Alles nicht so schlimm?

Alles nicht so schlimm?

Jetzt ist es also passiert: Donald Trump wurde zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Und der Rest der freiheitlich-demokratischen Welt steht sprachlos davor, sprachlos und fassungslos. Alle bemühen sich, die Form zu wahren und nicht als schlechte Verlierer dazustehen, denn das wäre schlimmer als die eigenen Werte aufgeben zu müssen. Und so stehen alle demokratischen Politiker stammelnd vor Trump, lächeln, schütteln seine Hand, reden von Kompromissen und hoffen einfach mal, dass das alles schon nicht so schlimm wird, dass er und seine Regierung sich schon an die demokratischen Grundsätze halten werden. Sie begehen den Fehler, den Generationen von Bürgerrechtlern vor ihnen begangen haben: zu glauben, der Mensch habe eine gute und vernünftige Natur, die man nur erwecken müsse.

Das ist schon nicht wahr für jeden normalen, zurechnungsfähigen Menschen. Wir alle handeln wie wir handeln auf der Grundlage von Gefühlen und Abwägungen (meist ökonomischer Natur). Diese Gefühle sind mal mehr, mal weniger in der Realität verhaftet, die Abwägungen mal weitsichtiger, mal kurzsichtiger. Alles, was wir tun, ist so fehleranfällig wie wir als Menschen fehlerhaft sind. Es gibt nicht das Gute im Menschen, das nur erweckt werden muss, das man nur mit überzeugenden Argumenten aus seiner Höhle holen muss, in die es sich vor den rohen, wilden Instinkten zurückgezogen hat. (Ebenso wenig gibt es natürlich das Schlechte im Menschen.)

Wo der Glaube an die menschliche Vernunft schon bei normalen Menschen ein Irrtum ist, ist er es bei Donald Trump erst recht. Denn Männer wie Donald Trump sind keine Demokraten, sondern Autokraten, Alleinherrscher, er stünde nicht an der Spitze eines dekadenten Imperiums, wenn es anders wäre. Donald Trump ist Narzisst und ich habe in meinem Leben genug Zeit mit Narzissten verplempert, um zu wissen, dass das unter anderem bedeutet, dass dieser Mann a) niemandem vertraut, b) kein Mitgefühl für andere und ihre Bedürfnisse empfinden kann und c) ausschließlich seine eigenen Bedürfnisse zur Grundlage seines Handelns macht. Für Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung haben andere Menschen nur eine einzige Bedeutung: dient er/sie mir zur Durchsetzung meiner Interessen? Kann er/sie mir helfen, das zu erreichen, was ich will? Ein generelles Gefühl für Gut und Böse besteht hier gar nicht, der Narzisst bewegt sich vollständig außerhalb eines solchen romantischen Referenzsystems. In diesem moralischen Vakuum hindert ihn nichts daran, seine Mitmenschen auszuquetschen wie eine Zitrone. Er hat keine Hemmung, Schwächere emotional auszubeuten, seine überlegene Position auszunutzen und Menschen zu manipulieren, wo er nur kann. Er lebt in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren regiert, und der Stärkere ist immer er.

Narzissten umgeben sich niemals mit kritischen Geistern, mit Leuten, die ihnen Paroli bieten oder auch mal den Kopf zurechtrücken. Narzissten wollen Ja-Sager und bedingungslose Treue. Narzissten wollen für ihre egomanen Ideen Beifall, nicht Verbesserungsvorschläge. Die ersten Personalentscheidungen, die jetzt nach der Wahl an die Öffentlichkeit durchsickern, bestätigen genau diese Linie. Trump schart alle um sich, die sich in der Vergangenheit durch hechelndes Speichelleckertum oder große inhaltliche Nähe hervorgetan haben. Den Anfang macht ein überzeugter Antisemit als Stabschef Chefberater. Natürlich sind auch die eigenen Familienmitglieder im inneren Zirkel vertreten, wie es sich für ein autoritäres Regime gehört.

Und jetzt kommen die Medien und sind so erleichtert, dass Donald Trump sich in ersten Interviews ein wenig gemäßigter gibt als während des Wahlkampfes. Alles sinkt zurück in den wohligen Glauben an die grundsätzliche Vernunft des Menschen. Nun, es gab schon einmal einen solchen Moment in der Geschichte und er ist 83 Jahre her. Als die Nazis 1933 in Deutschland an die Macht kamen, waren sich die internationalen Medien genauso einig wie heute, dass das schon nicht so wild wird, weil die Nazis ja gar nicht alles einhalten können, was sie versprochen haben. Dass es letztlich nicht nur so wild wurde, sondern tatsächlich noch viel, viel schlimmer, wissen wir alle.

Denn all das Gerede, die ganze Selbsteinlullung geht von einer völlig falschen Annahme aus: dass für Autokraten grundsätzlich die gleichen selbstregulatorischen Begrenzungen gelten wie für freiheitliche Demokraten. Das tun sie aber nicht. Selbstregulation kennt der Narzisst einfach nicht, nicht ohne Grund liegt Narzissmus symptomatisch dicht am Größenwahn. Gerade Narzissten, die so reich und mächtig sind wie Donald Trump, können sich in einer Gesellschaft, in der Besitz wichtiger ist als menschliches Wohl, nahezu alles erlauben. Die Art und Weise, wie er beinahe kokett alle Fragen nach seiner Steuerhinterziehung im Wahlkampf an sich hat abperlen lassen, zeigt das überdeutlich. Dieser Mann glaubt, er sei der Gemeinschaft nicht verpflichtet, er stünde außerhalb „unseres“ Wertesystems. Er freut sich, dem Staat ein Schnippchen geschlagen zu haben – genau wie der „kleine Mann“ das tun würde. Ich wage es nicht, mir auszumalen, was es für Folgen hat, wenn jemand, der sich öffentlich freut, sich auf Kosten der Gemeinschaft und des Staates bereichert zu haben, plötzlich der Staat ist.

Wer einen Narzissten nicht erkennt und ihm nicht ohne Unterlass mit dem allergrößten Misstrauen begegnet, bezahlt am Ende dafür. Immer. Und ich habe Angst davor, wie hoch der Preis sein wird, wenn unsere freiheitliche Welt den Narzissmus des mächtigsten Mannes der Welt wegtätschelt, um sich selbst zu beruhigen. Ein solcher Mann an der Spitze einer Weltmacht, die niemand besiegen kann, ist eine große Gefahr.

Irgendwann während meiner Pubertät, ich fing gerade an, mich mit den großen moralischen Fragen zu beschäftigen, sprach ich mit meinem Vater über Krieg. Mein Vater war acht Jahre lang Zeitsoldat und Zeit seines Lebens Reservist und als ich versuchte, die Frage nach der Richtigkeit oder Falschheit von Krieg für mich selbst ganz grundsätzlich zu beantworten, da stellte er mir nur eine Frage: „Was machst Du, wenn ein befreundeter Staat in die Hände von Verbrechern fällt?“ Ich hatte keine Antwort darauf und habe bis heute keine, aber an die Frage muss ich in diesen Tagen immer wieder denken.