Rühr mich nicht an!

Ich habe ja von wenig eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung.
Das reicht vollkommen, fand der liebe @quitzi und bat mich, einen Text für ihn zu schreiben. Genauer: für den Megaquitzchenmittwoch. Und weil @quitzi einer der ganz wenigen Twitterer, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, damit sie mir den ganzen Tag Tweets erzählen, und außerdem unser aller Internetlieblingskatze ist, konnte ich ihm seine Bitte nicht abschlagen.
Ich hab’s versucht, ehrlich: es ging nicht.

Und deshalb schreibe ich jetzt. Über Comics. Weil Comics irgendwie sowas wie meine xte große Liebe sind (nach meinem Mann und Filmen und weiteren Filmen).

Und weil „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ aus dem Hause Reprodukt etwas ganz Besonderes ist.

Band 1 und 2:
Blanche ist ein junges und sehr unschuldiges Mädchen vom Lande, das mit seiner Schwester im Paris der 30er Jahre sein Glück sucht. Just zu dieser Zeit treibt dort ein grausamer Prostituiertenmörder sein Unwesen und ein ebenso grausames Schicksal will es, dass Blanche eines Tages durch die dünne Wand ihrer ärmlichen Dachkammer Zeugin eines weiteren Mordes wird. Als sie in Panik ihre Schwester dazuholt, werden beide entdeckt und die Schwester erschossen.
Von Angst und Schmerz getrieben macht Blanche sich auf, den Mörder zu finden und der Polizei zu übergeben.
Alle Spuren scheinen im stadtbekannten Bordell Pompadour zusammenzulaufen, wo aus Blanche das begehrte Fräulein Rühr-mich-nicht-an wird, eine jungfräuliche Gouvernante, die sich niemals berühren lässt, aber mit der Peitsche überaus virtuos die spezielleren Bedürfnisse ihrer Kunden erfüllt.

Unterstützt wird Blanche von dem Transvestiten Josephine oder Miss Jo, die ihr dabei hilft, sich im Halbschatten des Bordells zurechtzufinden, ohne nach zwei Minuten vor die Hunde zu gehen. Mit ihrer Erfahrung, ihrem Charme und ihren Beziehungen bis in höchste Pariser Kreise kann Josephine immer mehr Puzzleteile zusammentragen.
Gemeinsam nähern sie sich Schritt für Schritt der unglaublichen Wahrheit und müssen schließlich erkennen, dass die Welt noch viel verkommener ist, als sie es bisher für möglich gehalten haben.

Band 3 und 4:
Gebrochen und verbittert von den zurückliegenden Ereignissen versucht Blanche, das Bordell zu verlassen, kehrt aber schnell zurück als sie merkt, wie gut sie es dort im Vergleich zum restlichen Paris hat. Als sich ein wohlhabender Freier offenbar in sie verliebt und auch Josephine so etwas wie aufrichtige Wärme bei einem ihrer Kunden findet, scheint sich das Blatt für die beiden endlich zu wenden.

Doch Blanches Verehrer verhält sich zunehmend seltsam und ihr kommen Zweifel, ob dem jungen, kultivierten Mann wirklich an ihr gelegen ist oder ob es ihm möglicherweise um ganz etwas anderes geht. Er überhäuft sie mit Luxus, vermeidet aber jede Form von Nähe.
Als seine Mutter ihn in eine psychiatrische Anstalt verschleppen lässt und Blanche ihm dorthin folgt, um ihn zu retten, erfährt sie schließlich, was das Geheimnis ist, das er zu verheimlichen und seine Mutter zu heilen versucht.

Und sie erfährt, dass es keine Rettung gibt. Nicht für sie, nicht für ihn, nicht für seine Mutter und nicht für Josephine, die von ihrem Geliebten der Karriere wegen verlassen wurde.
Zurück bleibt nichts als Dunkelheit.

„Fräulein Rühr-mich-nicht-an“, das ist eine Mischung aus Meersalz und Lavendel. Voll von Widersprüchen und Gegensätzen, die sich ständig gegenseitig zu behindern scheinen und doch eine wunderbare Harmonie bilden. Naive Beharrlichkeit, ängstlicher Lebenshunger, zögerlicher Mut, unschuldige Erbarmungslosigkeit, zynische Sehnsucht. In einfachen, beinahe infantil wirkenden Bildern erzählen Hubert und Kerascoët zwei durch und durch erwachsene Geschichten, voller Tragik und Tiefe.

„Fräulein Rühr-mich-nicht-an“, das sind lebendige Charaktere, allen voran Miss Jo, die mit ihrer Anmut, ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Charme immer wieder an die bezaubernde Lady Chablis aus Mitternacht im Garten von Gut und Böse erinnert.

„Fräulein Rühr-mich-nicht-an“, das ist Angst und Entsetzen, Hoffnungslosigkeit und Dunkelheit. Aber diese Dunkelheit summt vor Leben.
Kein lachendes, champagnerglasklirrendes Leben, sondern ein trotziges, bitteres Umklammern einer kargen Existenz.

Der grobe, naive Zeichenstil irritiert zu Beginn, will nicht passen zu der Gnadenlosigkeit beider Geschichten. Etwa ab der Hälfte begreift man, dass „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ nur so gezeichnet werden kann. Ein nüchternerer, erwachsenerer Stil hätte sicher vortrefflich zu der Geschichte gepasst, keine Frage. Kunst hätte daraus werden können, ein tragisches Meisterwerk wie „Die Schwarze Trilogie“ oder „Shutter Island“.

Aber es scheint, als ginge es den Autoren nicht um Kunst oder um Meisterwerke, sondern um Lebendigkeit in all ihren unerträglichen Facetten.

Man kann natürlich Lebendigkeit ablehnen, wenn sie nicht hübsch aussieht.
Aber wer will das schon? Außer gefühlsamputierten Idioten, meine ich.