Die Befreiung des Ich

Die Befreiung des Ich

Bei dem Versuch, die erbitterte Uneinigkeit in vielen westlichen Gesellschaften zu erklären, schießen die Frontverläufe derzeit wie Pilze aus dem Boden. Da heißt es Stadt gegen Land, Arm gegen Reich, Elite gegen Proletariat, Links gegen Rechts, Alt gegen Jung. Keine dieser Erklärungen erscheint mir unwahrscheinlich, sie alle sind durch demografische Erhebungen belegt und zeigen den globalen Wandel als vielköpfiges Ungeheuer, bei dem man eine ganze Menge Köpfe abschlagen kann, ohne eine nennenswerte Wirkung zu erzielen, weil immer noch genug andere übrig sind.

Und doch finde ich diese ganzen Ansätze etwas unbefriedigend, weil sie alle nicht erklären, warum sich überall auf der Welt plötzlich Allianzen aus Menschen finden, die inhaltlich einfach nicht zusammen passen. Frauen machen gemeinsame Sache mit Männern, die sexuelle Übergriffe nicht schlimm finden, Links mit Rechts, Ausgebeutete fühlen sich durch Superreiche am besten vertreten, Unterdrückte durch Unterdrücker. Was ist da los? Spinnen die alle? Alle schwere Identitätskrise oder wie? Wir versuchen, diese Widersprüchlichkeit durch schwammige Begriffe wie Moderisierungsgegner oder Fortschrittsverweigerer aufzudröseln, aber auch die passen wieder nur irgendwie, aber halt nicht so richtig. Es muss Gemeinsamkeiten geben und „Globalisierungsangst“ ist nur die halbe Wahrheit.

Diese Menschen kämpfen gegen das System, weil sie darauf hoffen, dass dann auch Schluss ist mit der Selbstbeherrschung, die das Leben in großen Gemeinschaften jedem Menschen abverlangt. Diese Menschen hoffen auf eine Form von Befreiung.

Das kulturelle Korsett

Kultur war von jeher ein Kampf zwischen Ich und Wir, den Bedürfnissen des Individuums und denen der Gemeinschaft. Was dem Individuum nützt, nützt nicht zwangsweise der Gemeinschaft und umgekehrt – erst recht nicht, wenn man Privatbesitz, also den Besitz des Individuums, zur Grundlage der Zivilisation macht. Natürlich gibt es Schnittmengen, das Individuum braucht den Schutz der Gruppe, ein Minimum an sozialer und sexueller Interaktion und außerdem eine zahlungswillige Kundschaft, die seinen Besitz mehren kann und die sich eben in großen Gruppen leichter findet als in kleinen. Die Gemeinschaft dagegen braucht auch durchsetzungsfähige Individuen, die aus der Masse stehen, um etwa Organisationsstrukturen zu etablieren oder in Verhandlungen mit anderen Gruppen bessere Chancen zu haben. Doch die größte Bedrohung einer Gemeinschaft ist und bleibt das Individuum, denn wenn sich nicht genügend Individuen finden, die zusammenleben möchten, weil die Gruppe weniger Vorteile als Nachteile bietet, dann gibt es keine Gruppe.

Um das Individuum auf Linie zu halten, trägt die Gemeinschaft eine ganze Menge an Erwartungen, Wünschen und Normen an das Individuum heran, denen es sich zu fügen hat. Normativität ist die Grundvoraussetzung für ein Gruppengefühl, eine nicht-normative Gemeinschaft ist nicht möglich, weil Gemeinschaft aus Gemeinsamkeiten entsteht und Normativität Gemeinsamkeiten erzeugt. Gruppendruck bewirkt, dass alle ähnlich aussehen und sich ähnlich verhalten, sorgt also dafür, dass Menschen sich miteinander identifizieren können und einander zusammengehörig fühlen, also miteinander leben wollen. Jedes Individuum ist dabei gleichzeitig Sender und Empfänger normativer Erwartungen. Gleiche Hautfarbe, gleiche Kleidung, gleiche Sexualität zeigen dem Wir: Ah, das ist einer von uns. Das ist natürlich blöd, weil nicht alle Menschen, die in dieser Gruppe geboren werden oder sich ihr von außen anschließen möchten, der Gruppennorm (lies: häufigster Fall) entsprechen und trotzdem in Frieden und Sicherheit leben können sollen. Aber das ändert nichts daran, dass der Wunsch, dass alle um ein Individuum herum ihm möglichst ähnlich sein sollen, tief im Menschen verankert ist.

Das Wir trifft im Gegensatz zum Ich keine Bauchentscheidungen, sondern überlegt, was für alle das Beste ist, und entscheidet dann. Und im Grunde erwartet es, dass das Ich es genauso macht. Den ganzen Tag, ohne Unterlass, keine Bauchentscheidungen mehr. Für das Ich bedeutet das Leben in großen Gruppen einen größeren Druck als umgekehrt für die Gruppen vom Individuum ausgeht, weil der Preis für den Gruppenfrieden kontinuierliche Arbeit und Selbstbeherrschung ist.

Wir ist gut, Ich ist schlecht

Bei der ganzen Selbstdisziplin braucht das Ich regelmäßige Erinnerungen, wie gut es ist, im Wir zu leben. Tatsächlich besteht unsere Kultur zu einem Großteil aus der Bewerbung des Wir und der Abwertung des Ich. Möglicherweise fällt diese Dauerwerbesendung nur auf, wenn man geborener Einzelgänger ist und mit Gruppen ungeachtet ihrer Größe und ihres Kontextes nicht viel anfangen kann, doch wenn man genau hinschaut, kann auch ein geselligerer Mensch erkennen, dass das Ich in unserer Kultur keinen leichten Stand hat.

