Geschwüre, egal

Geschwüre, egal

Ich stehe ja im Moment der Welt sehr ratlos gegenüber, dem System, der Politik, dem Kapitalismus, dem vor allem. Dass ich Werbung für in direkter Linie mit Hitler verwandt halte, ist kein Geheimnis. Werbung degradiert Menschen zu Konsumvieh und ist damit per se unmoralisch, wenn der beworbene Gegenstand nicht einem guten Zweck dient, was ja fast nie der Fall ist. Das einzige Ziel ist schließlich, in Menschen ohne Bedürfnis nach einem Produkt das Bedürfnis nach diesem Produkt zu wecken. Ich finde das so ekelhaft, dass mir die Worte fehlen und ich deshalb hier vor Wut nur noch auf die Tastatur sabbere. Ich hasse Werbung.

Das Märchen vom mündigen Konsumenten, der weiß, was er tut, der sich über diese Gehirnwäsche zu jedem Zeitpunkt klar ist, ist, tja nun, ein Märchen. Immer häufiger sind die Konsumenten nämlich gar nicht mündig, sondern Kinder und Jugendliche. Bei Youtube werden sie von Konsumhuren in Bonbonoptik mit den neuesten hauls, also Einkaufsvorstellungen, eingelullt, Plastikmädchen halten Plastikprodukte in die Kamera und 13jährige Mädchen kommentieren sich in Extase. Da ist keine Mündigkeit, keine gesunde Distanz zu den angepriesenen Produkten, kein Hinterfragen oder Abstrahieren, nur „Du siehst mit dem Lippenstift soooo hypsch aus! [SmileymitHerzaugen]“ Wie kleine, gehirnlose Äffchen. Ein Mädchen wie sie hat es geschafft und ist bei Youtube berühmt geworden. Eine von uns! Was kann ein kleiner Hinweis „Sponsored by XY“ da bewirken?

In den Beauty- und Mode-Blogs sieht es nicht anders aus. Sie nennen sich Lifestyle-Blogs, damit es nicht ganz so auffällt, dass sie knallharte Kapitalismusmotoren sind. In puderzuckrigsten Teleshopping-Tonfall schreiben die Lenas und Maries die „Lifestyle“-Produkte direkt in die Gehirne ihrer jungen Leserschaft. „Hallo Ihr Lieben, gestern war ich mal wieder mit meinen Besties bei [Modekette] shoppen. Danach gab es noch einen oberleckeren Kaffee bei [Kaffeekette] (Soy Frappuccino mit Caramel Hazel Shot) und eine kleine Ehrenrunde bei [Drogeriekette]. Deshalb stelle ich Euch hier mal vor, was ich mir dabei Supertolles gegönnt habe.“ Das Ganze garniert mit Smileys, dass die Schwarte kracht.

Aber was ist denn mit dem Gerede von den Digital Natives, den Kindern und Jegendlichen, die das Internet praktisch mit der Muttermilch aufgesogen haben und deshalb genau wissen, wie der Hase läuft? Sind auch ein Märchen. Die englische Medienaufsichtsbehörde Ofcam fand im letzten Jahr heraus, dass lediglich 31% der 12-15-jährigen Teenager in der Lage sind, echte Google-Ergebnisse von bezahlten zu unterscheiden. Bei den 8-11-Jährigen sind es sogar nur beschämende 16%. Und das obwohl die bezahlten Google-Ergebnisse durch einen Kasten und einen entsprechenden Texthinweis als Anzeigen gekennzeichnet sind. Knapp jedes fünfte Kind zwischen 12 und 15 war der Meinung, alles, was bei Google stehe, sei wahr. Ganzen 53% war nicht bewusst, dass ihre Lieblingsyoutuber von Unternehmen dafür bezahlt worden sein könnten, dass sie ihnen bestimmte Produkte unterjubeln.

Das Geschwafel von den jungen Leuten, die mit dem Internet groß geworden sind und deshalb die Mechanismen des Netzes durchschauen, ist nichts als ein Märchen, das wir uns gegenseitig erzählen, um den Kapitalismus, der uns so viel geile, billige Ramschware aus Fernost beschert, nicht hinterfragen zu müssen. Aber etwas von klein auf mitzubekommen, führt nun einmal nicht dazu, dass man es besser versteht, sondern nur, dass man es als normal empfindet. Und für diese Kinder ist das ständige Sperrfeuer mit bezahlten Inhalten, Product placement, Schleichwerbung, Native Advertising, diesem ganzen schmierigen Gehirnwäschescheiß gieriger Unternehmen, das ihnen das Internet auf allen Kanälen vorsetzt, normal. So normal, dass sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, es könnte auch anders gehen. Es führt nicht dazu, dass sie kapitalistischen Muster hinterfragen, wie alle ständig behaupten, sondern dass sie für sie zu einer unhinterfragbaren Selbstverständlichkeit werden.

Ist das die Schuld der Mädchen und Jungen, die da kommentieren? Sind die zu dumm, zu naiv? Die britischen Teenager erleben womöglich gerade die Schattenseiten einer über Jahrhunderte isolierten Lebensweise? Nachfrage regelt das Angebot? Ich finde, nein. Ein 13-jähriges Kind darf naiv sein, genau wie ein 15-jähriges. Sie dürfen unmündig sein und Dinge glauben, die man ihnen erzählt. Sie sind vor dem Gesetz nicht volljährig und brauchen einen Vormund, der diese Dinge für sie erkennen kann. Genau deshalb ist es Aufgabe der Erwachsenen, sie vor Ausbeutung – emotionaler und finanzieller – zu schützen. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, nicht nur der Erziehungsberechtigten.

Was sein Sinn von dieses, mag man sich angesichts meines Wutausbruchs fragen, aber das weiß ich selber nicht so genau. Gestern krochen mir gleich zwei schleimige Aufrufe von Medienagenturen durch die Timeline, die nach „Influencern“ für Youtube suchten und nach „Marken-Botschaftern“ für Facebook. Mir wurde übel bei der Vorstellung, dass diese mündigen Erwachsenen absichtlich und gezielt „Influencer“ auf eine extrem junge, zum Großteil unmündige Zielgruppe hetzen, um ihr Konsum einzuflüstern. Ich finde das unmoralisch und ekelhaft und ich verstehe einfach nicht, wie das keinen kratzen kann. Wie das nur so wenig Leute kratzen kann, dass das nicht mit sofortiger Wirkung unterbunden wird.

Scheck ich nicht. Echt nicht.