Das Vielfache von Entsetzen

Das Vielfache von Entsetzen

Der erste Impuls im Angesicht schlimmer Ereignisse ist immer der gleiche: Informationen und den Trost der Gruppe suchen. Beides findet man heute vermeintlich in den sozialen Medien sehr schnell. Wo sonst bekäme man das Video eines Amoklaufs noch während er im Gange ist, auf dem man mit eigenen Augen sehen kann, was, wo und wie passiert? Wo sonst als in der eigenen Timeline findet man auf die Schnelle so viele Menschen, denen man genug Integrität und Charakterstärke zutraut, um in dieser Situation zu wissen, was das Richtige ist? Und bevor man es sich versieht, sitzt man vor dem Rechner, klickt mit klopfendem Herzen jeden (bei vorhandener Medienkompetenz fast jeden) Link an und hofft, dort entweder Trost oder Informationen zu finden.

Klicken gegen die Ungewissheit

Zehn bis fünfzehn Menschen seien tot, berichten gestern Abend ausländische Medien, noch während der Amoklauf in München anhält, noch während die Polizei München wiederholt betont, sie könne keine gesicherten Zahlen über Tote und Verletzte herausgeben. Man weiß, man sollte nichts auf solche Meldungen geben, sollte auf gesicherte Informationen warten und nicht bei jedem schrecklichen Gerücht zusammenzucken. Und doch schlagen wir uns innerlich angesichts der Schlagzeile die Hand auf den Mund, fünfzehn, mein Gott, wie schrecklich. Unsere Empfindsamkeit denkt nicht mit dem Kopf, sondern nur mit dem Bauch: „Aber was, wenn die ausländischen Medien andere Quellen haben? Augenzeugen vielleicht, die die toten Körper sehen und zählen? Was, wenn die Polizei nur nichts sagen will, weil ‚ein Teil der Antworten die Bürger verunsichern würde‘?“ Keine intellektuelle Verrenkung ist unserer Empfindsamkeit zu blöd, um ihr Bauchgefühl zu rechtfertigen.

Wir haben Angst, sind uns aber nicht sicher, ob wirklich Grund besteht, Angst zu haben, und das ist schlimmer als die Angst selbst. Wir fürchten die Meldung, es seien mehrere Täter mit Langwaffen gewesen, gleichzeitig sehnen wir sie aber auch herbei, weil sie eine Befürchtung zu einer Gewissheit macht. Ungewissheit ist das allerschlimmste für unsere Empfindsamkeit. Es ist das gleiche wie bei Eltern, die seit Jahren ihr Kind vermissen, das wahrscheinlich längst tot ist, und die irgendwann lieber die Todesnachricht bekommen möchten, um endlich mit der Tragödie abzuschließen, als in endloser Ungewissheit weiter zu hoffen. Drei Männer mit Langwaffen, das gibt die Gewissheit, dass es kein Amoklauf war, keine Beziehungstat, sondern das Monster unserer Zeit, das wir alle als allererstes im Kopf hatten: ein Terroranschlag. Also klicken wir und lesen und klicken, wir schauen Videos und zwischendurch tauschen wir ein paar wortarme Direktnachrichten („In Gedanken bei Euch“, „Wie schrecklich!“, „Passt auf Euch auf“), die Hand an der Maus ist klebrig vom Aufregungsschweiß. Die meisten Medien kennen das kleine, schwache, verängstigte Ding in uns, das sich so sehr nach GEWISSHEIT sehnt, gut und diejenigen unter ihnen, die keinen Anstand haben, müssen es nur abernten.

Es fühlt sich an wie eine Sucht, ein Sog, wir wissen, dass es nicht richtig ist, und tun es trotzdem. Irgendjemanden muss es doch geben, der informierter und souveräner ist als wir, der uns eine stabile Erklärung und ein paar beruhigende Worte mitgeben kann. Ein naiver Wunsch, wenn selbst Medienprofis wie der Journalist Richard Gutjahr, der sich gestern zufällig am Ort des Amoklaufs aufhielt, Fotos des noch laufenden Polizeieinsatzes twittern. Gutjahr entschuldigte sich zwar noch in der Nacht und löschte die Bilder, doch sein unüberlegter Schnellschuss offenbarte auch seinen emotionalen Ausnahmezustand. Bei Twitter, wo viele Menschen „privat“ sind, also nicht in ihrer beruflichen Funktion twittern, verschwimmen die Grenzen zwischen einer Institution und dem Einzelmenschen, der sich genauso anstecken lässt wie alle.

