Google-Memo: Eine kurze Geschichte über Differenzierung und Diskriminierung

Google-Memo: Eine kurze Geschichte über Differenzierung und Diskriminierung

Letzte Woche tauchte im Internet das interne Schreiben (Link zum PDF) eines Google-Mitarbeiters auf, in dem er die unterschiedliche Repräsentation von Frauen in der Technologiebranche mit biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern begründete. Er übte außerdem Kritik an Googles bestehenden Diversitätsprogrammen, die Männer diskriminieren würden. Die in Zeiten von Social-Media-Empörungsstürmen erwartbare Strafe folgte auf dem Fuß, denn Google kündigte dem Mann umgehend, weil sein Papier beleidigend sei und schädliche Stereotype verbreite.

Die mediale Darstellung des Papiers war so krass, dass ich mit dem schlimmsten rechnete, als ich mir das Schreiben am Rechner öffnete und zum ersten Mal in Ruhe selber durchlas. Ich wartete darauf, dass gleich der menschenverachtende, inakzeptable, eine Kündigung rechtfertigende Teil kommt, und fand stattdessen eine komplexe Mischung aus Fakten und Meinung, aus berechtigter Kritik und krudem Selbstmitleid, aus Differenzierung und Diskriminierung. Nachdem ich es gelesen hatte, war ich ein wenig irritiert über die Darstellung des Textes in den (sozialen) Medien. Diese Darstellung war unvollständig, unterkomplex und irreführend. Die mangelhafte Darstellung des Memoinhalts verzerrt, worum es darin wirklich geht, und verschleiert den Punkt, an dem Meinung zu Diskriminierung wird. Und deshalb drösele ich das jetzt mal auf, damit Sie es nicht mehr tun müssen.

Differenzierung

Populationsperspektive vs. Individualperspektive

Der Autor beginnt mit einem für alle Gesellschaftsmodelle wichtigen Schritt, nämlich dem Wechsel der Perspektive von der individuellen auf die Populationsebene. Auf der Populationsebene wird aus einer Gruppe von 100 Menschen eine Ansammlung von Untergruppen mit ähnlichen Merkmalen. Bei dieser Sichtweise werden Gesellschaftstrends plötzlich sichtbar, während individuelle Eigenschaften in den Hintergrund treten. Zum Beispiel finden in der Gruppe 83 Leute Sonnenschein gut und 17 nicht so gut (8 haben Hautkrebs, 3 eine Sonnenallergie und 6 sind Schleswig-Holsteiner). Die inhaltlich vollkommen korrekte Aussage über die Gesamtgruppe lautet „Die Mehrzahl der Menschen mag Sonnenschein“. Bei Beobachtungen auf Populationsebene gehen aber natürlich viele Details verloren: bei der obigen Aussage fallen die 17, die keine Sonne mögen, einfach hinten runter und von ihren individuellen Schicksälern erfährt man noch weniger. Liest nun einer der 17 die obige Aussage, fühlt sie sich für ihn völlig falsch an, weil er eine Populationsaussage aus der Individualebene bewertet. Sich auf die Ebene zu verständigen, ist der erste Schritt bei Texten, die Gruppenaussagen enthalten.

Der Perspektivwechsel ist schwierig, aber unverzichtbar, will man größere Gesellschaftsmuster erkennen und richtig auf sie reagieren. Doch wenn der Sender einer Botschaft sagt „Du bist jetzt für den Moment kein Individuum mehr, sondern nur ein Messwert in einer Werteverteilung“, dann sträuben sich viele Leser, weil sie sich ihrer Individualität beraubt fühlen. Die Populationssicht rührt an unserem innersten Selbstverständnis, ein unverwechselbares Individuum zu sein. Wir lernen von klein auf, dass jeder von uns etwas Besonderes ist, und diese Betrachtung nur für einen Moment aufzugeben und uns selbst als Teil einer Menschengruppe, die durch ihre Durchschnittswerte charakterisiert ist, zu sehen, gelingt vielen nicht so ohne weiteres. Der Leser bezieht dann jede Aussage des Textes auf sich als Individuum und fühlt sich folgerichtig verletzt und falsch wiedergegeben, weil wichtige Teile seiner Persönlichkeit in dem Text unberücksichtigt bleiben. Ein Großteil der Empörung über das Google-Memo entsprang den unterschiedlichen Ebenen von Sender und Empfängern. Viele Leser haben offenbar den kleinen Abschnitt über das „population level“ übersehen und sich folglich durch die verallgemeinernden Aussagen des Autors persönlich angegriffen und diskriminiert gefühlt. Die Debatte um das Schreiben war für mich daher auch ein fantastisches Lehrstück darüber, wie Menschen aneinander vorbei reden können, obwohl sie dasselbe Vokabular benutzen.

