Hass.

Hass.

Wenn wir kopfschüttelnd auf die beängstigende Meinungsextremisierung schauen, die die westliche Welt zu spalten beginnt und radikalen Führern in die Hände spielt, und uns fragen: „Heilige Scheiße, wie konnte das passieren, wo ist unsere Mitte hin?“, dann kommt dem kleinen Wörtchen Hass eine entscheidende Bedeutung zu. Oder vielmehr seiner inflationären Verwendung.
Machen wir uns nichts vor: Die Diskussionskultur ist kaputt, man sieht es jeden Tag, Diskussionen dienen nicht mehr dazu, Einigungen zu erzielen, Konsenz zu finden, Lösungen, Kompromisse, von mir aus Waffenruhen. Sie dienen nur noch dazu, sich möglichst weit vom Gegner entfernt zu positionieren, sich abzugrenzen. Das ist auch eine Form von Radikalisierung, wenn Gegner sich nicht aufeinander zu, sondern immer weiter voneinander weg bewegen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Hass, das ist für mich Aggression, der Wunsch, seinem Gegner Gewalt anzutun, das hat viel mit Wut und Raserei zu tun, sehr heftigen, die Vernunft verzehrenden und über den Moment andauernden Gefühlen. Hass, das ist ein ziemlich großes Gefühl, anstrengend und raumgreifend, ähnlich wie Liebe. Ich lehne wirklich eine Menge Dinge ab, auch tendiere ich zu sehr heftigen Wutausbrüchen, aber wirklich hassen tue ich eigentlich nur sehr wenig. Ich schließe jetzt einfach mal von mir auf andere und vermute, dass es den meisten Menschen ähnlich geht.

"Diskussions""kultur" und andere Anführungszeichen

Person A: „Weiß!“
Person B: „Grau!“
Person A: „Nein, das ist ja fast schwarz!“
Person B: „Reinweiß ist mir zu grell, aber Hellgrau kann ich mir vorstellen!“
Person A: „Weiß!“
Person B: „Oder grau mit weißen Punkten?“
Person A: „Warum hasst Du Weiß so?“
Person B: „Ich hasse Weiß nicht, ich werde davon nur schneeblind. Außerdem sieht man darauf jeden Fleck.“
Person A: „Ah, Du stehst also Schwarz näher, na, jetzt offenbart sich endlich, wes Geistes Kind zu bist!“
Person B: „Aber ich habe doch nur gesagt, dass mich Weiß blendet und es unpraktisch ist!“
Person A: „Mit Weißhassern rede ich nicht, Du bist ja albaphob!“
Person B: „Das stimmt nicht, aber wenn Du so mit mir redest, gehe ich zu den Schwarzen, die hören mir wenigstens zu!“

Am meisten betrübt mich, dass diese Form der Abstrafung auffallend häufig aus den Lagern kommt, in denen sonst unermüdlich für eine pluralistische, vielfältige Gesellschaft eingestanden wird. Oft treiben gerade linke Aktivisten ihre Gegner so lange vor sich her, bis die da stehen, wo sie sie von Anfang an sehen wollten.
Ein Mann, der es richtig findet, dass eine Frau sich um die Kindererziehung kümmert, ist plötzlich nicht mehr von Vorgestern, sondern ein Frauenhasser, seine Meinung damit, da Ausdruck von Hass, gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Jemand, der fragt, ob man die Flüchtlingskrise auch anders lösen kann als durch völlige Grenzöffnung, ist ein erbitterter Rassist, jeder, dem die Ehe ein Bündnis zwischen Mann und Frau ist, ist ein Schwulenhasser und so weiter. Das ganze Lager der Konservativen ist den Linken abhanden gekommen, weil alles, was früher als konservativ galt, heute zu Hass umetikettiert wird. Konservative Ansichten gelten als untrügliches Zeichen dafür, dass es die Gesellschaft hier mit einem aggressiven Extremisten zu tun hat, der sofort aus der Gemeinschaft ausgeschlossen gehört.

Wer so „diskutiert“, muss sich nicht wundern, dass die Mitte nach rechts abwandert.

Was sagen dürfen

Ich halte es für richtig, Menschen, die eine wie auch immer begründete Gewaltbereitschaft zeigen, die die sexuelle Selbstbestimmung der Frau für ein verhandelbares Gut halten oder Menschen unterschiedliche Werte beimessen, deutlich zu zeigen, dass ihre Haltung nicht toleriert wird. Aber ich halte es nicht für richtig, jeden zu beschimpfen und auszugrenzen, der nicht von einer Welt träumt, in der alle „Kumbaya, my Lord“-singend am Lagerfeuer sitzen. Widerstand gegen Gewalttäter und Demagogen ist richtig und wichtig, das Dämonisieren und Kriminalisieren jeder konservativen Haltung dumm.

