Von der Angst, den eigenen Partner nicht mehr zu lieben (ROCD)

Von der Angst, den eigenen Partner nicht mehr zu lieben (ROCD)

Das Jahr, also das von meinem Mann und mir, war sehr hässlich. Es war geprägt von Wachstumsschmerzen, Enttäuschungen, schmerzhaften Lösungsprozessen und Krankheiten. Diese Aneinanderreihung von Krisen und Katastrophen führte bei mir ab Mitte Juli zu einer ungeheuren Erschöpfung, mein Nervenkostüm war komplett im Eimer, ich verbrachte die Tage mit Lidzucken und Weinkrämpfen, bekam aber sonst nicht viel auf die Reihe. Im September brach dann eine Phase an, in der es ganz allmählich besser wurde und ich auch wieder an eine bessere Zukunft glauben konnte.

Eigentlich also war ich und waren wir auf einem guten Weg, doch dann bekam ich – ohne Vorwarnung, ohne erkennbaren Auslöser – Ende September eine Panikattacke, die Älteren werden sich noch an den länglichen Twitter-Thread dazu erinnern. Neben den übliche Symptomen wie Herzrasen, Muskelzittern und Schwindel hatte ich dabei eine sog. Depersonalisierung, was bedeutet, dass Vertrautes plötzlich fremd erscheint. Konkret verlor/vergaß ich von jetzt auf gleich alle Gefühle für meinen Mann, mit dem ich seit über 9 Jahren zusammen bin. Es war nicht nur so als liebte ich ihn nicht mehr, sondern als hätte es auch nie Liebe und ein ganzes Leben zwischen uns gegeben. Diese Stunden empfand ich als sehr bedrohlich, die Angst, meinen Mann nicht mehr zu lieben und mich daher sofort trennen zu müssen, steigerte meine Panik ins Unendliche. Der Notarzt, den wir nach 10 stündigem Martyrium riefen, durchbrach die Angstspirale schließlich mit 10mg Valium. Ich suchte mir in der darauffolgenden Woche eine Therapeutin und hatte mehr Glück als Verstand: ich fand sofort eine sympathische, herzliche Frau mit freiem Therapieplatz, die zu allem Glück auch noch direkt um die Ecke sitzt.

Die körperlichen Symptome gingen wieder weg, aber die Depersonalisierung hatte etwas in Gang gesetzt, von dem ich mich bisher noch nicht habe befreien können: Die Angst, meinen Mann nicht mehr zu lieben und mich SOFORT trennen zu müssen, schlägt immer wieder wie ein Blitz aus heiterem Himmel in unser gemeinsames Leben ein. Ich weiß, wie es sich anfühlt, jemanden wirklich nicht mehr zu lieben, ich habe meine erste große Liebe nach etwas über 4 Jahren verlassen, und diese Angst ist etwas völlig anderes.
Seit der Panikattacke habe ich eine Art innerer Nazi-Aufseherin, die mich mit harter, bösartiger Stimme einem nie enden wollenden hochnotpeinlichen Verhör unterzieht. Ganz streng und feindselig redet sie mir ein, was alles schlecht ist an der Beziehung, sie zählt stundenlang nur die Marotten meines Mannes auf, die mich manchmal nerven. Sie stachelt mich auf, kritischer zu sein, ihn mehr abzulehnen. Es ist in höchstem Maße bedrängend, ich stehe immer mit dem Rücken zur Wand, ich kann der Stimme keine Antwort geben, mit der sie zufrieden ist und die sie verstummen lässt. In meinem ganzen Leben habe ich solche Gefühle und inneren Stimmen nicht gehabt. Diese Angst ist so zehrend, dass ich seit dem Herbst alle Nase lang krank bin, die letzte Erkältung dauerte fast drei Wochen, aktuell doktore ich an meinem dritten Lippenherpes in diesem Jahr herum.

Es wird besser, die Angstphasen werden kürzer, nach der ersten Panikattacke dauerten sie oft mehrere Tage, heute nur noch zwischen ein bis zwei Tage, aber weg sind sie nicht. Wenn sie kommen, ist es für mich die Hölle auf Erden. Einerseits fühlen sich die Gefühle erschreckend real an, aber andererseits erscheinen sie seltsam losgelöst von mir. Ich weiß nicht mehr, was real ist und was nicht. Welche Gefühle Teil und Ausdruck meiner Persönlichkeit sind und welche nicht. Ich fühle mich fremd in mir, ich kann mich auf meine Gefühle nicht mehr verlassen, was für einen Bauchmenschen wie mich, der alle wichtigen Lebensentscheidungen nur nach Gefühl trifft, dem Verlust der Identität gleich kommt. Ich weiß normalerweise in 99% aller Fälle, was ich fühle, was ich brauche, was mir gut tut und was nicht, und wohin ich gehen will. Wer bin ich denn noch, wenn mein Bauch nicht mehr klar und deutlich mit mir redet? Bis auf ein gelegentliches Lebenszeichen für meine Filterblase hörte ich fast vollständig auf zu twittern, weil ich auf diese Frage keine Antwort hatte. Wer bin ich denn noch?

