Vernichte den Schmerz, vernichte mich.

Nancys Leben ist Schmerz. Von Kindesbeinen an, schon immer.
Der Missbrauch durch den eigenen Onkel legt den Grundstein für ein Leben voller Selbsthass. Alles an ihrem Leben ist Bestrafung, Selbstbestrafung. Das Ritzen von Armen und Beinen, der unsensible Ehemann Albert, die Suche nach sexueller Erniedrigung, und die Nichterfüllung dieser Suche.
Nancy hasst ihr Leben und noch mehr als ihr Leben hasst sie sich selbst. Sie hasst sich so sehr, dass ihre Psychiaterin unfähig ist, das Dickicht ihres Innenlebens zu durchbrechen und ihr auch nur eine Sekunde herauszuhelfen aus der ewigen Dunkelheit.

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Im Internet findet Nancy ein Refugium. Es ist gleichermaßen Flucht vor der Realität und Suche nach Erlösung. Diese Erlösung scheint zum Greifen nahe, als sie Louis kennenlernt.
Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, verlässt Nancy das eigene Haus, den eigenen Ehemann und reist nach Baltimore, um Louis zu treffen.
Louis, der eine ebenso versprengte Seele zu sein scheint wie sie selber. Louis, der mit seiner Dominanz gleichermaßen Bestrafer und Beschützer zu sein vermag. Louis, der mit klugem Tiefgang berührt und sich berühren lässt. Louis, der sich in Nancy verliebt.
Ein tiefes inneres Verständnis, ein stummes Wissen verbindet die beiden. Es steht im krassen Gegensatz zu der schroffen Erotik ihrer Begegnung und ist doch gleichzeitig ihre perfekte Entsprechung.
Für eine Mikrosekunde wird die Hoffnungslosigkeit unterbrochen von Aufrichtigkeit und Wärme und einen Herzschlag lang stehen beide an der Schwelle zu etwas, das vielleicht einmal Glück werden kann.

Doch Nancy sucht nicht Liebe oder Glück. Nancy sucht Erlösung. Sie sucht den Tod. Und sie hat mit Louis vereinbart, dass er ihr Instrument sein wird, um diesen Tod herbeizuführen. Dass er sich in sie verliebt, ruiniert den Plan, denn natürlich versucht er alles, um sie von dem ursprünglichen Vorhaben abzubringen. Aber sie wartet schon zu lange auf die Stille und lässt sich nicht beirren.
Und schließlich, in einem qualvollen emotionalen Kraftakt, erfüllt Louis ihren Wunsch und tötet sie.

Derweil muss Albert der Tatsache ins Auge blicken, dass Nancy ihn verlassen hat. Sein Selbstmitleid wird unterbrochen, als eines Tages ein Mann vor seiner Tür steht, der behauptet zu wissen, was mit Nancy geschehen ist. Es ist Louis.
Er beginnt, Nancys Geschichte zu erzählen – zerschunden von Alberts Wut und gefesselt an Händen und Füßen. Detail für Detail breitet er vor ihm Nancys Seele aus, den Schmerz, die Einsamkeit, den Selbsthass. Es ist eine Anklage und ein Teilen, ein Vorwurf und eine Bitte um Beistand. Die Männer teilen Schuld und Trauer und sind dadurch auf seltsame Art verbunden.
Die Scham über sein eigenes Unvermögen löscht Alberts bisheriges Leben aus. Er beginnt, sich selbst zu verletzen, und begibt sich in Therapie. Louis wird verhaftet und muss eine lebenslange Haftstrafe verbüßen.
Der Schmerz wechselt den Besitzer.
Nancys Tod bringt keine Erlösung. Für niemanden.

Was klingt wie eine Mischung aus „Die Geschichte der O“ und den Ereignissen um Armin Meiwes, den Kannibalen von Rothenburg, ist das Regiedebüt des schwedischen Musikers Johan Renck aus dem Jahre 2008.

Man muss bereit sein, den Schmerz zu teilen, um „Downloading Nancy“ zu mögen. Man muss bereit sein, sich für zwei Stunden jede Hoffnung nehmen zu lassen. Wenn man in dem Moment, als Liebe und Verständnis zum Greifen nah sind, fragt „Wenn nicht mal das hilft, was denn dann“, antwortet der Film „Nichts denn dann.“ Nichts hilft Nancy, nur der Tod. Man muss wissen wollen, wie sich so etwas anfühlt.

Maria Bello (Nancy), Jason Patric (Louis) und Rufus Sewell (Albert) spielen als ginge es um ihr Leben. Todd McCarthy nannte Bellos Spiel in der Variety „furchtlos“. Alle drei Schauspieler sind bisher nicht unbedingt als A-Besetzung für tiefschürfende Charakterollen in Erscheinung getreten und doch – oder gerade deshalb – übertreffen sie alle Erwartungen.
Die wahre Stärke dieses Film ist jedoch die Abwesenheit jeder Wertung. Niemand wird beschuldigt, niemand wird verteidigt, der (Frei-)Tod weder verherrlicht, noch verurteilt. Der Film beobachtet, er erzählt, er beschreibt, mehr nicht. Wenn man es schafft, ebenso wertfrei in diese Gefühlswelt hineinzuschlüpfen, offenbart sich ein filmisches Meisterwerk.

Nüchtern und ohne jeden Schnörkel zeigt Regisseur Renck zwei Menschen, Nancy und Louis, die anders sind. Deren gesamte Gefühlspalette jenseits dessen liegt, was in der Gesellschaft gemeinhin als gut und richtig gilt. Ihre Einsamkeit ist so greifbar wie der Stift, der in diesem Augenblick hier vor mir liegt. Das Unvorstellbare ihres Zusammentreffens – die verabredete Ermordung und anschließende Entsorgung der Leiche – verwandelt sich vor den Augen des Zuschauers in eine Intimität, die gleichzeitig wunderbar hauchzart und unerträglich qualvoll ist.
Die menschliche Wärme, die in all dem Leid für Sekunden spürbar wird, macht diesen Film für mich zu einem der besten Filme, die ich jemals gesehen habe.