Hervorragend trainieren lässt sich die Populationssicht mit technischen Hilfsmitteln wie GoogleEarth: Ganz nah herangezoomt besteht ein Wald dort aus einzelnen Bäumen, die mal größer, mal kleiner sind, mal dichter belaubt und mal kahl, mal mit kräftigem, gesunden Grün und mal einem kränklichen Gelb, kurz: sie sind so individuell wie wir Menschen. Erst wenn man aus der Karte herauszoomt, wird sichtbar, ob sich vielleicht in einer Ecke des Waldes besonders viele kränkliche Bäume befinden, oder ob die Bäume nach Norden raus viel kleiner sind als ihre sonnenbeschienenen Südnachbarn. Jeder Baum bleibt trotz dieses Perspektivwechsels ein Individuum, er verliert nichts, aber für den Betrachter ergeben sich ganz neue Erkenntnisse über den Zustand des Waldes. In gleicher Weise verlieren auch wir Menschen nichts, wenn wir unsere Persönlichkeit für einen Moment hintan stellen und zulassen, dass wir Menschen als Gruppe mit vergleichbaren Merkmalen betrachten.

Ideologische Voreingenommenheit

Sodann beschreibt der Autor, wie sehr Menschen durch ihre grundsätzliche ideologische Haltung von sachlicher Argumentation abgehalten werden. Er beschränkt sich auf das „linke“ und das „rechte“ Lager und führt einige blinde Flecken auf, von denen er glaubt, dass sie beide Lager am vernünftigen Denken und Handeln hindern. Über seine Beispiele kann man sicher geteilter Meinung sein (etwa „Mitgefühl mit den Schwachen“ als linkes Manko), auch über ihre Zugehörigkeit zum jeweiligen Lager (negative/positive Betrachtung von Veränderung).

Darüber aber, dass alle Menschen und alle politischen Lager ideologische Themen haben, die sie blind und taub für sachliche, faktenbasierte Argumentation machen, kann es nach den vielen zerstörerischen Streits und Hassstürmen in den Sozialen Medien kaum Zweifel geben. Ich glaube auch, dass es für künftige Diskussion sehr hilfreich wäre, wenn wir uns unsere eigene Befangenheit, die die lösungsorientierte Diskussion so erschwert, immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Geschlechtsunterschiede

Der Autor bietet schließlich als Erklärung für gesellschaftliche Ungleichheiten die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau an. Hier nun ist es besonders wichtig, jeden Satz ganz genau durchzulesen, denn der Grat zwischen Fakt und Diskriminierung ist hier besonders schmal.

Die biologischen Geschlechtsunterschiede wurden bisher hauptsächlich dazu benutzt, um Frauen an der Teilhabe an der äußeren, nicht-häuslichen Welt zu hindern. Gerade dieser Missbrauch führt oft dazu, dass Diskriminierungsgegner biologische Unterschiede wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz leugnen – es entsteht dabei genau die Blindheit, von der weiter oben die Rede ist. Wo von wertfreien Unterschieden die Rede ist, ergänzt das eigene Gehirn eine Abwertung. Aus einer reinen Beschreibung wird reflexartig eine Beurteilung. Ergebnis vermischt sich mit Interpretation. Männer haben „typisch weibliche“ Eigenschaften so lange und so oft ignoriert, abgewertet und als minderwertig hingestellt, dass heute niemand mehr etwas von diesen Eigenschaften hören will. Doch intellektuelle Verrenkungen werden nicht helfen, dass natürliche Ungleichheiten und die Folgen, die sie für die Menschen haben, verschwinden. Durch die Leugnung überlässt man ihre Deutung denjenigen, die sie zu ihrem Vorteil (und in der Regel dem Nachteil der Frauen) zu nutzen wissen. Gerade diejenigen, die an einer gerechten Welt interessiert sind, sollten sich besonders wissbegierig auf diese Sachverhalte stürzen, weil genau hier die Stellschrauben für gerechtere Gesellschaftsstrukturen liegen.

