höherem Preis), dass wir uns nach einem alternativen, am liebsten regionalen Mineralwasser umschauten. Beim Recherchieren wurde schnell klar, dass die billigste und ökologischste Alternative das gute alte Leitungswasser ist. Da ich Wasser ohne Kohlensäure aus religiösen Gründen ablehne, schafften wir uns einen Sodastream für 99€ an und zapfen jetzt seit Monaten unser Wasser selbst. Die Kohlensäurekartusche reicht für bis zu 60l und kann in vielen Supermärkten, Drogerien und Baumärkten umgetauscht werden. Wir machen das bei dem kleinen Minibaumarkt gegenüber für 8,99€. Verglichen mit den Kosten, die wir früher im Schnitt alle 5 Wochen für Wasser ausgegeben haben, hatte sich der Sodastream schon nach zwei Monaten amortisiert.
  • Lebensmitteleinkäufe
    Früher sind uns viele Lebensmittel schlecht geworden, vor allem Obst, Gemüse und Käse. Wir haben schlichtweg zu viel eingekauft, meist um etwas auf Vorrat da zu haben, „falls man Appetit bekommt“. Falls man aber keinen Appetit bekommt und einen zusätzlich noch die Lust zu Kochen verlässt, was bei uns regelmäßig der Fall war, dann liegen Berge frischer Zutaten tagelang unangetastet im Kühlschrank und rufen schließlich schimmelbeflockt die Republik aus. Also haben wir uns gnadenlose Selbstbeschränkung verordnet, wir kaufen heute viel weniger und nur Sachen, von denen wir sicher wissen, dass wir sie in den nächsten drei, vier Tagen verbrauchen. Darüber hinaus, und das fiel mir besonders schwer, verzichten wir auf exotische Früchte, von denen ich früher Unmengen in mich reingestopft habe. Aber da Wildmangos, Cherimoya, Sharonfrüchte und Kiwis nun einmal nicht in der Uckermark wachsen und daher eine halbe Weltreise hinter sich bringen müssen, um von mir gegessen zu werden, verzichte ich. Ich versuche, so regional wie möglich zu kaufen und lediglich im Winter, wenn es kaum regionales Obst gibt, erweitere ich die Maximalentfernung unserer Lebensmittel auf Resteuropa. Alles, was von weiter weg kommt, gibt es in unserem Haushalt gar nicht mehr. Unser Kundenkonto bei pizza.de haben wir gelöscht, wir kochen heute fast täglich selber. Ja, tatsächlich, es gibt ein Leben jenseits der Bestellpizza.
  • Konsumverzicht
    Ich war früher willenloses Opfer vor allem von Schnickschnackläden wie NanuNana, Butlers und ähnlichen Nutzlosesdekozeuganbietern. Früher führte mich jeder Besuch im benachbarten Einkaufszentrum auch bei NanuNana vorbei, wo ich nach Platzdeckchen, Kerzenhaltern, Kerzen und dekorativen Kartons Ausschau hielt. Ich verließ das Geschäft nie mit leeren Händen, nie. Das mache ich heute nicht mehr. Wir kaufen so wenig wie möglich und nur Sachen, die wir brauchen. In-App-Käufe, Lieder, die kostspielige itunes-Onlinevideothek, mit der wir früher bis zu 100€ im Monat für Filme und Serien ausgegeben haben, Nagellacke (meine Archillesferse), dieses ganze Getöse, das man eigentlich nicht braucht, aber haben will (because fuck you that’s why) haben wir extrem zurückgefahren. Wir gönnen es uns hin und wieder als Goodie, aber das Kaufen ohne Nachzudenken gehört nicht mehr zu unserem täglichen Leben. Zu meinem letzten Geburtstag im August schenkte mir der Mann eine Kiste Nichts (s. Titelbild) und das war das Schönste, was er mir hätte geben können. Dass sich all das auch an unserem Kontostand bemerkbar macht, ist ein wunderschöner Nebeneffekt, denn das Geld, das wir sonst gedankenlos in Güter gesteckt haben, die uns im Grunde nichts bedeuteten, können wir so für schönere und nachhaltigere Dinge ausgeben. Einen Teil spenden wir an verschiedene Organisationen, einen Teil sparen wir und einen Teil geben wir für Unternehmungen aus, die uns gut tun und Erinnerungen schaffen.