Viele Menschen haben dieser Tage das Gefühl, bestimmte Dinge nicht mehr sagen zu dürfen. Sie sprechen von Meinungsdiktatur und auch wenn ich ihr Gefühl nicht teile, ahne ich, woher ihr Eindruck kommt. Vor allem in den sozialen Medien formieren sich flugs größere Gruppen, die wahlweise einander oder einem Einzelnen gegenüber stehen, um den jeweiligen Gegner digital zu teeren und zu federn. Man muss gar nicht selbst Opfer eines solchen Empörungssturms geworden sein, um sich Einlassungen zu verkneifen. Zu sehen, wie es jemand anderem passiert, reicht für den Eindruck, „man dürfe nichts mehr sagen“. Natürlich wird niemand zensiert, natürlich wird niemand inhaftiert, wenn er seine Meinung sagt, aber schon die Aussicht, als nächste Sau durchs Twitterdorf getrieben zu werden, vor den Augen einer unsichtbaren Menge, dürfte den einen oder die andere zum Schweigen bringen. Menschen zum Schweigen zu bringen, ist ungefähr das Gegenteil von einer meinungspluralistischen Welt.

Die Grenze zwischen dem, was eine Gesellschaft tolerieren sollte und nicht tolerieren darf, ist schmal, sehr schmal. Und unsauber gezogen noch dazu. Aber wenn wir eines aus den Debatten Twitterstreitigkeiten der letzten Jahre gelernt haben sollten, dann dass politische Grundströmungen kaum noch an einzelnen Äußerungen festgemacht werden können. Wo es größere und kleinere Schnittmengen zwischen Impfgegnern und Nazis gibt, Feministinnen und Nazis, Besserverdienenden und Nazis, Arbeitern und Nazis, Maskulisten und Nazis und Esoterikern und Nazis, da ist eine Einordnung schon dann schwierig, wenn man aufmerksam zuhört und den Gegner ausreden lässt. Wenn man aber bereits nach dem ersten Satz loskreischt, ist sie praktisch unmöglich.

Du kommst hier ned rein

Wir leben in einer multibeschissenen Weltordnung, in der nicht mehr Gut und Böse einander gegenüber stehen, sondern nur noch unzählige Arschlöcher. Nie war es so schwierig, sich selbst zu positionieren, weil nahezu alle Lager die eine oder andere eigene Meinung für sich instrumentalisieren könnten. Solidarisierungen geschehen nicht mehr im Brustton der Überzeugung, sondern sind fisselige, halbgare Gratwanderungen unter Vorbehalt, die mitunter schon mit dem nächsten Satz revidiert werden müssen, weil der, mit dem man sich solidarisch zeigte, sich plötzlich doch als das größere Arschloch erweist.

In vielen klugen Texten der letzten anderthalb Jahre wurde die Wichtigkeit einer Differenzierung betont, die Notwendigkeit, auch unliebsame Meinungen anzuhören, es wurde vor Radikalisierung und Extremisierung gewarnt, aber wenn man sich heute umschaut, führt immer noch jeder blöde Spruch, jede kritische Nachfrage, jede von der „guten“ Linie abweichende Äußerung zu der Beschimpfung des Urhebers als wieauchimmerphober XY-Hasser. Als hätten Differenzierung nur „die Bösen“ nötig.

Man mag es als Zivilcourage feiern, bestimmten kleingeistigen Meinungen keine Plattform geboten zu haben, aber auf gesellschaftlicher Ebene habe ich damit große Schwierigkeiten. Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und flüchtlingshassende Nazis führt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird. Dort am Rande versinken die Meinungen nicht in der Bedeutungslosigkeit, wie wir Linke hartnäckig hoffen, sondern erst dort bekommen sie so etwas wie gesellschaftliche Macht. Denn im Sammelbecken der von den „Gutmenschen“ Ausgestoßenen finden sich verhängnisvolle Allianzen zusammen, deren Rache bei der nächsten Wahl auf dem Fuße folgt. In dem Klima wird womöglich aus einer ursprünglich nur kleinen Schnittmenge ein strategisches Bündnis, eine Verbrüderung über die gesellschaftlichen Unterschiede hinweg, von dem beide Beteiligten in gefährlicher Weise profitieren. Der Zuwachs der rechten Parteien geht nicht nur auf ideologische Überzeugung, sondern auch auf die Verdrängung aus der Mitte zurück, an der die Linke großen Anteil hat.

Im Ernst: hört auf. Hört auf, in allem nur das zu hören, was nach maximaler Gegnerschaft klingt. Sucht zur Abwechslung mal nicht Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten. Nicht jeder, der sich die Welt von vor 50 Jahren zurückwünscht, ist ein hasserfüllter Hooligan oder demagogischer Seelenfänger, so simpel ist die Welt heute einfach nicht mehr. Wenn Ihr Pluralismus wollt, dann haltet ihn auch aus. Wenn Ihr Respekt einfordert, gebt ihn auch selber. Wenn Ihr eine Mitte wollt, hört auf, jeden, der weniger links ist als Ihr, als extrem rechts zu bezeichnen. Erkennt endlich, dass Ihr, obwohl Ihr für eine gerechte und gute Welt eintretet, Gefahr lauft, rechtspopulistische Trends mit Eurem undifferenzierten Ausgrenzungswillen zu befördern.

Die Welt hat sich in ein Pulverfass verwandelt, nicht nur in Deutschland, sondern überall in der westlichen Welt (in den Schwellenländern und der Dritten Welt war sie schon immer eines), und jeder falsche Schritt kann zu einer Katastrophe führen. Wenn wir Linken nicht anfangen, vorsichtiger mit unseren Feuerzeugen umzugehen, dann werden künftige Generationen uns nicht nur fragen, warum wir die Explosion nicht verhindert haben, sondern warum wir die Lunte angezündet haben.