Das Schreien der Lämmer

UPDATE: Eine Ergänzung dieses Artikels habe ich unter “Schreiende Lämmer – Das Nachspiel” geschrieben. Und unter “Das Gewicht der Selbstbestimmung” noch etwas über die Kontrolle und Verantwortung, die man über und für sein eigenes Leben übernehmen kann.

Die Debatte über Alltagssexismus, die momentan allerorten hochpoppt, macht mich wütend. Sehr wütend. So wütend, dass ich mich in den letzten zwei, drei Tagen zu Äußerungen hinreißen ließ, die knapper und aggressiver waren als gut gewesen wäre. Dafür möchte ich mich bei allen, die sich dadurch verletzt gefühlt haben, entschuldigen.
Weil ich die Debatte wichtig und notwendig finde und weil mir nichts ferner liegt, als die Erfahrungen von Frauen, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, herabzusetzen, zu bagatellisieren oder lächerlich zu machen.

Dennoch möchte ich sagen, was mich wütend macht und warum.
Ich glaube, dass diese Debatte, die ich so wichtig finde, an mehreren Stellen falsch läuft. Das macht mich wütend, weil ich befürchte, dass sie deshalb verpuffen wird. Die Debatte wird bisher nach meinem Gefühl sehr eindimensional geführt und bestimmte Aspekte werden ausgelassen, die nach meinem Gefühl nicht ausgelassen werden dürfen.
Ich möchte gerne versuchen, auf diese Aspekte ein Licht zu werfen.

Es geht mir im Folgenden nicht darum, so zu tun, als gäbe es keinen Sexismus, sondern darum, was jeder Einzelne von uns als sexistisch empfindet und wie wir damit umgehen.

Hinweis: dieser Artikel wird sehr, sehr lang, weil da oft “nach meinem Empfinden”, “meines Erachtens”, “ich finde” usw. steht. Das stört den Textfluss zwar manchmal etwas und zieht den Text in die Länge, ist aber bei diesem Thema leider unerlässlich. Geht also besser nochmal auf Klo, bevor Ihr anfangt.

1.) Die Verquickung von z.B. Sexismus und Kindesmissbrauch, Sexismus und Vergewaltigung, Sexismus und körperlichen Übergriffen.

Die geschätzte Daniela Warndorf hat das bei Facebook so formuliert:

“Das Problem an Debatten über Sexismus ist, dass vielen Frauen gar nicht klar ist, dass Sexismus und sexuelle Belästigung verschiedene Dinge sind.”

Die Vermischung dieser Schlagworte überdramatisiert das Eine und — weitaus schlimmer — bagatellisiert das Andere. Die Grundhaltung mag bei allem eine ähnliche sein, nämlich die Objektifizierung des Gegenübers, aber das ist nach meinem Empfinden auch alles.
Kindesmissbrauch und Vergewaltigung sind schwerste Verbrechen und allein schon dadurch ganz klar zu trennen von Sexismus, der zwar oft unangenehm, schmierig und geschmacklos, aber eben kein Verbrechen ist. Solche schlimmen Verbrechen für die Lösung eines sozialen Problems zu missbrauchen, empfinde ich als Ohrfeige ins Gesicht aller Opfer sexueller Gewalt (sie selbst mögen das freilich anders empfinden).

2.) Das Ignorieren unterschiedlicher Wahrnehmungen.

Was genau als sexistisch und unangenehm wahrgenommen wird, ist — obwohl es reichlich allgemeingültige Definitionsversuche gibt (bei Bedarf bitte selber googeln) — unterschiedlich.
Und zwar nicht nur von Frau zu Frau unterschiedlich, sondern auch von Situation zu Situation, von Mann zu Mann, von Alter zu Alter, von Lebensphase zu Lebensphase, von Mentalität zu Mentalität.

  • Wenn mir ein Mann auf der Straße hinterherpfeift – sexistisch oder nicht?
    Wenn er mir wie in der schönen 80er-Jahre-Parfumwerbung plötzlich Blumen schenkt – sexistisch oder nicht?
  • Wenn ein Mann, den ich als unattraktiv empfinde, ein bisschen zu dicht neben mir steht – unangenehm oder nicht?
    Wenn er aussieht wie [hier attraktiven Schauspieler einsetzen] – unangenehm oder nicht?
  • Wenn mir ein mir nur oberflächlich bekannter Mann ein zurückhaltendes, freundliches Kompliment über mein Kleid macht – Übergriff oder nicht?
    Wenn *schüttel* Rainer Brüderle das tut – Übergriff oder nicht?
  • Wenn ein erwachsener, einigermaßen gebildeter Mann, den ich kaum kenne, schleimige Bemerkungen über meine Brüste macht – geht das zu weit oder nicht?
    Wenn das ein 18-jähriger Junge macht, auf dem Zenit seines Hormoneinschusses – geht das zu weit oder nicht?

