Krautreporter und die Suche nach der Relevanz

Krautreporter und die Suche nach der Relevanz

Liebe Krautreporter, wir müssen reden.

Ich gehöre zu den vielen Menschen, die Euch im Frühjahr 2014 einen Vertrauensvorschuss und sechzig Euro entgegengebracht haben. Weil ich das Gejammer der großen Medienhäuser nicht mehr ertragen habe, weil ich es mag, wenn Menschen versuchen, Probleme zu lösen, und weil ich — vielleicht war das naiv — Euch geglaubt habe, dass Ihr alles anders macht. Dass es bei Euch so wenig Frauen gab, hat mich nie gestört; mich interessieren gute Inhalte und ob die dann von einem Mann, einer Frau oder einem Fernhachischen Schmiegehäschen kommen, ist für mich irrelevant. Im Oktober kamen die ersten Artikel, die ich so gut und originell fand, dass es schnell zur Morgenroutine wurde, neben den üblichen Nachrichtenseiten auch Krautreporter aufzurufen. Ich habe Krautreporter nie als tagesaktuelles Nachrichtenmagazin gesehen, sondern eher als zeitloses Reportageformat, insofern fand ich es eher erfrischend, nicht mit den immer gleichen Themen der großen Nachrichtenseiten bombardiert zu werden. Doch bereits nach wenigen Wochen verblasste Krautreporter. Von Themenvielfalt war weit und breit keine Spur, alles drehte sich nur noch um Gaza und CIA.

Recyclinghof Krautreporter

Dann – ja, wie sagt man das? – „übernahm“ Tilo Jung Krautreporter. Dass seine journalistische Kompetenz durchaus umstritten ist, ist das eine. Aber ich sag’s mal so: um regelmäßig „Jung & Naiv“ zu sehen, sein eigenes Videoformat also, hätte ich nicht sechzig Euro ausgeben müssen. „Jung & Naiv“ läuft für mich weniger unter Journalismus, als vielmehr unter Gaudi, und es hatte seine Gründe, weshalb ich das Format nicht regelmäßig schaute. Dass mir die Videos jetzt durch Krautreporter wieder vorgesetzt werden und zwar als annähernd einziger echter Inhalt, finde ich eher geht so. Doch „Jung & Naiv“ war nicht das einzige Format, das durch Krautreporter recycelt wurde. Das „Medienmenü“ von Christoph Koch, in dem er mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten über ihren Medienkonsum erzählen lässt, veröffentlichte er bisher auf seiner eigenen Seite. Im Moment bezahlen die Krautreporter-Mitglieder also dafür, Formate zu sehen, die es so schon vorher gab, gratis und frei verfügbar. Es mag an meiner eher konservativen Auslegung des Wortes liegen, aber das ist für mich ungefähr das Gegenteil von Innovation.

Frager und Sammler

KR besteht mittlerweile gefühlt nur noch aus Linksammlungen. Morgenpost, Lieblingsreportagen, Medienmenü – das sind letztlich nichts weiter als die Artikelempfehlungen bestimmter Personen. Themen, Reportagen, TV-Shows, Medien. Es sind überwiegend Auflistungen und ich frage mich ernsthaft, wo da Eure journalisitische Eigenleistung ist. Ist das 60 Euro wert?
Der ganze Rest von KR, viel ist es nicht mehr, wird mit Interviews gefüllt. Ihr seid ein reines Interviewformat, Berichte oder Reportagen kommen dazu im Verhältnis von vielleicht 1:10 vor (grob überschlagen). Interviews können natürlich große Relevanz haben, der Playboy schafft es nur mit Interviews, seine Leser an sich zu binden, und auch bei Euch habe ich einige wichtige Befragungen gefunden (etwa wenn Theresa Bäuerlein das Thema „Frauen & (ihre) Sexualität“ behandelt), aber mal ehrlich: das kann doch nicht alles sein. Grundsätzlich mag ich Fragestunden nicht sehr und hätte ich gewusst, dass Ihr mir fast ausschließlich Interviews vorsetzt, hätte ich Euch nicht abonniert.

Die Frage nach der Relevanz

Letzte Woche geschah etwas, das eine ungeheure Wunde in die Welt gerissen hat. In die Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung. Der Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo am 07.01.2015 hat die Welt erschüttert und vereint, 3,7 Millionen Menschen sind in einem gemeinsamen Trauermarsch durch Paris gezogen, ganze vierzig Staatschefs inklusive. Das Attentat hat Auswirkungen auf das Selbstverständnis der schreibenden publizierenden Zunft, auf das Wir-Gefühl der Menschen und auf den Umgang mit dem Islam. Es war ein Ereignis globalen Ausmaßes. Selbst von einem Format wie Eurem erwarte ich, dass Ihr das irgendwie aufgreift.