Die durchschnittlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind Fakt, nicht nur Meinung oder Glaube (Link 1, Link 2). Sie sind unter anderem im Wärmehaushalt, in der Gehirnanatomie, dem Bewegungsapparat, der Partnerwahl, dem Aussehen und dem Sexualtrieb vielfach nachgewiesen. So funktioniert Evolution nun einmal: sie konstruiert die Organismen so, dass sie ihre evolutionäre Funktion bestmöglich erfüllen können. Die Funktion ist natürlich – gähn! – wieder einmal die Fortpflanzung. Dass der Mensch heute in viele Aspekte der Fortpflanzung selbst eingreifen kann, ändert zwar etwas an seinem Lebensstil (Individualebene, kann abweichen von der Gruppe), aber nicht an den Millionen Jahre alten Informationen zum Thema Sex, die in seinen Zellen gespeichert sind und ihr Programm abspulen, ob er nun will oder nicht (Populationsebene, entspricht höchstwahrscheinlich den Informationen der restlichen Gruppe).

Die Ursache für Unterschiede liegt häufig in den Geschlechtshormonen, die ein breites Spektrum an Wirkungen auf die Persönlichkeit von Menschen haben und oft schon im Mutterleib die Entwicklung des Fötus beeinflussen. Wo zum Beispiel der Durchschnittsmann nun einen etwa zehnmal höheren Testosteronspiegel als die Durchschnittsfrau hat, sind auch die Wirkungen, die mit dem Testosteron assoziiert sind, bei ihm viel stärker ausgeprägt als bei der Durchschnittsfrau. Eigentlich ganz logisch und völlig unspektakulär. Natürlich gibt es auch Frauen mit einem höheren Testosteronspiegel und Männer mit einem niedrigeren. Bei diesen Männern und Frauen fallen dementsprechend die Geschlechtsunterschiede viel geringer aus oder sind sogar gar nicht merkbar vorhanden. (Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass jüngere Ergebnisse aus dem Bereich der Epigenetik zu allem Überfluss darauf hindeuten, dass frühkindliche Erfahrungen die DNA beeinflussen und wie ihre Informationen im Körper umgesetzt werden. An diesem Punkt verschwimmt die Grenze zwischen kulturellem und biologischem Einfluss so stark, dass es eine grobe Fahrlässigkeit wäre, eines von beiden als alleinigen Grund zu postulieren. Doch sind diese Erkenntnisse noch zu jung, um ihre Bedeutung für den Menschen und seine Entwicklung ganz erfassen zu können.)

Als Beispiele für die durchschnittlichen Persönlichkeitsunterschiede nennt der Verfasser des Google-Memos das größere Interesse von Frauen an Gefühlen und Ästhetik sowie an der Beschäftigung mit Menschen anstelle von abstrakten Ideen. Frauen seien außerdem eher am Gruppenfrieden interessiert als daran, sich selbst innerhalb der Gruppe durchzusetzen. Akzeptiert zu werden sei für sie wichtiger als „ihren Punkt zu machen“. Aus dem Grund seien sie etwa bei Gehaltsverhandlungen benachteiligt. Auch seien Frauen weniger stressresistent und neigten häufiger zu Ängstlichkeit, weshalb man sie seltener in verantwortungsvollen „Hochdruckjobs“ sähe, bei denen man oft rund um die Uhr performen müsse.