Ganz zu schweigen davon, dass Frauen Situationen einfach unterschiedlich empfinden. Die eine fühlt sich durch Blicke bereits bedrängt und zum Objekt degradiert, die andere erst, wenn körperliche Grenzen überschritten werden (Hand auf den Rücken legen, Handkuss etc.). Ab einer gewissen Intensität und Aggressivität des männlichen Verhalten sind höchstwahrscheinlich alle einig, aber auf die Frage, wo Sexismus anfängt, gibt es vermutlich so viele Antworten wie Frauen.

Die Vielfalt an persönlichen Maßstäben, die in meinen Augen jeden Versuch einer allgemeingültigen Definition ad absurdum führen muss, wird in meiner Wahrnehmung bisher nur von einzelnen Frauen berücksichtigt.
Gerade bei einem so heiklen Thema finde ich aber Verknappung und Verallgemeinerung völlig kontraproduktiv. Ebenso kontraproduktiv finde ich es, hier kurzerhand den “sensibelsten Filter” als Verhaltensmaßstab zu benennen.

3.) Die Weigerung vieler Frauen, Verantwortung zu übernehmen.

Sexismus ist ein komplexes, multikausales Monster, das zu allem Überfluss noch an die empfindlichsten Punkte von Männern und Frauen rührt: ihre sexuelle Identität. Ein so heikles Thema braucht meines Erachtens eine umsichtige Betrachtung von allen Seiten.
Der einzige Lösungsansatz, den ich in dieser ganzen Debatte wahrnehme, ist die Anklage und die Forderung an Männer, es anders zu machen, sich zu ändern. Diese Anklage manifestiert sich für mich unter anderem in der Twitteraktion #Aufschrei, in der Frauen ihre mal mehr, mal weniger erschreckenden Erfahrungen mit Alltagssexismus schildern.
[Einschub: hier habe ich übrigens circa 60% Schilderungen gelesen, die ich erschreckend fand, und 40%, die mir wie kleinliches Pillepalle erschienen. Dies nur zur Verdeutlichung, was ich mit "unterschiedliche persönliche Grenzen" meine.]

Sexismus ist nach meinem Dafürhalten in erster Linie ein komplexes, soziales Problem und wie bei den allermeisten sozialen Problemen liegt die Lösung in den Händen beider Partner. Fefe bringt das in seinem Blog (in einem Nachklapp zur Creepercard-Aktion auf der 29c3) so auf den Punkt:

“Sexismus ist ein soziales Problem, sowas löst man, indem man miteinander redet.”

Sich zurückzulehnen und zu sagen “Es ist eine Zumutung mit Euch Männern, ändert Euch”, ist nicht miteinander reden, das ist doof und unerwachsen.

Sexismus ist ein Problem, das über Jahrtausende der Menschwerdung “gereift” ist.
Frauen als Objekt zu sehen, ist ein uraltes männliches (und natürlich völlig überkommenes) Verhalten.
Ebenso überkommen ist aber auch das uralte weibliche Gegenstück: das Stillhalten, das Ignorieren eigener Grenzen, das Sich-nicht-wehren, das Unterordnen.

Wenn Frauen nun also zu Recht von Männern verlangen, dass sie ihre völlig veralteten Frauenbilder und Verhaltensmuster überdenken, müssen sie dann nicht auch ihr eigenes Verhalten überdenken? Weniger hinnehmen, klarer sprechen, für sich selber einstehen, statt auf Rettung zu warten, nicht immer still sein, “damit die liebe Seele ihre Ruhe hat”?

Zitat aus einer Facebook-Diskussion:

“Wie sollen Männer lernen, wo die (bei jeder Mann/Frau-Konstellation wo anders liegende) Grenze zwischen im Zweifel auch tollpatschiger Beziehungsanbahnung und unstrittig tatsächlicher Belästigung liegt, wenn Frau das Mann nicht sagt?”

So funktioniert doch soziale Reifung: Männer lernen von Frauen, Frauen lernen von Männern, man spricht gemeinsam darüber, wie man mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen kann, Menschen [sic!] wachsen aneinander.

Zu warten, bis die Welt durch die Einsicht, Klugheit und Rücksichtnahme der Männer ein besserer Ort geworden ist, während man sich selber auf die Schilderung erschütternder Erlebnisse beschränkt, halte ich für falsch. Das ist für mich unmündiges Verhalten. Ausdruck von Schwäche und Unreife, sowie der Weigerung, Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen.

Die Gesellschaft wird für Euch Frauen nicht einfach schöner werden, wenn Ihr nur lange genug drauf wartet, denn hier kommt der Riesenbrüller: Ihr seid die Gesellschaft. Wir sind die Gesellschaft. Jeder Einzelne von uns allen ist die Gesellschaft und jede [sic!] Einzelne von uns kann und muss dazu beitragen, dass die Gesellschaft besser wird.
Das ist nicht die Aufgabe von Männern, das ist unser aller Aufgabe.

4.) Die Opferhaltung vieler Frauen, die sich in der Debatte äußern.

