Abschied im Zorn

Abschied im Zorn

Wir hören „Demenz“ und denken an putzige alte Herrschaftchen, die verwirrt und orientierungslos, aber auch ein bisschen niedlich sind. Die im Laden mit Knöpfen bezahlen und Socken auf dem Herd kochen, die beim Nachbarn einsteigen wollen, weil sie die Wohnungstüren verwechselt haben, und vom Einkauf das dritte Päckchen Butter mitbringen, dafür aber das Brot vergessen. Die einem 999 Mal eine Geschichte aus ihrer Kindheit erzählen und dann zum 1000. anheben. Tüddelige, alte Leutchen, die einfach etwas Hilfe bei der Lebensorganisation und darüber hinaus ein offenes Ohr für ihre Vergangenheitsserenaden brauchen.

Doch in Omas Fall bedeutet Demenz vor allem Wutausbrüche und Tobsuchtsanfälle.
Ihr kranker Verstand sucht verzweifelt nach einer Erklärung für die erodierende Ordnung in ihrem Leben, denn fehlende Krankheitseinsicht gehört zu den Symptomen der Demenz. Oma ist felsenfest davon überzeugt, vollkommen klar im Kopf zu sein, und versteht nicht, weshalb wir ihre Selbstständigkeit im Lauf der letzten anderthalb Jahre immer weiter einschränken mussten, weil ihr Alltag zum Teil gar nicht mehr klappte oder sie sich und andere gefährdete, etwa wenn sie wiederholt Essen auf dem Herd vergaß und die Feuerwehr anrücken musste. Sie begreift auch nicht, wohin all die Gegenstände verschwinden, die sie zunehmend vermisst. Sie hat sie meist selbst verlegt oder sie stammen aus einem entlegenen Winkel ihrer Erinnerung, von dem wir nicht wissen, ob er Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt. Oder ob er vielleicht auch gar nicht existiert. Geldbörsen, Schmuckstücke, Kästchen, so vieles verschwindet und weil sie absolut sicher ist, noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte zu sein, hat sie keine Erklärung dafür, wo die Gegenstände verbleiben.

Außer, dass meine Mutter sie bestohlen hat.

Die Wut aushalten

Vor einem Jahr etwa fing Oma an, von einer Keksdose zu sprechen, die sie angeblich von ihrem Vater bekam, als sie noch ein Kind war. Niemand weiß, ob es diese Dose, die in Omas Erzählungen mal 72, mal 78 und mal 92 Jahre alt ist, jemals gegeben hat, aber für sie ist sie so präsent wie das Mittagessen. Sie sagt, sie habe Geld in die Dose getan, 450 Euro, für ihre Beerdigung oder „wenn mal was ist“, und nun sei die Dose fort, gestohlen von meiner Mutter. Sie erzählt die Geschichte wieder und wieder, wie Mutti sich Zutritt zum Keller verschafft hat, wo die Dose lagerte, und sie nun weg ist. Sie wisse genau, dass sie die Dose nach ihrem Umzug nach Hamburg noch hatte, denn als sie einmal im Krankenhaus lag, habe mein Vater sie besucht und ihr von der Dose erzählt. Meine Oma lag in Hamburg zweimal im Krankenhaus, beide Male nach dem Tod meines Vaters.

Weil ihr Kopf Zeiträume nicht mehr erfassen kann und sie nie weiß, ob ein Ereignis zwei Tage, zwei Monate oder 20 Jahre her ist, fühlt sich für sie der Verlust der Dose immer frisch an, sie kann niemals darüber hinwegkommen, dass sie weg ist. Eine Weile hofften wir, dass sie die Dose wieder vergisst, wie sie alles andere auch vergisst, doch tatsächlich klammert sie sich heute verbissener an die Dose als je zuvor. Ich vermute, die Dose ist ihr ein Symbol für eine Zeit geworden, die sich nicht so schrecklich angefühlt hat wie die Gegenwart. In der Schwester und Vater noch lebten, in der die Welt noch irgendwie funktionierte und sie das energische, unverwüstliche Kraftpaket war, das sich von keinem Mann etwas hat sagen lassen. Die Dose ist die letzte Verbindung zu einer Zeit, in der das Selbstbild halbwegs zur Realität passte. Die Verzweiflung über den Verlust dieser wertvollen emotionalen Stütze muss unermesslich sein.

