Das Zeitalter der Massenhysterie

Das Zeitalter der Massenhysterie

Massenhysterie, so steht es in der englischen Wikipedia, ist ein Phänomen, bei dem sich, befeuert durch Gerüchte und Angst, wahnhafte Gefühle von Bedrohung in der Bevölkerung verbreiten. Bei Massenhysterie denken die meisten Menschen vermutlich an schreiende Frauen und Kinder, die nach allen Richtungen davonlaufen wie auf Plakaten verstaubter Gruselfilme. Doch Massenhysterie hat für die Betroffenen weitaus vielfältigere Folgen als nur blinde Panik. Zu den Symptomen einer Massenhysterie gehören auch exotisch anmutende Phänomene wie Zähneklappern, Muskelzittern, Aggression, Schmerzen, Blindheit und Taubheit. Starke körperliche Symptome als Folge einer übersteigert wahrgenommenen Bedrohung. Vieles erinnert an das sogenannte Kriegszittern, eine neurologische Störung, die vor allem während des Ersten Weltkriegs als direkte Reaktion auf die traumatischen Fronterlebnisse auftrat und die Männer praktisch kampfunfähig machte.

In Tansania führte eine Massenhysterie 1962 bei den betroffenen Schülerinnen zu so starken Lachanfällen, dass sich zahlreiche Personen „ansteckten“, die Schule mehrere Monate geschlossen bleiben musste und die Hysterie im Verlauf von ein bis zwei Jahren schließlich auch auf andere umliegende Länder übergriff. 2012 fielen mehrere Mädchen im Bundesstaat New York einer Massenhysterie anheim, in deren Verlauf sie tourette-ähnliche Symptome zeigten. Generell scheinen Schulen besonders häufig betroffen zu sein. Berichte über Kinder und Jugendliche, die durch Schulessen vergiftet oder von einer Krankheit befallen worden zu sein scheinen und sogar die entsprechenden körperlichen Symptome zeigen, finden sich aus Deutschland, England, Portugal, Amerika und anderen Ländern. Doch Massenhysterie muss sich nicht zwangsläufig in unmittelbaren körperlichen Reaktionen äußern, was sie aus meiner Sicht umso gefährlicher macht.

Prügelnd in die Verschwörungstheorie

1954 wurde die Region um Seattle gebeutelt von etwas, das heute unter dem Namen „Seattle windshield pitting epidemic“ bekannt ist. Das Auftauchen unerklärlicher kleiner Löcher und Kratzer in den Windschutzscheiben der Autos führte bei den Menschen zu den abstrusesten Vermutungen Verschwörungstheorien über die Ursachen. Je mehr die Medien über die minimalen Beschädigungen berichtete, desto mehr Menschen fanden sie an ihren Autos. Sandflöhe, Atombombentests, kosmische Strahlung, Sendemasten – keine Theorie über ihre Entstehung schien zu abwegig. Normale, intelligente Menschen verdächtigten gegen jedes Wissen und jede Vernunft Regierungsorgane und Außerirdische, Urheber des doch recht alltäglichen Phänomens zu sein. Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich tausende Autobesitzer, deren Autos angeblich von der Pitting-Epidemie betroffen waren. Die Polizei kam zu dem Schluss, dass in lediglich 5% der Meldungen tatsächlich Schäden, vermutlich das Werk von jugendlichen Rowdies, vorlagen und 95% Resultat einer kollektiven Einbildung waren.

Ein anderer Vorfall, der die destabilisierenden Auswirkungen einer Massenhysterie dokumentiert, ist der des Halifax Slashers. Ende der 30er Jahre berichteten zwei Frauen aus Halifax, sie seien von einem unheimlichen Mann angegriffen worden. Rasch meldeten sich weitere vermeintliche Opfer, die Situation wurde so dramatisch, dass man Scotland Yard kommen ließ, um den Fall zu untersuchen. Die angeblichen Überfälle wurden schließlich auch aus umliegenden Gemeinden berichtet, eine Belohnung zur Ergreifung des Angreifers wurde ausgelobt. Bürgerwehren formierten sich und unschuldige Personen, die man für den Slasher hielt, wurden angegriffen, drangsaliert und verprügelt. Erst nach Wochen kam nach und nach ans Tageslicht, dass die meisten Opfer die Überfälle nur erfunden und sich etwaige Verletzungen mitunter selbst beigebracht hatten. Im Verlaufe der Ermittlungen wurden mehrere Anwohner wegen Störung der öffentlichen Ruhe verhaftet.