Gemeinschaft wird ausnahmslos als etwas Gutes dargestellt, während Einsiedelei und Eigenbrödlertum als asozial, mitunter sogar als potentiell gefährlich gelten. Jemand, der sich nicht in gemeinschaftliche Strukturen integriert, in Sportvereine, Hausgemeinschaften, Klassenverbände, ist in höchstem Maße suspekt. Wenn die heutigen Medien nach Gewaltverbrechen davon reden, dass der Täter ein Einzelgänger war, und man beim Lesen merkt, wie dem Autor das Wort beim Schreiben wie ein Karamellbonbon auf der Zunge zerging, wird das Misstrauen gegenüber dem Ich überdeutlich. „Aha, Einzelgänger, na, dann wundert mich gar nichts mehr.“ Das Ich wird gleichgesetzt mit Eigennutz und Egoismus, seine Bauchstimme gerade in Zeiten, in denen sie zu ängstlicher Abschottung neigt, als „niederer Trieb“ bezeichnet, als „dunkler Instinkt“, an den die Rechtsparteien appellieren. Menschen sind nur „gemeinsam stark“, kämpfen „Alle für einen, einer für alle“, wollen „Teil des Ganzen“ sein. Das edelste Ziel, das ein Mensch erreichen kann, ist bedingungslose Selbstlosigkeit, im wahrsten Sinn ein Auflösen des Ich in dem Wir. Mutter Theresa, übernehmen Sie!

In unserer Kultur lernen wir also von klein auf, dass unser Ich im Zweifelsfall gegenüber dem Wir die schlechtere Wahl ist. Ich, das gehört sich einfach nicht, genauso wenig wie es sich gehört, das letzte Stückchen Kuchen zu nehmen, selbst wenn es kein anderer mehr haben möchte. Gruppenleben ist also nicht nur eine einzige Aneinanderreihung von Kompromissen, sondern auch die ständige Zurücknahme des Einzelnen.
(Die Ironie dabei ist, dass ich mehr Menschen kennengelernt habe, deren Unfähigkeit, Nein zu den Erwartungen der Gruppe zu sagen, sie krank gemacht hat, als solche, deren Egoismus gruppenschädliche Ausmaße hatte.)

Die Grenzen der Wir-Kapazität

Jetzt ist der Mensch natürlich ein soziales Säugetier, das Leben in Gruppen liegt ihm genauso in den Genen wie die sexuelle Fortpflanzung. Doch das Ich verträgt offenbar nur eine gewisse Menge an Wir-bedingter Selbstaufgabe. Der englische Anthropologe Robin Dunbar untersuchte Anfang der 90er Jahre, ob der Gehirnaufbau von Säugetieren mit ihrem Gruppenleben zusammenhängt, und fand dabei heraus, dass die Ausprägung der Gehirnareale, die für die Wahrnehmung von Sinnesreizen und ihre Umsetzung in Gefühle und Verhaltensweisen verantwortlich sind, mit der Gruppengröße korreliert. Aus den Gehirnstrukturen kann also auf die Größe der Gruppen geschlossen werden, in denen die Tiere natürlicherweise lebten. Ausgehend von seinen Ergebnissen schloss Dunbar für den Menschen auf eine „natürliche“ Gruppengröße von ungefähr 150 Individuen, wobei diese Zahl lediglich einen Richtwert darstellt; ist die Gruppe deutlich größer, ist das Individuum überfordert, es kann keinen Bezug zu einem Teil der Menschen aufbauen.

Die natürliche Gruppengröße wird Dunbar-Zahl genannt. Sie steht für die Anzahl der Menschen, denen ein einzelner Mensch nahe sein, mit der er Gemeinsamkeit empfinden, sinnvoll interagieren, denen gegenüber er sich verpflichtet und verantwortlich fühlen, kurz: mit denen er soziale Bindungen eingehen kann. Es gibt also eine natürliche Grenze der menschlichen, nennen wir sie Wir-Kapazität, und diese Grenze markiert keine Millionenmetropole, sondern ein kleines Dorf. Anzeichen für die tatsächliche Existenz dieser Grenze finden sich vor allem in naturnah lebenden Nomadenvölkern, deren Gruppen in der Regel aus maximal 100 Mitgliedern bestehen. Eine ähnliche Lebensweise wird auch für die vor Ackerbau und Viehzucht nomadisch lebenden Frühmenschen angenommen. Und auch nach der Sesshaftwerdung durch Landwirtschaft (in Mitteleuropa vor ca. 6500 Jahren) lebten die ersten Bauern, die Bandkeramiker, in Dörfern aus fünf bis acht Langhäusern, deren Gesamteinwohnerzahl wahrscheinlich die 250 nicht überschritt.

Das Dorf Dunbar

Die Fähigkeit des Menschen zur Erbringung von für die Gemeinschaft wichtigen Zivilisationsleistungen hat Grenzen, an denen auch gutes Zureden nichts ändern kann. Wie es so schön heißt: man kann den Mensch aus dem Dorf holen, aber das Dorf nicht aus dem Menschen. Das Leben in einer Gesellschaft, die ungeachtet der Gruppengröße ständig nach Zusammenhalt ruft, die dem Menschen 24 Stunden am Tag sagt, dass er sein Ich hinter das Wohl der Gemeinschaft zurückstellen soll, funktioniert nicht mehr. Das, was die menschliche Natur als Gemeinschaft greifen kann, hat sich so stark verändert, dass das Ich sich nicht mehr länger in ihm auflösen kann und will: die Gruppe ist 1. viel, viel größer, 2. diverser und 3. medial grenzenlos geworden. Wo in Medien Solidarität gefordert wird, meinen sie nicht „mit Deinem inneren Dunbar-Dorf“, sondern sie meinen: mit allen. Mit allen Bewohnern Deiner Stadt, allen Bewohnern Deines Landes, allen Bewohnern dieser Welt.

Der Mensch wäre sicher dazu in der Lage, jede einzelne dieser Veränderungen aufzufangen, die Menge, die Diversität, die Grenzenlosigkeit. Das Gehirn ist nichts, was am Tag der Geburt fertig ausgeliefert wird, sondern es wächst in vielen Regionen kontinuierlich an den täglichen Anforderungen. Doch diese Fähigkeit des Geistes, sich über die Außenwelt hinwegzusetzen, ist nicht grenzenlos und es gehört zu den tragischsten kulturalistischen Irrtümern zu glauben, die menschliche Intelligenz könne jede Form natürlicher Schranken überwinden. Alle drei Veränderungen auf einmal sind für viele Menschen zu viel.

