Liebe in Zeiten der Demenz

Liebe in Zeiten der Demenz

Meine Großmutter ist zweiundneunzig Jahre alt. Sie ist, das kann man ruhig so sagen, eine alte Frau und das meiste, was sie in den zweiundneunzig Jahren erlebt hat, war nicht schön.

Ihr Vater, mein Urgroßvater Johann, war nach dem Ersten Weltkrieg aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet gekommen, nicht als Vetriebener, sondern als Arbeitssuchender. Er ließ sich in Dortmund nieder, um in der Zeche sein Glück zu suchen, und bekam zwei Töchter. Die Erste, die starb, war seine Frau. Die Schwindsucht raffte sie 1927 dahin, da war meine Großmutter gerade fünf Jahre alt. Nach einem Leben mit einer verhassten Stiefmutter verlor sie im großen Krieg dann ihren Vater, dem ein Granatensplitter ins linke Handgelenk eingedrungen war, wo er die Schlagader verwüstete.

Später heiratete sie meinen Großvater, der, wie alle Männer in der Linie, ein dominanter Patriarch war, laut und cholerisch. Meine Großmutter war nicht weniger laut und cholerisch, was sie zwar vor der völligen Ausbeutung durch die Welt schützte, aber das familiäre Zusammenleben nicht eben harmonischer machte. Sie gebar meinem Großvater zwei Söhne, meinen Onkel und meinen Vater, die ihren Eltern in Lautstärke und Cholerik in nichts nachstanden. Zusätzlich zu den vielen lauten und cholerischen Menschen um sie herum, mein Großvater hatte noch einige Verwandte in Dortmund, kümmerte sie sich auch um ihre kranke Schwiegermutter.

Ihr Mann war der Nächste. Er starb Anfang der Achtziger Jahre mit neunundfünfzig an Lungenkrebs. Von dem Zeitpunkt, da er vom Krankenhaus als „austherapiert“ zum Sterben nach Hause geschickt wurde, der Körper so voller Metastasen, dass man kaum noch wusste, welches der Primärkrebs war, bis zu seiner tatsächlichen Erlösung vergingen fast neun Monate, in denen die ganze Gefolgschaft des herannahenden Todes auf den schmalen Schultern meiner Großmutter lag.

Ihrem Mann folgte ihr Erstgeborener, mein Onkel, mit sechsundvierzig. Das problematische Herz hatte im Schlaf einfach aufgehört zu schlagen.

Wendekreis des Krebses

Nach einem gebrochenen Oberschenkelhals und ständigen Reibereien mit Teilen der Familie, schlugen meine Eltern ihr vor, nach Hamburg umzuziehen, damit sie sich besser um sie kümmern könnten. Nachdem sie ihr ganzes Leben in den rußigen Straßen von Dortmund verbracht hatte, zog sie 2008 nach Hamburg um. Sie war fast sechsundachtzig und brauchte einen Rollator.

Und dann passierte das, womit niemand gerechnet hatte, das den Zweck des Umzugs ad absurdum führte und das sich bis heute wie eine große Wunde durch meine Familie zieht: mein Vater starb am 24. November 2009. Nach kurzer schwerer Krankheit, heißt es da immer, aber tatsächlich war es ein lange gewachsener Lungenkrebs, der seine Körperabwehr schließlich innerhalb von zwölf Tagen überrannte. Und nur gut drei Monate nach seinem Tod wurde auch bei meiner Mutter Krebs diagnostiziert, operabel und noch ohne Metastasen, aber weit fortgeschritten und in Ausbreitung befindlich. Chemo. Nebenwirkungen. Depressionen. Psychotherapie. Zombie-Modus bei allen Beteiligten.

Über meine Großmutter machten wir uns damals keine Gedanken, sie konnte sich noch alleine versorgen, während meine Mutter um ihr Leben kämpfte, körperlich und seelisch. Es gab Wichtigeres. Außerdem glaubten wir damals, dass meine Großmutter meinen Vater nicht lange überleben würde. Sie waren sich sehr nah, er war ihr Bezugspunkt, ihr Halt im Leben. Wir waren überzeugt, dass sie diesen Verlust nicht würde verwinden können und ihm bald folgen würde. Ein Herzinfarkt, den sie bekam, während meine Mutter noch im Krankenhaus lag, schien unser Bauchgefühl zu bestätigen.

Der blinde Fleck

Doch es kam anders. Meine Großmutter lebt. Sie lebt einfach immer weiter. Das wäre etwas ganz und gar Wundervolles, wenn es ihr gut ginge. Aber sie ist dement und die Krankheit schreitet rasch voran.

