Das passive Mädchen oder #flirtennachBravo

Das passive Mädchen oder #flirtennachBravo

Ich rege mich für gewöhnlich nicht schnell auf, wenn es um die vermeintliche Verschwörung gegen die Frau geht, mir geht dieses ganze Getue, das erwachsene Frauen der Mündigkeit und Verantwortung für ihr eigenes Leben enthebt, ziemlich auf die Nerven und deshalb überhöre ich das meiste Geschrei um den bösen, bösen Druck, den die ungerechte Gesellschaft natürlich nur und ausschließlich auf die arme, kleine, wehrlose Frau ausübt. Dieses Mal geht das nicht, dieses Mal kann ich das nicht, dieses Mal bin ich unfassbar wütend. So wütend, dass mir zunächst die Worte fehlten und ich nur zu einem unzusammenhängenden Tweet-Stakkato in der Lage war.

Die Jugendzeitschrift BRAVO hat bereits am 06. Juli einen Artikel unter dem Titel „So fällst Du Jungs auf: 100 Tipps für eine Hammer-Ausstrahlung!“ (BRAVO hat den Text mittlerweile vom Netz genommen) veröffentlicht. Aus irgendeinem Grund wird er erst jetzt in den sozialen Medien herumgereicht und bekommt die Aufmerksamkeit, die er meines Erachtens verdient. Die Tipps, die das Magazin jungen Mädchen gibt, suggerieren überwiegend, dass der richtige Weg im Umgang mit Jungen der ist, sich schwächer, verletzlicher, „weniger“ zu machen als man tatsächlich ist und insgesamt so süß zu werden, dass Jungen die Mädchen gar nicht mehr ernstnehmen können.

Liebes Bravo-Team,

was habt Ihr Euch dabei gedacht?
Eure Zeitung wird von jungen Mädchen gelesen, die fast noch Kinder sind.
Welches Wertesystem vermittelt Ihr diesen Mädchen, wenn Ihr ihnen durch die Bank empfehlt, passiv und angepasst zu sein? Leiser als der Junge, kleiner als er, tollpatschig und immer wieder „süß“?

Sie soll in erster Linie schön sein und gut riechen. Mit Fragen der Kleidung, der Gangart, des Makeups und der Frisur beschäftigt sich fast die Hälfte Eurer Ratschläge. (Ein paar Folgen „Germany’s Next Topmodel“ helfen ihr dabei sicher auch weiter.)

Des Weiteren soll sie:
… zu ihm aufblicken und sich extra tollpatschig geben (Tipps Nr. 20 + 38). Sie soll also so tun, als sei sie kleiner und hilfloser als er.
… passiv und/oder einladend sein (15, 17, 21, 24, 25, 26, 40). Und die Hemmschwelle für den männlichen Zugriff dadurch herabsetzen?
… ihn in Gestik, Kleidung und Musikgeschmack nachahmen (18, 57, 65). Sie soll ihre eigenen Interessen also zurückstellen und sich seinen anpassen.
… möglichst oft alleine stehen (27, 28, 36). Separierung von der Herde, oder was ist das?
… sich nicht zu sexy kleiden, weil Jungs sie sonst schlampenhaft finden könnten (56).

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Die restliche Zeit soll sie irgendein geziertes Theater aufführen, sie soll anders sprechen, gehen, stehen und lachen. Sie soll – ich kürze das mal etwas ab, ja? – die ganze Zeit anders sein, als sie ist. Damit der süße Boy sie bemerkt. Es mutet wie blanker Hohn an, ans Ende der Liste ein „Sei Du selbst“ zu schreiben. Ganz im Ernst: alles in mir tut weh, wenn ich das lese. Ihr erzeugt damit eine Gesellschaft, in der Kinder lernen, dass sie sich von Anfang an verstellen müssen, um gemocht zu werden. Und in der Mädchen glauben, dass sie sich weniger machen müssen als sie sind – leiser, passiver, keuscher. Eure „Tipps“ beschränken die Sexualität der Mädchen auf ein Locken und Abwarten. Anstatt sie zu ermutigen, den eigenen Körper mit seinen Launen, Bedürfnissen, seinen kleinen und großen Wundern kennenzulernen, allein oder zu zweit und unabhängig davon, was jemand über sie denken könnte, wird die weibliche Körperlichkeit in eine auf die männliche Sicht zugeschnittene Schablone gepresst, kaum dass die Mädchen ihre erste Periode haben. Das Mädchen hat mit seiner Sexualität zu warten, bis der Junge diese zum Leben erweckt. Das ist zum Kotzen.