Der vielerorts spürbare Rechtsruck ist auch eine Absage des Ich an das Wir. Der Slogan, mit dem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hieß nicht umsonst „America first“, wobei die Nationalität als reduzierendes Sinnbild für etwas steht, das dem Individuum näher ist als eine millionenköpfige, diverse, die gesamte westliche Welt umspannende Hypergesellschaft, die es nicht fassen kann. ZeitOnline-Autor David Hugendick erkennt „Erlösung vom täglichen Affektstau“ als Grund für den Erfolg des Komikers Mario Barth, der mit seinem pubertären, erzkonservativen Programm Fußballstadien füllt. In dieser Beobachtung, die ich für zutreffend halte, steckt die ganze Müdigkeit des Individuums, sich der Gruppe zuliebe zu beherrschen, sich an Normen anpassen zu müssen, vor jeden Instinkt einen Denkprozess zu schalten, und das zum Wohl einer Gemeinschaft, zu der es schon lange keinen Bezug mehr herstellen kann.

In den Gesellschaftsanalysen der letzten Wochen wurde immer wieder davon gesprochen, dass sich die Rechtswähler nach einer „einfachen, simplen Welt“ zurücksehnen. Natürlich nicht ohne die intellektuelle Verachtung, die solche – haha! – kleingeistigen Wünsche zuverlässig auslösen. Dahinter steckt eigentlich der Wunsch nach einer Gemeinschaft, die einem nicht ganz so viel Verbiegung abverlangt, eine, die sich natürlicher anfühlt. Ich glaube, dass rechte Parteien die Grenzen der Wir-Kapazität erkannt haben, dass aber rechte Ideologie eher zufällig zu der individuellen Überforderung passt. Nationalität, Hautfarbe und Religion, alle rechten Feindbilder sind hier lediglich die naheliegendsten Stellschrauben zur Vereinheitlichung einer Gemeinschaft.

Instinkt wagen, aber in liberal

Das Grundprinzip unserer 6500 Jahre alten Zivilisation ist die Unterdrückung instinktiver Handlungsimpulse, wir haben sie – dressierten Äffchen gleich – in feinen Zwirn gesteckt, sie eingesperrt, begradigt, gezähmt und bei all dem geglaubt, die Gemeinschaft damit stabiler zu machen. Doch diese dauerhafte Unterdrückung, dieses ständige Am-Riemen-reißen führt nur zu Druck, der irgendwann einen kritischen Punkt überschreitet. Und an diesem Punkt befinden wir uns. Was unsere Gesellschaften dringend benötigen, sind liberale, nicht-kulturalistische Gegenentwürfe, die dem inneren Dorfbewohner Raum geben, ohne die wertvollen Zivilisationserrungenschaften aufzugeben. Dem Individuum immer weiter mantraartig „Das Wir ist alles und Du bist nichts“ vorzubeten, dem Ich jeden Instinkt aberziehen zu wollen, ist nicht die Lösung.

Ich halte Diversität für etwas Gutes, mein Leben ist durch die kulturelle, weltanschauliche und sexuelle Vielfalt, die sich mir durch das Internet täglich offenbart, so viel reicher, mein Horizont so viel weiter geworden, aber das ändert nichts daran, dass es Menschen gibt, die das Limit der Dunbar-Zahl täglich spüren. Die sich durch die zahlenmäßig und medial unüberschaubare, heterogene Gemeinschaft überfordert fühlen, eingeengt und unfrei. Nicht weil sie Egoisten oder Rassisten sind, sondern weil in ihren Gehirnen ein Instinkt dafür existiert, wie Gemeinschaft funktioniert, von dem die Realität weit abweicht.

Das Ich muss auch in einer Weltordnung, die auf Empathie basiert, einen Platz bekommen, den die Gesellschaft ihm zugesteht, ohne ständig über seine mangelnde Aufopferungsbereitschaft die Nase zu rümpfen. Das Ich braucht gesunde Rückzugsräume und regelmäßige Atempausen von den normativen Drücken, denen es den ganzen Tag ausgesetzt ist. Kompromisse sind nämlich nur solange etwas Gutes, wie sie sich nicht zu dem unguten Gefühl aufsummieren, niemals das zu bekommen, was einem wirklich wichtig ist. Denn genau das begründet das „Jetzt bin ICH mal dran“, das derzeit ganze Demokratien zum Wanken bringt. Wir dürfen die menschliche Natur, die in Form von Trieben und Instinkten daherkommt, nicht aus kalter kulturalistischer Verachtung heraus von unseren liberalen Diskursen ausschließen. Wenn wir das tun, überlassen wir sie den Rechten, die sie besser für sich zu nutzen wissen als jedes andere Lager. In ihren Händen wird das Ich zu einem impulsgetriebenen Egoisten, zu eben jenem Zivilisationsgift, das wir schon immer in ihm gesehen haben.

Zivilisation, die Instinkt und Trieb nicht berücksichtigt, führt nicht zu einem hochzivilisierten Übermenschen, sondern in den Untergang. Denn irgendwann bricht sich die Natur Bahn und entwickelt dann wesentlich zerstörerischere Kräfte als wenn man ihr von vorne herein Platz zugestanden hätte. „Irgendwann“ ist dabei nur Ausdruck meiner eigenen Hoffnung, denn in Wirklichkeit hat der Prozess schon begonnen.

UPDATE: Theodor Adorno findet das auch.

22 Kommentare

  1. Liebe Frau Meike,

    danke für Ihre Ausführung Ihrer Meinung zum Zustand der derzeitigen Zivilisation westlicher Natur. Leider haben Sie meiner Auffassung nach recht mit ihren Beobachtungen. Der kluge Erich Fromm hat in „Haben oder Sein“ vor exakt 40 Jahren diese menschlichen Kulturstrukturen dargestellt. ( https://de.wikipedia.org/wiki/Haben_oder_Sein ) Ich wünschte all diese Staatsfrauen und Männer hätten sich dieses Buch zu Herzen und zu Hirn genommen. Noch mehr wünschte ich mir dies Buch würde in allen Schulen zur Pflichtlektüre.

    Eine gute Woche wünscht Ihnen herzlich
    Danièle Brown

    • Der kluge Erich Fromm behauptet in „Haben oder Sein“ tatsächlich auch, dass der Westen am „Haben“ orientiert sei, der Osten dagegen am „Sein“. Der gute Mann ist vermutlich nie in Ostasien gewesen, sonst hätte er vermutlich das Gegenteil postuliert.

