Schreiende Lämmer – Das Nachspiel

Mein Artikel “Das Schreien der Lämmer”, den ich zu der aktuellen Sexismus-Debatte schrieb, hat einiges an Erschütterungen ausgelöst. Erschütterungen, die in der Sache so unterschiedlich waren, dass ich sie hier zumindest zum Teil wiedergeben, zusammenfassen und kommentieren möchte. Ich möchte auch den Artikel selber noch ein wenig feinschleifen und einige Punkte daraus, die offenbar besonders missverständlich waren, richtigstellen.

Ihr kennt das Spiel. Es wird lang.

1.) #Aufschrei und Miteinander

Offenbar ist durch meinen Text der Eindruck entstanden, ich hielte #Aufschrei für unnötig und überflüssig. Das Gegenteil ist der Fall. Ich halte #Aufschrei sogar für sehr wichtig. Wie ich in dem Artikel schrieb, habe ich viele Dinge dort gelesen, die ich sehr erschreckend fand. Und natürlich halte ich es für richtig, dass die Welt von diesen Dingen erfährt.
Das, was ich jetzt aber wichtig finde, ist, sich nicht auf die Beschreibung des Problems und die Anklage zu beschränken, sondern in den Dialog zu treten. Frauen mit Frauen, Frauen mit Männern, Männer mit Männern.
Mit Dialog meine ich “Lasst uns GEMEINSAM schauen, was WIR ändern können, sollen und müssen, um das Miteinander respektvoller für uns alle zu machen”.

Da Sexismus ein Teilaspekt des Umgangs der Geschlechter miteinander ist, ist es in meinen Augen wichtig, einen Schritt zurücktreten und diesen Umgang als Ganzes zu betrachten.

Beide Geschlechter müssen sich aufeinander einlassen, auf die unterschiedlichen Gefühle, die Welten, die Wunden, die Geschichten, die Männer und Frauen zu erzählen haben. Männer und Frauen müssen lernen, einander ernst zu nehmen, einander zu respektieren, sich füreinander zu interessieren und die Rätsel des anderen nicht in bester Mario-Barth-Manier als unauflösbar und vor allem irgendwie lächerlich zu sehen.
Und das Allerwichtigste dabei: beide Geschlechter müssen all das WOLLEN.
Sich gegenseitig kennenzulernen und als gleichwertig wahrzunehmen.

Frauen wie hormonell bedingt nahe an der Unzurechnungsfähigkeit rangierende Dummchen zu behandeln, wie das viele Männer jeden Tag tun, ist nicht hilfreich.
ABER.
Männer kontinuierlich als zurückgebliebene, tumbe Idioten darzustellen, die sich nicht selber anziehen können, jede Sekunde nur auf eine Gelegenheit lauern, Frauen Gewalt anzutun, und auch sonst kaum über das Cromagnon-Stadium hinausgekommen sind, wie ich das mittlerweile bei vielen Frauen gesehen habe, ist ebensowenig hilfreich.

In der bisherigen Debatte fehlte mir oft die Bereitschaft von beiden Geschlechtern, sich gegenseitig zuzuhören und ernstzunehmen, und das hat mich sehr traurig und wütend gemacht.
Wir alle, Menschen, die wir sind, werden vermutlich noch eine ganze Weile auf dieser grausamen und wunderschönen Erde leben, und wir werden es zusammen tun. Und wenn wir weiter Kinder kriegen wollen, müssen die Geschlechter irgendwie miteinander interagieren.

Ist es wirklich sinnvoll, diese Zeit mit Position und Gegenposition, mit Gewalt und Widerstand zu verschwenden? Mit GeschlechterKAMPF?
Das werden dann aber ungemütliche Jahrhunderte.
Warum nicht endlich anfangen mit GeschlechterVERSÖHNUNG?

2.) Geltungsbereich

Nichts, was ich in meinem Artikel geschrieben habe, gilt IMMER oder FÜR ALLE. Das habe ich nicht deutlich genug gemacht, das ist mir später klargeworden.

Auch eine Frau, die selbstbestimmt und selbstbewusst durch ihr Leben geht, kann ein Opfer werden. Auch eine Frau, die Verantwortung für ihr Leben und seine Gestaltung übernimmt, kann in eine Situation geraten, aus der sie sich nicht befreien kann.
Das, was mich im Vorfeld zu meinem Artikel am meisten geärgert hat, war die Implikation eines WIR-Gefühls. DIE Frauen. Jede. Immer. Alle.
So, wie ich nicht wollte, dass die Betroffenen verallgemeinern, war es auch nicht meine Absicht, das selber zu tun.

Es kann immer nur um Tendenzen, Grundprinzipien und (zumindest gefühlte) Mehrheiten gehen.

3.) Verantwortung/Opferhaltung

Diese Positionen haben am meisten Kritik erzeugt, deshalb will ich sie ergänzen und noch ein wenig erläutern.
Doch das Wichtigste vorne weg:

Niemand, keine Frau und kein Mann, ist selbst Schuld, wenn ihm Gewalt angetan wird.
Ganz gleich, welche Kleidung der Mensch trägt, welches Geschlecht er hat, ob er sich gewehrt hat und ob er homo-, hetero-, bi- oder sonstwiesexuell ist.
Niemand ist selbst Schuld, wenn ihm Gewalt angetan wird.

