Trump verstehen: was mir geholfen hat

Trump verstehen: was mir geholfen hat

Die Wahl von Donald Trump hat viele Menschen in meiner Filterbubble schwer erschüttert, mich auch. Mehrere Tage schwankte ich zwischen Fassungslosigkeit und Angst, zwischen Sofort-alles-anzünden und Jetzt-nur-keine-Panik, dann gab ich mich einem hemmungslosen Heulkrampf hin. Die Texte, die mir geholfen haben, das Ganze immerhin so weit zu verstehen, dass ich heute nicht mehr sabbernd in meiner eigenen Tränenpfütze liege, habe ich in den letzten zwei Wochen zwar zum Teil recht atemlos auf Twitter weitergereich, aber zum einen ist dabei sicher auch viel untergegangen und zum anderen ist es zumindest für mich immer etwas unbefriedigend, komplexe Texte mit einer 140-Zeichen-Begrenzung anmoderieren zu müssen. Deshalb mache ich das hier nochmal ausführlicher (alle Links zu externen Seiten öffenen sich in einem neuen Tab).

  • Am meisten an den Schultern gepackt und geschüttelt hat mich der Text von dem Blogger Sven Scholz: „Perspektiven“, weil er mich aus dem emotionalen Katzenjammer heraus und zu der Frage „Was bedeutet das eigentlich für uns?“ gebracht hat. Sven leitet außerdem sehr eindrücklich am Beispiel seiner eigenen Großeltern in Nazideutschland die Gründe dafür her, dass Menschen das Vertrauen in etablierte Parteien, überhaupt den Glauben in bestehende Systeme verlieren und sich rechten Parteien anschließen. Unbedingt lesenswert.
  • Den Vergleich der amerikanischen Wahl mit Nazideutschland zieht auch Hugo Schwyzer in der Times of Israel. Er beschreibt, wie viele Menschen damals die Nationalsozialisten unterschätzt haben, und dass es nur dem alarmistischen Gespür seiner Großmutter zu verdanken war, dass die Familie frühzeitig nach England floh und die Nazis so überlebte. Große Teile der Familie, die die Gefahr unterschätzten, starben wenige Jahre später in den Konzentrationslagern der Deutschen: „Alarmism saved my family from Hitler: Why I won’t tell anyone to calm down about Trump“ (englisch).
  • Lenz Jacobsen hat für Zeit Online das Phänomen Trump in 18 Puzzleteile zerlegt, um die unterschiedlichen Aspekte von Trumps Wählerschaft abzudecken, die mitnichten nur aus abgehängter, ungebildeter, weißer Unterschicht besteht. Abstiegsängste Bessergestellter spielen dabei ebenso eine Rolle wie kulturelle Klüfte zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie Überforderung durch die Informationsflut aus dem Internet.
  • Den Aspekt Stadt vs. Land hat zuvor David Wong im Portal Cracked veröffentlicht: „How Half Of America Lost Its F**king Mind“ (englisch). Der Autor, selbst im amerikanischen Hinterland aufgewachsen, zeigt das fortschreitende Abwandern demokratischer Positionen aus den ländlichen Bereichen. Diese Kluft markiert vor allem einen Kulturkampf, in dem die ländlichen Bereiche wegen fehlender Infrastruktur, maroder Industrie und abwandernder Jugend weitgehend in der Perspektivlosigkeit versinken. Trost spenden Drogen und Alkohol, die Kirche, sowie die emotionale Abschottung gegen das Äußere, das Fremde.
  • Etwas ausführlicher und detaillierter ist die Analyse von Joan C. Williams für das Wirtschaftsmagazin Harvard Business Review „What So Many People Don’t Get About the U.S. Working Class“ (englisch), in der sie darauf hinweist, dass viele Arbeiter zwar Jobs hätten, sich aber von steilen Wirtschaftshierarchien und unsicheren Arbeitsplätzen in ihrer Würde gekränkt sehen. Sie schreibt:

    Die weiße Arbeiterklasse wünscht sich keine bezahlten Krankheitstage oder einen Mindestlohn, sondern einen festen Job, um den man nicht ständig Angst haben muss und der den 75% Amerikanern ohne Hochschulabschluss ein stabiles Mittelklasseleben ermöglicht.

    Da Würde für viele Menschen immer noch an der Größe des Gehalts festgemacht wird, wählen diese Menschen eben denjenigen, der ihnen genau das verspricht – und zwar in einfacher, verständlicher, nicht durch Diplomatie und Intellektualität völlig verschwurbelter Sprache.