In meiner Twitterblase gibt es zahlreiche Frauen, die in der Techbranche arbeiten oder sich für Technologie interessieren. Aus meiner individuellen Betrachtung heraus müsste ich die Aussage des Autors, Frauen interessierten sich weniger für Technologie, als falsch ablehnen. Verlasse ich meine Individualsicht (und meine Filterblase), fallen mir jedoch viel mehr Frauen ein, die in nicht-technologischen Bereichen arbeiten. Kreative Berufe (Text/Bild) sind häufig, ebenso Dienstleistungsberufe oder Berufe „mit Menschen/Tieren“. Auch den kalten Hochdruckehrgeiz, der nach einem möglichst raschen Aufstieg auf der Karriereleiter strebt, kenne ich eher von Männern als von Frauen. Die Beobachtungen und Erfahrungen sehen wahrscheinlich bei jedem etwas anders aus, aber dass Männer „eher so“ und Frauen „eher so“ sind, das dürfte den meisten von uns im übergeordneten Maßstab schon aufgefallen sein. „Durchschnittliche Unterschiede“ heißt eben nicht, dass jeder Mann so und jede Frau so ist, sondern lediglich, dass es auf Populationsebene Geschlechtertrends gibt.

Schließlich macht der Autor eigene Vorschläge für Maßnahmen, die unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Geschlechtsunterschiede helfen können, Tech-Berufe für Frauen attraktiver zu machen (achten Sie hier bitte auch darauf, dass das Schreiben von nahezu allen berichtenden Medien als „Anti-Diversitätspapier„, dessen Autor Frauen aus der Techbranche raushaben will, bezeichnet wurde).
Er schlägt unter anderem vor, beim Programmieren stärker auf Team- und allgemeine Zusammenarbeit zu setzen, damit die Arbeit für an Personenarbeiten interessierte Frauen attraktiver wird. Außerdem könne man versuchen, die Arbeit weniger stressig zu machen. Da Frauen mehr Wert auf eine ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Privatleben legten (und also nicht ihre ganze Zeit der Arbeit widmen möchten), solle Teilzeitarbeit ermöglicht werden, um sie überhaupt in die Branche zu holen. Und schließlich weist der Autor darauf hin, dass die männliche Geschlechterrolle im Gegensatz zu der weiblichen immer noch sehr starr ist und die Kluft zwischen der Männer- und Frauenwelt deshalb deutlich größer ist als sie sein müsste. Männern zu erlauben, weicher und weiblicher zu sein, würde mittelfristig automatisch dazu führen, dass sich die Geschlechter gleichmäßiger auf die Branchen verteilen als sie es bisher tun.

Statt Frauen durch starre Quoten und ähnliche Programme in die Unternehmen zu holen, sollte seiner Meinung nach versucht werden, das Arbeitsumfeld strukturell so zu verändern, dass automatisch mehr Frauen angezogen werden. Diese Vorschläge des Autors und ihre Eignung als Werkzeug zur Frauenförderung können diskutiert werden, aber sie als Anti-Diversität zu bezeichnen, grenzt schon fast an Fake News. Der Verfasser kritisiert nicht, dass Google versucht, größere Diversität zu erreichen, er kritisiert die Art, wie Google das versucht. Das ist ein riesiger Unterschied.

Diskriminierung

Das Problematische an dem Artikel ist also nicht, die unterschiedliche Verteilung von Männern und Frauen in bestimmten Branchen mit biologischen Ursachen zu erklären, sondern vielmehr der tief verankerte Androzentrismus, den der Autor mehrfach zeigt.

Androzentrismus

Ein kurzer Exkurs für die später Hinzugekommenen.
Androzentrismus ist, vereinfacht gesagt, eine Gesellschaft, in der das alltägliche Leben entlang männlicher Bedürfnisse, Fähigkeiten, Werte, Prioritäten und Eigenschaften organisiert ist. Das Männliche wird als Norm aufgefasst, das Weibliche als Abweichung von dieser Norm. Wir leben in einer androzentrischen Gesellschaft, auch wenn das wegen der gesellschaftlichen Verwerfungen der letzten 100 Jahre nicht mehr ganz einfach zu erkennen ist. Zoomen wir, um das Muster dennoch zu sehen, also aus unserem heutigen Alltag heraus und schauen wir uns die Zivilisation im größeren zeitlichen Maßstab an. Ihre Grundpfeiler haben sich nämlich bei allem gesellschaftlichen Wandel seit Jahrtausenden kaum verändert. Es geht zum einen um die Zeugung und Versorgung von Kindern und zum anderen um das Erwirtschaften und die Mehrung von Besitz durch produktive Lohnarbeit, weil Besitz Status bedeutet. Die Menschen gehen heute anderen Tätigkeiten nach und besitzen andere Dinge als vor 5000 Jahren, aber der grundsätzliche Gesellschaftsaufbau ist vergleichbar.