Mein Entsetzen, Dein Entsetzen

Wir merken dabei noch nicht einmal, dass wir in solchen Momenten in einen Strudel geraten, der uns nach unten zieht. Dass sich unsere eigenen Gefühle mit denen anderer mischen. Dass wir immer angespannter auf den Aktualisieren-Knopf drücken, um nur ja den letzten Stand des Newstickers oder des Twitter-Hashtags nicht zu verpassen. Mit fehlender Medienkompetenz hat das nichts zu tun, mehr mit Gruppendynamik. Die Empathie macht, dass aus dem Gefühl des Einzelnen das Gefühl der Vielen wird, dass wir uns gegenseitig in Brand stecken, unbewusst und aus dem gemeinsamen Empfinden heraus. Ist das noch mein Entsetzen oder Deins? Ist das meine Angst vor den Islamisten oder Deine? Bin ich in Sorge, weil etwas Schreckliches passiert ist, oder weil ich Eure Sorgen spüre? Stimmungen entstehen, Ängste wallen auf, Sorgen um gemeinsame Bekannte steigern sich.

Trost kann nur der geben, der weniger erschüttert ist als man selbst, und unter den Menschen, die das Herz am richtigen Fleck tragen, dürfte das in solchen Moment kaum jemand sein. Den meisten geht es also genauso wie mir: sie sind entsetzt, verängstigt, fassungslos. Wir haben einander keinen Trost zu geben, sondern können nur die Gefühle des anderen verstärken. Die Links, die man in den sozialen Medien findet, enthalten zumeist keine echten Informationen, sondern nur Gerüchte und andere Brandbeschleuniger, sie enthalten keinen Mehrwert. Die Hölle tut sich auf, wenn man nach schlimmen Ereignissen den offiziellen Hashtag anklickt und dort ungefiltert alles zu Gesicht bekommt, was Menschen zu dem Ereignis einfällt. Manches ist banal, manches geschmacklos, Populisten feiern jetzt ebenso ihren großen Moment wie Zyniker und andere Menschenfeinde.

Worum also geht es? Darum, als erster die endgültige Zahl der Toten zu erfahren? Als erster den Namen oder das Gesicht des Täters zu kennen? Warum? Es gibt Menschen, die direkt von solchen Nachrichten betroffen sind, die Freunde oder Verwandte an diesen Orten haben, um die sie sich Sorgen machen, und ich verstehe, dass diese Menschen nicht gelassen bis zum nächsten Morgen warten können. Aber wir anderen? Ich bin nicht betroffen, es gibt in München Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, aber von denen hatte ich bereits erfahren, dass sie in Sicherheit sind. Welchen Sinn also hat es für uns, immer wieder auf Aktualisieren zu klicken?

Als ich gestern Abend statt Trost und Informationen nur Menschen fand, die noch aufgeregter waren als ich, die schrien und kreischten, die hetzten und hassten, die weinten und mutmaßten, da machte ich Twitter einfach wieder aus. Um zu spüren, was das Ereignis mit mir macht. Das Ereignis, nicht die Gefühlsäußerungen der anderen. Es tat mir gut, ich war zwar den gesamten Abend in Gedanken bei den Menschen in München, aber ich war nicht hysterisch. Ich konnte weiter denken und handeln, ich war nicht gelähmt und nicht in zerstörerischer Aufregung.

Gruppendynamik bedeutet nichts anderes als dass wir Dinge sagen, tun und fühlen, weil andere sie auch sagen, tun und fühlen. Das Handeln der Allgemeinheit begründet das Handeln des Einzelnen. Menschen sind soziale Wesen; sich nach anderen zu richten, ist normal, natürlich und in vielen Fällen sinnvoll. In aufgeregten Zeiten aber, das hat der gehetzte Eilmeldungsjournalismus der letzten Jahre genauso gezeigt wie die Erfolge der AfD, macht Gruppendynamik genau eines: die Menschen noch aufgeregter. Denn das Vielfache von Entsetzen ist nicht Trost, sondern Panik.