Die Befreiung des Ich

Die Befreiung des Ich

Bei dem Versuch, die erbitterte Uneinigkeit in vielen westlichen Gesellschaften zu erklären, schießen die Frontverläufe derzeit wie Pilze aus dem Boden. Da heißt es Stadt gegen Land, Arm gegen Reich, Elite gegen Proletariat, Links gegen Rechts, Alt gegen Jung. Keine dieser Erklärungen erscheint mir unwahrscheinlich, sie alle sind durch demografische Erhebungen belegt und zeigen den globalen Wandel als vielköpfiges Ungeheuer, bei dem man eine ganze Menge Köpfe abschlagen kann, ohne eine nennenswerte Wirkung zu erzielen, weil immer noch genug andere übrig sind.

Und doch finde ich diese ganzen Ansätze etwas unbefriedigend, weil sie alle nicht erklären, warum sich überall auf der Welt plötzlich Allianzen aus Menschen finden, die inhaltlich einfach nicht zusammen passen. Frauen machen gemeinsame Sache mit Männern, die sexuelle Übergriffe nicht schlimm finden, Links mit Rechts, Ausgebeutete fühlen sich durch Superreiche am besten vertreten, Unterdrückte durch Unterdrücker. Was ist da los? Spinnen die alle? Alle schwere Identitätskrise oder wie? Wir versuchen, diese Widersprüchlichkeit durch schwammige Begriffe wie Moderisierungsgegner oder Fortschrittsverweigerer aufzudröseln, aber auch die passen wieder nur irgendwie, aber halt nicht so richtig. Es muss Gemeinsamkeiten geben und „Globalisierungsangst“ ist nur die halbe Wahrheit.

Diese Menschen kämpfen gegen das System, weil sie darauf hoffen, dass dann auch Schluss ist mit der Selbstbeherrschung, die das Leben in großen Gemeinschaften jedem Menschen abverlangt. Diese Menschen hoffen auf eine Form von Befreiung.

Das kulturelle Korsett

Kultur war von jeher ein Kampf zwischen Ich und Wir, den Bedürfnissen des Individuums und denen der Gemeinschaft. Was dem Individuum nützt, nützt nicht zwangsweise der Gemeinschaft und umgekehrt – erst recht nicht, wenn man Privatbesitz, also den Besitz des Individuums, zur Grundlage der Zivilisation macht. Natürlich gibt es Schnittmengen, das Individuum braucht den Schutz der Gruppe, ein Minimum an sozialer und sexueller Interaktion und außerdem eine zahlungswillige Kundschaft, die seinen Besitz mehren kann und die sich eben in großen Gruppen leichter findet als in kleinen. Die Gemeinschaft dagegen braucht auch durchsetzungsfähige Individuen, die aus der Masse stehen, um etwa Organisationsstrukturen zu etablieren oder in Verhandlungen mit anderen Gruppen bessere Chancen zu haben. Doch die größte Bedrohung einer Gemeinschaft ist und bleibt das Individuum, denn wenn sich nicht genügend Individuen finden, die zusammenleben möchten, weil die Gruppe weniger Vorteile als Nachteile bietet, dann gibt es keine Gruppe.

Um das Individuum auf Linie zu halten, trägt die Gemeinschaft eine ganze Menge an Erwartungen, Wünschen und Normen an das Individuum heran, denen es sich zu fügen hat. Normativität ist die Grundvoraussetzung für ein Gruppengefühl, eine nicht-normative Gemeinschaft ist nicht möglich, weil Gemeinschaft aus Gemeinsamkeiten entsteht und Normativität Gemeinsamkeiten erzeugt. Gruppendruck bewirkt, dass alle ähnlich aussehen und sich ähnlich verhalten, sorgt also dafür, dass Menschen sich miteinander identifizieren können und einander zusammengehörig fühlen, also miteinander leben wollen. Jedes Individuum ist dabei gleichzeitig Sender und Empfänger normativer Erwartungen. Gleiche Hautfarbe, gleiche Kleidung, gleiche Sexualität zeigen dem Wir: Ah, das ist einer von uns. Das ist natürlich blöd, weil nicht alle Menschen, die in dieser Gruppe geboren werden oder sich ihr von außen anschließen möchten, der Gruppennorm (lies: häufigster Fall) entsprechen und trotzdem in Frieden und Sicherheit leben können sollen. Aber das ändert nichts daran, dass der Wunsch, dass alle um ein Individuum herum ihm möglichst ähnlich sein sollen, tief im Menschen verankert ist.