  • Der Journalist Don Dahlmann hat auf seinem Blog in dem Artikel „Get out of your fucking Filterbubble“ sehr prägnant aufgezeigt, wie wir freiheitlichen Diversitätsfreunde (Oh, the irony!) uns über die letzten Jahre immer stärker in unseren Medienblasen abgeschottet haben, indem wir alle wegblockten, beschimpften und verspotteten, deren Meinungen nicht zu 100% mit unserer eigenen übereinstimmte. Mit dieser Arroganz haben wir Klüfte vergrößert und zu der Spaltung der Gesellschaft beigetragen, deren Quittung wir nun in den ersten westlichen Ländern bekommen. Nach und nach vergaßen wir so, dass es diese Meinungen überhaupt gibt, und sind deshalb jetzt geschockt, dass populistische Parteien derzeit so viele Erfolge feiern.
  • Die linksliberale Arroganz hat auch Kiki Thaerigen in dem emotionalen Blogpost „Meine zwo Cent“ adressiert, in dem sie sehr deutliche Worte findet über die Verachtung und Ausgrenzung des „gemeinen Fußvolkes“. Der Artikel ist sicher nicht objektiv, hier und da sicher auch überspitzt, fasst aber meines Erachtens den Kern linker Abgehobenheit sehr gut zusammen. In den Kommentaren unter dem Artikel diskutiere ich ein wenig mit, u.a. weil er sich weitgehend mit meinem eigenen Empfinden deckt, das ich wenige Tage vor der Wahl in dem Artikel „Hass“ zum Ausdruck gebracht hatte.
  • In die Selbstbezichtigung und Ratlosigkeit hinein erschien dann in der VICE dieses famose Interview mit dem ehemaligen Piraten- und heutigen SPD-Politiker Christopher Lauer: „Wenn Trump das schafft, dann kann es jeder schaffen“. Er zeigt auf, wie die freiheitliche Gesellschaft und aber auch die großen Volksparteien ähnliche Entwicklungen in Deutschland aufhalten können, und betont die Wichtigkeit, Dialoge nicht abreißen zu lassen, sondern Ängste zu adressieren statt sie abzutun.
  • Und schließlich stolperte ich am Wochenende noch über diesen Twitter-Thread des Journalisten John Paul Brammer. Es ist ein wenig mühsam, die gesamte Tweet-Abfolge nachzuvollziehen, lohnt sich aber meines Erachtens. Brammer, selbst mexikanisch-stämmiger Amerikaner, beschreibt, warum weiße Geringverdiener sich selbst nicht als unterdrückte Verlierer sehen und sich deshalb nicht mit anderen Unterdrückten solidarisieren. Scham über die eigene Armut spielt dabei eine große Rolle, aber auch die zwar unbegründete, aber dennoch unerschütterliche Überzeugung, dass der Kapitalismus zwangsläufig zu Reichtum und Macht führt, wenn man nur hart genug arbeitet. Der Schriftsteller John Steinbeck hat diesen Widerspruch in einem Artikel von 1960 so formuliert: „Sie sehen sich nicht als ausgebeutete Unterschicht, sondern als vorübergehend in die Klemme geratene Kapitalisten“ („… we didn’t have any self-admitted proletarians. Everyone was a temporarily embarrassed capitalist.“ – Das Zitat wird gelegentlich zu „vorübergehend in die Klemme geratene Millionäre“ zugespitzt). Wo jeder sich als verhinderter Millionär sieht, kann es keine Solidarität mit unterprivilegierten Minderheiten geben.

Ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl, aber die Fülle an differenzierten und weitsichtigen Analysen lässt mich hoffen, dass es noch nicht zu spät ist – zumindest nicht für unsere Gesellschaft.
Ich bin immer noch der Meinung, dass Menschenfeinde als solche benannt werden und dass nicht nur gewalttätige Übergriffe von rechts, sondern schon die Androhung solcher streng bestraft werden müssen. Aber ich sehe auch, dass es heute wichtiger ist denn je, immer wieder ohne Unterlass nach den Ursachen für diese Feindschaft zu suchen, denn die bringt keineswegs der Klapperstorch, sondern sie ist oft die Folge ganz anderer persönlicher Probleme. Diese Feindseligkeit auslösenden Probleme müssen wir finden und versuchen, diejenigen zurückzugewinnen, die den Weg in den Hass noch nicht bis zum Ende mitgegangen sind. Und dabei ist ein handreichendes „Ich kann Deine Sorgen nachvollziehen“ womöglich hilfreicher als ein „Du bist ein saudummes Arschloch, weil für Dich andere Probleme wichtiger sind als die Diskriminierung von Minderheiten“.

Die Grenze zwischen indiskutabler Menschenfeindseligkeit und legitimer Meinung ist schwierig zu benennen und ich habe keine allgemeingültige Definition, aber für den Anfang finde ich schon einmal ganz hilfreich, ob mein Gegenüber anderen Menschen bewusst Schaden wünscht (z.B. das Ertrinken im Mittelmeer, das Bleiben in Kriegsgebieten oder das Verbrennen in Notunterkünften) oder ob es das nicht tut.