Das andere Internet

Das andere Internet

Von Gehirnschnecken, Skinner-Boxen und 1984

Wenn es Ihnen geht wie mir, dann haben Sie die letzten, zwei, drei Jahre damit zugebracht, Wege zu finden, zuzugeben, dass das soziale Internet nicht das ist, was Sie sich erhofft hatten, ohne kulturpessimistisch oder fortschrittsfeindlich zu klingen.
Wir mussten lernen, dass Twitter, das als lustiger Li-La-Launebär unter den Sozialen Medien begann, mit Kurzphilosophie, mit Witzen, mit Esprit und Geist, dass also dieses Twitter heute toxisch ist. Ein Ort voller Hass und Bots, wo Wähler manipuliert, Lügen verbreitet und Menschen beinahe wahllos gegrillt werden. Wir hörten von Cambridge Analytica, dieser gruseligen Firma, die im Auftrag von Regierungen das Internet mit Lockfallen, Schleimspuren und Skinner-Boxen spickt, um Menschen dazu zu bringen, sich im Sinne dieser Regierung zu verhalten. Wir haben zigmal von Facebook gehört, das durch personalisierte Timelines und Werbebotschaften wie ein außerirdischer Gehirnschneck tief in unsere Synapsen eindringt und mit unseren Überzeugungen herumspielt, als wären es Murmeln. Das Wort Gehirnwäsche und siebzehn Vergleiche mit George Orwells Roman „1984“ kamen uns in den Sinn, aber wir trauten uns nicht, das laut zu sagen, weil wir nicht wie Papierweltfreunde klingen wollten und noch weniger wie Populisten, die dieser Tage mit den einfachsten Slogans wie Pilze aus dem Boden schießen. Wir wollten nicht wie die klingen, die die Verunsicherung ganzer Bevölkerungsgruppen abernten, um selbst mehr Macht und Einfluss zu bekommen.

Wenn es Ihnen geht wie mir, dann ist das Internet Ihnen ein Zuhause, ein Ort, an dem Wissen wohnt, Freundschaft, Liebe, Sex, Hilfe, Information, kurz: ein Ort, der unverzichtbar für Ihr Leben ist. Die Erkenntnisse waren ein Schock, unser Bauchgefühl wollte nicht akzeptieren, dass die Ewiggestrigen Freunde der Papierwelt e.V. Recht hatten, zumindest zum Teil. Aber, so dachten wir uns, ich bin besser als die, die ihre Überzeugungen nicht mit der Realität abgleichen, sondern einfach weiter behaupten, der Mond sei aus Käse, weil sie das in der Youtube-Universität gelernt haben. Also akzeptierten wir es. Wir akzeptierten die hässlichen Seiten von Twitter und Facebook, wurden beim Protestieren etwas weniger laut und verabschiedeten uns von unserer naiv-romantischen Überzeugung vom guten Internet, wo einem geholfen wird und man klüger wird. An diesem Punkt stand ich, als ich Ende September 2018 eine depressive Episode bekam.