Das Wir trifft im Gegensatz zum Ich keine Bauchentscheidungen, sondern überlegt, was für alle das Beste ist, und entscheidet dann. Und im Grunde erwartet es, dass das Ich es genauso macht. Den ganzen Tag, ohne Unterlass, keine Bauchentscheidungen mehr. Für das Ich bedeutet das Leben in großen Gruppen einen größeren Druck als umgekehrt für die Gruppen vom Individuum ausgeht, weil der Preis für den Gruppenfrieden kontinuierliche Arbeit und Selbstbeherrschung ist.

Wir ist gut, Ich ist schlecht

Bei der ganzen Selbstdisziplin braucht das Ich regelmäßige Erinnerungen, wie gut es ist, im Wir zu leben. Tatsächlich besteht unsere Kultur zu einem Großteil aus der Bewerbung des Wir und der Abwertung des Ich. Möglicherweise fällt diese Dauerwerbesendung nur auf, wenn man geborener Einzelgänger ist und mit Gruppen ungeachtet ihrer Größe und ihres Kontextes nicht viel anfangen kann, doch wenn man genau hinschaut, kann auch ein geselligerer Mensch erkennen, dass das Ich in unserer Kultur keinen leichten Stand hat.

Gemeinschaft wird ausnahmslos als etwas Gutes dargestellt, während Einsiedelei und Eigenbrödlertum als asozial, mitunter sogar als potentiell gefährlich gelten. Jemand, der sich nicht in gemeinschaftliche Strukturen integriert, in Sportvereine, Hausgemeinschaften, Klassenverbände, ist in höchstem Maße suspekt. Wenn die heutigen Medien nach Gewaltverbrechen davon reden, dass der Täter ein Einzelgänger war, und man beim Lesen merkt, wie dem Autor das Wort beim Schreiben wie ein Karamellbonbon auf der Zunge zerging, wird das Misstrauen gegenüber dem Ich überdeutlich. „Aha, Einzelgänger, na, dann wundert mich gar nichts mehr.“ Das Ich wird gleichgesetzt mit Eigennutz und Egoismus, seine Bauchstimme gerade in Zeiten, in denen sie zu ängstlicher Abschottung neigt, als „niederer Trieb“ bezeichnet, als „dunkler Instinkt“, an den die Rechtsparteien appellieren. Menschen sind nur „gemeinsam stark“, kämpfen „Alle für einen, einer für alle“, wollen „Teil des Ganzen“ sein. Das edelste Ziel, das ein Mensch erreichen kann, ist bedingungslose Selbstlosigkeit, im wahrsten Sinn ein Auflösen des Ich in dem Wir. Mutter Theresa, übernehmen Sie!

In unserer Kultur lernen wir also von klein auf, dass unser Ich im Zweifelsfall gegenüber dem Wir die schlechtere Wahl ist. Ich, das gehört sich einfach nicht, genauso wenig wie es sich gehört, das letzte Stückchen Kuchen zu nehmen, selbst wenn es kein anderer mehr haben möchte. Gruppenleben ist also nicht nur eine einzige Aneinanderreihung von Kompromissen, sondern auch die ständige Zurücknahme des Einzelnen.
(Die Ironie dabei ist, dass ich mehr Menschen kennengelernt habe, deren Unfähigkeit, Nein zu den Erwartungen der Gruppe zu sagen, sie krank gemacht hat, als solche, deren Egoismus gruppenschädliche Ausmaße hatte.)

Die Grenzen der Wir-Kapazität

Jetzt ist der Mensch natürlich ein soziales Säugetier, das Leben in Gruppen liegt ihm genauso in den Genen wie die sexuelle Fortpflanzung. Doch das Ich verträgt offenbar nur eine gewisse Menge an Wir-bedingter Selbstaufgabe. Der englische Anthropologe Robin Dunbar untersuchte Anfang der 90er Jahre, ob der Gehirnaufbau von Säugetieren mit ihrem Gruppenleben zusammenhängt, und fand dabei heraus, dass die Ausprägung der Gehirnareale, die für die Wahrnehmung von Sinnesreizen und ihre Umsetzung in Gefühle und Verhaltensweisen verantwortlich sind, mit der Gruppengröße korreliert. Aus den Gehirnstrukturen kann also auf die Größe der Gruppen geschlossen werden, in denen die Tiere natürlicherweise lebten. Ausgehend von seinen Ergebnissen schloss Dunbar für den Menschen auf eine „natürliche“ Gruppengröße von ungefähr 150 Individuen, wobei diese Zahl lediglich einen Richtwert darstellt; ist die Gruppe deutlich größer, ist das Individuum überfordert, es kann keinen Bezug zu einem Teil der Menschen aufbauen.