Ein kurzer Überblick über Eure Beiträge seit dem Attentat:

  • Medienmenü einer Karrieretrainerin, offenbar von ihr selbst geschrieben
  • Eine Beschwerdeverein macht dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Leben schwer
  • Jung & Naiv über die Transsexualität von Chelsea Manning
  • Ein Comic über sprechende Hunde
  • Wochenpost (Sammlung über die kommenden KR-Themen)
  • TV-Shows im Ausland (Sammlung)
  • Dann, fünf (!) Tage nach dem Anschlag, die erste Reaktion: eine Sammlung (…) von Einschätzungen und Statements von Menschen vor Ort
  • Der nächste Artikel immerhin mit Bezug zu den Ereignissen: ein Interview (…) mit den Machern der satirischen TV-Sendung „Die Anstalt“ über Satire
  • Dann ein Abdruck eines Briefes des französischen Regisseurs Luc Besson, den er kurz zuvor in seinem Facebook-Profil veröffentlicht hatte, an seinen symbolischen, muslimischen Bruder – übersetzt, aber ansonsten unverändert und unmoderiert.
  • Morgenpost (Sammlung von Artikelempfehlungen)

Das inszenierte „Mitlaufen“ der 40 Staatschefs? Haben andere aufgedeckt.
Das französische Waffengesetz, durch das sich beinahe jeder für ’npaarmarkfuffzich eine Kalaschnikow kaufen kann? Wurde ebenfalls von anderen thematisiert.
Die flächendeckende Vorausüberwachung der französischen Regierung, die dieses ungeheure Verbrechen nicht verhindern konnte und damit alle Überwachungsverteidiger im Regen stehen lässt? Nicht Euer Ding.
Die unsichere Situation der jüdischen Gemeinde in Frankreich nach dem Anschlag? Sollen andere sich drum kümmern.

Ist das Euer Ernst? Ein Attentat reißt beinahe die halbe Welt entzwei und Ihr bringt Comics und TV-Shows?
Am 08.01., dem Tag nach dem Anschlag, der zu diesem Zeitpunkt zwölf Menschen das Leben gekostet hat, fragt Ihr bei Twitter nach Anregungen für Eure Blattkritik und präsentiert am 09.01., mittlerweile sind fünf weitere Menschen von den Terroristen getötet worden, das Ergebnis:

Künstlerportraits und zwei nebulös formulierte Serien, in denen alles und nichts stecken kann?
Nochmal: Ist das Euer Ernst?
Selbst bei einem Onlinemagazin, das nichts kostet, würde ich spätestens jetzt wegen mangelnder Relevanz aufhören zu lesen.

Hope of Delivery

Ihr seid mit großen Versprechungen angetreten, wolltet den Journalismus revolutionieren, innovativ, wagemutig und wegen des ausbleibenden „Quotendrucks“ unabhängiger sein als andere Nachrichtenportale. Eure Reporter haben in einem professionellen Video salbungsvolle Sätze in eine Kamera gesprochen, noch bevor Ihr einen Plan, ein Konzept hattet, was KR tatsächlich werden soll und wie man dieses Ziel erreichen kann. Es gab damals viele wertvolle Hinweise, von Bloggern, von Medien-Profis, von Journalisten, die dazu hätten beitragen können, dass KR funktioniert. Doch Ihr fielt vor allem durch Überheblichkeit, Beratungsresistenz und Kritikunfähigkeit auf, ich habe nicht bemerkt, dass auch nur einer der durchdachten und konstruktiven Kritikpunkte von Euch umgesetzt wurde.

Heute ist KR vor allem technisch unausgereift, der viel beschworene Dialog mit den Lesern funktioniert schlecht. Das merkt Ihr sogar selbst, denn sonst würdet Ihr für Umfragen nicht statt Eurer eigenen Plattform Twitter nutzen (das m.E. genauso schlecht dafür geeignet ist). SchemaF-Formate, wenig Relevanz, null Brisanz und geringe Vielfalt kennzeichnen Euer Magazin. Und warum hat man von der Hälfte der angetretenen KR-Journalisten noch nicht einen einzigen Beitrag bei Euch gesehen? Sind die nicht (mehr) bei Euch?

Findet Ihr selbst, dass Ihr Eure Versprechungen erfüllt? Und wenn nein, was tut Ihr, um dieses Problem zu lösen? Gebt mir bitte einen Grund, nur einen, der mein Vertrauen in Eure Idee von Journalismus wieder aufbaut.

Eure Meike