      Im Westen gilt das Streben nach Geld und Besitz als moralisch minderwertig (wie man in zahlreichen Hollywoodfilmen vor Augen geführt kriegt), im Osten als vollkommen normal.

    • Liebe Danièle,
      liebe Frau Meike,

      inwieweit „Haben oder Sein“ die Überlegungen zu „Die Befreiung des Ich“ ergänzen kann ich nicht beurteilen.

      Es gibt aber meiner Meinung einen anderen sehr wesentlichen Zusammenhang zwischen Erich Fromm und der „Die Befreiung des Ich“.

      Erich Fromm hat insbesondere die Basis für Theodor W. Adorno’s Studien zum autoritären Charakter gelegt. Seine sozialcharakterologischen Arbeiten zum „autoritären Charakter“ publizierte er schon 1936. Durch Frau Meike’s Text bin ich jetzt wieder auf die Ausführungen von Adorno und Fromm aufmerksam geworden und finde die zutreffenden Erkenntnisse daraus äußerst beunruhigend.

      Fromm’s Perspektive ist eine andere als die von Adorno aber auch hier lassen sich leider viele erschreckende Parallelen zu heutigen Situationen und gesellschaftlichen Entwicklungen ziehen.
      Zum Nachlesen der Nachdruck als Download : https://ia800504.us.archive.org/29/items/HorkheimerEtAlAutoritatUndFamilie/Horkheimer%20et%20al-%20Autorita%CC%88t%20und%20Familie.pdf
      Ab Seite 77 Sozialpsychologischer Teil von Erich Fromm .

      Die Texte sind natürlich/leider nicht so angenehm zu lesen wie „Die Befreiung des Ich“ aber in Ermangelung eines Buches von Frau Meike habe ich mich jetzt mal Adorno und Fromm zugewandt.

      Nachfolgende Zitate stammen aus dem Buch „Autorität und Familie“ ab S. 77 :

      „„…auch der einfache Mann hat noch Objekte zur Verfügung, die schwächer sind als er und die zu Objekten seines Sadismus werden. Frauen, Kinder und Tiere spielen in dieser Hinsicht eine äußerst wichtige sozialpsychologische Rolle. Wenn sie sich als nicht ausreichend erweisen, werden Objekte des Sadismus gleichsam artifiziell geschaffen, sei es dadurch, dass man Sklaven oder gefangene Feinde, sei es, dass man Klassen oder rassenmäßige Minoritäten in die Arena wirft. Die sadistischen Circenses mussten immer eine umso größere Rolle spielen, je knapper das Brot war und je mehr die reale Hilflosigkeit der Menschen zu einer Verstärkung der sado masochistischenCharakterstruktur führte. In der autoritären Gesellschaft wird die sado masoschistische Charakterstruktur durch die ökonomische Struktur erzeugt, welche die autoritäre Hierarchie notwendig macht.“

      … …
      „Gerade in diesem Stück der Familienerziehung zu den moralischen Qualitäten, die das Kind von Anfang an mit der Autorität verknüpft sehen lernt, liegt eine ihrer wichtigsten Funktionen bei der Erzeugung des autoritären Charakters. Es gehört gewiss zu den schwersten Erschütterungen im kindlichen Leben, wenn es allmählich sieht, dass die Eltern in Wirklichkeit den eigenen Anforderungen nur wenig entsprechen. Aber indem es durch die Schule und später durch die Presse usw. neue Autoritäten an die Stelle der alten setzt, und zwar solche, die es nicht durchschaut, bleibt die ursprünglich erzeugte Illusion von der Moralität der Autorität bestehen. Dieser Glaube an die moralische Qualität der Macht wird wirkungsvoll durch die ständige Erziehung zum Gefühl der eigenen Sündhaftigkeit und moralischen Unwürdigkeit ergänzt. Je stärker das Schuldgefühl und die Überzeugung eigener Nichtigkeit ist, desto heller strahlt die Tugend der Oberen. Der Religion und der strengen Sexualmoral kommt die Hauptrolle bei der für das Autoritätsverhältnis so wichtigen Schuldgefühle zu.“

  2. Danke für dieses Plädoyer zum Alleinseindürfen. Und natürlich für noch viel mehr.
    Ein sehr nährender Text, der mich inspiriert und weiterdenken lässt.

  3. Frau SISTA. Ruhe dich aus. Du wirst die Welt nicht retten. Natur übernimmt das für dich. Lehn dich zurück. Gähne und genieße dein Leben. Intelligenz ist nicht alles.

  4. Das kulturelle Korsett war noch nie so locker wie heute! Das können Sie nicht wissen, weil Sie noch zu jung sind. Ich spüre noch die Korsettstangen der 50er und 60er Jahre, schrecklich! Der Rock brauchte nur ein wenig zu kurz sein und man war eine Nutte. Männer, die weinen oder einen Kinderwagen schieben, wurden als Memmen bezeichnet. „Das tut man nicht“ war der Standardspruch. Die Leute haben 60 Stunden in der Woche geschuftet, Urlaub im Süden und kleine Fluchten ans Meer waren eine seltene und kostbare Ausnahme. Männer und Frauen, die sich lieben, mussten erst einmal heiraten, bevor sie das Bett miteinander teilen konnten. Schwule konnten ins Gefängnis kommen, Frauen mussten ihre Männer fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen…

    Ich finde nicht, dass das Ich in unserer Kultur keinen leichten Stand hat. Im Gegenteil, es wird mehr und mehr kultiviert, Egoismus und Egozentrik lassen grüßen. Trotzdem werde ich noch eine Weile über ihren Text nachdenken und versuchen herauszufinden, ob da was dran sein könnte…

    • Die Gesellschaft ist heute nicht weniger normativ als vor 50 Jahren, lediglich die Normen haben sich verschoben. Frauen werden heute immer noch genauso viele Vorschriften gemacht wie früher, nur kommen die nicht mehr ausschließlich von Patriarchatsanhängern, sondern auch von FeministInnen. Auch das Netz ist sehr normativ, nach jedem dummen Spruch, jedem pubertären Witz erheben sich Heerscharen von Social justice warriors, die den Urheber ordnungsgemäß teeren und federn.
      Dieser Tweet veranschaulicht den normativen Druck ganz gut:

      • Das mag wohl so sein, aber die Konsequenzen, wenn man auf diese Normen und Vorschriften pfeift, nicht dem Hygiene-, Schönheits- und Magerwahn erliegt, seinen Weg selbstbewusst geht, sein Geld selbst verdient, seinen Verstand benutzen kann, sind bei weitem nicht so vernichtend wie vor 50 Jahren. Da musste frau nämlich damit rechnen in die Klapsmühle eingewiesen zu werden, wenn sie nicht der Norm entsprach.

