Die Sonne der eigenen Anständigkeit

Die Sonne der eigenen Anständigkeit

Die Welt ändert sich. Sie ändert sich dramatisch und – machen wir uns nichts vor – für viele, sehr viele Menschen nicht zum Besseren. Während wir in unserer Sicherheit dekadent und bräsig werden und glauben, dass das alles nichts mit uns zu tun hat, „dass die Welt nun einmal so ist wie sie ist“ – oh, wie oft habe ich selbst diesen Satz gesagt! -, sind diese Menschen bedroht von Armut, Hunger, Krieg und der Verschleppung durch religiöse Fanatiker, die sie zu barbarischen Taten gegen die Menschlichkeit zwingen wollen. Der Krieg, der die halbe Welt umspannt, ist dezentral und wird geführt von kleinen Splittergruppen, von Warlords, Terrorzellen, religiösen Lagern. Er ist so kleinteilig, dass er Dörfer und Städte von innen aushölt, indem er die Menschen „da abholt, wo sie sind“. Kinder, Frauen und Männer werden zwangsrekrutiert und der so stetig wachsenden Armee einverleibt. Dieses Schicksal ist vielen Menschen weit grausamer als der eigene Tod und sie flüchten lieber und verlassen alles, was sie kennen, was ihnen vertraut und eine Heimat ist, um frei zu bleiben. Frei und in Sicherheit.

Heute gibt es weltweit mehr Flüchtlinge als jemals zuvor, fast 60 Millionen Menschen befanden sich Ende 2014 auf der verzweifelten Suche nach einer neuen Heimat und es werden ständig mehr. Die wachsende Anzahl von Konflikten, ausgelöst durch religiöse Einfalt, die eingebildete Angst vor dem Verlust von Ressourcen und Überbevölkerung führt dazu, dass die Welt zu einem Pulverfass wird.

Auf ihrer gefährlichen Reise – viele Flüchtlinge werden auch von Schmugglern und Schleusern bestohlen und misshandelt – stranden sie immer öfter auch an Deutschlands Grenzen. Und stehen hier oft genug vor verschlossenen Menschen und verschlossenen Türen. Prallen ab an einer menschenfeindlichen, auf Egoismus basierenden Ausländerpolitik, einer Ausländerpolitik, „die nicht alle nehmen kann“, die angesichts einer humanitären Katastrophe, die man kaum in ihrer ganzen Größe wahrnimmt, weil sie in verdaulichen Häppchen daherkommt, hart bleibt, kalt, und deren Schutzheilige Angela Merkel ist, dieses Urvieh des Nichtstuns und der Emotionslosigkeit. Die Flüchtlinge prallen auch ab an den Menschen, die sie beschimpfen, die Notunterkünfte anzünden und vor unbegleiteten Jugendlichen Transparente gegen die vermeintliche Geldgier der Geflüchteten hochhalten.

Ich schäme mich

Vor 22 Jahren, im Herbst 1992, wurden im schleswig-holsteinischen Mölln zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser angezündet. Ich war damals 18 Jahre alt und trug bei einem Protestmarsch gegen die Nazis, den meine Schule nach den Anschlägen organisiert hatte, ein Schild, auf das ich „Ich schäme mich“ geschrieben hatte.
Heute schäme ich mich wieder.

Ich schäme mich für die Nazihetze im Netz, ich schäme mich für eine Politik, die verzweifelte Menschen allenfalls duldet, aber niemals willkommen heißt, ich schäme mich aber auch für alle, die immer noch glauben, das alles habe nichts mit ihnen zu tun. Die glauben, es sei ausreichend, bei der Hetze nicht mitzumachen und die Idioten zu ignorieren. Denn das ist es nicht. Es reicht nicht mehr, sich innerlich von der Hetze zu distanzieren und dann nichts zu sagen, weil das alles Idioten sind. Es reicht nicht, sich in der eigenen Anständigkeit zu sonnen.
„Idioten ignorieren“ ist nämlich eine gefährliche Beschönigung dafür, zum Hass und der Verfolgung von Menschen zu schweigen und sie damit zu dulden.

Die rechtsradikalen Menschenhasser, die fremdenfeindlichen Hetzer, die Stammtischpolterer, die Populisten, AfD, Pegida und der ganze Abschaum, der Menschen in Not Hilfe und Mitgefühl verwehrt, er ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Fremdenfeindlichkeit ist nicht länger ein Nischenproblem ostdeutscher Dörfer mit hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Intelligenz und vielleicht war sie das auch nie. Die sozialen Medien haben offenbart, dass Fremdenfeindlichkeit und Menschenhass mitten unter uns sind, dass sie zwar auch etwas mit der mangelnden Bildung ostdeutscher Neonazi-Gruppierungen zu tun haben, aber eben nicht nur. Die Facebook-Posts, über die sich das Netz in lustigen Tumblr-Blogs moralisch erhebt, wimmeln zwar oft von Rechtschreibfehlern, doch ebenso oft sind die Schreiber ganz normal scheinende Menschen. Menschen, die der Hausmeister von irgendwem sind oder die Kassiererin in jemandes Stammsupermarkt oder der besitzorientierte Nachbar mit großem Auto und großem Haus, der – verdammt nochmal! – „hart dafür gearbeitet“ hat. Leute, die keiner Gruppierung angehören und nicht durch entsprechende Kleidung, Frisur und musikalische Vorlieben als Nazis erkennbar sind. Ignorieren stärkt diese Rechtsnationalen „aus der Mitte“.

