Lieber Vater: Prolog

Frühjahr/Sommer 2009.
Seit längerer Zeit hat mein Vater Husten. Er besucht verschiedene Ärzte zu verschiedenen Untersuchungen. Es werden Keuchhustenerreger gefunden und Anzeichen einer Lungenentzündung. Die Blutwerte verbessern sich durch die verschiedenen Behandlungen zwar, aber der Husten geht nicht weg.

Im August muss er zu einem CT, das nichts außer der verschleppten Lungenentzündung ergibt.
Dass er mich und meinen Bruder über das Ergebnis dieses CT belügt, erfahre ich erst später.

03. Oktober 2009. Samstag.
Der Mann, den ich Anfang September kennengelernt habe, und ich fahren zu meinen Eltern. Antrittsbesuch. Wir wissen, dass wir zusammenbleiben werden. Als ich meinen Vater umarme, fällt mir die erschreckende Knochigkeit seiner Schultern auf. Er sagt, er hat nicht abgenommen. Alles Lüge.
Es wird die einzige Begegnung zwischen dem Mann, den ich liebe, und meinem Vater, bei der mein Vater nicht vom Tode gezeichnet und von Morphium benebelt ist. Später werde ich dankbar sein für jede Sekunde dieser Begegnung.

14. November 2009. Samstag.
Meine Mutter sagt am Telefon, Dein Vater ist so krank. Bronchitis, 39°C Fieber, starker Gewichtsverlust, Schwäche, Appetitlosigkeit. Der Arzt hat fiebersenkende Mittel und Antibiotika verschrieben. Ich spreche kurz mit meinem Vater und bin zu Tode erschrocken. Seine Stimme, die sonst laut und klar ist, eine Befehlsstimme von bisweilen beängstigender Durchschlagskraft, ist leise und zerbrechlich.

Sein Gewichtsverlust versetzt mich an den Rand einer Panik. Vati war immer ein Schlaks, aber nun wiegt er bei einer Körpergröße von 1,84m nur noch 59kg – weniger als ich. Kurz schießt mir mein Besuch Anfang Oktober durch den Kopf.

Nach dem Telefonat weine ich und rufe den Mann, den ich liebe, an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch sich von dieser Schwäche erholen kann. An Krebs denke ich nicht. Das CT war ja negativ.

Eine Woche zuvor war Vati bei einer Lungenendoskopie, um endlich die Ursache für seinen Husten zu klären. Die Ergebnisse werden für Dienstag erwartet.

15. November 2009. Sonntag.
Ich telefoniere wieder mit meinen Eltern. Mutti sagt, Vati wiegt heute ein Kilo mehr. Als ich mit ihm spreche, klingt er ein bisschen kräftiger als am Tag zuvor. Hoffnung.

16. November 2009. Montag.
Erneutes Telefonat. Ich biete meinen Eltern an zu kommen. Mutti sagt, sie will die Untersuchungsergebnisse am nächsten Tag abwarten und mir dann Bescheid sagen.

17. November 2009. Dienstag.
Um 8 Uhr 30 klingelt das Telefon und meine Mutter fragt, wann willst Du kommen. Ich sage, ich habe noch keinen Zug herausgesucht, Du wolltest ja erst Bescheid sagen.
Ich frage, was ist denn mit den Ergebnissen. Mutti sagt, das wollen wir heute Nachmittag mit Euch beiden besprechen.

In diesem Moment weiß ich, dass mein Vater sterben wird.

Mein Körper schaltet auf Autopilot. Alles ist wie in Watte. Ich gehe zu dem Mann, den ich liebe und der noch im Bett liegt, und sage, es ist etwas Schlimmes. Ich kann nicht weinen. Die folgenden Stunden, bis zu meiner Ankunft in Hamburg, vergehen irgendwie. Ich weiß nicht, wie.
In meiner Erinnerung existieren diese Stunden nicht.

Mein Bruder holt mich vom Bahnhof ab und auf der Fahrt zu unseren Eltern reden wir über Vatis Tod. Nein, etwas Schlimmes muss natürlich nicht den Tod bedeuten. Vielleicht hat er auch Tuberkulose oder Cholera oder die Pest oder Tsutsu-Gamushi-Fieber. Das wäre schlimm, aber nicht tödlich. Er darf nicht sterben, er hat doch noch so viel vor.

Es sind hilflose Sätze, die wir tauschen, wir halten uns an Strohhalmen fest.


 
Lieber Vater: Prolog.

Lieber Vater: Noch sieben Tage.

Lieber Vater: Noch sechs Tage.

Lieber Vater: Noch fünf Tage.

Lieber Vater: Noch vier Tage.

Lieber Vater: Noch drei Tage.

Lieber Vater: Noch zwei Tage.