Eine Depression und eine Überraschung

Eigentlich bin ich seit frühester Jugend mit allen möglichen Belastungszuständen und emotionaler Dunkelheit vertraut, so schlimm es sich auch jedesmal anfühlt, wenn die Zustände kommen, so habe ich doch mittlerweile eine gewisse Routine im Umgang damit. Ich erkenne die Frühwarnzeichen meistens, ich habe Gegenmittel, um sie in Schach zu halten, und schaffe es meist nach einem überschaubaren Zeitraum und ohne professionelle Hilfe wieder da raus. Doch diesmal war alles anders – ernster, neue Symptome, neue Gefühle. Die Depression begann mit einer Panikattacke, der ersten in meinem Leben, so dass ich die Depression nicht gleich als Depression erkannte. Die Panikattacke hatte einen ganz tiefen Angstkern in mir hinterlassen. Ich hatte Angst, dass so etwas noch einmal passiert. Dass die Gefühle, die ich während der Attacke hatte, real waren. Immer wieder musste ich darüber nachdenken, was passiert war, was ich gefühlt oder besser, was ich nicht gefühlt hatte. Die sorgenvollen Gedanken verselbstständigten sich, aus dem Nachdenken wurde ein Grübeln, aus dem Grübeln ein Grübelzwang. Ich fühlte mich als würde ich ständig mit verbundenen Augen an einer 50m hohen Steilküste herumstolpern. Ich erkannte mich selbst nicht wieder, mein Leben erschien mir fremd, mein Mann und ich mir selbst auch. Wenn ich versuchte, mich mit Gedanken an schöne Momente zu stabilisieren, fühlte es sich an, als wäre ich in die Erinnerungen einer fremden Person hineingeworfen. Als ob mein Gedächtnis, meine Vergangenheit nicht zu mir gehört, sondern zu jemandem anderem.

Von Anfang an fühlte sich diese Depression so anders an, dass ich viel öffentlicher damit umging als ich es sonst tue. Die beängstigenden Gefühle schlichen um mich herum wie ein gruseliger Stalker und Twitter war mein Notfallkontakt, dem ich von dem Stalker erzählte. Ich stellte mich in die Öffentlichkeit, in das Tageslicht, in die virtuelle Menschenmenge, weil etwas in mir hoffte, dass der Stalker so öffentlich nicht zuschlagen würde. Der Mut der Verzweiflung ließ mich offener werden als ich es jemals vorher war, ich twitterte über meine Ängste und Unsicherheiten, meine Ehe, meine Entscheidung, zum ersten Mal in meinem Leben ein Antidepressivum zu nehmen, und das Verhältnis zu meiner Mutter – manchmal mit, manchmal ohne den Hashtag #Depressionsangstpsychokrise. Es war in gleichem Maße ein Hilfeschrei wie das Pfeifen im dunklen Keller. Ohne jede Berechnung und ohne an die Konsequenzen zu denken, twitterte ich gewissermaßen um mein Leben. Ich hatte Angst, verrückt zu werden, Angst, irreversibel kaputt gegangen zu sein, ich klammerte mich verzweifelt an dieses Medium, das mir immer Zuhause war, seit ich es 2008 zum ersten Mal betreten habe. Aber – und da kommen wir zurück zu dem Abfuckinternet von oben – ich rechnete auch damit, dass sich Leute lustig machen, dass sie versuchen, über meine Depression meinen Mann zu treffen, dass Mansplainer mir erklären, was mir fehlt, und Esoteriker mir Sonnennahrung raten, ich rechnete mit Beleidigungen, mit Verachtung, damit, dass mir jemand sagt, ich soll mich nicht anstellen und Kopf hoch und lächeln, während ich Angst hatte, alles zu verlieren, was mir im letzten Jahrzehnt ein Fundament war.

Doch nichts davon geschah. Statt dessen fand ich das Internet wieder, an das ich früher geglaubt habe. Das mit der Freundschaft, Liebe, Unterstützung, dem Wissen und den Informationen. Dem Internet vor der Wut. Was für mich anfing wie ein bloßes Rausschreien aus schierer Angst wurde zu einer echten Hilfe.