        Ich bleibe dabei, ich kann so frei leben wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit, ich kann lieben wen ich will und mit einem Minimum an Anpassung an die Gemeinschaft (Arbeit, KollegInnen) existieren, davon haben Frauen früherer Generationen nur träumen können.

        Dem Motto „Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“ kann ich nur vorbehaltlos zustimmen. Und so würde ich das auch mit dem normativen Druck machen, den Sie offenbar empfinden, aber ich zum Glück schon lange nicht mehr.

  5. Komisch,
    ich hatte bislang immer das Gefühl in einer genau dem anderen Extrem entgegen strebenden Welt zu leben: die Selfie-Kultur in den sozialen Medien , der Drang nach immer größeren SUV-artigen Autos, Easy-Jet-Wochenend-Trips, …

    Aber vielleicht ist das auch nur die Kehrseite der selben Medaille und Zeichen einer immer mehr auseinanderdriftenden Gesellschaft.

    Ich versuche mir gerade einen liberalen, nicht-kulturalistischen Gegenentwurf vorzustellen, tue mich aber damit sehr schwer: Wie kann ein solcher kleingruppenbildender Ansatz aussehen, der liberal bleibt? Gruppenbildung findet doch in erster Linie über das Betonen von Gemeinsamkeiten statt. Wenn das nicht selbst wieder Wir-Aspekte wie Weltoffenheit, Toleranz, … sind, legt doch das Betonen der Gemeinsamkeiten schon den Ausschluss anderer nah?

    Haben Sie eine Idee wie so etwas funktionieren könnte? Ich finde den Aansatz interessant, bin aber ratlos wie das funktionieren sollte.

    • Die Zivilisation beherbergt mehrere Widersprüche, u.a. den, dass die Landwirtschaft zu zwei gegenläufigen Dingen führte: einerseits Abgrenzung kleiner individueller Einheiten (Kernfamilie), also Abschottung, andererseits Leben in schnell größer werdenden, örtlich gebundenen Gruppen. Die menschliche Natur tendiert also aus der Gruppe heraus, aber das Streben nach Besitz will zu ihr hin, das ist unauflösbar. Weder das eine noch das andere kann da gewinnen.
      Vielleicht würde es schon etwas bringen, ländliche Bereiche nicht so veröden zu lassen, also statt immer mehr Geld in den Städtebau zu stecken, lieber die Infra- und Wirtschaftsstruktur auf dem Land zu stärken. Auf die Weise könnten sich die Menschen wieder etwas gleichmäßiger verteilen, säßen sich nicht so krass auf der Pelle wie das in Großstädten der Fall ist, wo der Kampf um Wohnraum nur für Reiche zu gewinnen ist.

      Es geht mir aber nicht (nur) um ein räumliches Entzerren menschlicher Gesellschaften, sondern auch darum, so etwas wie Instinkten und Impulsen generell mehr Raum zu geben. Ich habe gestern kurz nach veröffentlichen meines Artikels diesen Text über Theodor Adorno gefunden, der praktisch dasselbe sagt wie ich, nur in intellektuell. Dort findet sich folgendes Zitat:

      Namentlich der Faschismus lebe „von dem Mangel an emotionaler Befriedigung in der Industriegesellschaft“ und davon, „dass er den Menschen jene irrationale Genugtuung verschafft, die ihnen durch die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse vorenthalten wird“. Der faschistische Führer gebe „ein Modell für das Verhalten, das seine Zuhörer nachahmen und annehmen sollen. Sie sollen sich nicht zivilisiert benehmen, sie sollen schreien, gestikulieren, ihren Gefühlen freien Lauf lassen.“

      Das impliziert, dass das Herauslassen von Gefühlen immer primitiv ist, ein unzivilisierter Akt, der „irrationale Genugtuung“ verschafft und den nur Faschisten deshalb abernten können. Wie kann das sein, dass wir Gefühle so betrachten? Was ist mit Freude, mit Lust, mit Trauer, mit Glück? Was ist mit dem Gefühl, sich jemandem zugehörig zu fühlen, Geborgenheit zu empfinden, Wärme, Nähe? Das sind auch alles Gefühle, Gefühle, deren Herauslassen Gutes bewirken und die Menschen ausgeglichener und glücklicher machen kann. Warum wird bei Instinkten immer nur von negativen Dingen gesprochen? Das muss doch anders gehen, es muss doch möglich sein, dieses kulturalistische Misstrauen gegenüber jeder Art von natürlicher Regung abzubauen.

      • > Das impliziert, dass das Herauslassen
        > von Gefühlen immer primitiv ist, ein
        > unzivilisierter Akt, der „irrationale
        > Genugtuung“ verschafft und den
        > nur Faschisten deshalb
        > abernten können.

        zum thema faschismus hat sich einer einer „säulenheiligen“ wie folgt geäußert

        Wolfgang Neuss Üben! Üben! Üben!

      • Ich empfinde das ähnlich wie Tim. Ich habe täglich mit wesentlich mehr Menschen zu tun, die ihre eigenen Befindlichkeiten und ihre Sicht der Dinge ständig über alles und alle anderen stellen stellen als mit Menschen, die tatsächlich – ich formuliere es bewusst salopp – einfach mal die Fresse und sich nicht für das Zentrum der Welt halten, sondern akzeptieren, dass andere Menschen auch andere Bedürfnisse und Be- und Empfindlichkeiten haben, auf die man von Zeit zu Zeit auch mal Rücksicht nehmen könnte.