Omas Augen funkeln böse, wenn sie anfängt zu toben. Ihr krummer Zeigefinger stößt dann wie eine zubeißende Schlange in Richtung meiner Mutter, die Deliquentin, die Böse, in der Omas ganzer Abscheu über die verloren gegangene Selbstständigkeit kumuliert. Manchmal spricht sie mit Grabesstimme, abgrundtiefe menschliche Enttäuschung klingt dann aus ihren Worten. Dann wieder wird sie laut, steigert sich hinein, schlägt mit ihrer schwachen, kleinen Omahand auf den Tisch, dass man sich um die morschen Knochen sorgen muss. Meist ist sie dann unerreichbar weit weg, manchmal glänzen Tränen in ihren Augenwinkeln, wenn sie so wütend wird, und manchmal ist ihr Blick eiskalt. Er ist so kalt, dass mich fröstelt bei der Vorstellung, was sie meiner Mutter in diesem Moment wohl am liebsten antun möchte. Er sieht aus wie Hass.

Man kann sie meistens nicht beruhigen, man muss ja selbst die Stimme erheben, um ihre Wüterei zu übertönen und überhaupt Worte an sie zu richten. Die Lautstärke stachelt sie nur weiter an, Mutti erzählt, dass sie die Tiraden entweder schweigend über sich ergehen lässt oder einfach wieder geht. Für Oma sind die Besuche meiner Mutter in sich geschlossene Wutanfälle, es kommt mitunter vor, dass ich kurz nach Muttis Besuch bei ihr anrufe und sie sich noch nicht einmal erinnern kann, dass sie so wütend war. Mutti aber hat immer mehrere Tage etwas davon. Seit dem Tod meines Vaters und ihrer eigenen Krebserkrankung reagiert sie stark psychosomatisch auf seelischen Stress, meist schon Tage vor dem Besuch, und wenn es wieder schlecht lief, auch noch Tage danach. Sie ist der ehrlichste und bescheidenste Mensch, den ich kenne, und den kalten Stahl von Omas moralischem Richtschwert über sich zu spüren, geht ihr durch und durch, obwohl sie weiß, dass sie Omas Anschuldigungen nicht persönlich nehmen darf.

„Nimm es nicht persönlich“ ist sehr leicht gesagt, wenn man solch einen Ausbruch von Hass nicht selbst erleben muss.
Demenz, das ist nicht niedlich, sie hat meine Oma nicht in eine hutzelige kleine Omi verwandelt, sondern in ein bedrohliches Wesen, das von Leid erfüllt ist und deshalb Leid verbreitet.

Hoffen und warten

Wir haben lange versucht, Oma mit den vielen Hilfsleistungen zu befrieden, es war mein erster Wunsch und oberste Priorität, dass Oma irgendwann ruhig und friedlich sterben kann und mit dem wohligen Gefühl, geliebt zu werden. Ich hoffte, sie würde uns als liebevolle Begleiter annehmen, doch wir erkennen langsam, dass es für Oma höchstwahrscheinlich keinen Frieden mehr geben wird. Sie wird zornig sterben und in dem Empfinden, dass Mutti und ich ihr etwas ganz Schlimmes angetan haben. Diese Aussicht ist schwer zu ertragen.

Vor einem guten Jahr sagte Oma mir am Telefon, sie habe nie so alt werden wollen, wenn sie könnte, würde sie sich einen Strick nehmen. Es war das erste und einzige Mal, dass sie von Selbstmord sprach, aber dass ihr Leben ihr keinen Spaß mehr macht, hat sie seitdem oft wiederholt. Doch sie stirbt nicht. Im Gegenteil: all die Hilfe, die wir organisiert haben, hat zu mehr Stabilität geführt und so, ja, ihr Leiden verlängert. Meine Oma ist ein zutiefst unglücklicher Mensch, weil sie ein Leben leben muss, in dem Selbstbestimmung durch Entmündigung ersetzt ist. Mittlerweile hat sie eine Betreuerin, die sich um ihre Finanzen, und einen Pflegedienst, der sich um sie kümmert. Meine Mutter, die diese Dinge vier Jahre lang trotz eigener Krebserkrankung geregelt hat, muss sich immer mehr zurückziehen, weil sie mit ihren Kräften völlig am Ende ist.

Nach einem meiner Besuche im letzten Jahr schrieb ich auf Twitter, dass ich eine Mischung aus Freude und Verzweiflung darüber spüre, dass Oma noch lebt.
Mittlerweile warte ich nur noch.

—————————–
Nachtrag: Omi ist tot.