Sie nutzen einen Werbeblocker, my ass.

Als ich heute Morgen das Internet aufschlug, erhob sich ein lautes Jammern und Wehklagen. Das war noch lauter als mein eigenes Wehklagen, in das ich immer ausbreche, wenn ich im Internet ein generisches Femininum oder die Mädchenmannschaft erblicke.
Es war das selbstmitleidige Rumgeweine von diversen Online-Nachrichtenmagazinen, die sich bitterlich darüber beklagten, dass ich einen Werbeblocker benutze und damit aller Voraussicht nach alleinverantwortlich dafür sein werde, dass sie ihr Onlineangebot zeitnah aufgeben müssen.

Dazu möchte ich zunächst folgendes festhalten:
Eher sterbe ich an einem Herzinfarkt und verfaule mit größtmöglicher Geruchsbelästigung vor meinem Computer sitzend, als dass ich meinen Werbeblocker ausschalte.

Denn Werbung ist in 100% der Fälle Lüge. Werbung ist in 100% der Fälle Manipulation. Werbung degradiert Menschen in 100% der Fälle zu Geldvieh. Werbung vermittelt in 100% der Fälle falsche Bilder, Werte und Erwartungen. Und selbst Werbung, bei der wir sagen “Oh, die ist aber witzig und originell, so lass ich mir Werbung gerne gefallen” ist immer noch in 100% der Fälle Mitverursacher des Untergangs des Abendlandes, weil wegen siehe oben.
Werbung wurde dafür erfunden, Menschen zu manipulieren.

Und nur für den Fall, dass noch nicht ganz genau klargeworden ist, was ich damit sagen will: ich hasse Werbung.
(Ich entschuldige mich hiermit ganz formvollendet bei denjenigen meiner Sozialkontakte, die Werber waren, sind oder werden möchten, Ihr wisst, ich schätze Euch sehr, aber es bleibt dabei: Werbung ist für mich wie Brechdurchfall mit Schmerzen und Fieber.)

Bei Werbung im Fernsehen schalte ich um (das Privatfernsehen hat vor der Werbeunterbrechung übrigens noch nie gesagt “Bitte, gehen Sie jetzt nicht auf Klo, sondern bleiben Sie bis zum Ende der Werbeunterbrechung auf Ihren Sitzen!”).
Bei Werbung in Zeitschriften überblättere ich die Seite/n (da stand auch noch nie “Achtung, auf der nächsten Seite kommt eine großformatige Anzeige. Bitte schauen Sie sich diese genau an!”).
Und Werbung im Internet blocke ich eben weg. Denn neben der grundsätzlichen Pestilenzartigkeit von Werbung im Allgemeinen kommt bei Werbung in Onlinemagazinen noch dies hinzu: ICH KANN NICHT LESEN, WENN SICH DA AN DER SEITE IMMER ETWAS BEWEGT!

Selbst die dezenteste Werbung beinhaltet Bewegung, in Form von Filmen zum Beispiel oder als Schrift und andere Elemente, die eingeblendet werden. Nun verhält es sich so, dass ich leichter abzulenken bin als ein junges Kätzchen. Und wenn ich gerade einen wichtigen Artikel lese, der meine Konzentration erfordert, und rechts daneben blendet etwas hin und her als könnt’ sich’s nicht entscheiden, dann kann ich nicht IN RUHE lesen! Liebes Bisschen, manche Magazine bauen die Werbefenster sogar IN den Textfluss des Artikels ein! Mir fällt keine einzige Methode ein, wie man es noch störender und ablenkender machen kann.
Hinzu kommt die oft sehr ausladende Werbungsgestaltung, die es nötig macht, erstmal sieben Meter inhaltsleere (vulgo: werbevolle) Bereiche hinwegzuscrollen, um zum eigentlichen Inhalt zu gelangen. Hier hat ein – haha! – Werber mal das Design-Dilemma von Werbung auf Internetseiten eindrucksvoll dokumentiert.