“Frauen haben nie gelernt, Grenzen zu setzen [...]“

“Aufgrund der christlichen Sozialisierung [...] werden solche Übergriffe garnicht so wirklich wahrgenommen”

“Also lehnen Feminist_innen die Vorstellung ab, dass Frauen sexistisch gegenüber Männern sein können, weil Frauen die institutionelle Macht fehlt, die Männer haben” (http://sanczny.wordpress.com/2012/07/19/was-ist-sexismus/)

Also alle Frauen sind Opfer, zur Wehrlosigkeit verdammt. Und selbst die, die sich nicht als Opfer und fortwährend durch Männer bedroht fühlen, sind trotzdem Opfer, weil sie durch Jahrhunderte der Sozialisierung quasi gebrainwasht und daher unmündig und ohne eigenen Willen und eigene Entscheidung in solchen Fragen sind. Weiters dürfen Frauen Männer pauschal verurteilen und für sich selber Sonderrechte einfordern, weil sie ja qua Geschlechtshistorie niemals Täter (sondern wenn überhaupt, nur Opfer) sein können.

Ich möchte hierzu festhalten: ich bin kein Opfer und ich will von niemandem dazu gemacht werden. Ich bin in meinem Leben noch in keine Situation gekommen, die ich selber als sexistisch empfunden habe. Mittlerweile habe ich in Diskussionen schon von mehreren Frauen gehört, dass es ihnen auch so geht oder, falls sie doch einmal in einer unangenehmen Situation waren, sie den Mann einfach in seine Schranken gewiesen haben.

Hört auf, so zu tun, als hätten Frauen nur die zwei Optionen, entweder unangenehme Annäherungen über sich ergehen zu lassen oder auf das Wohlverhalten der Männer zu hoffen. Hört auf, so zu tun, als sei Wehrhaftigkeit und Selbstbewusstsein das Privileg einiger weniger Frauen und alle anderen seien den Männern, dem Leben und überhaupt der ganzen Welt hilflos ausgeliefert.

Ich bin der Meinung, dass zu den meisten ausbeutenden, unterdrückenden Situationen immer zwei Parteien gehören: einer, der unterdrückt, und einer, der sich unterdrücken lässt. Frauen können sich also an irgendeinem Punkt in ihrem Leben entscheiden, ob sie Opfer sein wollen oder nicht. (Körperliche Angriffe sind davon natürlich ausgenommen)

Sich zu befreien, heißt für mich, die Tür einzutreten, und nicht zu warten, bis der Hausherr [sic!] die Tür aufschließt.

5.) Nicht alles ist Sexismus

Menschen interagieren miteinander. Dabei geht manchmal etwas schief. Wenn es schief geht, ist das nicht zwangsläufig männlichem Dominanzverhalten geschuldet, sondern manchmal vielleicht auch einfach nur unglücklicher menschlicher Kommunikation.

  • Der verunglückte Versuch, eine Frau einfach kennenzulernen.
  • Fehleinschätzung einer zwischenmenschlichen Situation.
  • Eine holperig gewählte Formulierung.
  • Kein Gespür für Nähe und Distanz.
  • Schlechte Kinderstube.
  • Erfahrung.

Nochmal: es geht nicht um eindeutige Bedrängungen, die (vermutlich) alle Frauen unangenehm finden, sondern um den Graubereich von Verhaltensweisen, die eben nicht eindeutig sind. Die man durchaus unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren kann. Nicht alle diese Verhaltensweisen gehen tatsächlich darauf zurück, dass der Mann seine weibliche Gesprächspartnerin nicht respektiert oder nur mit ihr ins Bett will. Nicht jeder Mann, der eine Frau einfach nur kennenlernen will und ihr das unbeholfen, holprig oder tollpatschig zeigt, ist ein rückständiger Arsch.

Ich glaube, es ist wichtig, das im Hinterkopf zu behalten, weil ich befürchte, dass die inflationäre Verwendung des Wortes “Sexismus” für alles und jedes am Ende nur dazu führen wird, Kommunikation zu beenden, nicht zu beginnen. Dazu, dass bei dem Wort niemand mehr genau zuhört und alle nur noch reflexhaft reagieren, egal in welche Richtung.

Und das wäre eine Tragödie.

Nachwort

Ich habe mich bemüht, den Artikel mit aller gebotenen Vorsicht zu formulieren. Ich habe ihn mit Absicht erst jetzt geschrieben, wo ich schon über den Zenit meiner Wut hinaus bin. Sechs Stunden habe ich an diesem Monster gesessen. Formuliert, gestrichen, neu formuliert, ergänzt, gekürzt. Und doch weiß ich, dass es Leser geben wird, die nur herauslesen, was sie herauslesen wollen. Da daran auch weitere Umformulierungen nichts ändern werden, erkläre den Artikel hiermit für fertig.

Ich habe in den letzten Tagen viele Dinge zu dem Thema gelesen. Wichtige, wertvolle Beiträge. Aber genauso oft habe ich eindimensionales, pauschaliserendes Geblubber gelesen, das die oben erwähnte Wut in mir ausgelöst, mich zwei schlaflose Nächte, viele Tränen und noch mehr Kraft gekostet hat. Von diesem Geblubber habe ich so viel gelesen, dass ich mir vorbehalte, Kommentare, die ich als solches empfinde, nicht freizuschalten.

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