Der freie Zerfall

Der freie Zerfall

Sie kennen die Filmszene: ein Mensch stürzt aus einem Fenster, das sehr weit oben liegt, und rast mit der herannahenden Erde auch seinem herannahenden Tod entgegen. Doch der Fall dauert länger und länger, der Schrei zieht sich hin, der Fallende muss zwischendurch Luft holen, um weiterzuschreien, schließlich hört er auf zu schreien und macht je nach Gagschreiber absurd komische Dinge in der Luft. Er schaut genervt auf die Uhr, zündet sich gelangweilt eine Zigarette an oder trinkt ein Tässchen Tee an einem spontan erschienen mit ihm in die Tiefe rasenden Tischchen.

The boy who cried „Apocalypse!“

Wenn wir Konsumkinder an die Apokalypse denken, haben wir mit ziemlicher Sicherheit etwas im Kopf, das aus einem Film von Roland Emmerich stammt. Eine Flutwelle, eine Frostwelle, eine Hitzewelle, ein … Godzilla? Naja, so etwas eben. Dramatische Ereignisse, die, obwohl meist lange von Forschern angekündigt, letztlich doch recht überraschend aus dem Gebüsch springen. „Potztausend, jahrzehntelang haben Klimahippies herumkassandrat, aber niemand hätte ahnen können, dass das am Ende so hurtig kommt! Wie stehen wir denn jetzt da?!“ Dumm natürlich. Am Ende stehen sie immer dumm da, mit Hundertausenden oder sogar Millionen von Toten, weil das alles so wahnsinnig plötzlich passiert.

Roland Emmerich ist der Junge, der „Apokalypse“ schreit, und weil das bei ihm alles irrisinnig spektakulär gerät, bleiben wir gelassen und glauben ihm nicht. Roland Emmerich hat so viele auf unterhaltsame Weise dramatische Katastrophenszenarien entworfen, dass wir beim Gedanken an die Apokalypse eigentlich nur nach dem Eisverkäufer Ausschau halten, der uns mit Zucker versorgt, bevor der Film beginnt. Der Grund, weshalb wir Menschen, die von der Apokalypse faseln, so lächerlich finden, liegt in der Unvorstellbarkeit plötzlicher Ereignisse. Niemand von uns kann sich wirklich vorstellen, dass die Wahrzeichen der Welt unter 80 Meter hohen Wellen verschwinden.

Das Problem, das die Apokalypse mit ihrer Glaubwürdigkeit hat, ist in erster Linie ein Plötzlichkeitsproblem. Egal, welches Endzeitszenario wir (oder Roland Emmerich) uns vorstellen – es ist immer plötzlich. Ein plötzlicher Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Ein plötzlicher Weltkrieg, der zwar eventuell etwas länger dauert, aber auf jeden Fall durch den plötzlichen Einsatz von Atomwaffen beendet wird. Plötzliche Tsunamis, plötzliche Eisstürme, plötzliche Vulkanausbrüche, plötzliche Erdbeben. Klimakatastrophe – „Katastrophe“, das klingt so gewaltig, so sprunghaft, als ob ein Ort, der vorher nass war, plötzlich zur Wüste wird, oder eine Wüste plötzlich im Dauerregen versinkt. Wie realistisch ist DAS denn!

Das Ende, vor dem der arme Irre mit dem Schild, auf dem „The end is nigh!“ steht, warnt, ist ein singuläres Ereignis. Kein Prozess, keine Entwicklung, nichts, was sich einschleicht, sondern ein ungebetener Gast, der die Tür eintritt, mitten in den Raum springt und „Ich bin da, freut Ihr Euch?!“ brüllt. Seit Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten gibt es Trottel mit Schildern, aber das plötzliche, finale Ereignis, vor dem sie warnen, kommt einfach nicht und mittlerweile langweilen sie uns nur noch.

Das Tässchen Tee auf dem Weg zur Erde

Reden wir über einen Sturz, der länger dauert, als erwartet. Nein, halt, reden wir über die Möglichkeit, dass das der Sturz länger dauert als erwartet. Reden wir über die Möglichkeit, dass der Sturz so quälend lange dauert, dass wir ihn gar nicht wahrnehmen, sondern mit unserem Teetischchen in der Luft schweben, aus einer entzückenden kleinen Tasse schlürfen und uns über den leichten Luftzug um die Ohren wundern.

Veränderungen, die sich langsam vollziehen, haben die Angewohnheit, für den, der ihnen beiwohnt, nahezu unsichtbar zu bleiben. Ich schrieb bereits über die Langsamkeit evolutiver Anpassungen, die sich über viele Generationen hinziehen können und erst sichtbar werden, wenn man die erste und die letzte Generation betrachtet.

