Petitionen, im Dutzend billiger!

Hier, ausgebeutete Fischfanggründe: schnell mal eine Petition unterschreiben!
Oha, Todesstrafe für Homosexuelle in Afrika: wo geht’s zur Petition?
Mein Gott, die Haltungsbedingungen deutscher Mastschweine: lassen Sie mich durch, ich muss eine Petition unterzeichnen!
Rindfleisch in Tortelloni, Leiharbeiter bei Amazon: gibt’s schon was zum Unterschreiben?

Jeden Tag spülen mir die Medien, soziale und asoziale, Ungerechtigkeiten, Skandale, Enthüllungen in mein Sichtfeld, alles schrecklich, alles so, dass man da doch sofort etwas dagegen tun muss. Schnell die Petition mitzeichnen. Kaffee trinken. Nächste Petition: Zustände in brasilianischen Kinderheimen. Zeichnen, Kaffee. Rettung für ungarische Straßenhunde. Zeichnen, Toilettengang. Mindestlohn für bengalische Textilarbeiter. Zeichnen, essen. Freiheit für Maxi und Schnute. Zeichnen, atmen.
Um Gottes Willen, die armen [hier gequälte Kreatur einsetzen].

Ich kann nicht mehr.
Und ich will auch nicht mehr.

Ich halte mich für einen anständigen Menschen. Wenn ich so etwas wie eine Lebensmaxime habe, dann vielleicht diese: lebe so, dass Du Dir jeden Morgen im Spiegel in die Augen sehen kannst.
Dazu gehört für mich, meine eigenen Werte nicht zu verraten und meinen Rücken gerade zu halten.
Dazu gehört aber auch, dieser Welt mit allen Menschen und Tieren, die in ihr leben, nicht mutwillig Schaden zuzufügen.

Ich lüge nicht, ich lasse keinen Müll und, als ich noch rauchte, keine Zigarettenkippen in der Natur liegen und sobald ich es mir leisten konnte (denn wie Vera richtig ausführt, hat Anstand ja erschreckend häufig etwas mit Geld zu tun), habe ich darauf geachtet, dass die Hühner, von denen meine Eier stammen, Sonnenlicht kennen, und dass die Kleinbauern, die freundlicherweise am anderen Ende der Welt unseren Kaffee anpflanzen und ernten, auch etwas von unserem Geld bekommen. Ich kaufe keine Möbel aus Tropenholz und finde Pferde nur deshalb blöd, weil sie ständig traurig aussehen und ich deshalb in ihrer Gegenwart in einem Dauerzustand von Mitgefühl verharre. Nationalität, Hautfarbe, Glaube, sexuelle Ausrichtung interessieren mich bei anderen Menschen nicht, sondern nur, ob sie gute Menschen sind und klug. Ich versuche, mir selber und anderen gegenüber immer aufrichtig zu sein. Ich bin mir bewusst darüber, dass das Stück Fleisch auf meinem Teller mal ein Tier war, und esse es mit der größtmöglichen Demut. Ich bin auf einem Dorf großgeworden, Schlachtungen gehörten zum täglichen Leben, das mit dem Respekt kommt da von ganz alleine.

Manchmal scheitere ich an meinem moralischen Eigenanspruch, aber immerhin habe ich einen.
Also wie gesagt: ich halte mich im großen Ganzen für einen anständigen Menschen.

Es gibt mithin viele Dinge, die ich an dieser Welt einfach unerträglich finde und die geändert werden sollen/müssen/können. Wut und Empörung sind bei der Veränderung exzellente Antriebsfedern. Wut verleiht den eigenen Forderungen und Maßnahmen den nötigen Nachdruck. Empörung hilft mir, mein Anliegen überzeugend zu formulieren und andere Menschen zu motivieren, auch etwas dagegen/dafür zu tun.
Aber.
Die Wahrhaftigkeit von Wut ist nicht unendlich. Die Aufrichtigkeit von Empörung nicht endlos teilbar.

Wut im Promillebereich

Alle zwei Minuten auf eine Petition aufzuspringen, sie zu unterzeichnen und auf allen Kanälen zu teilen, macht die Empörung vor allem eines: beliebig.

Wenn ich meine Wut auf 79.137 Skandale aufteile, dann bleibt für jeden einzelnen nicht mehr als ein leises Seufzen.
Wenn ich an 32.192 Organisationen spende, dann bekommt jede einzelne nicht mehr als 1 Cent.

Jede Hilfe, jede Aktion, jeder Änderungswille verpufft zur völligen Bedeutungslosigkeit, weil alles bis zur homöopathischen Dosis verdünnt ist. Wut im Promillebereich: für die zu ändernden Zustände so beeindruckend wie das Platzen der kleinsten Seifenblase der Welt. Für mich selber: kräftezehrend und bis zur Don-Quixote-Haftigkeit sinnlos.
Denn meinem Nervenkostüm ist es ja erstmal egal, ob ich mich über ein oder über 27 Dinge aufrege. Ich rege mich auf, schlafe schlecht, mein Herz rast und irgendwann beginnt zuverlässig mein Augenlid zu zucken, als hätte ich es auf die Inspektor-Dreyfus-Gedächtnismünze abgesehen.