Die Angst

Angst, lassen Sie mich das so dramatisch wie nötig und so unpathetisch wie möglich formulieren, Angst verwandelt Menschen in Tiere. In reißende Bestien, in sabbernde Idioten, in schlotternde Häufchen, die mit keiner Zelle ihres Körpers mehr in der Realität haften. Nichts ist in meinen Augen so unberechenbar und dadurch so gefährlich wie ein Mensch, der übersteigerte Angst hat – völlig unabhängig davon, ob diese Angst durch tatsächliche Bedrohungen oder durch neuro- und psychologische Störungen begründet ist. Ein Mensch, der Angst hat, der sich durch äußere Kräfte bedroht fühlt, der sieht sich selbst an erster Stelle. „Frauen und Kinder zuerst“ gilt ihm nichts mehr, er ist ja derjenige, dem der Tiger im Genick sitzt, also ist er jetzt damit dran, sich in Sicherheit zu bringen.

Dieses Sichinsicherheitbringen kann dabei unangenehm viele Formen annehmen, das kann ein Imstichlassen sein, ein Diebstahl, eine Prügelei, Weglaufen, Bombenanschläge, Demonstrationen, Anzeigen, Brandbriefe, das Zusammenrotten mit Gleichgesinnten, die die eigenen Ängste verstehen. Die Geschichte der Menschheit ist voll mit irritierend-beschämenden Beispielen dafür, zu welcher Barbarei Menschen in Angst in der Lage sind. Das gilt auch, wenn die Gefährdung gar nicht real ist. Sowohl in Halifax als auch in Seattle führte die Massenhysterie zu unzähligen Anzeigen, was die Polizei an den Rand der Überforderung brachte. Das unerträgliche Gefühl, einer unsichtbaren Gefahr ausgeliefert zu sein, äußerte sich in Misstrauen und aggressiven Attacken gegen Mitbürger.

Was immer nötig ist, um das subjektive Sicherheitsgefühl wiederherzustellen, liegt einer Person mit Angst plötzlich im Bereich tatsächlicher Handlungsoptionen, obwohl sie es zu einem anderen Zeitpunkt als unanständig oder sinnlos abgelehnt hätte. Das berühmte Zitat „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral“ von Bertolt Brecht muss vollständig eigentlich „Zuerst kommen Fressen und Sicherheit, dann die Moral“ lauten, denn Moral ist ein Luxus, den sich die allermeisten Menschen nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen leisten.

Eine Welt voller Gefahren

Die Welt, in der wir heute leben, ist eine grundlegend andere als die, die wir vor 1980 Geborenen noch aus unserer Kindheit kennen. Nicht nur ist der Kapitalismus heute dank der Globalisierung eine stetig wachsende Eiterblase, die kaum noch Ähnlichkeit mit dem Zufriedenheit verheißenden Ideal der 60er Jahre hat. Nicht nur nehmen weltweite innerstaatliche Konflikte seit Jahren zu. Nicht nur ist die Anzahl der Flüchtlinge und Kriegsvertriebenen weltweit so hoch wie nie. Nicht nur wird die Dritte von der Ersten Welt so gnadenlos ausgepresst wie nie. Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg, all das gibt es seit Urzeiten auf unserem Planeten und wir werden es nicht mit gutem Willen ausrotten.
Das ist also nicht der große Unterschied zu früher. Der besteht darin, dass wir reichen Industrieländer von all dem wissen.