Mit der Sesshaftwerdung (in Mitteleuropa vor grob überschlagenen 6000 Jahren) schälte sich eine Form von Gesellschaft aus der vorherigen Nomadenhorde, die die unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen bei der Fortpflanzung widerspiegelte. Da die Frau für das Großziehen eines Säuglings unverzichtbar war, waren ihre Kapazitäten, auch anderen Tätigkeiten als dem Herumschleppen eines Babys nachzugehen, extrem limitiert. Sie blieb eng an das Haus und die Kinder gebunden. Der Mann hingegen war für die körperliche Versorgung des Säuglings entbehrlich und konnte sich deshalb in der nicht-häuslichen Gesellschaft austoben. Die Welt spaltete sich in eine äußere Hälfte, die sich bis heute um Handel, Lohnarbeit und Innovation dreht, und eine innere, in der Pflege, Erziehung und Haushaltsorganisation wichtig sind.

Die äußere Welt war (wir sind immer noch in der Populationsebene) eher offen und intellektuell fordernd, die innere eher begrenzt und mit intuitiven Tätigkeiten. Man muss kein Feminist sein, um zu verstehen, dass den Frauen in ihrer begrenzten Häuslichkeit irgendwann die Decke auf den Kopf fiel und sie den Wunsch spürten, diese Welt zu erweitern. Doch als es ihnen vor 100 Jahren dank des Fortschritts allmählich möglich wurde, den häuslichen Bereich zu verlassen, stießen sie auf eine äußere Welt voller Widerstände. Alle Strukturen waren an den überwiegend männlichen Eigenschaften ausgerichtet, die Arbeitswelt spiegelte die durchschnittlich eher männlichen Eigenschaften wie Konkurrenzdenken, Durchsetzungsfähigkeit und Aggressivität wider. Emotionalität wurde in der Welt als Nachteil gesehen, Intuition als Ungenauigkeit, soziale Fähigkeiten als überflüssiger Tand. Alle persönlichen „Weichheiten“ wurden, da Konkurrenten sie sofort zu ihrem Vorteil ausgenutzt hätten, komplett aus der äußeren Welt verbannt. Es war eine harte Welt, die auf einer durchgehend hohen Arbeitskraft basierte. Die äußere Welt war, da sie hauptsächlich von Männern gestaltet worden war, auch in erster Linie für Männer gestaltet worden.

Androzentrismus bedeutet übrigens nicht, dass alle Männer Gewinner werden. Er bedeutet nur, dass Männer gegenüber Frauen einen Wettbewerbsvorteil haben, weil der Kampf um den Hierarchieplatz an männlichen Eigenschaften entlang ausgerichtet ist. Vergleichbar ist das vielleicht mit Basketball. Große Menschen sind bei einer Sportart, bei der Bälle in hochhängende Netze geworfen werden müssen, gegenüber kleinen klar im Vorteil. Das heißt aber nicht, dass alle großen Menschen automatisch begnadete Basketballer sind. In einer harten, kompetitiven Welt können Männer ganz genauso Verlierer sein wie Frauen. Frauen dagegen konnten in dieser männlichen Welt schon früher hauptsächlich dann eine hohe Position erreichen, wenn sie dem männlichen Wertesystem entsprachen. Es ist kein Zufall, dass hochstehende Frauen – Managerinnen, Sportlerinnen, Politikerinnen – oft tough und „unweiblich“ (gemessen an der weiblichen Populationsnorm) wirken.

