Depression: This is how we do it (rOCD Edition)

Depression: This is how we do it (rOCD Edition)

Die letzten zwölf Monate waren – machen wir es kurz und schmerzlos – Mist. Ich weiß nicht, ob ich jemals schon einmal eine so tiefe, das Ich erschütternde Krise in meinem Leben hatte. Objektiv gesehen gibt es Menschen, die noch viel härter von einer Depression getroffen werden, subjektiv war es für mich das Schlimmste, was ich je erlebt habe – inklusive des Todes meines Vaters. Die früheren Depressionsschübe und Krisen waren alle nach außen gerichtet, auf eine Welt im Umbruch, in der Gesellschaftswerte bröckeln, die ich wie die meisten von uns für unveränderlich hielt. Nach außen, das kriege ich früher oder später hin. Aber diesmal kam die Krise von innen. Direkt aus mir, aus meinem Ich, aus meiner Vergangenheit, meiner Liebe zu meiner Mutter, meiner Sexualität, meiner Liebesbeziehung zu meinem Mann. Alles, was mir sonst im Umgang mit Krisen nach außen Stärke und Halt gibt, löste nun selbt die Krise aus. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt und entsprechend fehlten mir Erfahrung, Kenntnisse und emotionale Werkzeuge, damit fertigzuwerden, ich war der Krise völlig ausgeliefert. Ich musste mir also den Umgang damit völlig neu erarbeiten.

Die Symptome

Es fing im Juli/August 2018 mit starken Erschöpfungszuständen nach einem bis zu diesem Zeitpunkt sehr anstrengenden Jahr. Ich musste ständig weinen, konnte nicht mehr richtig entspannen. Ende September bekam ich eine Panikattacke und von da an war nichts mehr, wie es war. Die PA hinterließ irrationale Ängste und ein so zwanghaftes Grübeln, dass sich mein Leben für mich in einen Albtraum verwandelte. Nichts, was in meinem Kopf geschah, fühlte sich für mich freundlich oder auch nur bekannt an. Sollte ich ein Bild für den Zustand finden, wäre es eine Person in meinem Kopf, die mit riesig aufgerissenen Augen die ganze Zeit vor Entsetzen schreit.

Kurzum: ich hatte das Gefühl, übergeschnappt zu sein. Schraube locker. Irgendwas ausgehakt. Das war das Schreckliche, aber das war auch das Gute, denn ich hatte so sehr das Gefühl, nicht mehr ich zu sein, dass mir irgendwie klar war, dass da gerade irgendwas kaputt gegangen ist und ich mich deshalb als krank sehen muss. Betriebsstörung, vorübergehend out of order, Techniker ist informiert.

Erste Hilfe

Der Techniker, das war in meinem Fall eine Verhaltenstherapeutin, die ihre Praxis direkt um die Ecke hat. Ich hatte einige Therapeutinnen in fußläufiger Distanz (und ohne weitere Kriterien) auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin herausgesucht und acht von ihnen einfach eine Mail geschickt. Vier sagten ab, drei antworteten gar nicht, eine lud mich zum Erstgespräch eine Woche später ein – es war ein unfassbares Glück. Ab Anfang Oktober hatte ich (und habe noch) regelmäßige Sitzungen bei dieser Therapeutin. Die Diagnose nach einigen Sitzungen lautete Mittelgradige, rezidivierende Depression mit Angststörung.

Nachdem die therapeutische Grundsanierung in die Wege geleitet war, sah mein Alltag in der ersten Zeit folgendermaßen aus, um klar zu kommen (unnötig zu erwähnen, dass das Dinge waren, die MIR geholfen haben, denn keine depressive Person ist wie die andere):