Früher saßen wir auf einer behaglichen Wohlstandsinsel und hatten keine Ahnung von der Not in der Welt. Wir wussten nicht, wer an den Gestaden Europas um Einlass begehrt, wir wussten nicht, wie groß die Verzweiflung im Rest der Welt ist, nichts von dem großen Kuchen Kapitalismus abzubekommen. Wir wussten nichts davon, wie sehr die Politik hin zur Wirtschaft und weg von dem Menschen agiert. Wir fühlten uns sicher. Einen minimalen Ausschnitt von der Hässlichkeit der Welt bekamen wir jeden Tag für 15 Minuten in der Tagesschau mit – natürlich bekömmlich aufgearbeitet ohne allzu hässliche Bilder – und wenn wir sie nicht anschalteten, fiel auch das weg. Jeder konnte leben, ohne im geringsten angefasst zu werden von Menschen, die arm sind, verzweifelt, böse, krank, tot.

Das ist heute anders. Das Internet hat uns Dinge ins Haus gebracht, die ein sehr großer Teil der Menschen nicht mehr sortieren kann – moralisch, intellektuell, emotional. Plötzlich merken wir, wie wackelig unsere vermeintlich sichere Insel im Ozean hin und her schwappt. Sie ist mitnichten aus solidem Vulkangestein, fest verbacken mit dem Meeresboden, sondern eher eine aufblasbare Gummiinsel mit einer künstlichen Palme. Ein Windstoß aus ungünstiger Richtung und wir kentern. Von allen Seiten spüren wir plötzlich die Bedrohungen.

Angst essen Seele auf

Statt ständig irgendwelche Beleidigungen ins andere Lager zu brüllen („Nazi, Depp, Arschloch!“) müssen wir einsehen, dass diese Welt und das Wissen um diese Welt bei vielen Menschen Angst erzeugt, eine Angst, die den Bereich des rational Nachvollziehbaren weit übersteigt. Sie handeln und denken wie die Betroffenen einer Massenhysterie. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, Generationen von Aufklärern rotieren dieser Tage um die Wette im Grab angesichts der absurden Weltbilder, die das Internet ans Tageslicht bringt. Jahrzehnte, Jahrhunderte der wissenschaftlichen Erkenntnis sind wie weggefegt von Chemtrails, Reptilienmenschen und implantierten Mikrochips. Die seltsamen Lager und Allianzen, die sich aktuell an vielen Ecken bilden – Aluhutträger, AfDler, Impfgegner, Esoteriker – steigern sich hinein in eine gefühlte Bedrohung, die genährt wird von den drastischen Bildern, die das Internet nicht müde wird auszuspucken. Obwohl die Medien hier mit anzusprechen sind, trifft sie im Grunde nur wenig Schuld, denn selbst wenn sie sich augenblicklich an ihren journalistischen Ethos erinnern und nur noch mit entsprechender Zurückhaltung berichten würden, gäbe es immer noch die sozialen Netzwerke, die jedes noch so entsetzliche Ereignis in Minutenschnelle mit Bildern dokumentieren. Bilder aus dem Inneren eines Pariser Musikclubs, in dem Islamisten gerade 80 Menschen erschossen haben. Bilder von den Spuren, die ein Bombenanschlag vor der Hagia Sophia hinterlässt. Bilder, die die tiefsten und basalsten Ängste in uns allen anrühren. Bilder, die das Gefühl von Bedrohung auslösen.

Für manche von uns ist das zu viel. Diese Menschen sind auf der Suche nach einem Sicherheitsgefühl, das sie verloren haben. Und wo sie einen Prügelknaben für diesen Verlust finden können, da prügeln sie. Zuerst waren es die gierigen Griechen, dann die gierigen Flüchtlinge. Sie wissen nicht, dass das, was sie verloren haben, nichts Materielles ist, nichts Greifbares, sondern die Unschuld der Unwissenheit. Etwas, das sie auf keinem Wege wieder zurückbekommen können. Auch nicht, wenn die Flüchtlinge wieder weggehen. Sie haben verloren, nichts von dem Elend der Menschen zu wissen. You can’t unsee it.

Und wenn wir dieser Tage über Moral sprechen, über Anstand, dann glaube ich, dass wir den Umstand, dass ein Großteil der Menschen den Sprung von der Desinformations- zur Informationsgesellschaft nicht unbeschadet überstanden hat, stärker thematisieren müssen.

(Titelfoto: Jordán Francisco/Flickr)