Und, liebe Onlinemagazine, Ihr merkt es selbst: wenn ich Eure Artikel erst suchen muss und sie dann noch nicht einmal IN RUHE lesen kann, dann muss ich mir schon irgendwelche flauschigen Sympathiegründe ausdenken, um Euer Onlinemagazin ÜBERHAUPT zu besuchen.

Ich verstehe, dass Onlinemagazine sich finanzieren müssen und möglicherweise wurde all das, was ich jetzt sage, schon ausprobiert und als (unrealistischer) Käse verworfen. Aber. Ich lasse mir nicht gerne unterstellen, ich sei Teil der Gratiskultur, der Kostenlosmentalität, der Umsonsthabenwoller. Erst recht lasse ich mir das nicht unterstellen, wenn die Unterstellung als Begründung benutzt wird, warum ich mich jetzt durch diese ganze blinkende Werbungsscheiße zu quälen habe.

Ich bezahle für alles, was mir gut und sinnvoll erscheint. Für Bildlizenzen, für Programme, für Schriftarten, für Onlineartikel, für Lieder, für Filme, für Computerspiele, für Apps, für freiwillige Spenden.

Liebe Onlinemagazine, die ich zum Teil seit Jahren lese oder gelesen habe:
Ihr habt in all der Zeit noch nie versucht, auch nur einen Cent Geld von mir für Euer Onlineangebot zu bekommen.
Ihr habt mir noch nie ein Online-Abo angeboten für X Euro im Monat, bei dem ich dann erfrischt und konzentriert auf einer aufgeräumten, werbefreien Website surfen und alles IN RUHE lesen kann.
Ihr habt mir noch nie die schnelle und unkomplizierte Möglichkeit einer Onlinespende geboten, mit der ich für Teile Eures Angebotes oder auch das große Ganze bezahlen kann.
Ihr habt noch nie einen Flattr-Button unter die Artikel gesetzt oder eine freiwillige Bezahlschranke eingebaut, wie das die TAZ tut. (Ich weiß, dass Flattr nicht ausreicht, um etwas zu finanzieren, das über eine Flasche Wein hinausgeht, aber es ist ein Anfang.)
Ihr habt mich nicht ein einziges Mal gefragt, ob ich Euer Angebot gratis oder gegen Geld nutzen möchte, Ihr habt es mir einfach gratis vorgesetzt!

Mir jetzt die Ohren vollzujammern, dass ich nichts bezahle und Ihr deshalb das Internet mit Werbung vollkleistern müsst, die ich mir bitte ansehen soll, ist grotesk.

Ich würde zur TAZ wechseln, wenn die mir nicht zu seltsam wäre.
Aber vielleicht fange ich einfach mal damit an, mir jeden Morgen eine Zeitung am Kiosk um die Ecke zu – Achtung, hier jetzt gut aufpassen! – kaufen. So richtig. Mit Geld.

Guter Journalismus, Journalismus von Journalisten also, die mich jeden Tag auch unter schwierigen Bedingungen und z.T. Einsatz ihres Lebens objektiv, unabhängig und seriös über die Vorgänge in dieser Welt informieren, ist mir nämlich einiges Wert.
Und ich kenne eine ganze Menge Leute, die das ganz ähnlich sehen.

Update

Eine kleine, sehr unvollständige Linksammlung zum Thema:

  • Christian Zimmer hat sich mal etwas genauer angeschaut, was und wie viel an Werbung den Lesern der jammernden Nachrichtenmagazine vorgesetzt wird. Beeindruckend, könnte man sagen, wenn man Werbung nicht so hassen würde.
  • Thomas Knüwer macht das WIE der Werbung Bauchschmerzen und möchte etwas weniger Störendes.
  • Golem gibt u.a. Einblick in seine Richtlinien zur Werbungsgestaltung und sagt, was alles nicht darf. Sehr löblich, dass es überhaupt Einschränkungen gibt, aber mir ist das, was Golem erlaubt, immer noch zu nervig.
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