Die gelähmte Wut

Wir werden überwacht. Ein Zwei Drei Mehrere Geheimdienste können alles von allen lesen. Chats, Emails, Privatnachrichten, Passwörter, Kreditkarteninformationen, Nutzernamen, Suchanfragen, Surfverhalten, alles. Jeden Tag neue Geheimdienste, jeden Tag neue Politikerlügen, jeden Tag neue Monstrositäten. Und die Menschen regen sich nicht auf.

Der beste Mann von allen twitterte voller Enttäuschung:

An vielen Stellen im Netz ist diese Enttäuschung spürbar. Ich finde sie nachvollziehbar und richtig. Ich teile diese Enttäuschung über die Apathie eines ganzen Landes.
Aber wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin und ganz tief in mich reinhorche, dann teile ich auch die Apathie. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich nicht die Wut meines Mannes spüre. Dass ich mich nicht genug aufrege, um mehrere erboste Blogartikel zu schreiben. Dass es mir nicht den Schlaf raubt.
Das, was jetzt folgt, ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung dafür, auch eine Erklärung für mich selber. Erstmal suche ich nur nach Gründen, die mir meine eigene Lähmung erklären. Nach dem Aufschreiben werde ich sehen, wie ich mit meinen Erkenntnissen umgehe.

Wer gegen wen?

Ich habe den Überblick verloren, es tut mir leid. Wer hat denn jetzt wen bespitzelt? Die Amerikaner alle, schon klar, die Deutschen? Auch? Ihr eigenes Volk? Und wenn ja, mit welchem Programm? Oder haben die den Amerikanern nur erlaubt, hier zu schnüffeln? Und was war mit den Engländern? Haben die nur für sich oder auch am Ende an die USA geliefert? Geht es immer noch weiter, jetzt gerade, oder haben die bei der Entdeckung aufgehört? Wer belügt mich eigentlich gerade?
Die Zeitungen überschlagen sich mit Superlativen, jeden Tag werden neue Lügen enttarnt, jede Woche grinst ein anderes Regierungsmitglied blöde in die Kameras und arbeitet an nichts als seinem Machterhalt. Jede Woche kommen neue Monstrositäten heraus, neue Programme, es wurde alles abgeschnorchelt, ALLES!, oh hier, neues Programm, jetzt aber wirklich alles, restlos, und die Engländer und die Amerikaner und der BND, die sollen davon gewusst und Daten sogar weitergegeben haben und Merkel und Pofalla und Friedrich lügen auch alle … Moment, Moment – was? Wie ist denn jetzt der Zwischenstand?

Ich habe den Überblick verloren und weil es Dinge gab, die mich emotional stärker im Griff hatten, habe ich den Anschluss verpasst.

Die amorphe Wutmasse

Ich weiß nicht, wo ich mit dem Aufregen anfangen soll. Dieser ganze Überwachungsskandal ist so gerammelt voll mit Absurditäten, dass ich einfach nicht weiß, worauf ich meine Wut richten soll.
Ich bin enttäuscht von den USA, die in paranoider Hysterie ihre Verbündeten ausspionieren als gäb’s kein Morgen mehr.
Ich bin enttäuscht von einem Barack Obama, der eben noch Whistleblower als Helfer der Demokratie lobt und sie im nächsten Moment gnadenloser verfolgen lässt als alle anderen Präsidenten vor ihm.
Ich bin enttäuscht von einer Bundesregierung, die ich nicht gewählt habe und die sich nicht schämt, das Vertrauen ihres eigenen Volkes derart zu missbrauchen.

Ich stehe fassungslos vor all dem, mit offenem Mund und leerem Blick, ich bin so wütend, dass ich schreien möchte, dass ich Angela Merkel für ihre Waschlappigkeit, ihren Mangel an Haltung, ihre weiche, formlose Fleischigkeit ins Gesicht schlagen möchte. Aber genauso möchte ich die USA ins Gesicht schlagen und Pofalla und all die Personen, die meine Freiheit, meine Privatsphäre verraten und verkauft haben.
Es ist eine so riesige Müllhalde aus Ungeheuerlichkeiten, dass ich die Details nicht mehr erkennen kann, die Einzelheiten verschwimmen vor meinen ohnehin nicht sehr guten Augen. Und sich über ein diffuses Großes aufzuregen, ist so, wie sich über die Welt aufzuregen. Das ist zu viel, das kann ich nicht, da schlägt meine berechtigte Wut, mein Entsetzen, meine Aufregung in Ohnmacht um. In Fassungslosigkeit. In Apathie. Mein Kiefer klappt runter, ich glotze blöde, Kurzschluss im Gehirn, Schotten dicht. Zurück bleibt nur Lähmung.