Der diskriminierte Mann

Der Autor schreibt in dem Text wiederholt von den Männern, die durch Googles bisherige Förderungsmaßnahmen diskriminiert würden. Klar, wenn in einer Stellungsanzeige steht „Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt“, dann klingt das genau danach: einer Bevorzugung von Frauen und einer Benachteiligung von Männern. Folglich ist die Erzählung vom durch den Feminismus diskriminierten Mann weit verbreitet in konservativen Männergruppen. „Mir wird ja auch nichts geschenkt“ als Argument gegen Frauenförderung ist ein Satz, den man häufiger hört. Tatsächlich aber ist Frauenförderung keine Diskriminierung und hier kommt der Grund dafür.
(Kleiner Nachtrag: Bitte keine Kommentare mehr darüber, warum Männer durch den Feminismus sehr wohl diskriminiert werden. Es geht hier um übergeordnete Muster und Strukturen. Nirgendwo steht, dass ein Mann nicht auch im Individualfall benachteiligt werden kann, aber solange die Strukturen eher männerfreundlich sind, ist eine individuelle Benachteiligung eben keine strukturelle Diskriminierung. Entweder wir verlassen die Individualsicht und reden auf Populationsebene oder nicht, aber nicht für den einen so und den anderen so und immer genau dann, wenn es einen selber gut/unschuldig/unterdrückt aussehen lässt. Danke.)

Die Aufteilung der Welt in zwei getrennte Arbeitsbereiche, einen männlichen und einen weiblichen, klingt erst einmal nicht zwingend ungerecht. Das ändert sich aber, wenn man berücksichtigt, dass alle gesellschaftlichen Entscheidungen, also auch Entscheidungen, die sich auf den häuslichen Bereich und die Frau beziehen, in der äußeren, der männlichen Welt erarbeitet und getroffen werden. Ja, im allgemeinen Sprachgebrauch beschreibt „Gesellschaft“ sogar hauptsächlich die äußere, also die männliche Welt. Was in der Familie, im Haus passiert, ist dagegen vielfach „Privatsache“. Entscheidungen über Frauen und traditionelle Frauenarbeiten ohne Frauen zu treffen, entmündigt sie und degradiert sie zu unselbstständigen Puppen. Frauen aus dieser Entscheidungswelt auszuschließen, ist deshalb nicht nur unschuldige Arbeitsteilung, sondern ungerecht.

Und wenn Frauen seit 100 Jahren daran arbeiten, dass die äußere Entscheidungswelt weniger androzentrisch und damit zugänglicher für Frauen wird, dann mag das für Männer auf der individuellen Ebene schmerzlich sein – aber eine Diskriminierung, also eine strukturelle Benachteiligung, ist es nicht. Es ist die Neuverteilung von etwas, das der Mann zuvor zu 100% für sich hatte: Entscheidungsgewalt, Mitspracherecht, Entfaltungsmöglichkeit. Es ist die Einbeziehung der Frauen in eine Gesellschaft, die zuvor zu 100% aus Männern bestand. Auf einem Sofa, auf dem der Mann zuvor ganz alleine herumlümmeln konnte, muss er nun zur Seite rücken, damit auch die Frau einen Lümmelplatz hat. Ja, der Mann verliert etwas dabei – auf individueller wie auf Populationsebene – aber das Teilen des Sofas ist trotzdem ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit und nicht zur Diskriminierung des Mannes. (Diskriminierung wäre es, den anderen gar nicht auf das Sofa zu lassen und – huch – genau das wurde ja jahrtausendelang mit den Frauen gemacht, haha!)

Dass der Autor des Google-Memos ein hochgebildeter, weißer Besserverdiener ist, also ein Mann, der in höchstem Maße von einem auf Männer zugeschnittenen Arbeitsumfeld profitiert hat, macht seine Klagen noch ein wenig unglaubwürdiger. Gestern Abend postete der Twitter-Nutzer Julius Goat anlässlich der Naziproteste von Charlottesville eine Reihe von Tweets, in denen er brillant aufzeigt, warum das männliche, überwiegend weiße Gejammer über die angebliche Männerdiskriminierung so absurd ist (der ganze hervorragende Thread wird sichtbar, wenn Sie den Tweet durch Klick auf das Datum aufrufen – es lohnt sich wirklich).

Genau diese androzentrische Vorstellung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit macht den Google-Text problematisch.