Was also, wenn die Zivilisation nicht mit einem Krachen kollabiert, schön mit Krise, Krieg und Klima, sondern wie ein rostendes Stück Eisen nur allmählich von Löchern durchsetzt wird?
Was, wenn sich das Klima so langsam verändert, dass wir nur einen Anstieg der Wirtschaftsflüchtlinge bemerken, weil die Bewirtschaftung von Böden, die nie zur Bewirtschaftung geeignet waren, in vielen Ländern der Erde nicht mehr genug zum Leben abwirft?
Was, wenn die Wirtschaft nicht mit einem brüllenden Kollaps zusammenklappt, sondern immer schön Unternehmen für Unternehmen, eine Branche nach der anderen? Nicht etwa aufgeblasene Start-Ups, die nach einem Hype in sich zusammenfallen wie ein Sufflé im Durchzug, sondern Traditionsunternehmen, die jahrzehntelang das unverwüstliche Inventar der postindustriellen Gesellschaft stellten.
Was, wenn die Krankheiten, die uns dahinraffen, keine exotischen Killerseuchen irgendwo aus Afrika sind, die die Welt in kurzer Zeit in ein Zombieheer verwandelt, sondern die Krankheitserreger, die wir im Griff zu haben glauben, deren evolutive Anpassung an unsere Medikamente aber etwas schneller geht als unsere an sie?

Die Aneinanderreihung stabilitätsbedrohender Entwicklungen ist nur schwer von der Hand zu weisen. Eigentlich müssen wir nur 1 und 1 zusammenzählen, um zu erkennen, dass in unserer Zivilisation mit ihrem materialistischen Wertesystem der Wurm drin ist. Dass es so nicht weitergehen kann. Und „so nicht“ meint dabei nicht nur eine Reduktion von CO2.

Schöner leben mit Krisen

Doch als zivilisierte Kapitalisten schaffen wir es trotzdem, wegzusehen und weiterzumachen. Kaum eine Geschichte erzählen wir uns so leidenschaftlich wie das Märchen von der Nicht-Veränderung. Wir wünschen uns so sehr, dass sich nichts verändert, dass wir uns einfach vormachen, dass das geht. Wir können es schaffen, dass alles so bleibt wie es ist oder wieder so wird wie es war. Der österreichische Journalist Armin Wolf beschrieb eine Sehnsucht nach einer aus Kindersicht stabilen 70er-Jahre-Idylle, in der das kitschige Wirtschaftswunderideal noch nachhallt. Das wollen wir. Normal sein, sicher sein, ohne Aufregung und ohne Kenntnis der Zusammenhänge, die unseren Reichtum begründen. Die Renten sind sicher, die Arbeitsplätze auch, seit Jahrzehnten erzählen Politiker das Märchen von dem Gleichbleiben des Wohlstands.

Um dieses Märchen trotz aller sichtbaren globalen Veränderungen und Bedrohungen zu schlucken, greifen wir zu einem sprachlichen Trick, der uns das Ende dessen, was wir kennen, in verdaulichen Häppchen serviert. Wir bezeichnen negative Ereignisse und schwierige Zeiten nicht als Katastrophen, sondern als Krisen. Krise ist etwas anderes als Untergang oder Katastrophe, Krise ist schaffbar, Krise ist vorübergehend, Krise erfordert ein Zusammenbeißen der Zähne, dann geht sie irgendwie vorbei. Eine Aneinanderreihung von Krisen kann die Menschheit aushalten ohne dass das System auseinanderfällt, eine Aneinanderreihung von Katastrophen nicht.
Das Stolpern der globalen Wirtschaft? Ach, nur eine Krise!
Migrationsbewegungen in Millionenhöhe? Krise, geht vorbei!
Anstieg von Amokläufen, rechtsradikaler und islamistischer Gewalt? Das ist nichts, vorübergehende Wachstumsschmerzen!
Demographischer Wandel? Ach, das wird schon wieder, wir haben ja jetzt die Flüchtlinge!

Diese plumpe Sprachkosmetik führt zu einer anhaltenden Unterschätzung der Situation, in der sich die Welt befindet. Auf diese Weise liegt die Bedrohung durch den Zusammenbruch immer in der Zukunft. Solange noch kein singuläres Ereignis eingetreten ist, solange ist noch nicht Apokalypse. Die kommt erst später. Jeder von uns ergänzt hier in Gedanken „Wenn ich eh nicht mehr am Leben bin“. Um beim Bild zu bleiben, verlangsamt die sprachliche Verharmlosung den ohnehin langen Sturz zusätzlich. Wir haben nicht nur Zeit für einen Tee, sondern für eine ganze Teegesellschaft. Statt uns Sorgen zu machen und hektisch nach einem Fallschirm zu suchen, genießen wir die schöne Aussicht, Kollaps ist ja noch nicht.

Je eher wir realisieren, dass ein Zusammenbruch nicht von heute auf morgen passieren muss, sondern sich auch über Jahre oder gar Jahrzehnte hinziehen kann, desto größer unsere Chance, die Bedrohung durch diesen Zusammenbruch überhaupt zu erkennen. Die Apokalypse wie Roland Emmerich sie malt, mit Pauken und Trompeten, wird vermutlich eher nicht eintreten, wir können also aufhören, auf singuläre Ereignisse zu warten und das Ausbleiben dieser Ereignisse mit einem schnippischen „Ich hab’s ja gleich gesagt, dass die Apokalypse nicht kommt!“ zu quittieren. Wenn wir erkennen, dass der Zusammenbruch ebenso gut ein ein langsames, quälendes Siechtum sein kann, dann wird uns auch klar, dass dieser Prozess möglicherweise bereits begonnen hat.

Das lästige an der Zukunft ist nämlich, dass sie irgendwann im Jetzt ankommt. Und dann ist es egal, ob das, was sie mit sich bringt, ein kurzer und schmerzhafter Tod ist oder eine Existenz in endlosen Qualen.