Anfangs vergaß sie nur viele Dinge, vor allem Kurzzeitdinge, aus dem Krieg erzählte sie immer noch mit erstaunlicher Detailtreue. Weder Kalendereinträge noch Erinnerungsanrufe konnten die Situation verbessern. Tabletten zu festen Tageszeiten einzunehmen, ging nicht mehr, die Medikamentengabe erfolgte von da an täglich durch einen Pflegedienst. Mehrmals vergaß sie Essen auf dem Herd, mehrmals war die Feuerwehr da, wir richteten unter ihrem Protest Essen auf Rädern ein. Zeitliche Einordnungen sind unmöglich, meine Großmutter hat keinen Bezug mehr zu Begriffen wie „Letzten Monat“, „Morgen“ oder „drei Wochen“. Dinge, die gerade wenige Tage her sind, rücken in ihrem sich verdunkelnden Geist in weite Vergangenheit, während Jahre zurückliegende Ereignisse ihr präsent erscheinen, als seien sie erst vor einigen Wochen geschehen.
Das Vergessen wurde schlimmer, meine Mutter begann, Termine zu koordinieren, das Geld zu verwalten und nach und nach immer mehr Arbeiten zu übernehmen, bis sie abermals kurz vor dem Zusammenbruch stand. Mittlerweile hat meine Großmutter Pflegestufe 1, wir stehen mit diversen Stellen in Kontakt für weitere Hilfe, aber es wird für meine Mutter und mich immer deutlicher, dass der Tag, an dem sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung bleiben kann, näher rückt. Für meine Großmutter dagegen wird nichts deutlich.

Man darf sich unsere Familie bei diesen ganzen lauten und cholerischen Menschen nicht als hoffnungslos zerstrittenen Rattenkönig vorstellen, bei dem es eh schon egal ist, ob man sich einmal mehr mit der Großmutter anlegt. Unser Blut kocht zwar schnell und heftig, aber danach beruhigt es sich meist genauso schnell wieder. Unser Umgang miteinander ist liebevoll und herzlich und in der Regel freuen wir uns, einander zu sehen. Diese Liebe und Freude ist jetzt bedroht, nicht von der Demenz oder der Hilfsbedürftigkeit meiner Gromutter. Noch nicht einmal von dem bürokratischen Aufwand, den die Organisation von Pflegeleistungen bedeutet, die vielen Formulare, die vielen Amtsstuben, die vielen Briefe und Emails. Der Sturschädel meiner Großmutter ist es.

Wir haben von anderen gehört, dass manche Demenzkranke lieblich und umgänglich werden, geradezu niedliche alte Herrschaften. Meine Großmutter gehört nicht dazu.

An guten Tagen erkennt sie das Ausmaß der Zuwendung meiner Mutter, dann fühlt sie sich schuldig und ist gesprächsbereit.
An schlechten Tagen knallt sie den Hörer auf das Telefon oder sagt Dinge wie „Wenn der Vati [mein Vater] noch lebte, hätte es das nicht gegeben, dass Ihr mich in ein Heim stecken wollt!“ Ein Satz, unter dem vor allem meine pflichtbewusste Mutter oft zusammenzuckt. An schlechten Tagen ist ihre Bereitschaft, Notwendigkeiten zu akzeptieren, sowie ihr Verständnis für meine Mutter überschaubar. Sie führt dann die Pflege ihrer eigenen Schwiegermutter ins Feld, wiegt sie gegen die Leistung meiner Mutter auf und unterschlägt dabei, dass sie damals kerngesund und dreißig Jahre jünger war als meine Mutter heute. Es ist dann schwer, ihr nicht haarklein aufzuzählen, dass sie nur deshalb noch allein in ihrer Wohnung leben kann, weil meine Mutter sich nach ihrer Erkrankung weder um ihre  Genesung noch ihre Trauer, sondern nur um die Lebensorganisation meiner Großmutter gekümmert hat.
Es gibt viele schlechte Tage.

Ich weiß, dass ihr Verhalten Teil der Krankheit ist, ich bin nicht wütend. Ich bin nur ratlos und traurig.

Gretchens Fragen

Denn wie bespricht man eine Situation mit jemandem, dessen Geist die Verbindung zur Gegenwart abhanden gekommen ist? Wie erklärt man jemandem, dass ein Pflegeheim nicht länger eine Wohlfühloption, sondern eine Notwendigkeit ist, wenn derjenige morgen früh alles vergessen hat, was man ihm heute Abend erzählt?

Alles, was wir meiner Großmutter sagen, jedes Argument, jedes Bitten, jedes liebevolle Wort ist nichts weiter als ein flüchtiger Hauch, jede Überzeugungsarbeit ist schon Stunden später nichts weiter als vertane Energie.

Wir sind alle sehr müde.