Schwache Echos

Ich schrieb etwas. Genauer: ich schrieb etwas darüber, dass ich mein Sein in dieser Welt immer als schmerzhaft unpassend empfunden habe, was zu langen Jahren voller Einsamkeit und Depressionen führte. Und wie ich ganz langsam und in winzig kleinen Mauseschrittchen einen Weg aus dieser Dunkelheit fand, als mich ein unbeteiligter Blogleser vor einigen Jahren darauf aufmerksam machte, dass ich möglicherweise hochbegabt sei.
Obwohl mir die Möglichkeit, die Königin von Sabaa zu sein, wahrscheinlicher erschien als eine bestehende Hochbegabung, folgte ich seinem Fingerzeig und begann, mich über das Thema zu informieren. Die vielen Berichte Betroffener bestätigten mein eigenes Empfinden und ich merkte zum ersten Mal in meinem Leben, dass es andere gibt. Andere wie mich. Andere Außerirdische.

Über all das schrieb ich letzten Freitag und weil ich in den letzten Tagen viel unterwegs war, entdeckte ich erst gestern Abend, welche Reaktionen das ausgelöst hat.

Diese Reaktionen hat der sehr formidable Christian Fischer in einem sehr formidablen Artikel nicht nur zusammengefasst, sondern auch den Reaktionen bei der #Aufschrei-Aktion Ende Januar gegenübergestellt.
Die Parallelen zu sehen, erschüttert, enttäuscht und beschämt mich.

Es ist mir ein Bedürfnis, einige Reaktionen genauer anzuschauen und zu kommentieren.

Selbst ist die Frau

Viel Kritik bekam der Umstand, dass ich keinen Test, kein Zertifikat, keine Urkunde vorlegen kann, um meine Hochbegabung zu beweisen. Dass ich ein Selbstdiagnostiker bin, was ungefähr auf einer Stufe mit Kinderschändern steht.
Zunächst drückt diese Häme eine solche Obrigkeitshörigkeit aus, dass ich mich ohne weitere Umschweife übergeben möchte. Das ist dumm auf eine Art, die wenig mit dem IQ und viel mit selbstständigem Denken zu tun hat. Wie wenig Vertrauen in sein eigenes Urteilsvermögen muss man denn haben, wenn alles immer erst dann gilt, wenn eine Behörde einen Stempel darunter gesetzt hat? Nur so eine Frage.

Davon abgesehen: die Leute suchen sich ihre Partner nach dem Sternzeichen aus, jeder „Was sagt Ihre Ohrläppchenlänge über Sie aus?“-Test in Frauenzeitschriften wird akribisch ausgefüllt und die Ergebnisse aufmerksam studiert, aber der Online-Test von Mensa, der Elemente seriöser IQ-Tests abfragt und nur eine inhaltliche Bewertung ausgibt, soll hahnebüchener Quatsch sein. Ah ja.
Dass ein solcher Test niemals reicht, um GEWISSHEIT zu bekommen, steht völlig außer Frage, aber eine WAHRSCHEINLICHKEIT, ob eine Hochbegabung vorliegt oder nicht, kann man daran absolut ablesen. Und von mehr als einer Wahrscheinlichkeit habe ich nie gesprochen, sondern im Gegenteil betont, dass ich eben nicht sicher bin.

Tittenmäuschen mit Spaten

Diese drastische Formulierung habe ich bewusst gewählt, um meine damalige Verzweiflung und Wut über meine Einsamkeit auszudrücken, aber auch meinen Neid darüber, dass „die anderen“ eine Einheit waren, zu der ich keinen Zugang fand. Es tut mir leid, wenn das nicht klargeworden ist, verletzen wollte ich nicht, aber ich werde mir von niemandem vorwerfen lassen, dass ich diese negativen Gefühle überhaupt hatte.

Witzigkeit kennt keine Grenzen

Kinder, was haben alle gelacht in den letzten Tagen! Kein Wortspiel war zu flach, kein Kalauer zu verletzend, um ihn nicht zu machen. Twitter war der reinste Ausbund an Witzigkeit. So weit, so erheiternd.

Menschen und das, was sie ausmacht, lächerlich zu machen, hat ja eine lange Tradition bei der Kaschierung eigener Schwächen.
Kinder machen das auch gerne. So auf dem Schulhof. Alle zusammenstellen und gröhlend mit dem Finger auf Einzelne zeigen. War ja letzte Woche auch Thema, als sich zwei bekannte Blogger zu „Arschlochverhalten“ in der Vergangenheit bekannten, und dafür, zu Recht wie ich finde, von vielen Seiten harsche Kritik geerntet haben.

Aber dieses Verhalten ist nicht nur bei Kindern oder Männern armselig, sondern bei erwachsenen Frauen auch. Ja, auch bei solchen, die sich sonst gerne in einen Duktus von Lebensklugheit und gesundem Menschenverstand kleiden und bei Twitter ganz doll beliebt sind.

Das Verhalten dieser Twitterer hat sehr schön illustriert, warum es dringend nötig ist, über Hochbegabung zu sprechen.
Damit die Anfeindungen aufhören, die so weit führen, dass nur wenige Hochbegabte sich öffentlich bekennen. Die Besonderheit löst bei anderen Menschen Häme, Spott, Ausgrenzung und Hänseleien aus und wenn ich es auch schade finde, dass sich viele Betroffene nur in Mails unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu mir gestellt haben, so kann ich doch verstehen, dass sie keine Lust haben, sich dieser Boshaftigkeit auszusetzen. Viele Hochbegabte, vermutete und gesicherte, lernen von klein auf, dass sie nicht dazu gehören, manche werden in der Schule gemobbt, ich hatte etwas mehr Glück. Und so eignen sie sich früh unterschiedliche Überlebensstrategien an, um trotz der Feindseligkeit zurechtzukommen. Einige flüchten sich in eigene Welten, was zwar nicht dazu führt, dass sie dazugehören, aber wenigstens einen kleinen, sicheren Raum schafft, in dem sie sich frei und unbelastet fühlen. Andere verstecken ihre Hochbegabung wie ein schmutziges Geheimnis und verleugnen sie ihr Leben lang.
Reaktionen wie die der Twitterer sind der Grund dafür.

Ihr wolltet treten, Ihr wolltet treffen und es sollte wehtun.
In meinem Fall habt Ihr das geschafft und ich gratuliere Euch von Herzen dafür, dass Ihr mir auf diese charakterstarke Art mal so richtig die Stirn geboten habt.
Bloß Eure Lebensklugheit und den gesunden Menschenverstand mag ich Euch jetzt nicht mehr so richtig abnehmen.
Ihr versteht das sicher.