Machen

Es ist deshalb jetzt wichtig, laut zu sein. Wichtig für die Qualität der Gesellschaft, wichtig für die Menschen, die gerade eben alles verloren haben, was für sie Zuhause bedeutet hat, wichtig für eine lebenswerte Zukunft. Bloggt, twittert, facebookt, kommentiert Eure Haltung gegen den Menschenhass. Hallo, Ihr Twitterer mit den zehntausenden Followern: macht den Mund auf. Bitte. Ihr erreicht so viele Menschen mit einem Statement, einem Spendenaufruf, einem Urteil. Für Geldspenden gibt es die UNO Flüchtlingshilfe und das Deutsche Rote Kreuz, unsere Sachspenden (Kleidung, Bettwäsche, Puzzles, Drogerieartikel, Stifte und Malbücher) konnten wir bei der Initiative flüchtlingshilfe.berlin abgeben.

Ich selbst habe lange gebraucht, um aufzuwachen, um zu merken, was nicht weit von meiner sicheren Wohnung entfernt passiert, aber als ich es merkte, wusste ich, dass es keine Ausflüchte gibt. Vor der Verteilstelle für die Notunterkünfte des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (#LaGeSo) warteten unzählige Menschen mit Hunger und Durst ohne Schutz vor der prallen Sonne, weitgehend ignoriert von der Politik, und nur freiwilligen Helfern und privaten Hilfsorganisationen ist es zu verdanken, dass bis jetzt keine Katastrophe passiert ist. Und selbst wenn man die direkte Begegnung mit den verzweifelten und emotional aufgewühlten Flüchtlingen nachvollziehbarerweise scheut: um ein paar Euro per Paypal zu spenden und seine Stimme zu erheben, muss man weder reich sein, noch vor die Tür. Sachspenden wie Kleidung, Bettwäsche, Handtücher, aber auch Hygieneartikel, Windeln, Seife, Shampoo, Spielzeug, Babybedarf können über Annahmestellen abgegeben werden. Dort gibt es auch Listen, welche Gegenstände am dringendsten gebraucht werden. Bei uns in Berlin war die nächste Stelle einer Flüchtlingshilfeinitiative zwei (!) Straßen entfernt, der Weg dauerte noch nicht einmal fünf Minuten. Googelt einfach nach „Flüchtlingshilfe“ und Eurer Stadt, um herauszufinden, wie Ihr diesen Menschen am besten helfen könnt. Zu helfen ist erschreckend einfach, wenn man es will.

Einen tollen Anfang macht das Blog Kurzhaarschnitt mit diesem Artikel, der zeigt, weshalb das Flüchtlingsthema viel mehr von uns betrifft als wir vielleicht meinen.

Meine eigene Oma mütterlicherseits musste ihre Heimat in Ostpreußen 1945 verlassen und mit ein paar Habseligkeiten, ihrer 12-jährigen Schwester und ihrem gerade einmal einjährigen Sohn fliehen. Die Details ihrer Flucht sind zwar nur durch vage Andeutungen überliefert, doch die russische Armee holte sie auf ihrem Flüchtlingsmarsch ein und für Frauen und Mädchen bedeutete das damals nichts Gutes. Als meine Oma schließlich nach langer Reise in Hankensbüttel ankam, einem winzigen Dorf zwischen Uelzen und Wolfsburg, da rang mein Onkel mit den Folgen der Mangelernährung und es war nicht sicher, ob er überhaupt durchkommt. Die Frau des Dorfpolizisten nahm meine Omi und ihr unterernährtes Kind bei sich auf und half ihnen, wieder Fuß zu fassen, Tante Schönemann gehörte später praktisch zur Familie und wurde die Patentante meiner Mutter.

Ich bin den Menschen, die sich meiner Oma angenommen haben, die ihr Hilfe und Freundschaft angedeihen ließen, noch heute unendlich dankbar, denn wer weiß, ob es meine Mutter und damit mich ohne ihre Unterstützung gäbe. Es gibt in vielen Familien Omas und Tante Schönemanns und ich möchte, dass wir uns alle sowohl an ihr Leid als auch ihre Großzügigkeit erinnern, wenn wir das nächste Mal dabei sind, Idioten zu ignorieren.
Denn Anständigkeit bedeutet mehr als ein paar warme Gedanken, Anständigkeit bedeutet, Unanständigkeit nicht hinzunehmen.

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Update mit einigen erschütternden, lesenswerten, wichtigen, aufrüttelnden Links

Kurzhaarschnitt: Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung

Tagesspiegel: Rechte Hassbürger und Meinungsfreiheit – Eine Kapitulationserklärung

Charming Quark: Eine wahre Geschichte von Krieg, Flucht, dem Leben danach und was das mit dem Heute zu tun hat