Ich twitterte: Tage, die sich wie eine normale Depression anfühlen, sind hier die guten.
Ich kenne depressive Episoden und die Niedergeschlagenheit, die Antriebslosigkeit, die Kraftlosigkeit einer normalen Depression sind für mich nichts im Vergleich zu dieser Angst, diesem Identitätsverlust, diesem gähnenden, pechschwarzen Abgrund, der sich an schlechten Tagen vor mir auftut. Unsere Sprachregelung war von Anfang an, dass diese Zweifel und Ängste irgendwie Teil der Depressionsangstpsychokrise sind, aber so richtig daran glauben konnte ich nicht, weil das alles immer noch da ist, weil es sich zu real anfühlt, weil ich noch nie von einer Depression gehört hatte, die dazu führt, dass die betroffene Person an ihrer eigenen Liebe zweifelt. Ich fühle mich sehr verloren, sehr unsicher, aus guten Momenten kann ich kaum Kraft ziehen, weil sie jederzeit vorbei sein können und ich dann wieder tagelang von der Nazi-Stimme verfolgt werde. Entspannt in eine angenehme Situation fallen lassen kann ich mich seit Monaten nicht. Ich weiß nicht, woher mein Mann die Kraft und Geduld nimmt, das alles auszuhalten, und ich bin ihm unendlich dankbar dafür, dass er nicht einfach alles hinschmeißt, wenn ich ihm die schmerzhaften Dinge sage, die ich in Bezug auf ihn fühle.

Der 4. Advent und Heiligabend waren gut und stabil, aber am 1. Weihnachtstag gegen Abend kippte ich wieder in diesen Abgrund. Auch der 2. Feiertag war wie betäubt. Ich hatte 0,5mg Tavor genommen, weil ich der Depressionsangstpsychokrise gerade zu Weihnachten keinen Raum geben wollte. Abends sagte ich beim Abräumen des Abendessens, eher beiläufig und ohne es wirklich ernst zu meinen, „Es gibt ja die absonderlichsten Dinge, vielleicht ist das gar keine Depression, sondern vielleicht ist die Angst, den eigenen Partner nicht mehr zu lieben, sowas wie eine Phobie“. Mein Mann, der die Angewohntheit hat, alles immer sofort zu googeln, googelte sofort auf seinem Handy, während ich das Geschirr in die Küche brachte. Als ich wieder kam, hielt er mir sein Handy hin und sagte „Lies mal diesen Text„. Ich las ihn, fing nach dem 3. Satz an zu weinen und hörte bis zum Ende nicht mehr auf, weil da genau das stand, was ich seit Ende September durchmache. Inklusive der Panikattacke als Auslöser.

Ja, es gibt die Angst, den eigenen Partner nicht mehr zu lieben, ein zwanghaftes Zweifeln über die eigenen Gefühle. Die Störung heißt Relationship Obsessive Compulsive Disorder, kurz ROCD. Sie kann als eigenständige Zwangsstörung auftreten, oder auch als Begleiterscheinung von Depressionen. Die Beschreibungen der Betroffenen sind fast formulierungsgleich mit den Sätzen, mit denen ich in den letzten Wochen versucht habe, meinem Mann und meiner Therapeutin das Gefühl zu beschreiben. Die (deutschsprachigen) Texte stammen überwiegend von Personen, bei denen die ROCD tatsächlich als eigenständiges Krankheitsbild vorkommt. Ich sehe, dass die Symptome bei ihnen viel stärker ausgeprägt sind, die „Anfälle“ viel länger dauern, sie viel intensiver unter der Krankheit leiden als ich. Und genau das verschafft mir Erleichterung. Ich weiß jetzt, dass es Depressionen gibt, bei denen diese absurden Selbstzweifel zu den Begleiterscheinungen gehören. Ich weiß jetzt, dass ich dagegen vorgehen kann. Ich weiß jetzt, dass ich ein gesundes Ich habe und ein krankes Ich und dass gerade das kranke Ich spricht.

Das verlinkte Blog http://rocd-zwangsgedanken.blogspot.com enthält noch mehr hilfreiche Texte, außerdem fand ich bei dem Therapeuten-Netzwerk Psychomeda noch diese Information mit weiterführender Literaturempfehlung zum Umgang mit Zwangsgedanken. Im englischsprachigen Raum ist das Angebot an Informationen deutlich größer, aber so oder so: ich war überrascht, wie verbreitet das zwanghafte Beziehungsgrübeln offenbar ist.

Und weil ich den Moment, als ich die Informationen und den Namen zu dem Phänomen gefunden hatte, als so erleichternd empfunden habe, und weil ich in den Texten und den Kommentaren dazu gesehen habe, dass sich die Betroffenen oft sehr lange in dieser Hölle quälen, bevor ihnen dämmert, dass es eine behandelbare Krankheit ist, und weil ich in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen damit gemacht habe, mit meinen psychischen Gebrechen offen umzugehen, schreibe ich es hier für alle lesbar auf. Vielleicht verschafft dieser Text jemand anderem auch ein Gefühl der Erleichterung.

ROCD – die Angst, den eigenen Partner nicht mehr zu lieben. Ihr seid nicht allein. Ich bin nicht allein. Auf in den Kampf.