  • Drüber reden. In Ermangelung von Freundschaften aus Fleisch und Blut schrieb ich alles bei Twitter auf, was vielleicht die beste Idee des gesamten letzten Jahres war. Ich bekam so viel Unterstützung, Informationen und Rückmeldung von anderen Betroffenen, dass ich meinen Weg vermutlich nicht so schnell gefunden hätte. So schnell, haha. Twitter mag nicht für jede/n das richtige sein, aber für mich war es Gold wert.
  • Es geht vorbei. Die Aussicht, irgendwann wieder ich selbst zu werden, mich selbst wieder als vertraut zu empfinden, war ein wichtiges Mantra für mich. Meine Nachbarin Tanja brachte mich drauf, die mir spontan Hilfe anbot, nachdem sie auf Twitter gesehen hatte, wie schlecht es mir ging. Es geht vorbei. Die Dinge werden wieder so, dass Du Dich zurechtfindest und Du Dich selbst wiedererkennst. Es geht vorbei. Mir hat es jedesmal gut getan, wenn mein Mann, meine Therapeutin, meine Ärztin, mein Twitter mich daran erinnert hat. Meine Mutter hat seit Jahren chronische Depressionen und Angststörungen und meine Angst, dass ich jetzt ihr Leben nachleben muss, war riesengroß.
  • Alle Ansprüche und ursprünglichen Pläne sofort aufgeben. Ich bin krank, keine Haushaltsverpflichtung kann so wichtig sein wie das. Alles andere kommt später.
  • Viel Ruhe. Nichts tun. Niemanden treffen. Keine Serien oder Filme. Kein Twitter. Nicht telefonieren. Die Krise wurde durch mehrere zeitlich beieinander liegende Erschütterungen im ersten Halbjahr 2018 ausgelöst und ich wollte, dass mir zu ihrer Bewältigung alle Zeit, Energie und Reizkapazität zur Verfügung steht.
  • Schlafen, wenn ich es brauche. Wann immer mein Körper oder mein Geist müde war, habe ich mich hingelegt und geschlafen. Schlaf ist gut. Im Schlaf vergeht die Zeit, man spürt nix, aber gleichzeitig verarbeitet das Gehirn weiter. Nicht so effizient, wie wenn man wach ist und aktiv therapeutisch dran arbeitet, aber es verarbeitet. Schlaf ist hervorragend genutzte Zeit.
  • Mit den Händen arbeiten. Ich habe den biologischen Schaukasten zuende gebaut und befüllt, dessen Rohmaterialien hier schon seit Jahren herumlagen. Außerdem begann ich zu häkeln. Ich hatte zuletzt vor 20 Jahren gehäkelt, aber ein, zwei Tutorials bei Youtube reichten aus für gerippte Kissenbezüge und einen Häkelponcho. Das Hantieren weicher Baumwolle und der rasche Arbeitsfortschritt haben sich sehr positiv auf meine Stimmung ausgewirkt.
  • Autogenes Training. Ich musste längere Zeit suchen, bis ich eine Version gefunden hatte, in der die Stimme der Person und die Hintergrundmusik für mich passten. Die Grundübungen von Antonia Arboleda-Hahnemann (Medimops-Link, werde nicht bezahlt für den Produktlink) waren dann genauso ein Glücksgriff wie meine Therapeutin, ihre Stimme ist pure Magie, ich hörte die CD zwei bis dreimal täglich über Kopfhörer und innerhalb kurzer Zeit konnte ich die Übungen verinnerlichen. Ich lag dabei im Bett, unter der Decke, weil das seit schon immer der Ort ist, in dem ich mich am allerwohlsten fühle.
  • Depressionstagebuch führen. Einfach Worddokument, Tabelle rein, drei Spalten für Datum, Vormittag und Nachmittag, und dann halbtäglich notieren, wie man sich fühlt, welche Gedanken einem durch den Kopf gehen, was man davor, während und danach gemacht hat, Schlafqualität, Tabletten- und Alkoholkonsum. Ich habe gute und schlechte Tage jeweils farbig markiert (neutrale blieben weiß) und zusätzlich meine Zyklusphasen markiert, um zusätzliche Hinweise zu bekommen, ob meine Hormone das eine oder andere beeinflussen.
  • Videos von mir an mich. Es gab von Anfang an auch gute Tage, an denen ich nicht grübeln musste, nicht angespannt war und mit meinem Mann lachen konnte. An diesen Tagen nahm ich mit meinem Handy ein kurzes Video von mir auf. Diese Videos sah ich mir an schlechten Tagen an. Mein Gehirn fand an schlechten Tagen so absurd viele Ausreden, weshalb die gute Vergangenheit nichts wert ist, dass ich in den Videos die Ausflüchte immer schon mit ansprachen („Ich weiß, Du glaubst, dass Du Dir das alles nur schöngeredet hast“ usw.). Das und das Zurückblättern in meinem Tagebuch half mir manchmal, mich davon dazu überzeugen, dass es gute Tage/Phasen wirklich gegeben hatte.
  • (EDIT: Nachtrag.) Medikation. Nach etwa drei bis vier Monaten entschied ich mich, zusätzlich zu der Therapie Antidepressiva einzunehmen. Eine Freundin hatte eine Krise mit ganz ähnlichen Symptomen und konnte diese mit Venlafaxin eindämmen. Nach Rücksprache mit meiner Ärztin nehme ich dies seit Anfang Februar in einer täglichen Dosis von 150 mg. Anfangs waren die Nebenwirkungen üppig, vergingen aber nach und nach. Einige NW hielten nur ein paar Tage, andere waren etwas hartnäckiger, aber nach etwa fünf Wochen fühlte ich mich stabil und deutlich besser.
  • Betäubung. Meine Hausärztin hatte mir direkt nach der Panikattacke Lorazepam verschrieben. An Benzos scheiden sich die Geister, weil sie süchtig machen, schon die bloße Erwähnung führte bei Twitter zu Replies von Menschen, die mich kurz vor dem Drogenstrich und/oder dem Depressionssuizid wähnten. Guten Tag, ich weiß das alles, meine Mutter nahm das Zeug eine Weile täglich. Wer sich nicht in Therapie befindet und/oder abends zuhause alleine ist, also keine soziale Kontrolle hat, dem würde ich von Betäubung auch auf jeden Fall abraten. Der Weg in die Abhängigkeit ist einfach zu kurz. Aber hier ist der Clou: Außer dem Eintrag im Depressionstagebuch teilte ich jede Einnahme meinem Mann mit, so dass er den Konsum auch im Blick hatte. Meine Ärztin und auch meine Therapeutin wussten ebenso davon und kontrollierten regelmäßig, wie viel ich einnahm. Bevor ich also meine ganze Nachtruhe einem Grübelzwang opfere, nahm ich das Zeug lieber. Manchmal trank ich auch ein kleines Glas Whiskey auf Eis. (Bitte kein Man- oder Womansplaining, dass man Whiskey nicht mit Eis trinken darf, bittedanke.)