Wo soll ich anfangen, mich aufzuregen, wo denn nur?

Alles!

Ich kann dem, was gerade passiert, nicht entkommen, weil es alles ist.
Es geht nicht um Sicherheitslücken bei Facebook oder GoogleMail, es geht nicht um einen bestimmten Dienst, der meine Verbindungsdaten – upps! – weiterverkauft, oder eine bestimmte Website, die meine Zugangsdaten verloren hat. Es geht nicht um einen Anbieter, den ich boykottieren und durch einen besseren ersetzen kann. Es geht um alles.

Die Überwachung des Internets ist so allumfassend, dass ich ihr nur entgehen kann, wenn ich aus dem Internet rausbleibe. Ich kann nichts machen, um für mich ein Zeichen zu setzen, es gibt kein Mittel von Verweigerung oder Protest, zu dem ich greifen kann, um mich zu positionieren oder um der Katastrophe für mich zu entgehen. Ich finde es wichtig, persönliche Konsequenzen aus der Wut zu ziehen. Wenn es keine Konsequenzen gibt, wird die Wut zum Selbstzweck, zum Gift, was mich von innen verseucht.

Die Kanzlerin bei der Wahl im September abwatschen? Geschenkt. Die Kanzlerin war ohnehin nie meine Kanzlerin und jetzt, wo herauskommt, dass alle Parteien Dreck am Stecken haben, schrumpfen die Optionen für eine Protestwahl beängstigend zusammen.
Blogartikel, offene Briefe, das ist doch wie eine Torte aus Rasierschaum: sieht so aus als ob, ist aber am Ende doch nur heiße Luft.
Ich verzweifle an der Frage, was ich tun kann, wie ich die, die es verdienen, bestrafen und dem Überwachungsapparat laut und deutlich entkommen kann.

Meine Aufregung, Eure Aufregung

Als die flächendeckende Überwachung herauskam, war für mich für den Moment die wichtigste Frage: Hört das denn jetzt auf, wo es raus ist?
In allen Artikeln, die ich zu dem Thema gelesen habe, ging es immer nur darum, wer was gewusst hat, aber für mich war diese Frage immer nachgelagert. Ich will, dass es aufhört. Ich will mich wieder frei und unbeobachtet fühlen, wenn ich im Internet surfe. In der Vergangenheit haben sich die deutsche Regierung und der BND gegenüber den USA so kooperativ verhalten, dass sie auch gleich selber hätten schnüffeln können. Ach ja, haben sie ja. Haben sie? Ha ha.
Die Regierung, die deutschen Geheimdienste sollen alles versuchen, dass das in der Zukunft nicht mehr vorkommt. DAS will ich. Das ist meine Empörung. Wer in der Vergangenheit was gewusst und wem welche Informationen in die Hände gespielt hat, können wir dann später klären. Das ist Eure Empörung.

Wer sind diese Leute?

Die folgende Erkenntnis ist vielleicht die piefigste und armseligste, aber es muss wohl sein.
Das ganze Internet kann in meinem Blog lesen, wie es in mir aussieht, aber es fühlt sich manchmal komisch an, wenn meine Familie oder meine älteste Freundin mich auf Blogartikel anspricht. Das klingt komisch, ist aber so. Je näher mir die Menschen sind, desto unangenehmer ist mir der Gedanke, intime Details mit ihnen zu teilen. Ich habe weniger Probleme damit, wenn Fremde etwas Intimes über mich wissen, als wenn Menschen das über mich wissen, die mich aus einem ganz anderen Kontext kennen.
Und ich befürchte, ein ähnlicher Mechanismus greift auch bei dem Überwachungsskandal.

Der Gedanke, mein Nachbar könnte über die verstörenden Dinge stolpern, die mein Browser so den ganzen Tag sieht, erschreckt mich mehr als mir einen amerikanischen Man in Black vor meiner Browserhistorie vorzustellen.

Ich bin wütend, aber mehr noch als wütend bin ich hilflos, ohnmächtig, gelähmt, perplex. Ich bin voller Hass gegen die Bundesregierung, aber da ich sie und ihre Parteien sowieso nicht gewählt habe, was kann ich tun? Mehr als sie nicht zu wählen geht nicht. Da mir die anderen Parteien aber genauso unwählbar erscheinen, fühle ich mich wie gefesselt und geknebelt.

Da stehen sie und sind enttäuscht über meinen Mangel an Wut.
Und ich frage mich: Was kann ich tun, wo kann ich hin?

Don’t need no fairytales, no fantasies
No complications from the web, that they weave
Inside these shadows hides the truth, that i need

(2 Bit Pie – „Colors“)