Warte, warte nur ein Weilchen

Ich glaube nicht an Zufälle.
Vielmehr gibt es Dinge, die sich auf so absonderliche Weise in das Mosaik meines Lebens einfügen, dass ich mich weigere, sie als bloße Zufälle zu betrachten.
So ähnlich ist das auch mit der folgenden Geschichte.

In Hannover lebte ich zwei Jahre lang in einer üblen Ecke.
Der Weg zur Straßenbahn war ein täglicher Spießrutenlauf zwischen Kotzepfützen und vollgepissten Hauseingängen, um den Spätkauf scharten sich schon morgens die Alkoholgespenster und einmal wurden fünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt ein paar Gangster aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Drüben am Goetheplatz. Aber da besuchte ich gerade meine Eltern in Hamburg.
Das Viertel war der Abfluss von Hannover. Dort landete das, was im benachbarten Rotlichtviertel runtergespült wurde.
Trostlos, hässlich und wie gemacht für einen norwegischen Autorenfilm, in dem am Ende alle tot oder sehr, sehr traurig sind.

Ich wohnte dort in einem Haus, das einer älteren Dame gehörte, die es von ihrem Vater geerbt hatte. Die Dame trug immer einen beigen Steppmantel und eine Umhängetasche. Das Haus war so trostlos und hässlich wie das gesamte Viertel. Ja, um ehrlich zu sein, könnte man dieses Haus durchaus als Aushängeschild für Trostlosigkeit und Hässlichkeit bezeichnen.
Meine Wohnung war im fünften Stock, kein Aufzug, und der Hausmeister und seine Frau wohnten zwei Türen neben mir.
„Das Treppenhaus ist die Visitenkarte eines Hauses“, sagte die Frau. „Zweimal wöchentlich wischen, bitte!“

In jener Zeit begann ich, ein ausgesprochenes Interesse an Gewaltverbrechen zu entwickeln.
Jetzt ließe sich zwar aus dem kleingeistigen Hausmeisterehepaar und meiner Faszination für Gewalt ein Brüllertweet stricken, aber die Wahrheit ist: ich fand Serienmord schon immer spannend. Schon in meiner Pubertät. Was vielleicht eine Erklärung dafür ist, dass die anderen Schüler nicht so richtig etwas mit meinen Interessen anzufangen wussten.
Als Teenager trieb mich in erster Linie Sensationsgier. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Erstaunen verschlang ich Schilderungen schlimmster Grausamkeiten, von Jack the Ripper über Ed Gein bis hin zu Jeffrey Dahmer.

In Hannover trat an die Stelle bloßer Sensationsgier der Wunsch, eine Erkenntnis zu gewinnen. Ich kann gar nicht genau sagen, welches Geheimnis ich da genau ergründen wollte. Den völligen Kontrollverlust, den sexuellen Rausch, den Moment der Entmenschlichung, das Hinwegsetzen über jede Konsequenz, die feine Linie zwischen Vernunft und Raserei? Ich weiß es wirklich nicht. Aber es ließ mich nicht los. Von Besessenheit zu sprechen, wäre zu viel, aber ich konnte es auch nicht sein lassen.
Dass ich nicht sagen konnte, was genau ich zu finden hoffte, machte mich beinahe genauso kribbelig wie die Tatsache, dass ich es nicht fand. Mehr und mehr Bücher las ich zum Thema, Interviews, Sachbücher, alles.

Die Figur Fritz Haarmanns hat mich dabei immer besonders interessiert. Das hatte sicher auch etwas mit der beeindruckenden Darstellung seiner Person durch Götz George in dem Film „Der Totmacher“ zu tun, aber da war noch mehr. Haarmann schien es an einer gewissen Grundintelligenz zu fehlen. In verschiedenen Verhören offenbarte sich ein einfacher, grober Charakter, schwer gestört und doch fast wie ein Kind. Über alles Sexuelle sprach er oft wie ein Zwölfjähriger, unreif, beinahe unschuldig.
Es gab keine abnormen sexuellen Phantasien, die in einem kranken Geist jahrelang gereift waren und sich schließlich in entsetzlichen Taten entluden. Da war ein offenbar tumber Ochs, dem von verschiedenen Seiten „Dementia“, „Irrsinn“ und „angeborener Schwachsinn“ attestiert wurden und der im sexuellen Rausch oft die Kontrolle verlor. Manchmal konnte ich mich nicht des Eindrucks erwehren, Haarmann seien die Morde einfach passiert. Wenn Haarmann nach dem, was er „seine Tour“ nannte, neben einem Toten aufwachte, dann griff er schlicht zur naheliegendsten Lösung: kleinmachen, wegschmeißen.
Die besondere Tragik seiner Verbrechen liegt wohl in seiner Tätigkeit für die Polizei. Obwohl in seiner ganzen Art eher simpel gestrickt, war er doch intelligent genug, um der Polizei – vor allem dem Einbruchsdezernat – als Spitzel zu dienen. Als „Kriminal Haarmann“ sprach er im Bahnhofsgebäude unzählige junge Männer an, die dort gestrandet waren. Durch den selbstgebastelten ‚Dienstausweis‘ und den vertraulichen Umgang mit im Bahnhofsgebäude aufhältigen Polizisten war es überhaupt erst möglich, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen und sie zu sich nach Hause zu locken.

Wo nun der seltsame Zufall bleibt, der sich so absonderlich ins Mosaik meines Lebens fügt?
Ich habe dort in Hannover – ohne es zu wissen – nur wenige Meter von der Roten Reihe entfernt gewohnt.

In der Roten Reihe, das muss man wissen, in dem Haus Nummer 2, hat Fritz Haarmann mindestens 20 junge Männer getötet.