Pathologisierung des Weiblichen

Ein weiteres Musterbeispiel für Androzentrismus ist die Pathologisierung weiblicher Eigenschaften als Neurotizismus. Neurotizismus ist ein Begriff aus der Persönlichkeitspsychologie und ein Maß für die emotionale Labilität eines Menschen. Der Androzentrismus steckt hier bereits im Konzept, nicht nur in seiner Verwendung durch den Autor. Die „typisch weiblichen“ Eigenschaften als emotional labil zu beschreiben, impliziert direkt, dass die männlichen Gegenstücke gleichbedeutend mit Stabilität sind. Es ergibt sich daraus die Gleichung „Männlich = gesund, normal; weiblich = gestört, beeinträchtigt“, das Männliche ist positiv belegt, das Weibliche negativ. Ein so schönes Beispiel für die Abwertung weiblicher Eigenschaften ist mir lange nicht untergekommen.

In der androzentrischen Arbeitswelt gilt nur von Gefühlen und anderen Weichheiten völlig unbeeinflusste (geistige) Leistungsfähigkeit als Ideal. Ängste zu haben, (Mit-)Gefühl zu zeigen oder allgemeine Schwächen sind hier Nachteile. (Von hormonellen Schwankungen, monatlichen Periodenkrämpfen oder einer Schwangerschaft/Stillzeit spricht der Autor in weiser Voraussicht nicht.) Da der Autor diese Eigenschaften zuvor eher Frauen zugesprochen hat, ist die Geringschätzung von Emotionalität gleichzusetzen mit der Geringschätzung von Frauen. Der Autor erinnert mich in diesen Schlussfolgerungen an die frühen Irrtümer über die Hysterie, die lange als „Frauenkrankheit“ galt.

In einer abschließenden Auflistung von Vorschlägen schreibt der Autor tatsächlich „Being emotionally unengaged helps us better reason about the facts„, also „Emotional unbeteiligt zu sein hilft dabei, Sachverhalte vernünftiger zu bewerten“. Er klingt in diesem Satz wie Sherlock Holmes, die brillante Romanfigur von Arthur Conan Doyle, die jede Art von Gefühl ablehnt, weil sie seine messerscharfe Intelligenz vernebelt. In dem Satz steckt eine groteske Überhöhung des kalten Verstandes, der dem Autor zufolge natürlich eher männlich ist.

Wo der Autor zu Beginn des Schreibens noch den Perspektivwechsel von seiner Leserschaft einfordert, um Populationstrends sichtbar zu machen, fällt er selbst immer wieder in die Individualperspektive zurück, wo es für ihn günstig ist. Das Jammern über die Diskriminierung des Mannes entspricht der individuellen Betrachtung, nicht der Populationsbetrachtung. Weiter oben lässt sich der Autor außerdem über die engen Grenzen der Männerrolle aus, die die Gesellschaft dem Mann zugesteht, und weist zurecht darauf hin, dass es ein Gewinn wäre, auch Männern mehr Bandbreite in ihrem Geschlechterverständnis zu erlauben. Aus seiner individuellen Sicht aber wertet er Emotionalität Empathie (also das eher Weibliche) als schlechten Ratgeber bei der Problemlösung ab.

Letztlich bleibt der Endruck, dass hier jemand selbst nicht genau weiß, in welche Richtung er will – irgendwie ist die brillante, leistungsstarke Arbeitsmaschine Mann schon cooler als die gefühlsduseligen, zur Unterordnung neigenden Frauen, aber ungerecht sein will der Autor halt auch nicht. Nach meinem Empfinden rechtfertigt das Schreiben eine sofortige Kündigung auf gar keinen Fall. Ein Mitarbeitergespräch über die hier ausgeführten Kritikpunkte hätte meines Erachtens ausgereicht – auch um dem in weiten Teilen der Bevölkerung verbreiteten Eindruck des „Man darf heute nicht mehr XY sagen“ entgegenzuwirken. Johnny Häusler von Spreeblick beschreibt in der Wired anhand einer Anekdote, wie das Gefühl, nicht offen sprechen zu können, ohne verurteilt zu werden, junge Männer in rechte Gefilde abdriften lässt. Er prognostiziert, dass der Google-Mitarbeiter nun ein anderes Zuhause für seine Ideen suchen wird, und voilà – zwei Tage später gehen die ersten Interviews des nun ehemaligen Googlemitarbeiters an zwei dem rechten Lager nahen Youtubern.