  6. Sehr interessanter Denkansatz – muß ich erstmal in Ruhe drüber nachdenken…

    Noch eine Frage/Gedanke zu Thema Normativität der Gruppe: kann es sein, dass der gesellschaftliche Normierungsdruck in Wellen verläuft? Mir scheint es so, als wenn es in der Geschichte immer mal wieder Phasen gib hohem Anpassungsdruck gab, die sich mit liberalen laissez-fair-Phasen abgewechselt haben.

    Unzweifelhaft gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen sehr hohen Druck (im Nationalsozialismus, aber auch in der Nachkriegszeit), der in den Siebzigern stark nachgelassen hat, sich aber seit geraumer Zeit in Form von sozialen Normen wieder aufbaut (Stichwort Political Correctness). Je weiter man heutzutage nach links geht, desto schwieriger scheint es mir, etwas auszusprechen, ohne anzuecken und entsprechend sanktioniert zu werden.

    Insofern könnte man den Rechtsruck auch als Befreiungsschlag gegen allzu viel Normativität deuten, der das Pendel wieder in die Gegenrichtung schwingen läßt.

    Hat jemand dazu eine Meinung?

    • Diese Wellen sehe ich so nicht. Das Problem ist, wie ich jetzt an den Kommentaren merke, dass Menschen Normaitivität offenbar mit strengen Moralregeln gleichsetzen, aber das sind nur Extrembeispiele. Normativer Druck wird auch von einer Berufswelt aufgebaut, die dem einzelnen Angestellten nicht den kleinsten Hauch Schwäche zugesteht. Auch so harmlose Dinge wie die Einigung auf Smalltalk als gesellschaftlich erwünschte Interaktion ist extrem normativ. Fragen Sie mal menschen, denen das nicht nur nicht liegt, sondern die das nicht können. Die auf die Frage „Na, wie läuft’s?“ eben nicht mit dem erwarteten „Ja, geht schon“ antworten, sondern mit „Beschissen, meine Frau ist letzte Woche an Krebs gestorben“. Die Gesellschaft erwartet, dass der Einzelne sein Innenleben sorgsam verbirgt, dass er niemanden mit seinen Problemen belästigt, dass er immer volle Leistung bringt. Zum Wohle des Kollektivs natürlich. Das ist auch alles gesellschaftlicher Druck und den halte ich für zerstörerischer als Vorschriften über die Rocklänge, weil er wesentlich subtiler daherkommt und nicht sofort zu erkennen ist. Gesellschaft ist Anapssung, man muss den ganzen Tag Dinge tun (oder lassen), die den eigenen Impulsen zuwiderlaufen, und da ist Gemecker über Sexualmoral oder eine übertriebene Sprachpolizei nur die Spitze des Eisbergs.

  7. Liebe Frau Meike, Sie schreiben mir aus der Seele!! Ich erlebe normativen Druck auch überall, einer meiner Lieblingsautoren dazu ist Pierre Bourdieux, der in „Die feinen Unterschiede“ über genau die fiesen, versteckten, subtilen Machtmechanismen in der sogenannten „Gesellschaft“ geschrieben hat. Aber darauf will ich jetzt nicht weiter eingehen – das ist ein weites Feld.
    Vielmehr hat mich der Anfang Ihres Beitrages, das kulturelle Korsett, auf eine andere Denkspur gebracht. Nämlich in Bezug auf den Erfolg von Trump und ähnlich gelagerten Populisten. Meinem Gefühl nach spielt es eine wesentliche Rolle, dass viele Menschen diesen Druck der Gesellschaft nicht gut aushalten und sich eine Befreiung davon wünschen. Wenn nun einer „da oben“ steht, der (scheinbar?) völlig enthemmt die abstrusesten Sätze von sich gibt, dann erwarten einige der Anhänger vielleicht, dass sie daraus auch für sich selber eine Enthemmung ableiten bzw. legitimieren können. Vielleicht ist dieser psychologische Effekt gar nicht so unwesentlich. Auf jeden Fall weise ich in diesem Zusammenhang auch gerne immer auf den Verfassungskreislauf (Polybios) hin: Wenn die Demokratie degeneriert, wird sie zur „Herrschaft des Pöbels“ (politisch unkorrekte Formulierung, aber eben über 2000 Jahre alt). Das „Volk“ wird müde und bequem, will sich nicht mehr informieren, weiß bald nicht mehr, was es eigentlich wählt und verzichtet vielleicht sogar auf sein Mitbestimmungsrecht. Darauf wartet der potentielle nächste Herrscher. Er bietet dem müden Wahlvolk an, all die Mühe auf sich zu nehmen und alles ganz alleine zum Wohle aller zu gestalten. Mich gruselt es, wenn unser zum Glück nicht gewordener Bundespräsident Norbert Hofer sagt, er sei so traurig, denn er hätte gerne auf dieses Land aufgepasst. Ich will keinen, der mir diese Pflicht abnimmt, ich will Demokratie!

  8. Hallo Frau Meike,
    Ihre Sicht auf die aktuellen politischen Umbrüche und Bewegungen kann ich schwer nach nachvollziehen. Bei meinem Bemühen kam mir alarmierendes Déjà-vu. Das ist der Grund für diese Replik.

    Sie sehen das Individuum allseits eingeschränkt und unterdrückt, in Zwänge und Konventionen der „Gemeinschaft“ eingesperrt und plädieren für „die Befreiung des Ich“. Dagegen meine ich, dass wir heute in einer ICH-Zeit, einer Periode der Anbetung und Entfesselung des egoistischen Individualismus leben. Das populistische „WIR zu erst“ hat darin seine Quelle und besagt tatsächlich: „Ich zu erst“. Das wird von der Gefolgschaft dieses Banners auch so verstanden: „die Anderen“ nach uns, nach mir. Die neoliberale Neuformierung, genauer Entsicherung, von Markt, Staat und Gesellschaft hat nicht nur die Wirtschaft dereguliert, sondern treibt die deregulierte Kapitalverwertung in alle Sphären des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Kultur, Gesundheit, Bildung, Sport, Altenpflege, Familie etc.. Die hegemoniale gesellschaftliche Grundhaltung heißt: „ICH und JETZT“. Ich-Beschränkung und Selbst-Rücknahme, Denken und Fühlen in Generations- und Familienverbänden, in gemeinnützigen Nachbarschaften und anderen Gemeinschaften ist unmodern, ist out, ist trotz mancher Graswurzel-Gegenprojekte zur randständigen gesellschaftlichen Erscheinung geworden.