Sehen kann man diese Sinnlosigkeit, diese Beliebigkeit jeden Tag im Internet. Alle paar Tage wird eine neue Sau durch’s Dorf getrieben, ein Shitstorm, eine Debatte oder eine Gemeinschaftsaktion vom Zaun gebrochen, und exakt einen Tag später kümmert sich – haha! – keine Sau mehr darum, als hätte es die Empörungswelle nie gegeben.

Am eindrücklichsten fand ich das im Zuge der Twitteraktion #Aufschrei. Nur einen Tag nachdem sich Zehntausende von Frauen zu recht über (sexuelle) Übergriffe gegen Frauen empört hatten, erschien am 28.01.13 bei sueddeutsche.de ganz unten auf der Seite eine kurze Meldung darüber, dass in Berlin eine 33-jährige Obdachlose von mehreren Männern vergewaltigt worden war.
Über diese Degradierung zur Randnotiz war ich sehr wütend, weil es mir zeigte, dass die Süddeutsche aus dem vorangegangen Empörungssturm über Sexismus und Gewalt gegen Frauen nichts gelernt hat.

Noch mehr enttäuscht hat mich allerdings, dass keine mir bekannte Frau, die sich in der Aufschreiaktion lautstark eingesetzt hat, in der Vergewaltigung und der knappen Berichterstattung unter “Ferner liefen” einen Anlass für Wut oder einen Grund, #Aufschrei voranzutreiben, sah. Als ich über den Artikel stolperte, hatte er 87 Facebook-Shares, mittlerweile steht er bei 96.
Ich war damals ziemlich fassungslos über diese Gleichgültigkeit — nicht zuletzt auch deshalb, weil mir zu einem nicht unerheblichen Teil wegen meines Artikels “Das Schreien der Lämmer” ausgerechnet unsolidarisches Verhalten vorgeworfen worden war.
Ich brauchte ein paar Tage, um diesen bizarren Widerspruch, der mir angesichts der Wutwelle nur einen (!) Tag zuvor wie blanke Ironie erschien, zu verdauen.

Heute, gerade einmal drei Wochen später, gibt es keine Sexismusdebatte mehr.
Stattdessen schimpft alle Welt über die Arbeitsbedingungen bei Amazon und es mutet fast satirisch an, dass mir genau in der Sekunde, in der ich beginne, diesen Satz zu schreiben, bei Facebook eine Petition anempfohlen wird, die eine Verbesserung dieser Arbeitsbedingungen fordert.

Ich werde diese Petition nicht mitzeichnen.

Reduktion aufs Maximum

“Drei Pfund Wut, bitte.”
“Gerne, geschnitten oder am Stück?”
“Am Stück, bitte.”

Meine Wut soll nicht sinnlos sein. Wut ist das anstrengendste Gefühl, das ich habe, und ich will, verdammt nochmal, dass sich die Kraft lohnt, die ich in dieses Gefühl stecke. Oft genug wird mein Engagement trotzdem umsonst sein, manchmal braucht es eben mehr als eine Petition oder eine Spende, um etwas zu ändern, aber ich will wenigstens mit ganzem Herzen und ganzer Energie dabeigewesen sein. Meine Wut soll nicht beliebig sein, ich will nicht hauptberuflicher Wüterich sein und Homöopathie halte ich sowieso für Quatsch.

Statt also meine sozialen Netzwerke mit immer neuer Empörung zu nerven (a.k.a. “Gottchen, was hat sie denn jetzt schon wieder?”), setze ich Prioritäten. Ich spende lieber nur für wenige Organisationen, die dafür dann aber auch Summen oder Sachwerte erhalten, die wirklich helfen. Ich schreibe meine Artikel lieber nur über wenige Themen, die mir wirklich am Herzen liegen, als jeden zweiten Tag Billigempörung in Konservendosen (im Zweifel aus Pferdefleisch) zu verschleudern. Ich glaube, wenn man sich bei zu vielen Dingen einsetzt, dann ist das so, wie wenn man sich bei keiner Sache einsetzt, jeder hat schließlich nur eine begrenzte Menge an Zeit, Geld und Energie.

Welche Prioritäten der Einzelne setzt, ist sein Bier und über jedes Urteil erhaben, finde ich. Wichtig ist für mich, dass man versucht, Dinge zu ändern, nicht aber, welche. Dem Einen liegen eben ungarische Straßenhunde mehr am Herzen, dem Anderen portugiesische Leiharbeiter und einem Dritten ein würdevoller Umgang mit todkranken Menschen.

Und deshalb mache ich von meinem Recht Gebrauch, eine Petition nicht zu unterzeichnen, einem Spendenaufruf nicht zu folgen, Straßenhunde auszublenden oder Leiharbeiter oder Kinderheime.

Das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen. Auch nicht zu einem verantwortungslosen.
Es bedeutet nur, dass ich mich lieber woanders engagiere.

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