Ein “Nein” ist immer ein “Nein”, egal, ob es verbal oder durch Körpersprache, ob es laut oder leise geäußert wird.
ABER.

Es muss geäußert werden.

Und das meine ich viel grundsätzlicher als nur auf konkrete (Belästigungs-) Situationen bezogen.
Wahrscheinlich durch körperliche Überlegenheit der Männer hat sich über Jahrtausende der Menschwerdung ein Machtgefälle der Geschlechter herauskristallisiert.
Hierarchische Strukturen, in denen die Frau als schwaches Ding gesehen wurde, in denen Frauen stillzuhalten, ihre Sexualität dem Gebieter unbegrenzt zur Verfügung zu stellen, sie ansonsten aber völlig verborgen zu halten, sich um Heim und Kind zu kümmern und die anspruchsvollen Arbeiten dem Mann zu überlassen hatten.

Das hatte viele und vielschichtige Folgen, von denen ich hier nur zwei herausgereifen will:

  • Es manifestierte sich bei den Männern eine Geringschätzung der Frau.
    Aber “Frauen können nichts” und “Ich traue Frauen nichts zu” sind unterschiedliche Dinge und das kommt erst langsam, zu langsam auch für meinen Geschmack, bei den Männern an.
  • Bei Frauen manifestierte sich zum Einen Angst. In einem Klima, in dem es normal ist, einer Frau Gewalt anzutun, wenn sie Widerworte gibt, sich körperlich verweigert oder sich “in Männersachen” einmischt, lernt man genau eine Lektion: Aufbegehren = Bestrafung. Also begehrt man nicht mehr auf.
    Zum Anderen manifestierte sich die chronische Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten, ein “Ich kann nicht”, das sich aus der Tatsache speist, dass man nie die Chance hatte, sich selbst das Gegenteil zu beweisen.

Beide Haltungen müssen durchbrochen werden.
Weil beide Haltungen diese Machtstrukturen stärken und — und schlimmer noch — ihr Fortbestehen in der Zukunft begünstigen.

Ich wünsche mir, dass die Frauen, die das betrifft, verstehen, dass dieses “Ich kann nicht” eine Illusion ist.
(Wie gesagt: natürlich gibt es viele Situationen, in denen eine Frau WIRKLICH nicht kann, weil z.B. Leib und Leben in Gefahr sind, aber es wird hoffentlich niemand behaupten, dass alle Frauen, die in den letzten zwei Tagen via #Aufschrei von Missständen berichtet haben, sich in körperlicher und/oder existenzieller Gefahr befinden).

Das “Ich kann nicht”, das Aushalten, das Sich-selbst-kleinreden, das Sich-nicht-trauen ist eine Illusion. Mit der Muttermilch von Jahrtausenden aufgesogener, antiquierter Quatsch, der genauso hinterfragt UND ABGELEGT werden muss wie die männliche Überlegenheitshaltung.

Ich habe gestern versucht, in den Kommentaren aufzuzeigen, dass ein “Ich kann nicht” oft auch ein “Ich habe Angst, die Konsequenzen auszuhalten” ist. Diese Angst ist unangenehm und kann lähmend sein, ich selbst habe sie mehrmals in meinem Leben gespürt, aber sie ist nun einmal etwas anderes als ein “Es ist unmöglich, weil ich in einer Notlage bin”.
Und hier sage ich, es ist die Entscheidung jedes Einzelnen von uns, ob er Energie in das Aushalten einer quälenden Situation stecken möchte oder in ihre Veränderung. Man kann für immer Gründe gegen die Veränderung finden oder irgendwann anfangen, Gründe dafür zu suchen.
Weil dieses kaum greifbare Phantom “Gesellschaft” nicht bei den anderen anfängt, sondern bei einem selber.

Lämmer und Stillhalter gibt es natürlich unter Frauen und Männern.
Aber aufgrund der oben geschilderten historisch bedingten Machtstrukturen, sind Angst, geringes Selbstbewusstsein, geringes Selbstwertgefühl und das grässlich hartnäckig verinnerlichte “Ich traue mir das nicht zu” unter Frauen weiter verbreitet, bzw. haben Frauen nicht die ebenfalls anerzogenen Maßnahmen parat, mit denen Männer ein geringes Selbstwertgefühl kompensieren, nämlich u.a. durch Aggressivität gegen Schwächere.

Deshalb ging mein gestriger Aufruf, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, so direkt an Frauen.
Er richtet sich aber genauso an die Männer.