Und die Partnerschaft?

Eine Depression ist für Angehörige der depressiven Person immer eine besondere Tortur. Der oder die Betroffene schafft es meist nicht mehr, basale Tätigkeiten des gemeinsamen täglichen Lebens auszuführen, so dass Partner diese Arbeiten mit übernehmen müssen. Nach dem zweiten Tag ohne Dusche und frische Wäsche fängt die depressive Person  außerdem an zu müffeln, Zärtlichkeiten existieren nicht mehr, Dank und Anerkennung gibt es für den Partner oder die Partnerin kaum. Das alles ist schwer genug und in der Regel eine heftige Belastung für alle familiären Beziehungen.

Bei meinem Mann und mir kam erschwerend hinzu, dass die Depression wie gesagt von innen kam und mit Wonne unsere Liebesgeschichte in Frage stellte. Die Ängste und Grübelattacken bezogen sich auf die Frage, ob ich meinen Mann noch liebe. Nicht wie normale, gesunde Zweifel, die in jeder Beziehung mal vorkommen, sondern wie ein schrilles, bösartiges, völlig verzerrtes Abbild davon. Diese spezielle Form des Grübelzwangs nennt sich rOCD – auf die Partnerschaft bezogenes Zwangsverhalten.

Unterschied zwischen rOCD und normalen Zweifeln

In meinem ersten Blogtext dazu konnte ich das Phänomen noch nicht genau beschreiben, doch heute würde ich es so formulieren: normale Zweifel sind, wenn man nicht genau weiß, ob man jemanden noch liebt, und beim Nachdenken positive Aspekte und negative gegeneinander abwägen muss. rOCD dagegen ist eine bösartige Stimme, die keine positiven Aspekte kennt. rOCD unterstellt einem statt dessen, den anderen nicht mehr zu lieben, und kappt danach die Verbindung zum positiven Beziehungsgedächtnis, so dass man gar keine Verbindung mehr zu der gemeinsamen schönen Vergangenheit aufbauen kann. Jedes „Ja, aber …“ erstickt rOCD, indem es mit einem Sperrfeuer aus dem negativen Beziehungsgedächtnis antwortet. Es gibt bei rOCD keine entspannten Momente mehr miteinander, der Grübeltroll ist immer dabei.

Typische Kommentare des Trolls sind bei mir:

„Aha, Du lachst nicht über diesen Witz von ihm, das ist der Beweis, Du findest ihn nicht witzig, sondern uncool!“
„Ach, Du hast keine Lust auf ihn?! Ist ja klar, Du liebst ihn ja auch nicht mehr!“
„Der Gedanke an Urlaub an der Ostsee erfüllt Dich nicht sofort mit Vorfreude? Kein Wunder, das war ja schon in der Vergangenheit langweilig!“

Und das ohne Unterlass. Man hat das Gefühl, nie allein zu sein mit dem Partner, sondern rOCD belauert einen ständig. Dieser Troll hockt ständig auf der Schulter und prüft, wie man sich in jeder Sekunde mit dem Partner fühlt. In einer Beziehung gibt es wie gesagt während einer Depression viele partnerschaftliche Zweifel und Misssstimmungen, mit rOCD wird daraus ein einziges Fest für den Grübeltroll. Und wenn man innerlich kontert mit der Depression, antwortet rOCD: „Only because you’re paranoid, doesn’t mean, they’re not after you“. Nur weil diese irrationalen Zweifel Teil einer Krankheit sind, heißt das ja nicht, dass ich ihn NICHT nicht mehr liebe. Das klingt nicht nur wie ein absolut beschissener Brainfuck, das fühlte sich auch so an. Es wurde eine echte Zerreißprobe für uns. Deshalb würde ich hier gerne noch aufschreiben, wie wir, wie ich mit speziell diesen partnerschaftlichen Aspekten umgegangen sind/bin.