    Ich kann nicht im Ansatz nachvollziehen, warum Sie im aktuellen Aufschwung rechtsradikaler, völkischer, nationalistischer, fremdenfeindlicher Bewegung ein Aufbegehren von Individuen gegen die Zwänge und Einengungen durch die „Gemeinschaft“ sehen können. Das Gegenteil ist der Fall. Die regressive Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft ist seit dem Beginn der modernen Industriegesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts eine zyklisch wiederkehrende Reaktion gegen die anhaltende Auflösung der Gemeinschaftsformen. Der Aufwallungszyklus verläuft in Korrelation zu den Krisen und Modernisierungsschüben der letzten 100 Jahre. Am Beginn des 21.Jahrhunderts steht dies im Kontext des technologischen und gesellschaftlichen Umbruchs in die „Digital-Gesellschaft“. Die oftmals gleichsam wie Naturereignisse dargestellten Prozesse der „Modernisierung“, „Globalisierung“, „Digitalisierung“ etc. haben einen sozialökonomischen Gehalt und eine soziokulturelle Gestalt. Sie sind grundlegende Wandlungen der auf Kapitalverwertung basierten Reproduktionsweise, die von Umbrüchen und Entwertungen gegebener Lebens- und Reproduktionsweisen begleitet werden.
    Das Beschwören von WIR, von Nationalität, Hautfarbe, Landsmannschaft etc. sucht, in der zerrissenen Konkurrenzgesellschaft dem vereinzelten und verunsicherten Einzelnen Halt in einem mächtigeren Über-Ich anzubieten. Das ist die vermeintliche Erhebung des eigenen Ich zu mehr Macht und Erfolg. Dass darin die Aufgabe der Freiheit des Individuums geschieht, empfinden nur wenige derjenigen, die an diesen Weg ihre Hoffnung auf individuelles Wohlergehen binden. Die Mehrheit sieht darin – zumindest eine zeitlang – eine Entlastung, eine Sicherung und Vorortung des eigenen Ich.

    Ihre Beschwörung des freien, ungebundenen Individuums als Reaktion auf die übergriffige „Vergemeinschaftung“ aller Lebensbereiche erinnert an das Phänomen reaktionär elitärer, antidemokratischer Strömungen, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auftraten und die sich retrospektiv den Vorwurf gefallen lassen mussten, intellektuelle Wegbereiter des Faschismus gewesen zu sein. Ohne das an dieser Stelle weiter zu debattieren, möchte ich meine Gegenthese in den Raum stellen. Die Individualisierung, die Herausbildung des „freien Einzelnen“ als hegemoniale Leitfigur der Gesellschaft ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Gesellschaftsentwicklung, die durch die schrittweise Zurückdrängung der Gemeinschaft als Basis der gesellschaftlichen Reproduktions- und Lebensweise der Menschen geprägt ist. Die bourgeois-kapitalistische Gesellschaft ist der vorläufige Endpunkt auf diesem Weg. Sie erschuf den „doppeltfreien“ Lohnarbeiter, den freien Kapitaleigner, den „freien Markt“ (erst national dann global) und das idealtypische Individuum der bürgerlichen politischen Gesellschaft, den „freien und gleichen Bürger“. Und sie unterwarf/unterwirft schrittweise alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens diesem Verwertungs- und Reproduktionsmodell.

    Ihre völlig andersartige, ja gegensätzliche Wahrnehmung und Darstellung, so scheint mir, ist auch Ihrem Umgang mit dem Begriff Gemeinschaft geschuldet. Sie nutzen diesen nicht abgegrenzt vom Begriff Gesellschaft, obgleich die Begriffe Unterschiedliches in der Realität fassen. Eine Gemeinschaft ist ein Verband von Menschen, der auf Grundlage von Willen und Zugehörigkeit agiert. Der Einzelne ist Teil dieser Gemeinschaft, der er beigetreten ist oder in die er hineingeboren wurde. Auch wenn diese Hierarchien und geschrieben oder tradierte Regelwerke hat, so sind die Einzelnen als Mitglieder einer Gemeinschaft Angehörige, die sich in der Gemeinschaft nicht als Fremde oder gar Konkurrenten und Feinde gegenübertreten (sollten). In der Gesellschaft dagegen steht das Individuum für sich. Die Regeln der Kooperation mit anderen Individuen sind ihm äußerlich und setzen (idealtypisch) die Individualität und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen voraus. Die Individuen, so Tönnies, verharrten wider einander in Isolation und verhüllter Feindseligkeit, nur Furcht und Klugheit hielten sie ab, aufeinander loszugehen. Das ist sicher eine Zuspitzung, dennoch sollte man wahrnehmen, dass die moderne kapitalistische Gesellschaft andersartige, nicht gemeinschaftliche Formen der Bindung, Willensbildung und Interaktion der Individuen hervorgebracht hat, die (idealerweise) die Freiheit des Individuums unterstellen: Marktwirtschaft, Demokratie und Parlamentarismus, individuelle Bürgerrechte und Rechtsstaat.
    Alle erfolgreichen reaktionäre politischen Bewegungen, die gegen diese Vereinzelung und gegen die „Anmaßung“ und „Ineffizienz“ der Vergesellschaftungsinstitutionen die Wiedergeburt der Gemeinschaft heraufbeschworen, mündeten in Autokratien und Diktaturen, in denen die proklamierte Gemeinschaft Unfreiheit für die Mehrheit der Individuen bedeutete und der Druck und die Ausbeutung der Einzelnen entgegen der Versprechen zunahmen. Dass auch progressive linke Bewegungen, die die Emanzipation von der kapitalistische Ausbeutung und der egoistischen Herrschaft der Kapitalverwertung durch die Schaffung einer Gemeinschaft der Gleichen und Freien anstrebten, vielfach in Autokratien und Unfreiheit für die Einzelnen verendeten, sollte für den Unterschied von Gemeinschaft und Gesellschaft und die Stellung des Individuums in ihnen sensibilisieren. Das ist keine akademische Frage von Begrifflichkeiten, sondern ein Grundfrage der Gesellschaftsverfasstheit.
    Nicht die Gemeinschaft ist das Übel. Im Gegenteil, gegen die hegemonial raumgreifenden und sozial zerstörerische kapitalistische Vereinzelung und Vergesellschaftung formieren sich permanent Gemeinschaftsformen zum Erhalt und zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts: Hausgemeinschaften, Nachbarschafts- und Elterninitiativen, Bürger, die sich vereinen um Flüchtlingen und Obdachlosen zu helfen oder sich in Mieter-, Sport-, Heimat- und Naturschutzvereinen ehrenamtlich engagieren. Von großem Übel ist, wenn über die realen Vergesellschaftungsverhältnisse mit seinen Zumutungen, Belastungen und Unterdrückungen des Einzelnen das Tarnkleid der „Gemeinschaft“ gezogen wird, um die tatsächlichen Verhältnisse unsichtbar zu machen. Dabei nimmt die Gemeinschaftsideologie nicht nur die Sicht, sondern zerstört auch die auf das Imperativ der Freiheit des Einzelnen abgestellte demokratische und rechtsstaatliche Verfasstheit und Kultur der offenen liberalen Gesellschaft.