  • Kerzen selber gießen
    Ich bin Kerzenmensch, ein Leben ohne offenes Feuer um mich herum kann ich mir nicht vorstellen. Entsprechend hoch waren früher die regelmäßigen Ausgaben für Kerzen. Oft brennen diese Kerzen nicht ganz bis zum Schluss, der Docht ertrinkt, bevor die Kerze ganz heruntergebrannt ist, so dass ein Fünftel des Wachses unverbraucht in die Mülltonne wandert. Das hat mich gestört und weil ich mich daran erinnern konnte, dass mein Bruder und ich als kleine Kinder mal mit unserer Mutter in der Adventzeit Kerzen selber gegossen haben (damals zum Spaß, nicht um die Welt zu retten), fing ich an, die Wachsreste zu sammeln. Kerzen zu gießen ist wirklich eine einfache Sache, man braucht nur leere Klopapierrollen, etwas Knete, Docht aus dem Bastelladen und Zahnstocher, um den Docht zu fixieren. Dann schmilzt man einfach das Wachs in einem Stiltöpfchen und gießt es in die Rollen, die auslaufsicher in der Knete stehen. Das meiste Gefriemel macht es, den Docht in der richtigen Länge um den Zahnstocher zu knoten, der Rest ist ruckzuck gemacht.
  • Weniger und andere Reiniger
    Ich hätte nie gedacht, dass ich als Antihausfrau mal auf meinem Blog Putztipps geben würde, aber das Leben steckt eben voller Überraschungen. Nun denn. Ich habe zwar nicht oft und nur ungern geputzt, hatte für diese Fälle aber eine ganze Armada an Flaschen und Dosen mit verschiedenen Reinigern für alle Lebenslagen. Zum einen habe ich fast alle Reiniger auf umweltschonendere Mittel von Frosch oder AlmaWin (gibt es im Biosupermarkt oder Reformhaus) umgestellt und zum anderen die schiere Anzahl drastisch reduziert. Es ist gar nicht nötig, für das Wäschewaschen ein Vollwaschmittel, eines für Buntwäsche, einen Hygienespüler und Weißtücher zu verwenden. Ich hätte es wirklich nicht für möglich gehalten, aber die Ökosorten sind oft sogar besser als die früheren Chemiebomben, z.B. das Frosch-Waschpulver und die Geschirrspültabs von Almawin. Beim Gesichirrspüler bleiben zwar oft Kalkflecken auf den Gläsern, aber wie übersättigt muss eine Gesellschaft sein, wenn sie Kalkflecken auf ansonsten sauberen Gläsern als größeres Problem wahrnimmt als Umweltzerstörung durch aggressive Reiniger?
    Update: Nach ein wenig Herumprobieren hat sich zum Wäschewaschen eine Mischung aus Waschnüssen und Frosch-Waschpulver am besten erwiesen. Waschnüsse allein reichten leider oft nicht, doch mit einem Teelöffel Waschpulver ergänzt ist die Reinigungsleistung vollkommen ausreichend. Wegen des steinharten Berliner Wassers funktioniert ökologisch unbedenkliche Citronensäure als Entkalker bei unserer Kaffeemaschine leider ebenfalls nur leidlich, weshalb wir da nach wie vor zur Chemiekeule greifen.
  • Außerdem neu: wir kaufen die wenige Kleidung, die manchmal nötig ist, wenn möglich von nachhaltigen/fairen Anbieter wie hessnatur, Vivanda oder Greenwindow oder wenn wir da nichts Passendes finden, Second Hand zum Beispiel bei Ubup. Bücher, Filme und andere Medien kaufen wir nach Möglichkeit ebenfalls gebraucht bei Medimops. (Keiner der Anbieter hat mich gebeten und/oder bezahlt, damit ich ihn verlinke.)

Sicher beschreibt diese Liste noch nicht die Rettung der Welt. Aber es kann ein Anfang sein, wenn wir alle aufhören, uns selbst in die Tasche zu lügen, dass eine kritische Grundhaltung Umweltzerstörung und Ungerechtigkeiten verursachenden Hyperkonsum besser macht. Denn das tut sie nicht.