Die natürliche Gruppengröße wird Dunbar-Zahl genannt. Sie steht für die Anzahl der Menschen, denen ein einzelner Mensch nahe sein, mit der er Gemeinsamkeit empfinden, sinnvoll interagieren, denen gegenüber er sich verpflichtet und verantwortlich fühlen, kurz: mit denen er soziale Bindungen eingehen kann. Es gibt also eine natürliche Grenze der menschlichen, nennen wir sie Wir-Kapazität, und diese Grenze markiert keine Millionenmetropole, sondern ein kleines Dorf. Anzeichen für die tatsächliche Existenz dieser Grenze finden sich vor allem in naturnah lebenden Nomadenvölkern, deren Gruppen in der Regel aus maximal 100 Mitgliedern bestehen. Eine ähnliche Lebensweise wird auch für die vor Ackerbau und Viehzucht nomadisch lebenden Frühmenschen angenommen. Und auch nach der Sesshaftwerdung durch Landwirtschaft (in Mitteleuropa vor ca. 6500 Jahren) lebten die ersten Bauern, die Bandkeramiker, in Dörfern aus fünf bis acht Langhäusern, deren Gesamteinwohnerzahl wahrscheinlich die 250 nicht überschritt.

Das Dorf Dunbar

Die Fähigkeit des Menschen zur Erbringung von für die Gemeinschaft wichtigen Zivilisationsleistungen hat Grenzen, an denen auch gutes Zureden nichts ändern kann. Wie es so schön heißt: man kann den Mensch aus dem Dorf holen, aber das Dorf nicht aus dem Menschen. Das Leben in einer Gesellschaft, die ungeachtet der Gruppengröße ständig nach Zusammenhalt ruft, die dem Menschen 24 Stunden am Tag sagt, dass er sein Ich hinter das Wohl der Gemeinschaft zurückstellen soll, funktioniert nicht mehr. Das, was die menschliche Natur als Gemeinschaft greifen kann, hat sich so stark verändert, dass das Ich sich nicht mehr länger in ihm auflösen kann und will: die Gruppe ist 1. viel, viel größer, 2. diverser und 3. medial grenzenlos geworden. Wo in Medien Solidarität gefordert wird, meinen sie nicht „mit Deinem inneren Dunbar-Dorf“, sondern sie meinen: mit allen. Mit allen Bewohnern Deiner Stadt, allen Bewohnern Deines Landes, allen Bewohnern dieser Welt.

Der Mensch wäre sicher dazu in der Lage, jede einzelne dieser Veränderungen aufzufangen, die Menge, die Diversität, die Grenzenlosigkeit. Das Gehirn ist nichts, was am Tag der Geburt fertig ausgeliefert wird, sondern es wächst in vielen Regionen kontinuierlich an den täglichen Anforderungen. Doch diese Fähigkeit des Geistes, sich über die Außenwelt hinwegzusetzen, ist nicht grenzenlos und es gehört zu den tragischsten kulturalistischen Irrtümern zu glauben, die menschliche Intelligenz könne jede Form natürlicher Schranken überwinden. Alle drei Veränderungen auf einmal sind für viele Menschen zu viel.

Der vielerorts spürbare Rechtsruck ist auch eine Absage des Ich an das Wir. Der Slogan, mit dem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hieß nicht umsonst „America first“, wobei die Nationalität als reduzierendes Sinnbild für etwas steht, das dem Individuum näher ist als eine millionenköpfige, diverse, die gesamte westliche Welt umspannende Hypergesellschaft, die es nicht fassen kann. ZeitOnline-Autor David Hugendick erkennt „Erlösung vom täglichen Affektstau“ als Grund für den Erfolg des Komikers Mario Barth, der mit seinem pubertären, erzkonservativen Programm Fußballstadien füllt. In dieser Beobachtung, die ich für zutreffend halte, steckt die ganze Müdigkeit des Individuums, sich der Gruppe zuliebe zu beherrschen, sich an Normen anpassen zu müssen, vor jeden Instinkt einen Denkprozess zu schalten, und das zum Wohl einer Gemeinschaft, zu der es schon lange keinen Bezug mehr herstellen kann.