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„Rede nicht laut, kleide Dich nicht schlampig, lerne aber bitte bereits mit 12, mit nackten Schultern, vorgestreckten Minibrüsten und wenigstens halbhohen Absätzen möglichst verführerisch zu wirken, sei die ganze Zeit pflegeleicht und einladend. Und möglichst viel allein.“

Das ist die Quintessenz Eurer Liste und das ist keine Lappalie. Ihr wendet Euch an junge Menschen und damit an die künftige Generation. Die darüber entscheidet, wie menschliches Miteinander in der Zukunft aussieht. Die heutige Welt ist normativer als noch vor 40 Jahren, damals machten Mädchen mit blauen Latzhosen Werbung für selbstgebaute Legohäuser aus grauen Steinen. Es ist bedauerlich, dass 40 Jahre Frauenbewegung nicht weniger Druck zwischen den Geschlechtern, sondern mehr erzeugt haben, dass die Fronten so verhärtet sind wie nie zuvor, und wir müssen diese Zwischenbilanz akzeptieren, so bitter sie auch schmeckt. Dass Ihr aber aktiv mithelft, Veränderung und Umdenken zu verhindern, indem Ihr Euren Beitrag dazu leistet, Mädchen gefällig und unterwürfig zu halten, das macht mich wütend. Richtig wütend. Von einer 30-Jährigen kann man genug Reife erwarten, sich nicht jeden normativen Schuh anzuziehen. Von einer Elfjährigen oder einer 14-Jährigen dagegen nicht. Die ist Euren infamen Einflüsterungen über das, was „Jungs so gefällt“ ausgesetzt, ohne die Erfahrung zu haben, zu erkennen, dass das vollkommener Blödsinn ist.

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Als Jugendmagazin solltet Ihr die Belange und Probleme der Jugendlichen nicht nur verstehen, sondern auch dabei helfen, sie zu lösen. Mit so kleingeistigen, engstirnigen und normativen Beiträgen löst Ihr keine Probleme, sondern macht Kinder und Jugendliche unfrei, weil Ihr sie unter einen Druck setzt, der nicht bestehen muss. Die Passivität, zu der ihr ratet, ist das Gift unserer Gesellschaft, denn sie ist der Grund, weshalb Frauen und Mädchen zu Opfer werden. Jemand, der von Kindesbeinen an lernt, dass er in erster Linie nicht anstrengend, nicht laut und nicht offensiv sein darf, der lässt im Leben viel mit sich anstellen. Zu viel. Und das ist der Grund, weshalb mich Euer Beitrag so ankotzt: Ihr gebt den Mädchen dieses Gift zu trinken, das weit über den Moment hinauswirkt. Denn diese Mädchen, die mit Eurer tatkräftigen Hilfe lernen, dass Optik fast alles und passive Koketterie der Rest ist, leben das auch als Erwachsene und geben es irgendwann an ihre Kinder weiter.

Dass der Artikel ekelerregend war, wisst Ihr selbst, sonst hättet Ihr ihn nicht mittlerweile sang- und klanglos vom Netz genommen. Dass Ihr keine Stellungnahme dazu abgebt, ist natürlich enttäuschend, aber vielleicht kommt das noch. Ich bitte euch nur um eines: keine Floskeln. Bitte begreift, was ein solcher Artikel auslöst. Erwachsene lachen über ihn, sie verstehen ihn, sie stehen darüber, aber Erwachsene sind nicht Eure Zielgruppe. Das sind 10- bis 17-jährige. Was geht in ihnen vor, wenn sie die Liste lesen? Lachen sie auch? Oder schauen sie vielleicht in den Spiegel und sehen dabei ein abstoßendes Monster? Trauen sie sich nicht, ihren eigenen Körper und ihre eigene Lust zu entdecken, weil das „schlampenhaft“ rüberkommen könnte? Üben sie das Stehen mit überkreuzten Beinen, um schlanker zu wirken?

Wir wissen es nicht. Und das allein sollte Euch Grund genug sein, nie wieder so eine junge Menschen unerbittlich in eine Ecke drängende Scheiße zu schreiben. Nicht nur die Jugendlichen werden dadurch freier, die Gesellschaft wird es auch. Danke.

Eure
Meike