So nicht

An welchen Säulen zu rütteln ist, um unsere androzentrische Zivilisation in ein gerechteres Modell zu überführen, ist zu diskutieren. Der Autor hat in seiner Interpretation von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ einige Punkte, die als Meinungen durchaus streitbar sind. Es geht mir hier nicht darum, im Einzelnen festzulegen, welche seiner Vorschläge richtig sind und welche nicht. Denkbar wäre ja an verschiedenen Stellen auch eine Kombination aus unterschiedlichen Maßnahmen.

Doch den Text so krass zu verzerren, ihn als „Müll“ und „sexist/racist“ zu bezeichnen, der besser sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden wäre, ist ein absolutes Armutszeugnis für alle Personen, die das getan haben. Es erschüttert mich zutiefst, wie viele aufgeklärte, intelligente, der Wissenschaft zugeneigte Menschen in meiner Filterblase in den letzten Tagen mit spitzen Fingern kurzsichtige, inhaltlich falsche oder schlicht dumme Kommentare in die sozialen Medien gekübelt haben. Dass das zum Teil dieselben Leute sind, die für den March for truth ihr rosa Muschimützchen aufziehen, ist ein anderer Witz und soll ein andermal erzählt werden.

Der reflexartige Umgang mit dem Themenkomplex der Geschlechtsunterschiede offenbart im Grunde die ganze Sprach- und Hilflosigkeit, mit der die Gerechtigkeitsbewegung der androzentrischen Gesellschaft gegenüber steht. Alles um uns her ist zum Großteil immer noch die von Männern für Männer gemachte Zivilisation und wir betrachten alles durch diesen androzentrischen Filter. Natürlich haben Männer Wissenschaft immer wieder dazu missbraucht, die Zustände der männerfreundlichen Zivilisation rekursiv zu rechtfertigen. Der Grund, weshalb das überhaupt möglich ist, ist die Begründung der Zivilisation auf männlicher, also produktiver Arbeit. In einer Welt, in der produktive Arbeit der einzige Weg zum Auskommen und zu gesellschaftlicher Anerkennung ist, muss die traditionelle Frauenarbeit, die keine produzierende, sondern eine erhaltende ist, hinten runter fallen. Neben den Frauen trifft das auch alle anderen Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht dem Eigenschaftskomplex eines leistungsstarken, produktiven Mannes entsprechen.

Die Gerechtigkeitsbewegung merkt offenbar überhaupt nicht, wie sehr sie selbst die androzentrischen Weltsicht reproduziert und alles unter männlich-produktiven Gesichtspunkten betrachtet. Wenn man diesen männlichen Zivilisationsfokus der Produktion für alternativlos hält, ja, dann sind die Möglichkeiten, weibliche Eigenschaften positiv zu werten, tatsächlich sehr beschränkt und werden es immer bleiben. Wenn man sich tatenlos in das männliche Wertesystem sinken lässt und „Is‘ halt so“ seufzt, dann kann die Geschlechterforschung nur eine Bedrohung sein. Wenn man möchte, dass sich etwas an der androzentrischen Gesellschaft ändert, ohne dass sich etwas an der androzentrischen Zivilisation ändert, dann wird es die gleichberechtigte Welt, in der Männer und Frauen einander ebenbürtig sind, niemals geben.

Man könnte doch mal aufstehen und sich fragen, wie wir diesen ganzen Menschenhaufen anders denken können. Welche Werte außer Produktionsarbeit noch das Herzstück der Zivilisation bilden können. Woran wir den Wert eines Menschen noch messen können außer an seiner Produktionsfähigkeit. So und nur so kann eine Welt entstehen, in der Frauen und Männer unterschiedlich sein können, ohne dass ein Geschlecht dabei dem anderen untergeordnet wird.

Titelbild: Valentine Svensson/flickr