In den Gesellschaftsanalysen der letzten Wochen wurde immer wieder davon gesprochen, dass sich die Rechtswähler nach einer „einfachen, simplen Welt“ zurücksehnen. Natürlich nicht ohne die intellektuelle Verachtung, die solche – haha! – kleingeistigen Wünsche zuverlässig auslösen. Dahinter steckt eigentlich der Wunsch nach einer Gemeinschaft, die einem nicht ganz so viel Verbiegung abverlangt, eine, die sich natürlicher anfühlt. Ich glaube, dass rechte Parteien die Grenzen der Wir-Kapazität erkannt haben, dass aber rechte Ideologie eher zufällig zu der individuellen Überforderung passt. Nationalität, Hautfarbe und Religion, alle rechten Feindbilder sind hier lediglich die naheliegendsten Stellschrauben zur Vereinheitlichung einer Gemeinschaft.

Instinkt wagen, aber in liberal

Das Grundprinzip unserer 6500 Jahre alten Zivilisation ist die Unterdrückung instinktiver Handlungsimpulse, wir haben sie – dressierten Äffchen gleich – in feinen Zwirn gesteckt, sie eingesperrt, begradigt, gezähmt und bei all dem geglaubt, die Gemeinschaft damit stabiler zu machen. Doch diese dauerhafte Unterdrückung, dieses ständige Am-Riemen-reißen führt nur zu Druck, der irgendwann einen kritischen Punkt überschreitet. Und an diesem Punkt befinden wir uns. Was unsere Gesellschaften dringend benötigen, sind liberale, nicht-kulturalistische Gegenentwürfe, die dem inneren Dorfbewohner Raum geben, ohne die wertvollen Zivilisationserrungenschaften aufzugeben. Dem Individuum immer weiter mantraartig „Das Wir ist alles und Du bist nichts“ vorzubeten, dem Ich jeden Instinkt aberziehen zu wollen, ist nicht die Lösung.

Ich halte Diversität für etwas Gutes, mein Leben ist durch die kulturelle, weltanschauliche und sexuelle Vielfalt, die sich mir durch das Internet täglich offenbart, so viel reicher, mein Horizont so viel weiter geworden, aber das ändert nichts daran, dass es Menschen gibt, die das Limit der Dunbar-Zahl täglich spüren. Die sich durch die zahlenmäßig und medial unüberschaubare, heterogene Gemeinschaft überfordert fühlen, eingeengt und unfrei. Nicht weil sie Egoisten oder Rassisten sind, sondern weil in ihren Gehirnen ein Instinkt dafür existiert, wie Gemeinschaft funktioniert, von dem die Realität weit abweicht.

Das Ich muss auch in einer Weltordnung, die auf Empathie basiert, einen Platz bekommen, den die Gesellschaft ihm zugesteht, ohne ständig über seine mangelnde Aufopferungsbereitschaft die Nase zu rümpfen. Das Ich braucht gesunde Rückzugsräume und regelmäßige Atempausen von den normativen Drücken, denen es den ganzen Tag ausgesetzt ist. Kompromisse sind nämlich nur solange etwas Gutes, wie sie sich nicht zu dem unguten Gefühl aufsummieren, niemals das zu bekommen, was einem wirklich wichtig ist. Denn genau das begründet das „Jetzt bin ICH mal dran“, das derzeit ganze Demokratien zum Wanken bringt. Wir dürfen die menschliche Natur, die in Form von Trieben und Instinkten daherkommt, nicht aus kalter kulturalistischer Verachtung heraus von unseren liberalen Diskursen ausschließen. Wenn wir das tun, überlassen wir sie den Rechten, die sie besser für sich zu nutzen wissen als jedes andere Lager. In ihren Händen wird das Ich zu einem impulsgetriebenen Egoisten, zu eben jenem Zivilisationsgift, das wir schon immer in ihm gesehen haben.

Zivilisation, die Instinkt und Trieb nicht berücksichtigt, führt nicht zu einem hochzivilisierten Übermenschen, sondern in den Untergang. Denn irgendwann bricht sich die Natur Bahn und entwickelt dann wesentlich zerstörerischere Kräfte als wenn man ihr von vorne herein Platz zugestanden hätte. „Irgendwann“ ist dabei nur Ausdruck meiner eigenen Hoffnung, denn in Wirklichkeit hat der Prozess schon begonnen.

UPDATE: Theodor Adorno findet das auch.