4.) Dir stimmen die falschen Leute zu

In jeder Diskussion, in der man keine eindeutige Position zu Schwarz oder Weiß bezieht, werden einem immer auch Schmeißfliegen zustimmen. In der Debatte über die sprachliche Bereinigung von Kinderbüchern haben die Gegner dieser Maßnahme sicher auch das eine oder andere Argument genannt, das anschließend von rassistischen Ärschen für ihre Zwecke missbraucht wurde.
Möglicher Missbrauch von Meinungen durch dumme Menschen, kann nicht der Grund sein, bestimmte Dinge nicht zu sagen. Solange man sich selber deutlich von den Schmeißfliegen distanziert, ist das legitim. (s. hierzu Punkt 6.) Kommentare)

5.) Diskussionskultur – WTF?!

Ich hätte mir gewünscht, mein Artikel wäre — so streitbar meine Positionen selber auch sind — als Beitrag, als Zusatz, als Ergänzung, als eine Stimme von einer weiteren Frau in dieser Debatte behandelt worden. Dass meine Positionen viel Kritik auslösen würden, war mir beim Schreiben klar. Aber was ich in den letzten zwei Tagen zum Teil an Meinungen und Kommentaren habe lesen müssen, hat meinen Unterkiefer runterklappen lassen.

  • Zum Blocken, Entfolgen und Nichtlesen aufzurufen, ist keine Kommunikation.
  • So zu tun, als sei jeder, der auch nur einen Millimeter von der Opferperspektive abweicht, ein Psychopath, ein Maskulist, eine Verräterin, antifeministisch und unempathisch noch dazu, ist keine Argumentation.
  • Meinen Artikel, in dem ich völlig unterschiedliche Punkte angesprochen habe, auf “Vergewaltigungsopfer sind selber Schuld” zu verkürzen, ist keine Analyse.
  • Die Möglichkeit anderer Meinungen schlicht zu ignorieren, ist nicht Diskussionskultur.

So sehr ich diese heftigen Reaktionen bei diesem schwierigen Thema und in der aktuell sehr aufgeheizten Atmosphäre verstehen kann, halte ich sie doch für ziemlich dumm.

Und zu sehen, dass selbst Stimmen der deutschen Twitter- und Bloglandschaft, die ich bisher als intelligent, differenziert und genau beobachtend wahrgenommen habe, so plump, unreif und aggressiv reagiert haben, finde ich vorsichtig ausgedrückt enttäuschend.

6.) Kommentare

Ich hatte bereits in dem Artikel angekündigt, nicht alle Kommentare freizuschalten. Möglicherweise hat das die richtigen abgehalten. Oder meine Kommentarspalte ist besser als der Ruf, den Kommentarspalten für gewöhnlich genießen.
Es sind rund 220 Kommentare eingetrudelt, von denen ich bis gestern Abend lediglich 30 aus Inhaltsgründen nicht freigeschaltet habe.

Es waren dies vor allem Kommentare, die nur die Argumentation wiederholt haben, die mich so wütend gemacht und zum Schreiben des Artikels veranlasst hat. “Ich kann nicht, es geht nicht, Frauen sind nun mal schwach, nicht jeder ist so selbstbewusst, Wehren bringt nichts” und natürlich immer wieder die Gleichstellung von körperlichen und verbalen Angriffen.
Andere Kommentatoren haben meinen Artikel einfach so grundlegend falsch verstanden, dass es mich vermutlich nochmal sechs Stunden gekostet hätte, meinen Standpunkt so zu erklären, dass er am Ende nicht zu “Vergewaltigungsopfer sind selber Schuld” zusammengezogen wird.

Die letzte Gruppe Kommentare, die ich durch die Bank nicht freigeschaltet habe, waren — und das wird all jene überraschen, für die ich quasi ein Vergewaltiger im, haha, Frauenpelz bin — Kommentare mit dem Inhalt, Männer seien aber auch Opfer. Von Frauen, von sexueller Gewalt, von Vorurteilen und was weiß ich noch alles.
Vor dem ungeheuren, ja, ungeheuerlichen Berg sexueller Gewalt, der Frauen weltweit jeden Tag ausgesetzt sind, empfinde ich solche Äußerungen als selbstgerecht, höhnisch und verachtend.

Ach ja, diverse Pingbacks habe ich auch gelöscht, zumeist Artikel, die sich auf Aufschrei-Linksammlungen beschränkten.

Epilog

Am Ende will ich Danke sagen.

  • Danke für eine Diskussion, die zumindest auf meinem Blog zum überwiegenden Teil sachlich geführt wurde.
  • Danke denjenigen Kritikern, die meinen Artikel überhaupt als Debattenbeitrag verstanden und damit für diskutierungswürdig befunden haben. Es waren dies für mich vor allem (es gibt sicher noch viel mehr, aber ich habe bei der schieren Masse an Reaktionen schlicht nicht alle lesen können): Journelle, Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, der Kommentar von Antje Schrupp, der Kommentar von der Poetin.
  • Danke auch meinen eigenen Kontakten und Freunden bei Facebook und Twitter, die, obwohl sie meine Haltung ganz oder in Teilen ablehnten, es trotzdem schafften, mich weiterhin zu schätzen und/oder zu mögen.
    Ich habe in den letzten zwei Tagen viel von Euch über Toleranz gelernt. ♥
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