  • Es geht vorbei. Das ist nicht nur ein wichtiger Fixpunkt für die depressive Person, sondern auch für die, die sie liebt.
  • Er ist nicht Schuld. Wenn das Gehirn einen andauernd mit negativen Kommentaren über die Beziehung und den Partner bombardiert, besteht ständig die Versuchung, ihm wütende Vorwürfe zu machen, von ihm zu verlangen, dass er sich ändert, damit alles wieder gut wird. Es war höllisch schwer, aber richtig, dem nicht nachzugeben. Ich habe versucht, mich so oft es ging daran zu erinnern, dass die Krise nicht von meinem Mann ausgeht, er also auch nicht die Verantwortung für ihre Überwindung trägt.
  • Nichts erwarten. Ich glaube, am dankbarsten bin ich meinem Mann, dass er nicht durch Erwartungen den Druck erhöht hat. Etwa indem er sich beschwert, dass die Küche aussieht wie Sau, oder wir kaum noch Sex haben. Er hat mich auch nie gefragt „Liebst Du mich noch?“, weil er wusste, dass ich diese Frage in der momentanen Phase nicht hätte beantworten können. Statt dessen hat er von Anfang an gesagt „Das Wichtigste ist, dass Du wieder gesund wirst“ und das war wie ein Signal, dass es okay ist, dass ich gerade bis über Kopfhöhe in Psychomorast herumwate und mich erstmal nur darum kümmern kann, genug Luft durch den Strohhalm zu bekommen.
  • War da was? Der schwerste, aber vielleicht auch wichtigste Schritt im Umgang mit dem rOCD war, mich an einem guten Tag zu fragen, ob es irgendetwas gab, das mich schon immer rasend gemacht hat, ohne dass ich es mir eingestanden habe. Es ist ganz wichtig, das an einem guten Tag zu tun, denn an einem schlechten gibt es nur Dinge, die einen rasend machen. Der Schritt hat mir am meisten Angst gemacht und die Gefahr ist groß, dabei wieder in eine Panikattacke zu kippen. Das habe ich erst geschafft als ich schon eine Weile regelmäßig zur Therapeutin ging. Bei der Antwort muss man unbedingt ehrlich sein, egal wie groß die Angst vor der Antwort ist. Im Idealfall findet man nur wenig oder gar nichts, im schlechtesten Fall ist da tatsächlich etwas. So oder so: sowohl die Depression als auch das rOCD kann sich nur nach einer ehrlichen Antwort lösen.
  • Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. Es war für uns beide wichtig, ein Bild zu finden, um mit dem rOCD umzugehen. Die beiden unterschiedlichen Empfindungswelten als zwei verschiedene Identitäten zu begreifen, hat uns sehr geholfen, darüber zu sprechen und damit umzugehen. (Manchmal haben wir auch von der gesunden Meike und der kranken Meike gesprochen.)
  • Der Klassiker: durchhalten. Auch wenn mir während der Depression mein ganzes Leben so unerträglich fremd wurde, blieb das faktische Wissen, dass wir eine lange und sturmerprobte Beziehung führen. Wir sind fast 10 Jahre zusammen, haben Todesfälle, Krankheitsfälle, Trauer, Wut, Verzweiflung und schwierige emotionale Wachstumsprozesse miteinander durchgestanden. Und nichts als die Freude aneinander hat uns dazu bewogen, all das durchzuhalten und immer noch miteinander zu leben. Selbst in der ersten gellenden Krisenzeit, als ich keine Verbindung mehr zu unseren schönen Zeiten, zu meiner Liebe und den guten Eigenschaften meines Mannes mehr herstellen konnte, war für uns beide klar, dass keine/r von uns jetzt vorschnell handelt.

Der Weg war lang und er war hart, aber langsam nähert sich mein Leben dem Punkt, an dem „Alles wird wieder gut“ nicht nur das tägliche Mantra gegen die Depression ist, sondern wirklich alles wieder gut wird. Die Depression weicht. Mit ihr das rOCD. Und meine Partnerschaft bleibt. Weil mein Mann mein ganzes Glück ist und der Troll daran nichts ändern konnte.

Und wenn das rOCD nochmal wiederkommt, habe ich mein wetterfestes Schuhwerk gleich dabei.