#Thomallagate

#Thomallagate

#Thomallagate, soso, aha.
Dieser rassistische Tweet, den Frau Thomalla gestern abgesetzt hat, war so durchschaubar wie er überflüssig war. Eine Provokation, irgendwo zwischen der typischen Beisenherz’schen Gratwanderung des mittelguten Geschmacks und „Irgendwie muss man sich ja wieder ins Gespräch bringen“. Dass junge Frauen um jeden Preis und auch mit fragwürdigen Methoden berühmt werden wollen, ist kritikwürdig, traurig, ja. Aber es ist nicht neu, es ist vorhersehbar, es ist durchschaubar. Sie hätte eine andere als eine rassistische Provokation wählen können, ja, und dass diese Auswahl kein Zufall ist, lässt der Blick in ihr Profil erahnen, wo sich Trump-Fantum und der Kampf gegen den „Genderwahnsinn“ die Klinke in die Hand geben.

Aber. Erinnert sich noch irgendeiner an den Shitstorm, den sich Bundesrichter Thomas Fischer zu Recht einholte, als er Gina-Lisa Lohfink als Frau bezeichnete, die hauptberuflich ihre Brüste zur Schau stellt? Das war frauenfeindlich, das war von einer ungeheuren Verachtung für die ganze Existenz von Lohfink, Thomas Fischer, den ich immer sehr gemocht habe, hat damit gezeigt, dass er Haltungen für tolerabel hält, die ich als unmoralisch erachte. Erinnert Ihr Euch? Ihr, wir waren abgestoßen von dieser Verachtung, dieser aggressiven Attacke.

Als Sophia Thomalla gestern diese überflüssige Unsäglichkeit heraushaute, haben etliche in meiner Timeline sich aufgeführt wie Fischer. Alles Social-Media-Profis, seit Jahren auf Twitter, seit Jahren mit den Mechanismen der halbprominenten Öffentlichkeit vertraut, alle zigmal Zeugen der Dynamiken von Shitstorms geworden, alle oft über die Boulevardisierung der Medien geschimpft, und gestern geiferten sie sehr bereitwillig los. Da war so viel Hass, so viel Verachtung für diese Frau, extrem viele Äußerungen bezogen sich auf ihr Aussehen, ihre Hohlheit, ihre billige Erscheinung, ihre Brüste.

Weil sie vorgeführt worden waren. Weil die Provokation funktioniert hat. Weil Frau Thomalla eine Reaktion erzeugen wollte und alle diese Reaktion brav abgeliefert haben, wie die Schafe.
Die Süddeutsche Zeitung hat heute eine extrem gute Analyse der Entstehung von Hysterie in sozialen Netzwerken veröffentlicht (am Beispiel des Amoklaufs von München), hat diese gruppendynamischen Prozesse, die ich übrigens für die größte Gefahr halte, die vom Internet ausgeht, beleuchtet. Aber im Grunde lassen sich die Erkenntnisse auch auf andere Themen übertragen. Das Teilen, das Mitreden sorgt dafür, dass Dinge viral gehen. Der Erfolg der Rechten geht auch darauf zurück, dass Medien (soziale und Nachrichten-) jede noch so kleine Äußerung tagelang durchexerziert haben. Und jetzt hier. Jeder redet mit, jeder verhilft Frau Thomalla damit zu dem von ihr beabsichtigten Erfolgserlebnis. Und wenn sie sagt „Haha, war alles beabsichtigt“, sind alle beleidigt, weil sie sich ertappt fühlen, und reagieren mit dem größtmöglichen Willen, ihr Schaden zuzufügen. Schämen sollten sie sich.

Diese linke Doppelmoral, die menschenfeindliches Verhalten nur so lange verurteilt wie es vom moralisch minderwertigen Gegner kommt, selber aber ausgiebig Gebrauch davon macht, macht die Welt zu einem schlechteren Ort. Die sogenannten social justice warriors kreischen nur so lange „HATESPEECH!“ wie sie selbst Opfer sind, danach wollen sie nur noch blutige Rache und kennen keine Hemmungen mehr. Die Gegner sind ja schlechte Menschen und haben daher jede Form von Verachtung, Hass, Beleidigung und Verleumdung verdient.

Diese aggressive Überreaktion kann man schon seit Jahren im Netz beobachten und sie hat einen großen Anteil an der politischen und sozialen Radikalisierung, der man heute überall begegnet. Wenn uns (sic!) Linken nichts anderes einfällt, als auf jeden Blödsinn mit kreischendem Hass zu reagieren, anstatt mit Reflektion, Dialog oder auch mal Ignorieren, dann müssen wir uns echt nicht wundern, dass zivilisatorische Grundwerte heute überall verhandelbar zu sein scheinen.

Danke für die Aufmerksamkeit, auf Wiedersehen.