    Wer die Freiheit des Einzelnen in einer gerechten und freien Gesellschaft anstrebt, sollte das Heil nicht in einer „Vergemeinschaftung“ suchen, die das Individuum einem gemeinschaftlichen Über-Ich unterordnet, sondern in einer zum Kapitalismus alternativen Vergesellschaftung, in einer freien gleichberechtigten Assoziation der Individuen oder wie es im Kommunistischen Manifest von Marx und Engels heißt: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“
    Zu „manifestativ“? – Aber das Wiedererstarken der exkludierenden Gemeinschaftstümelei (als Volk, Nation, Landsmannschaft etc.) gemixt mit der Beschwörung des freien, ungebändigten Instinkt-Menschen ist eine hochbrisante reaktionäre Mischung die Deutschland und Europa schon einmal in einer Krisen- und Umbruchzeit ins Verderben gestürzt hat.

    • > Dagegen meine ich, dass
      > wir heute in einer ICH-Zeit,
      > einer Periode der Anbetung
      > und Entfesselung des
      > egoistischen Individualismus leben.

      dies.

      aber, ich befürchte, das ist eine frage individueller wahrnehmung und des jeweiligen blicks auf die zeit, in die man geboren ist und in der man sich (von staat, religion, ideologie) „emanzipieren“ oder (einfacher) „erwachsen werden“ muss.

      wäre frau meike in den 50ern geboren, würde sie die dinge ähnlich sehen. als ergebnis der 60er und 70er jahre hat heute das individuum, sich selbst zu gestalten und sich der anpassung an die gesellschaftliche „norm“ zu verweigern – ohne mit einem „so was wie dich hätte man früher vergast“ konfrontiert zu werden.

      was aber auch stimmt, gerade wenn man jüngere mit der von dir beschriebenen tendenz zur vermassung und anpasserei, die die generation ihrer (ur)großeltern (noch im falschen system sozialisiert) stolz machen würde, beobachtet, it natürlich auch sehr viel wahrheit in frau meikes anmerkungen.

      aber, als in den 50ern geboren, schätze ich deinen einwurf gegen die post (über die ich noch ein paar tage nachdenken muss) durchaus als „zutreffender“ ein.

      eine erwachsene person, die verstanden hat, daß sie selbst „der meister ist, der das gras grün macht“, sollte wissen, daß die dinge immer nur die bedeutung haben, die man ihnen selbst verleiht. oder eben nicht. ein erwachsener, „emanzipierter“ mensch sollte sich von den beschriebenen erwartungen nicht bedrängt fühlen müssen. sie ist frei zu wählen. unfrei ist man nur, wenn man den rahmen, in den man gesetzt ist, einfach akzeptiert.

  9. Liebe Frau Meike,

    schön, dass du das Offensichtliche formuliert und ausgeführt hast! Doof, dass ich nicht selber darauf gekommen bin. Das war früher schon mal anders.
    Untersteh dich, zukünftig nicht noch mehr deiner Gedanken zu publizieren! Langsamdenker wie ich brauchen die eine oder andere Krücke.
    Muss gleich mal schauen ob du eigentlich jetzt ein Buch veröffentlicht hast. Von dir will ich definitiv noch mehr Gedanken mitbekommen.

    Gruß Wim

  10. Liebe Frau Meike,

    Im Gegensatz zu früher, wo man sich mangels moderner Kommunikationstechniken noch in einer Kneipe, in der WG oder auf dem Stadtplatz getroffen hat, trifft man sich heute im Netz und jeder sitzt für sich alleine hinter dem PC oder an seinem Smartphone. Das ist wohl die bedeutsamste Veränderung zwischen dem Früher zum Jetzt. Wirklich anpassen muss sich damit niemand mehr.
    Die eigene Position ist die Mitte des eigenen Denkens. Impulse von außen, öffentliche Medien oder die Kommentare Andersdenkender, kann man zur Kenntnis nehmen, muss man aber nicht, wenn sie nicht zur eigenen Denkweise passen.
    Gruppen finden sich allenfalls im Zusammenhang mit der gleichen Wortwahl. Der oft ruppige Ton entsteht, weil der direkte Kontakt fehlt und im Netz sich niemand ein Blatt vor den Mund nehmen muss.
    Die vielköpfige Schlange ist das Ergebnis vieler ungefilterter Meinungen. Niemals in der Vergangeheit haben wir soviele Einzelmeinungen zu lesen (hören) bekommen, wie heute.
    Draußen, in der „echten“ Welt, ist es ruhig geblieben. Niemand schreit seinem Gegenüber die eigene Meinung so unferfroren ins Gesicht, niemand wagt es den Mund aufzumachen, vor Sorge, er könnte sich bloßstellen.
    Im richtigen Leben gibt es den kulturellen Gruppendruck nämlich immer noch und vielleicht eskaliert gerade deswegen die Meinungsfreiheit im Netz mit solcher Wucht.
    Die Kommunikationstechniken erlauben uns, sie als Ventil zu nützen.

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