Bäumchen, wechsle Dich!

Leben, das ist für mich eine Anneinanderreihung von Transformationen. Oder Veränderungen, das klingt nicht so esoterisch.
Man macht eine Weile dies und wenn man nicht mehr kann oder feststellt, dass dies eigentlich blöd ist, dann macht man das.
„Dies“ und „das“ können alles Mögliche sein. Ein Arbeitsplatz, eine Stadt, eine Freundschaft, eine Beziehung, ein Hobby oder ein Kleidungsstück.

Arbeitsplatz

Vor hundert Jahren oder so wusste ich, dass ich Biologin sein will. Eigentlich wollte ich Heinz Sielmann sein, von Biologie wusste ich damals noch nichts. Ich war fünf. Wie der da so immer saß, vor afrikanischer Kulisse, und die ganze Welt hörte ihm zu: das war ich. So wollte ich leben. Nach Afrika fahren und der Welt erklären, wie schön sie ist. Ihr die Augen öffnen.

Natürlich wird man nicht über Nacht Heinz Sielmann. Vor allem nicht, wenn man ein Mädchen und fünf Jahre alt ist. Man muss erst zwanzig werden. Und studieren. Das habe ich in Hamburg gemacht. Heinz Sielmann bin ich trotzdem nicht geworden, nur einmal kurz sowas ähnliches. Ich fing in Hannover eine Doktorarbeit an. Über Libellen in semi-ariden Regionen, in diesem Fall – Achtung: jetzt kommt’s! – in Namibia. Endlich konnte ich nach Afrika und alles dort war so wie ich es mir immer vorgestellt habe. Zumindest die Natur.

Aber hier geht es ja um Veränderung und so ist klar, dass ich nicht in Namibia blieb. Auch nicht in der Libellen-Arbeitsgruppe. In Hannover schon. Ich begann eine neue Doktorarbeit. Ohne Afrika, dafür mit Zecken und Buttersäure. Wenn Sie mich fragen, ein mäßiger Tausch. Aber immerhin war ich regelmäßig an der frischen Luft. Um Zecken zu fangen.

Irgendwann merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Etwas stimmte nicht zwischen mir und der universitären Forschung. Wir erinnern uns: ich hatte Biologie studiert, um Heinz Sielmann zu werden. Wissbegierde und der tief in mir verankerte Wunsch, die Welt zu verstehen, in der ich lebe, waren meine Triebfedern. Wenn ich Dinge herauszufinden versuchte, dann um des Herausfindens willen. Einfach weil ich es wissen wollte.
Ich gebe zu, dass das zu naiv war für den Universitätsbetrieb, wo es um jeden Cent Fördergelder geht. Dort lautete die Frage oft „Was haben wir davon?“ Zu oft, für meinen Geschmack. Da war keine Wissbegierde, keine kindliche Neugier, da ging es nur um Geld. Um Vorteile für Mensch und (Haus-)Tier. Da ging es auch um Ruhm, um Reputation. Jeder wollte die Nase vorn haben im Wissenschaftswettstreit. Jeder wollte die spektakulärsten Ergebnisse am schnellsten in der renommiertesten Zeitschrift (‚Nature‘) veröffentlichen. „Ruhmhuren“ nenne ich das.

Dieser Ehrgeiz war mir so zuwider, dass ich bald Zweifel hatte, ob der Weg, den ich jetzt seit immerhin acht Jahren beschritt, noch länger richtig war.
Um es abzukürzen: er war es nicht und die Entscheidung, mit der Biologie zu brechen, gehört zu den schwersten, die ich jemals getroffen habe. Weil ich doch so gerne Heinz Sielmann sein wollte. Und weil ich Angst davor hatte, es meinen Eltern zu sagen, die mir immerhin mein fünfjähriges Studium finanziert hatten.
Und doch traf ich sie. Weil ich spürte, dass ich nur dann den Hauch einer Chance haben würde, glücklich zu werden.

Ich beendete meine Doktorarbeit der Form halber und krempelte dann mein ganzes Leben um.
Ich machte rüber nach Berlin, wo ich niemanden kannte.
Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.