Viele Stimmen Liebe

Vom ersten Twittern über die Panikattacke an bekam ich so viel wertvolle Rückmeldungen, mir schlug so viel Liebe und Wärme entgegen, dass ich offen gestanden sprachlos war. Wildfremde Menschen erzählten mir von ihren Erfahrungen mit Panikattacken, mit Depressionen, mit Medikamenten. Den Reaktionen bei Twitter ist es zu verdanken, dass ich mir sofort nach der Panikattacke eine Therapeutin suchte (und sie auch fand). Twitter empfahl mir ein Medikament, das mir sehr gut geholfen hat (Venlafaxin). Das Internet zeigte mir, dass meine Symptome, so fremd und neu sie auch für mich auch waren, im Allgemeinen nicht ungewöhnlich sind. Und immer wieder halfen die Antworten bei Twitter mir dabei, durchzuhalten. Sie erinnerten mich daran, dass es vorbeigeht, als ich selbst nicht dran glaubte. Meine Follower schickten mir Links mit Informationen, Adressen von Notfalldiensten, sogar ihre eigenen Telefonnummern. Meine Nachbarin, unter der ich seit 7 Jahren wohne, ohne dass wir mehr als ein halbes Dutzend Worte gewechselt haben, schrieb mir aufgrund meiner Tweets über die Panikattacke und die Depression eine DM und heute treffen wir uns regelmäßig, weil wir gemerkt haben, wie ähnlich wir uns sind. Als ich aufhörte zu funktionieren, als ich nichts mehr fühlte und nur noch grübelte, fing ich an zu häkeln, um meinen Tag mit etwas Positivem zu füllen. Auf Youtube und in Blogs fand ich unzählige Häkelanleitungen, die Frauen dort eingestellt hatten, weil sie andere an ihren Fähigkeiten teilhaben lassen wollten.

Ich habe in der schlimmsten Zeit keine Kraft gehabt, um auf alle Antworten und Privatnachrichten, die ich bei Twitter bekommen habe, zu reagieren, aber jede einzelne war mir wertvoll. Jede einzelne hat mir Halt gegeben, als nichts anderes in meinem Leben stabil zu sein schien. Als sich mein Leben in eine Ansammlung loser Eisschollen verwandelte, auf denen ich unsicher herumkippelte, waren mir die Reaktionen bei Twitter wie ein kleines Fleckchen fester Boden unter den Füßen. Die Häkelanleitungen ermöglichten mir, nicht nur stupide Lappen zu häkeln, Reihe hin, Reihe zurück, sondern einen Häkelponcho, Kissenbezüge, Muster und Strukturen. Und jeder Häkelfrau, die Videos bei Youtube eingestellt hat, jeder Bloggerin, die über Häkeln oder Depressionen oder Panikattacken ins Netz geschrieben hat, jeder Person, die in den letzten Monaten zu mir stand, mir <3 geschickt hat, meine Depressionsthreads gelesen und gefavt hat, mir ihre Zuneigung gezeigt hat, obwohl ich nichts zurückgeben konnte – danke. Ich danke jeder einzelnen von Euch. Ihr ahnt gar nicht, wie wichtig Eure Reaktionen für meine Stabilisierung waren. Danke, dass Ihr da wart, als ich Euch brauchte.

Ich hatte vergessen, was das Netz sein kann, bis ich es brauchte. Es gibt sie noch, die Solidarität, die Selbstlosigkeit, die Hilfe, das Miteinander. Ich musste durch die schwerste und beängstigende Depression meines Lebens durch, um das alles zu finden, aber es ist noch da. Ich komme nicht nur mit neuer Stärke und neuem Wissen über mich (und Häkelmuster) aus dieser Depression hervor, sondern auch mit neuem Vertrauen in ein Internet, in dem die Menschen einander helfen, in dem sie auf einander aufpassen, in dem sie keine Angst haben vor Menschlichkeit und Verletzlichkeit.

Wenn es Ihnen geht wie mir, dann sehnen Sie sich nach dem Internet, wie es früher war. Vor der Wut, vor der Empörung, vor der Verunsicherung. Und deshalb sage ich Ihnen: Das Internet, an das wir früher glaubten, ist noch da. Die Gehirnschnecken, Skinner-Boxen und 1984-Vergleiche verstellen einem nur den Blick dafür. Suchen Sie es und glauben Sie daran, dass Sie es finden können. Dann offenbart es sich Ihnen vielleicht auch ohne Depression. Ich wünsche es Ihnen sehr.